Ich brachte meine 112 Schafe heimlich in eine Felsspalte, während das ganze Dorf über mich lachte – doch als die Dürre kam, fand sich dort etwas, das niemand erklären konnte

Am 14. April 1889 lachte das ganze Dorf über mich, weil ich meine 112 Schafe einzeln in eine dunkle Felsspalte trieb, als würde ich sie lebendig begraben.

„Ostap, hast du den Verstand verloren?“, rief Miron Kowaltschuk, der reichste Viehhalter des Dorfes, und schlug sich vor Lachen auf die Knie. „Oder willst du deine Schafe für die Totenwelt mästen?“

Hinter ihm kicherten Frauen, Kinder kletterten auf die niedrige Steinmauer, und sogar der Dorfvorsteher schüttelte grinsend den Kopf. Niemand sah, was ich seit Wochen sah.

Der obere Quell war schwächer geworden. Nicht viel. Nur ein dünnerer Strahl zwischen den Wurzeln der alten Kiefer. Für andere war es nichts. Für mich klang es wie der erste Husten eines kranken Menschen.

Ich hatte jeden Morgen alles aufgeschrieben. Am 7. April: Der Quell verliert Kraft. Am 10. April: Der Südhang ist innen trocken. Am 12. April: Die Vögel meiden den üblichen Weg.

Meine verstorbene Frau Anna hätte mir geglaubt. Sie hatte immer gesagt, ich bemerkte Risse, bevor eine Mauer fiel. Aber Anna war seit zwei Jahren tot, und nun musste ich mir die Stimme meiner eigenen Erinnerung leihen.

Mein alter Hund Lewko war der Einzige, der nicht lachte. Er blieb an meiner Seite, die Ohren nach vorn gerichtet, während ich das erste Schaf in den Schatten führte.

Hinter dem engen Eingang öffnete sich der Fels. Dort war feuchte Erde. Eine schmale Wasserader lief an der Wand entlang, und zwischen den Steinen wuchs blasses Gras. Nicht genug für immer. Aber genug, um eine Herde durch die kommende Hitze zu bringen.

„Hundert“, zählte der Schreiber laut.

Miron trat näher. In seiner Hand glänzte ein Messer, obwohl niemand danach gefragt hatte.

„Das letzte Schaf, Schuwtschuk“, sagte er. „Danach wirst du selbst um Hilfe betteln.“

„Hundertzwölf“, antwortete der Schreiber.

Das letzte Tier verschwand hinter dem schwarzen Felsspalt. Ich verschloss den Eingang nicht. Ich befestigte nur drei morsche Pfähle, damit kein Geröll nachrutschte.

Eine Woche lang warteten alle darauf, dass ich tote Tiere herauszog. Doch ich kam nicht ins Dorf. Jeden Morgen brachte ich Heu, Salz und Wasserkrüge hinauf.

Dann wurde der Bach leiser. Die Brunnen rochen nach Lehm. Im Juni war die Wiese gelb wie altes Stroh, und Mirons Schafe begannen zu taumeln.

Am 27. Juli stand das halbe Dorf vor meiner Felsspalte. Der Vorsteher sah mich an.

„Ostap“, sagte er heiser, „wenn deine Schafe dort tatsächlich leben…“

In diesem Moment erklang aus der Tiefe ein dumpfes Stampfen. Viele Hufe. Der Vorsteher griff nach der Laterne und streckte die Hand nach dem grauen, feuchten Stein aus…

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TEIL 2

Seine Finger berührten den Stein, und im selben Augenblick kam aus der Dunkelheit ein Schaf heraus.

Es war die alte Mutter mit dem schwarzen Fleck über dem Auge. Miron kannte sie. Im April hatte er noch behauptet, sie werde als Erste sterben.

Jetzt stand sie vor ihm, kräftig, sauber und mit feuchter Wolle an den Beinen.

Niemand sagte etwas.

Dann kam ein zweites Schaf. Ein drittes. Zehn. Dreißig. Der Schreiber begann zu zählen, doch nach der fünfzigsten Zahl zitterte seine Stimme so stark, dass er abbrechen musste.

Ich rief die Tiere einzeln bei ihren Namen. Lewko hielt die Herde zusammen, und die Schafe folgten meiner Stimme, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Miron trat vor.

„Das ist unmöglich“, murmelte er.

„Unmöglich ist nur, was man nicht sehen will“, sagte ich.

Als das hundertzwölfte Schaf aus dem Fels kam, ließ der Schreiber sein Buch fallen. Der Dorfvorsteher setzte sich auf einen Stein. Eine Frau bekreuzigte sich.

Ich führte die Menschen ein paar Schritte in die Felsspalte. Hinter dem engen Eingang lag eine verborgene Felskammer. Durch Risse in der Decke fiel ein dünner Streifen Tageslicht. An der Wand rann klares Wasser herab, sammelte sich in einer flachen Mulde und floss weiter in einen schmalen unterirdischen Gang.

„Woher hast du das gewusst?“, fragte der Vorsteher.

„Ich habe hingesehen“, antwortete ich.

Doch dann begann Lewko zu knurren.

Nicht wegen der Schafe. Nicht wegen Miron.

Er starrte auf die linke Wand, dort, wo dickes Moos über den Fels wuchs. Ich ging näher, kniete mich hin und strich das Moos mit den Fingern beiseite.

Darunter erschienen Kerben.

