Mein Mann setzte mich mit unserem Sohn vor die Tür, doch als seine Mutter anrief, verschwand ihre ruhige Stimme

Als meine Schwiegermutter am Telefon hörte, dass Juri mich mit unserem dreijährigen Sohn aus der Wohnung werfen wollte, sagte sie lange nichts. Dann fragte sie nur: „Hat er dir den Umschlag gegeben?“

Ich saß in der dunklen Küche, während im Kinderzimmer der Fernseher leise vor sich hin flimmerte. Auf dem Tisch lagen zwei Schlüssel und ein zerknitterter Zettel mit der Adresse eines Zimmers am Stadtrand. Neben ihnen stand die Tasse, aus der Juri vor einer Stunde getrunken hatte. Der nasse Kreis auf der Wachstuchdecke war inzwischen getrocknet, aber ich strich trotzdem immer wieder mit dem Finger darüber.

„Welchen Umschlag, Olga Wadimowna?“, fragte ich.

„Polja, antworte mir. Hat er dir einen Umschlag gegeben?“

„Nein. Er hat mir nur die Schlüssel hingeworfen und gesagt, ich soll morgen verschwinden.“

Am anderen Ende hörte ich einen scharfen Atemzug. Meine Schwiegermutter war sonst eine Frau, die selbst schlechte Nachrichten mit derselben ruhigen Stimme vortrug wie eine Einkaufsliste. Doch nun klang sie plötzlich, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Bleib in der Wohnung“, sagte sie. „Schließ die Tür ab. Fass nichts an.“

„Juri hat gesagt, sie gehört ihm.“

„Juri sagt im Moment sehr vieles.“

Ich setzte mich gerader hin. Durch den Türspalt sah ich Mischas roten Schlafanzug. Mein Sohn schlief mit einem Stoffhasen im Arm, den meine Mutter ihm im Krankenhaus genäht hatte. Auf seinem Ohr war ein schiefer grüner Faden sichtbar. Ich hatte versprochen, ihn nie wegzuwerfen.

„Was wissen Sie?“, fragte ich leise.

„Ich weiß, dass du morgen nirgendwohin gehst. Ich komme zu dir.“

„Warum?“

„Weil ich endlich mit dir reden muss.“

Dann legte sie auf.

Ich blieb mit dem Telefon in der Hand sitzen. Der süßliche Geruch in der Wohnung war noch immer da. Jetzt wusste ich, woher er kam. Auf dem oberen Rand des Mülleimers lag das leere Fläschchen einer fremden Frau. Ein schwerer Duft, süß und beißend, der sich in die Vorhänge gesetzt hatte.

Juri war an diesem Abend nicht wegen einer spontanen Entscheidung gegangen. Er hatte vorbereitet, geplant und wahrscheinlich geglaubt, ich würde zu erschöpft sein, um Fragen zu stellen.

Am nächsten Morgen stand er um acht Uhr vor der Tür. Er trug ein helles Hemd, das ich nicht kannte, und an seinem Handgelenk klebte ein einzelnes blondes Haar. Ich sah es sofort.

„Morgen“, sagte er knapp.

„Du kommst früh.“

„Je schneller du packst, desto besser.“

„Wer ist sie?“

Sein Blick wurde hart.

„Das geht dich nichts mehr an.“

„Du warst fünf Jahre mit mir verheiratet.“

„Und jetzt ist es vorbei.“

Er ging ins Schlafzimmer und öffnete den Kleiderschrank. Ich folgte ihm, obwohl meine Knie zitterten.

„Du nimmst nicht Mischas Unterlagen mit“, sagte er. „Die brauche ich für die Ummeldung.“

„Er ist mein Sohn.“

„Er ist auch mein Sohn.“

In diesem Moment klingelte es erneut. Nicht an der Wohnungstür, sondern an meinem Telefon. Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Bildschirm. Ich nahm ab.

„Frau Polina Sokolowa?“, fragte eine Männerstimme. „Mein Name ist Dr. Markow. Ich vertrete Ihre Schwiegermutter. Bitte öffnen Sie mir die Tür. Ich muss Ihnen heute etwas über diese Wohnung übergeben…

TEIL 2

Dr. Markow wartete im Treppenhaus mit einem schwarzen Aktenkoffer. Neben ihm stand Olga Wadimowna, blass, den Mantel noch geschlossen, obwohl draußen die Aprilsonne schien.

„Warum haben Sie einen Anwalt mitgebracht?“, fragte ich.

„Weil mein Sohn dich belogen hat“, sagte Olga. „Und weil ich nicht länger schweigen werde.“

Juri trat hinter mich. Ich spürte seine Nähe, roch aber nur noch den fremden süßen Duft an seinem Hemd.

„Mutter, was soll das?“, fragte er.

Olga sah ihn an. „Du hast Polina erzählt, die Wohnung gehöre dir.“

„Das tut sie.“

Dr. Markow stellte den Aktenkoffer auf den kleinen Schuhschrank. Der Stoff seiner Mappe war an einer Ecke abgeschabt. Er öffnete sie nicht sofort.

