Ich hielt die kleine Glasampulle bereits in der Hand, als ich bemerkte, dass der Verschluss mit einer blauen Schnur versiegelt war – genau wie die Knöpfe an Cullums alter Jacke.
Mein Herz setzte aus. Nur für einen Moment. Dann zwang ich mich zu atmen.
„Britt, wir müssen gehen!“, rief Lulu draußen. „Rocco wartet nicht länger!“
Ich steckte die Ampulle in meine Manteltasche und trat auf die Veranda der abgelegenen Villa auf Tortola. Das Meer lag schwarz unter dem Mond, und der Wind trieb salzige Tropfen über die Holzplanken. Dante stand neben dem Wagen, eine Hand am Türgriff. Rocco saß bereits auf der Rückbank und presste sein Gesicht gegen die Scheibe.
„Ich gehe nicht ohne sie“, sagte er.
Lulu schloss kurz die Augen. „Britt muss selbst entscheiden.“
Alle sahen mich an. Niemand wusste, dass ich seit drei Tagen Medikamente bekam, die angeblich meine Nerven beruhigen sollten. Niemand wusste, dass Cullum jede Dosis persönlich brachte und mich dabei beobachtete, als wartete er auf einen bestimmten Augenblick.
„Ich komme mit“, sagte ich schließlich.
Da vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von Anna Devane. Nur vier Worte: Geh nicht zur Tür.
Im selben Moment hörte ich drinnen ein Geräusch. Ein leises Klirren. Dann Schritte.
Ich drehte mich um, doch Cullum stand nicht im Flur. Auf dem Tisch lag nur meine geöffnete Tasche. Daneben befand sich ein grauer Umschlag, den ich noch nie gesehen hatte.
Währenddessen hatte Willow Cain in Port Charles offenbar ihre ganz eigene Hölle durchlebt. Joe Fitzpatrick war mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss zu ihrem Wagen gekommen. Er wollte die gespeicherten Fahrdaten prüfen, weil Jordan Ashford nach dem Unfall noch immer im Krankenhaus lag.
„Ich war nicht die Fahrerin, die davongefahren ist!“, hatte Willow geschrien.
Curtis Ashford stellte sich zwischen sie und Isaiah Gannon. Er behauptete, Isaiah wolle Willow absichtlich belasten. Isaiah antwortete nur: „Du beschuldigst den falschen Mann. Und bald wirst du verstehen, warum.“
Dann tauchte Justine Turner auf. Willow stellte sich ihr im Polizeirevier direkt in den Weg.
„Sie wollen mich bestrafen, weil Sie den Fall gegen Drew nicht durchbekommen haben.“
Justine blieb vollkommen ruhig. „Ich will nur die Wahrheit.“
Und irgendwo in Port Charles lag die Spur zu Jenz Sidwell in einem Haus, das angeblich Lucas und Marco als Hochzeitsgeschenk erhalten sollten. Nur wusste niemand, dass Sidwell sich längst in Willows Haus versteckte.
Ich nahm den grauen Umschlag vom Tisch. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Auf der Vorderseite stand mein Name. Meine Hand glitt unter die Lasche, und genau in diesem Augenblick hörte ich Cullums Stimme direkt hinter mir…
TEIL 2
„Mach ihn auf“, sagte Cullum.
Ich fuhr herum. Er stand im Schatten des Flurs, die Hände in den Taschen seiner alten Jacke. Der vertraute Geruch nach Rauch und nassem Leder ließ mir den Magen gefrieren.
„Was ist darin?“
„Deine Entscheidung.“
„Du hast meine Medikamente manipuliert.“
Sein Lächeln verschwand. „Du bist klüger, als ich gehofft hatte.“
Draußen schlug eine Welle gegen die Felsen. Lulu rief erneut nach mir, doch Cullum trat näher und legte eine Hand auf den Umschlag.
„Wenn du jetzt schreist, stirbt jemand, bevor Dante die Tür erreicht.“
Ich glaubte ihm. Das war das Schlimmste.
Mit zitternden Fingern riss ich den Umschlag auf. Darin lag ein einzelnes Foto: Rocco vor dem Wagen, aufgenommen aus dem Gebüsch. Auf der Rückseite stand eine Uhrzeit. Zweiundzwanzig Uhr zehn.
Die Uhr zeigte zweiundzwanzig Uhr sieben.
„Du hast drei Minuten“, flüsterte Cullum. „Nimm die Ampulle. Dann gehst du mit ihnen. Oder du sagst ihnen, was du gefunden hast, und sie werden dich nie lebend von dieser Insel bringen.“
Ich tat so, als hätte ich Angst. In Wahrheit suchte ich nach jedem Detail. Der blaue Faden am Verschluss. Ein kaum sichtbarer weißer Belag am Glasrand. Der süßliche Geruch, der nicht zu meinem eigentlichen Medikament passte.
Ich hatte eine Vermutung. Aber Vermutungen retteten niemanden.
In Port Charles führte unterdessen eine andere Spur direkt in die Katastrophe. Brick hatte Brook Lynn heimlich geholfen, die Fahrdaten aus Willows Geländewagen zu sichern. Die Aufzeichnung zeigte nicht nur die Strecke. Sie enthielt auch einen kurzen Halt vor dem Unfallort – und danach eine zweite Person, die die hintere Tür geöffnet hatte.
