TEIL 4 — Ein fremdes Mädchen stand mit dem Pass meines verschwundenen Mannes vor meiner Tür – dann wurde der Nachbarin plötzlich das Gesicht bleich

TEIL 4

„Er hat dich verkauft“, sagte Irina.

Ich las die Nachricht noch einmal.

Maxim hatte die Fotos offenbar an eine Zeitung geschickt. Unser Streit im Restaurant, die Adresse des Dorfes, sogar ein Bild von Solomija, das er aus meinen Nachrichten gespeichert hatte. Darunter stand, ich sei eine verbitterte Witwe, die sich aus Rache ein fremdes Kind aneigne.

Petro nahm mir das Telefon aus der Hand.

„Rufen Sie ihn an.“

„Nein.“

„Marta, er glaubt, er kann die Geschichte bestimmen.“

„Dann soll er glauben, was er will.“

Das Telefon klingelte trotzdem. Maxim.

Ich nahm ab.

„Marta, endlich.“ Seine Stimme klang gereizt, nicht schuldbewusst. „Wir müssen das klären, bevor es größer wird.“

„Du hast meine Nachrichten weitergegeben.“

„Ich wollte dich schützen.“

„Vor wem?“

„Vor dir selbst. Du bist emotional völlig instabil.“

Solomija zuckte zusammen. Ich legte eine Hand auf ihre Schulter.

„Du hast ein Kind fotografiert, das Angst hat, und es einer Zeitung geschickt.“

„Ich habe dafür gesorgt, dass jemand hinsieht.“

„Nein. Du hast dafür gesorgt, dass alle auf mich zeigen.“

„Komm nach Hause. Wir können die Hochzeit retten.“

Ich sah auf Denis’ Mappe.

„Es gibt keine Hochzeit.“

„Wegen dieses Mädchens?“

„Wegen dessen, was du über sie gesagt hast.“

„Du kennst sie nicht einmal!“

„Aber ich kenne jetzt dich.“

Er schwieg.

„Du wirst das bereuen“, sagte er schließlich.

„Vielleicht. Aber nicht heute.“

Ich legte auf.

Eine Stunde später erschien die Polizei. Zwei Beamtinnen, ein Sozialarbeiter und eine Frau vom Jugendamt standen in der engen Küche. Irina saß am Fenster und hielt beide Hände um eine Tasse, die sie nicht anrührte.

„Frau Weber“, sagte die Sozialarbeiterin, „wir müssen das Kind vorläufig unterbringen.“

Solomija wurde kreidebleich.

„Nicht in ein Heim“, flüsterte sie.

Ich ging vor ihr in die Hocke.

„Ich lasse dich nicht allein.“

„Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Das stimmt.“

„Warum sagen Sie das dann?“

Weil ich selbst nicht wusste, ob ich es halten konnte. Weil ich Angst hatte. Weil Alinas Zimmer seit fünf Jahren verschlossen war und ich nicht wusste, ob darin noch ein Platz für ein lebendes Kind existierte.

„Weil dein Vater mich darum gebeten hat.“

Der Sozialarbeiter stellte Fragen. Wo Solomija geschlafen hatte. Wer sie versorgt hatte. Warum Denis nie eine Schule in Kiew besucht hatte. Petro antwortete, Irina schwieg, und ich legte alle Dokumente auf den Tisch.

Der Beschluss des Vormundschaftsgerichts war echt. Denis hatte vor drei Jahren die vorläufige Vormundschaft erhalten. Er hatte Solomija angemeldet, sie unterrichtet und jeden Monat Geld für eine spätere Operation zurückgelegt.

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Er hatte sogar eine kleine Wohnung in Kiew gemietet. Nicht für sich. Für sie.

Sie war nie eingezogen, weil das Geld für seine Herzbehandlung verschwunden war.

„Warum hat er sie nicht zu mir gebracht?“, fragte ich.

Petro antwortete leise: „Weil er in Ihrer Wohnung einmal vor Alinas Zimmer stand. Danach hat er drei Tage nicht gesprochen.“

Um 23.15 Uhr erlaubte das Jugendamt mir, Solomija vorläufig mit nach Kiew zu nehmen. Ich unterschrieb jede Seite mit einem Kugelschreiber, dessen Spitze immer wieder aussetzte.

Irina kam mit.

Im Wagen saß sie hinten neben ihrer Tochter. Zwischen den beiden lagen fünf Jahre Schweigen.

„Du hast mir gesagt, er sei mein Onkel“, sagte Solomija.

„Ich wusste nicht, wie ich dir die Wahrheit sagen sollte.“

„Du hast überhaupt nichts gesagt.“

Irina schloss die Augen.

„Ich hatte Angst, dass du mich hasst.“

„Das tue ich schon.“

Die Worte blieben im Wagen hängen.

Ich fuhr weiter. Der Regen war schwächer geworden. An der Windschutzscheibe klebte ein einzelnes gelbes Blatt.

Am nächsten Morgen musste Maxim seine Geschichte zurücknehmen. Die Tonaufnahme, die Denis hinterlassen hatte, zeigte, dass ich das Kind nicht entführt hatte. Der gerichtliche Beschluss widerlegte seine Behauptungen. Seine Zeitung veröffentlichte eine Korrektur, allerdings erst, nachdem Petro den vollständigen Vorgang an die Staatsanwaltschaft geschickt hatte.

Maxim rief siebenmal an.

Beim achten Mal ging ich ran.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, sagte er.

„Du hast eine Entscheidung getroffen.“

„Ich war wütend.“

„Das ist keine Entschuldigung.“

„Wir können das reparieren.“

„Nein.“

„Marta, du wirst mit diesem Kind nicht glücklich.“

Ich blickte durch die offene Tür von Alinas Zimmer. Zum ersten Mal seit Jahren stand dort nicht nur Staub. Solomija hatte einen kleinen Rucksack auf das Bett gelegt.

„Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass du glücklich bist“, sagte ich und beendete das Gespräch.

Drei Tage später hörte Maxim seine eigene Stimme.

Die Staatsanwältin hatte das Gespräch aus dem Restaurant angefordert. Er hatte vor Petro behauptet, Solomija sei ein Problem, das man „wegorganisieren“ müsse. Er hatte gesagt, ein Kind mit einer Gefängnismutter zerstöre jede Zukunft.

Als die Aufnahme im Büro abgespielt wurde, saß er mir gegenüber. Sein Gesicht veränderte sich mit jedem Satz.

„Das habe ich nicht so gemeint“, sagte er.

„Aber du hast es gesagt.“

„Ich war unter Druck.“

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„Du hast nicht unter Druck gesprochen. Du hast gesprochen, als niemand widersprach.“

Er sah auf den Tisch.

Zum ersten Mal hörte er sich selbst von außen.

Und zum ersten Mal konnte er nicht behaupten, missverstanden worden zu sein.

Irina erhielt keine sofortige Rückgabe des Kindes. Das Gericht ordnete Gespräche unter Aufsicht und eine psychologische Begutachtung an. Sie bestritt nichts mehr. Auch nicht, dass sie in jener Nacht betrunken gefahren war. Auch nicht, dass sie Solomija nach ihrer Haftentlassung nur deshalb gesucht hatte, weil sie erfahren hatte, dass Denis gestorben war.

„Ich bin keine gute Mutter“, sagte sie eines Abends in meinem Flur.

„Das müssen Sie selbst herausfinden.“

„Werden Sie sie behalten?“

Ich sah zu Solomija, die am Fenster saß und einen Matheheftdeckel mit kleinen Sternen beklebte.

„Ich werde sie nicht wegschicken.“

Das war nicht dasselbe wie eine fertige Antwort. Aber es war die erste ehrliche, die ich geben konnte.

Im alten Haus in Saritschne blieb ich noch einmal allein zurück. Denis’ Zimmer war kaum mehr als ein Bett, ein Schrank und ein Tisch mit Brandflecken. Auf dem Fensterbrett stand ein gerahmtes Foto von Alina. Daneben lag eine Kinderzeichnung: drei Strichfiguren unter einer gelben Sonne. Über der kleinsten Figur stand unbeholfen geschrieben: „Papa.“

Ich nahm das Bild nicht mit.

Ich nahm nur die Mappe und den Messingschlüssel in Form einer Schwalbe.

Die leere Wohnung in Kiew fühlte sich danach nicht mehr wie ein Grab an. Sie war schwierig. Laut. Unordentlich.

Solomija ließ nachts die Flurbeleuchtung an. Sie schlief zunächst auf dem Sofa und versteckte Brot in der Schublade neben den Geschirrtüchern. Wenn sie sich erschrak, entschuldigte sie sich sofort.

Ich lernte, nicht zu fragen, warum.

Ich lernte, vor der Tür zu warten, bis sie selbst herauskam.

Vier Monate später arbeitete ich wieder in meinem kleinen Architekturbüro. Ich nahm Solomija morgens mit zur Schule. Sie trug einen roten Wollschal und bestand darauf, die Hausaufgaben allein zu machen.

An einem Montag lag der erste Schnee auf den Straßen.

„Marta?“, fragte sie.

„Ja?“

„Darf ich dich irgendwann Mama nennen?“

Ich blieb stehen.

Neben uns fuhr ein Bus vorbei und spritzte grauen Matsch gegen den Bordstein. Eine Schneeflocke blieb auf ihrer Wimper liegen.

„Du musst mich nicht so nennen“, sagte ich.

„Ich weiß.“

„Und du musst dich nicht beeilen.“

„Ich weiß.“

Sie nahm meine Hand.

„Aber darf ich?“

Ich drückte ihre Finger.

„Wenn du möchtest.“

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Im Frühjahr sprach das Gericht mir die dauerhafte Vormundschaft zu. Irina bekam ein festes Besuchsrecht. Sie kam regelmäßig, brachte manchmal Bücher und blieb manchmal schweigend auf der anderen Seite des Tisches sitzen.

Solomija verzieh ihr nicht sofort.

Ich verlangte das auch nicht.

Von Denis blieb uns die Aufnahme, die Mappe und die Schwalbe. Ich hörte seine Stimme nur noch selten. Nicht, weil ich ihn vergessen hatte. Sondern weil ich endlich verstanden hatte, dass Liebe und Feigheit nebeneinander existieren können.

Ein Jahr nach Solomijas Ankunft kam der letzte Brief von Maxim. Er schrieb, er habe eine neue Wohnung, eine neue Stelle und sei bereit, alles hinter sich zu lassen.

Am Ende stand: „Ich vermisse dich.“

Ich antwortete mit einem einzigen Satz.

„Ich vermisse nicht mehr, wer ich neben dir war.“

Dann legte ich den Brief ungelesen in den Altpapierkorb.

An diesem Abend malte Solomija am Küchentisch. Sie zeichnete ein Haus mit drei Fenstern, einen Baum und eine kleine Schwalbe über dem Dach.

„Die ist für dich“, sagte sie.

„Warum?“

„Weil sie immer nach Hause findet.“

Ich nahm den Messingschlüssel aus meiner Tasche und legte ihn neben ihr Bild. Das Metall war vom vielen Berühren warm geworden.

Draußen fiel wieder Schnee.

Zum ersten Mal wartete ich nicht darauf, dass jemand zurückkam.

Ich war zu Hause.

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