„Herr Sokolow“, sagte er, „ich rate Ihnen, heute keine weiteren Behauptungen aufzustellen.“

Juri lachte kurz.

„Sie mischen sich in eine Familienangelegenheit ein.“

„Nein“, erwiderte der Anwalt. „Ich mische mich in eine rechtliche Angelegenheit ein.“

Mein Herz schlug so heftig, dass ich kaum hören konnte. Olga nahm meine Hand. Ihre Finger waren eiskalt.

„Vor fünf Jahren“, sagte sie, „hat Juri diese Wohnung nicht gekauft. Ich habe sie gekauft.“

Juri wurde rot.

„Du hast mir das Geld geliehen.“

„Ich habe dir Geld gegeben, damit du eine Familie gründest. Unter einer Bedingung.“

„Welche Bedingung?“

„Dass die Wohnung auf dich und Polina eingetragen wird.“

Ich starrte sie an. Mir fiel ein, dass Juri damals behauptet hatte, seine Mutter habe nur geholfen, die Anzahlung zu überbrücken. Er hatte mir den Kaufvertrag nie gezeigt. Ich war schwanger gewesen, hatte gearbeitet und Mischas Kinderzimmer eingerichtet. Ich hatte ihm vertraut.

„Das ist Unsinn“, sagte Juri. „Die Wohnung läuft auf meinen Namen.“

„Im Grundbuch vielleicht“, sagte Dr. Markow. „Aber nicht aufgrund eines rechtmäßigen Kaufs.“

Er zog ein Bündel Papiere hervor, hielt es jedoch noch geschlossen.

Juri machte einen Schritt auf ihn zu.

„Was wollen Sie eigentlich?“

„Dass Sie aufhören, Ihre Frau einzuschüchtern.“

„Sie ist nicht mehr meine Frau.“

„Das entscheidet kein Mann allein am Küchentisch.“

Mischas Tür öffnete sich. Mein Sohn stand mit zerzausten Haaren im Flur und hielt seinen Stoffhasen fest an sich gedrückt.

„Mama, warum sind so viele Leute da?“

Ich ging sofort zu ihm.

„Alles ist gut, Mischa. Geh bitte in dein Zimmer.“

Juri verdrehte die Augen.

„Mach kein Theater vor dem Kind.“

Da hob Olga plötzlich den Kopf.

„Du hast ihn gestern nicht einmal umarmt.“

„Ich hatte anderes zu tun.“

„Ja“, sagte sie. „Eine andere Frau.“

Die Stille danach war so dicht, dass ich das Ticken der Küchenuhr hörte.

Juri sah mich an.

„Sie hat dir das eingeredet?“

„Ich habe den Duft gefunden. Und dein Haar an deinem Hemd.“

„Du bist hysterisch.“

Dr. Markow schloss den Aktenkoffer wieder.

„Wir gehen jetzt. Frau Sokolowa, Sie kommen mit uns.“

„Wohin?“

„Zu einem Notar. Dort erfahren Sie, was Juri Ihnen verschwiegen hat.“

Juri stellte sich vor die Tür.

„Polina bleibt hier.“

„Nein“, sagte Olga. „Sie bleibt in dieser Wohnung.“

Er sah seine Mutter an, und für einen Augenblick erkannte ich Angst in seinem Gesicht. Nur einen Augenblick.

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Beim Notar roch es nach Bohnerwachs und Papier. Eine Uhr über dem Schreibtisch zeigte zehn Minuten nach elf. Der Notar, eine schmale Frau mit einer goldenen Brille, legte mir ein Dokument vor.

„Unterschreiben Sie hier noch nichts“, sagte sie. „Lesen Sie zuerst.“

Ich überflog die erste Seite. Dann blieb mein Blick an einem Satz hängen, der mir den Atem nahm.

„Das kann nicht sein“, flüsterte ich.

Olga legte beide Hände auf den Tisch.

„Doch, Polina. Und Juri weiß es.“

In diesem Moment vibrierte mein Telefon. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer erschien auf dem Bildschirm. Nur ein Satz stand darin: „Wenn Sie wissen wollen, wer wirklich in Ihrer Wohnung war, kommen Sie heute Abend allein zur alten Straßenbahnhaltestelle.“…

TEIL 3

In diesem Moment vibrierte mein Telefon. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer erschien auf dem Bildschirm. Nur ein Satz stand darin: „Wenn Sie wissen wollen, wer wirklich in Ihrer Wohnung war, kommen Sie heute Abend allein zur alten Straßenbahnhaltestelle.“

„Sie gehen nicht allein“, sagte Dr. Markow sofort.

Um halb sechs standen wir an der verlassenen Straßenbahnhaltestelle hinter dem Güterbahnhof. Der Wind trieb Papier über die Schienen, und eine kaputte Leuchtreklame flackerte über uns. Ich hielt Mischas Stoffhasen in der Tasche, weil er ihn beim Abschied nicht hatte loslassen wollen.