Joe wollte die Datei beschlagnahmen, doch Curtis riss ihm den Ausdruck aus der Hand.
„Das beweist nichts.“
„Es beweist, dass du nicht weißt, wem du vertraust“, sagte Isaiah.
In diesem Moment kam Willow herein. Ihr Gesicht war bleich.
„Jemand war in meinem Haus“, sagte sie. „Meine Schlafzimmertür stand offen.“
Keiner bemerkte den Mann im dunklen Mantel, der wenige Straßen entfernt aus ihrem Kellerfenster kletterte. Jenz Sidwell trug einen Schlüsselbund und einen Umschlag mit Lucas’ Namen.
Zur gleichen Zeit beobachtete Danny Morgan in Annas Gebäude einen Fremden, der Charlotte Cassadine durch den Seiteneingang locken wollte. Danny stellte sich ihm in den Weg, obwohl der Mann ein Messer zog.
„Lass sie gehen!“, rief Danny.
Der Fremde packte Charlotte am Arm. Danny stürzte sich auf ihn. Ein Schrei, ein zerbrechender Spiegel, dann war Charlotte verschwunden.
Anna kam zu spät. Doch auf dem Boden lag ein abgerissener Knopf mit grüner Naht.
Ich sah Cullum an und begriff, dass der Faden an meiner Ampulle nicht zufällig dort war. Irgendjemand hatte versucht, mir eine Nachricht zu hinterlassen. Ich griff in meine Tasche, zog die Ampulle heraus und sagte: „Gut. Ich werde sie nehmen.“
Cullum trat vor. Hinter ihm öffnete sich lautlos die Tür zum Meer. Und dann hörte ich eine Stimme, die dort unmöglich sein konnte…
TEIL 3
„Britt, leg das Glas weg!“
Es war Anna.
Cullum wirbelte herum, und genau diesen Augenblick hatte ich gebraucht. Ich schleuderte die Ampulle gegen den Steinboden. Das Glas zerbarst, eine klare Flüssigkeit rann zwischen den Fugen davon, und Cullum stieß einen wütenden Schrei aus.
Dante und Lulu stürmten durch die Tür. Hinter ihnen kamen zwei Beamte, die sich auf Cullum warfen, bevor er die Waffe aus seiner Jacke ziehen konnte. Rocco sprang aus dem Wagen und klammerte sich an mich.
„Du bist nicht gegangen“, flüsterte er.
„Nein“, sagte ich. „Ich bin geblieben, damit wir alle gehen können.“
Anna hob den blauen Faden mit einer Pinzette auf. Er stammte von einem winzigen Sender, den sie in einer früheren Lieferung versteckt hatte. Die Ampulle war nicht nur vergiftet gewesen. Cullum hatte jede meiner Bewegungen überwachen wollen.
Der graue Umschlag enthielt Fotos, Zahlungsbelege und eine Aufnahme, auf der Cullum erklärte, wie er mich als Schuldige für meinen eigenen Tod darstellen wollte. Der Plan war fast aufgegangen.
In Port Charles brach Willows Verteidigung noch in derselben Nacht zusammen – aber nicht auf die Weise, die alle erwartet hatten. Die Fahrdaten bewiesen, dass Willow den Wagen zum Unfallort gefahren hatte. Sie war jedoch nicht geflohen. Sidwell hatte sie gezwungen, Jordan und Isaiah dort zurückzulassen, nachdem er ihr Kind bedroht hatte.
Die zweite Person, die auf der Aufzeichnung zu sehen war, war Sidwell selbst.
Justine ließ Willow nicht verhaften. Stattdessen versprach sie ihr Schutz, wenn sie aussagte. Curtis musste mit ansehen, wie Isaiah entlastet wurde. Später entschuldigte er sich bei ihm, doch Isaiah antwortete nur: „Eine Entschuldigung heilt keine falsche Anschuldigung. Vertrauen musst du dir zurückverdienen.“
Sidwell wurde in Lucas’ angeblichem Hochzeitsgeschenk gefunden. In seinem Umschlag lagen die Namen weiterer Opfer und der Schlüssel zu Annas Gebäude. Dort hatte er Charlotte verstecken wollen. Danny hatte sie gerettet, indem er den Entführer lange genug aufhielt, bis Anna eintraf. Der abgerissene Knopf führte die Polizei direkt zu Sidwells Mantel.
Jordan überlebte den Unfall. Willow sagte vollständig aus. Cullum wurde wegen versuchten Mordes, Entführung und Vergiftung angeklagt.
Als ich später die zerbrochene Ampulle betrachtete, fragte mich Rocco, ob ich noch Angst hätte.
„Ja“, sagte ich ehrlich. „Aber Angst bedeutet nicht, dass man verliert.“
Dann nahm er meine Hand, und über dem schwarzen Meer ging langsam die Sonne auf – als würde die Welt selbst bezeugen, dass ich diesmal nicht gerettet worden war, sondern mich selbst gerettet hatte.