Alte Kerben. Drei Namen, tief in den Stein geritzt. Daneben lag ein zerbrochener Hirtenstab, schwarz vor Alter. Die Spitze war mit einem grünen Stein besetzt, genau wie der Ring, den Mirons Großvater immer getragen hatte.

Miron wurde plötzlich grau im Gesicht.

„Das beweist gar nichts“, sagte er.

„Du kennst diese Namen“, erwiderte ich.

Er hob die Hand, als wolle er die Inschrift aus dem Stein schlagen. Lewko stellte sich zwischen uns. Das Messer in Mirons Hand blitzte.

„Fass den Fels nicht an“, sagte ich.

Meine Stimme war leise. Aber zum ersten Mal wich Miron zurück.

Der Vorsteher befahl dem Schreiber, jedes Wort aufzunehmen. Je länger wir suchten, desto mehr fanden wir: alte Pfähle, verrottete Seile, verkohlte Knochen und eine zugemauerte Öffnung hinter der Wasserader.

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Eine alte Frau aus dem Dorf begann zu weinen. Sie erinnerte sich an eine Geschichte, die ihre Großmutter erzählt hatte: Vor Jahrzehnten waren drei Hirten verschwunden. Man hatte behauptet, sie seien im Unwetter abgestürzt.

Doch ihre Familien hatten nie ihre Stäbe zurückbekommen.

Miron blickte auf die drei Namen und wich meinem Blick aus.

„Du willst mir die Schuld geben?“, zischte er.

„Ich will nichts“, sagte ich. „Ich will, dass der Stein selbst spricht.“

Der Vorsteher nahm die Laterne und leuchtete in den zugemauerten Gang. Hinter den losen Steinen lag etwas, das dort seit Jahrzehnten auf die Wahrheit gewartet hatte. Als der erste Stein fiel, sah der Schreiber hinein und flüsterte nur einen Satz…

TEIL 3

„Dort liegen die Beweise“, sagte der Schreiber. „Und jemand hat sie absichtlich versteckt.“

Hinter der zugemauerten Öffnung fanden wir drei alte Hirtenstäbe, Lederriemen mit eingestanzten Namen und eine Blechkassette. Darin lagen ein vergilbtes Blatt und der grüne Stein aus dem zerbrochenen Stab.

Der Vorsteher las das Blatt laut vor. Es war die Aufzeichnung eines vierten Hirten, der jene Nacht überlebt hatte. Er schrieb, dass ein schweres Unwetter den oberen Hang überschwemmt hatte. Die drei Männer hatten die geheime Wasserstelle entdeckt und wollten sie für das ganze Dorf öffnen.

Doch Mirons Großvater hatte sie überrascht.

Er besaß damals die größten Herden und fürchtete, ein gemeinsamer Quell würde seine Macht über die Weiden beenden. Er hatte den Eingang mit Steinen verschlossen, die Hirten eingeschlossen und später behauptet, sie seien im Sturm fortgerissen worden.

Die drei Namen im Fels waren ihre letzte Spur.

Miron starrte auf das Blatt. Seine Lippen bewegten sich, aber zunächst kam kein Ton heraus.

„Mein Großvater war ein angesehener Mann“, sagte er schließlich.

„Angesehen zu sein macht eine Lüge nicht wahr“, antwortete der Vorsteher.

Miron hob das Messer noch einmal, doch diesmal trat nicht Lewko vor, sondern der Dorfvorsteher selbst.

„Leg es hin.“

Miron ließ es fallen.

Noch am selben Tag wurde eine Versammlung am Dorfbrunnen einberufen. Der Schreiber las zuerst die alte Eintragung über meine 112 Schafe vor. Dann verlas er den Fund aus der Felsspalte. Auch Miron musste vor allen Menschen aussagen, was er über den Ring, den grünen Stein und die verbotene Stelle wusste.

Er leugnete lange. Aber die Erinnerung der alten Frau, das Schriftstück und die Zeichen auf dem Stab ließen ihm keinen Ausweg. Er bekannte, dass sein Großvater die Geschichte ausgelöscht hatte und dass seine eigene Familie seitdem die besten Weiden kontrollierte.

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Miron wurde nicht wegen der Toten bestraft. Dafür war die Tat zu lange her. Aber sein Land wurde neu vermessen, und die Quelle ging in den Besitz der ganzen Gemeinde über. Er musste beim Freilegen des Ganges helfen und jeden Stein selbst hinaustragen.

Am ersten Tag arbeitete er mit gesenktem Kopf. Am dritten brachte er einen Sack Salz für meine Schafe.

„Ich habe dich verspottet“, sagte er.

„Du warst nicht der Einzige“, erwiderte ich.

„Aber ich war der Lauteste.“

Ich nahm den Sack. Vergeben hatte ich ihm noch nicht. Doch manchmal beginnt Frieden nicht mit einer Umarmung, sondern damit, dass ein stolzer Mann aufhört zu lachen und anfängt zu tragen.

Die Dürre endete erst Wochen später. Das Dorf aber überlebte, weil meine Herde in der verborgenen Kammer geblieben war. Alle 112 Schafe kamen wieder heraus.

Im Herbst stellte man an der Felsspalte ein schlichtes Holzschild auf. Darauf standen nur ein Datum und eine Zahl: 27. Juli 1889. 112.

Wenn die Kinder fragten, was sie bedeutete, schauten die Alten zur Quelle und sagten:

„So viele Schafe mussten verschwinden, bevor wir endlich begriffen, dass nicht die Berge schweigen – sondern die Menschen.“

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