Eine junge Frau kam aus dem Schatten. Sie trug einen cremefarbenen Mantel und hielt ein kleines Aufnahmegerät in der Hand.

Juri war nicht bei ihr.

„Sie sind Polina?“, fragte sie.

„Ja.“

„Ich heiße Vera.“

Olga trat einen Schritt vor. „Sie waren in meiner Wohnung.“

Vera senkte den Blick.

„Ich war dort, ja. Aber nicht so, wie Juri es Ihnen erzählen wird.“

Dr. Markow nahm ihr das Gerät nicht ab. „Was ist darauf?“

„Ein Gespräch. Das letzte, das ich mit Juri geführt habe.“

Vera drückte auf die Taste.

Zuerst hörte ich das Klirren von Geschirr. Dann Juris Stimme, weich und beinahe zärtlich.

„Wenn Polina zurückkommt, ist alles erledigt. Sie glaubt, die Wohnung gehöre mir.“

Vera fragte: „Und wenn sie nicht freiwillig geht?“

„Dann nehme ich ihr Mischa weg. Sie hat kein Geld und keine feste Arbeit. Vor Gericht wird sie aussehen wie eine überforderte Mutter.“

Meine Finger wurden taub.

Die Aufnahme lief weiter.

„Und ich?“, fragte Vera.

„Du bekommst die Wohnung, sobald die Scheidung durch ist. Meine Mutter ist alt. Sie wird nichts unternehmen.“

Olga schloss kurz die Augen. Ihr Gesicht wurde grau.

Juri lachte auf der Aufnahme.

„Polina wird glauben, sie sei schuld, weil sie wegen ihrer kranken Mutter weggefahren ist. Das ist das Einfachste. Menschen unterschreiben alles, wenn man ihnen zuerst die Hoffnung nimmt.“

Ich konnte nicht mehr atmen.

„Warum geben Sie mir das?“, fragte ich Vera.

Sie schaltete das Gerät aus.

„Weil ich nicht wusste, dass er verheiratet ist. Er sagte, Sie seien seit Monaten getrennt. Als ich die Wahrheit erfahren habe, wollte er mich ebenfalls loswerden.“

„Und der Duft?“, fragte ich.

„Meine Parfümflasche stand bei Ihnen im Müll. Er hatte vergessen, sie wegzuwerfen.“

Dr. Markow nahm die Speicherkarte aus dem Gerät und steckte sie in einen Umschlag.

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„Damit lässt sich die Drohung gegen das Kind dokumentieren“, sagte er. „Und die Täuschung über die Wohnung.“

Am nächsten Morgen saßen wir wieder beim Notar. Sie legte den ursprünglichen Kaufvertrag auf den Tisch.

„Frau Sokolowa, Ihre Schwiegermutter hat die gesamte Wohnung bezahlt. In der notariellen Zusatzvereinbarung steht, dass Ihr Mann sie nur treuhänderisch verwalten durfte und Sie ein dauerhaftes Wohnrecht besitzen.“

„Warum wusste ich davon nichts?“

Olga sah mich an.

„Juri sagte, er wolle dir die Überraschung nach der Geburt machen. Dann begann er, die Unterlagen zu verbergen.“

Juri stürmte in das Büro.

„Das ist eine Fälschung!“

Der Notar schob ihm die Mappe hin.

„Die Unterschriften wurden vor sechs Jahren beglaubigt.“

Juri blätterte. Seine Hände zitterten.

„Mutter, du kannst mir das nicht antun.“

„Ich tue dir nichts an“, sagte Olga. „Ich verhindere nur, dass du Polina und Mischa etwas antust.“

In diesem Augenblick klingelte Dr. Markows Telefon. Er hörte zu, dann sah er mich an.

„Die Polizei hat die Tonaufnahme geprüft. Außerdem gibt es eine weitere Nachricht von Juri an Vera. Darin beschreibt er genau, wie er Polina unter Druck setzen wollte.“

Juri wurde still.

„Woher haben Sie die?“, fragte er.

Dr. Markow steckte das Telefon ein.

„Von Vera. Und sie ist nicht die einzige Person, die heute mit uns sprechen will.“

Juri sah zur Tür. Draußen wartete ein Beamter.

Doch bevor er eintreten konnte, bekam ich selbst eine Nachricht. Sie stammte von der Kindertagesstätte.

„Frau Sokolowa, Ihr Mann hat heute Morgen versucht, Mischa abzuholen. Er behauptet, Sie hätten ihm das alleinige Sorgerecht übertragen.“

Ich las den Satz zweimal.

Juri hatte nicht aufgegeben. Er hatte nur den nächsten Schritt begonnen…

LETZTER TEIL

Juri hörte seine eigenen Worte und wurde plötzlich ganz still…

Ich dachte, der schlimmste Verrat läge hinter mir. Doch das, was danach geschah, veränderte nicht nur mein Zuhause.

Dann hörte Juri die Aufnahme bis zum letzten Satz.
„Du hast selbst gesagt, dass du sie hinauswerfen willst.“
Zum ersten Mal sah er aus wie ein Fremder.

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