TEIL 4 — Ich stürmte nach dem Tod meines Mannes in das Haus einer unbekannten Frau – doch ihr erster Satz ließ mich erstarren

TEIL 4

…Es war sie selbst.

Die Aussage kam von Natalja, Viktors Assistentin.

Sie behauptete, sie habe mich am Abend vor Olegs Tod mit einer Flasche Medikamente gesehen. Sie behauptete, ich hätte gesagt, mein Mann werde mich nie verlassen dürfen.

Viktor wollte die Geschichte noch retten.

Er rief innerhalb von zwanzig Minuten drei Anwälte an, aber der erste legte auf, nachdem Emil ihm die Tonaufnahme geschickt hatte. Der zweite verlangte eine Vorauszahlung, die Viktor nicht leisten konnte. Der dritte hörte sich nur die ersten zwei Minuten an und sagte:

— Herr Malenko, ich vertrete niemanden, der mich anlügt, bevor ich überhaupt zugesagt habe.

Viktor schrie in sein Telefon.

— Sie wissen nicht, wer hinter mir steht!

Die Antwort hörte ich nicht. Aber ich sah, wie seine Hand zu zittern begann.

Eine Stunde später saßen wir in einem kleinen Besprechungsraum der Polizeiwache. Die Neonröhre über uns flackerte. Katerynas Rollstuhl stand direkt neben meinem Stuhl. Ihr Holzstern lag in meiner geschlossenen Hand.

Die Ermittlerin stellte den Speicherstick in den Computer.

— Wir spielen zuerst die Aufnahme ab, sagte sie. — Niemand unterbricht.

Viktor saß uns gegenüber. Sein Anwalt war nicht gekommen. Natalja stand an der Tür und hielt die Arme um sich geschlungen.

Aus den Lautsprechern erklang Olegs Stimme.

„Wenn du die Verträge einreichst, verliert Larissa alles.“

Dann Viktors Stimme:

„Sie wird unterschreiben. Witwen unterschreiben meistens, wenn man ihnen nur genug Angst macht.“

Ein kurzes Lachen.

Mein Magen verkrampfte sich.

Die Aufnahme lief weiter.

„Und wenn Oleh nicht unterschreibt?“ fragte Natalja.

„Dann sorgt der Druck dafür, dass er einen Fehler macht. Er ist herzkrank genug, um sich selbst zu erledigen.“

Kateryna presste ihre vernarbten Finger an die Lippen.

Viktor hörte sein eigenes Lachen. Erst starrte er auf den Tisch, dann hob er den Kopf.

— Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.

— Welcher Zusammenhang könnte das besser machen? fragte die Ermittlerin.

— Oleh hat mich provoziert.

— Er hat Sie aufgenommen.

— Er war krank!

— Nein, sagte ich. — Er hatte Angst um mich.

Viktor wandte sich mir zu.

— Er hat dich die ganze Zeit belogen.

— Ja.

Diese Antwort schien ihn zu verwirren.

— Dann glaubst du ihm trotzdem?

— Ich glaube der Aufnahme. Den Dokumenten. Und dem, was du gerade selbst gesagt hast.

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Die Ermittlerin nahm ihm sein Telefon ab. Kurz danach wurden seine Konten vorläufig gesperrt. Die gefälschten Verträge gingen an die Kriminaltechnik. Nataljas Aussage wurde aufgenommen, und noch am selben Abend gestand sie, dass Viktor ihr Geld angeboten hatte.

Die Anzeige gegen mich fiel zwei Tage später in sich zusammen.

Die Untersuchung von Olegs Tod ergab keinen Giftanschlag. Sein Aneurysma war gerissen, wie der Arzt es damals gesagt hatte. Es gab keinen Schuldigen an seinem Tod. Nur Menschen, die versucht hatten, seinen letzten Schrecken für sich auszunutzen.

Viktor wurde wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Erpressung angeklagt. Natalja erhielt eine mildere Strafe, weil sie aussagte. Katerynas alte Brandakte wurde neu geöffnet, und der Versicherungsbetrug ihres verstorbenen Mannes wurde nach Jahrzehnten endlich anerkannt.

Ich war bei keinem der ersten Verhöre dabei.

Ich musste nicht mehr jeden Raum betreten, in dem andere über mein Leben entschieden.

Drei Wochen nach dem Besuch in Seleniwka stand ich allein in Olegs Arbeitszimmer. Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Das Licht lag blass auf seinem Schreibtisch, und auf dem Teppich zeichnete sich noch der rechteckige Abdruck des Tresors ab.

Ich öffnete die Schublade.

Darin lag seine Laufuhr. Das Armband war an einer Stelle eingerissen. Daneben lag ein zusammengefalteter Zettel.

„Larissa, wenn du das liest, habe ich endlich aufgehört davonzulaufen.“

Ich setzte mich auf den Boden.

Lange blieb ich dort.

Nicht wegen des Geldes.

Nicht einmal wegen der Lügen.

Sondern weil ich plötzlich verstand, dass Oleh mich geliebt und mich trotzdem ausgeschlossen hatte. Er hatte mich beschützen wollen, aber Schutz ohne Wahrheit war auch ein Gefängnis.

Am nächsten Tag fuhr ich wieder zu Kateryna.

Das Haus roch nach Holzrauch und Kamillentee. Auf dem Fensterbrett stand ein frisch gewaschener blauer Becher, den ich beim ersten Besuch nicht bemerkt hatte.

— Ich bringe dir etwas, sagte ich.

Kateryna sah auf meine Hände.

Ich legte den Holzstern auf den Tisch.

— Er gehört dir.

— Nein, sagte sie. — Oleh wollte, dass du ihn behältst.

— Dann behalten wir ihn abwechselnd.

Zum ersten Mal lächelte sie. Nur ganz leicht. Die Narbe zog an ihrer Wange, aber ihre Augen wurden warm.

— Du bist ihm ähnlich.

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— Das haben bisher alle für ein Kompliment gehalten.

— Es ist keines. Und kein Vorwurf.

Wir tranken Tee. Danach zeigte sie mir den Apfelbaum, unter dem Oleh als Kind gespielt hatte. Der rote Ball hing immer noch im Ast. Ich holte ihn herunter. Er war weich geworden und voller Risse.

— Er hat ihn nie wegwerfen lassen, sagte Kateryna.

— Warum?

— Weil er behauptete, eines Tages würde er ihn reparieren.

Ich nahm den Ball mit.

Ein halbes Jahr später führte ich die beiden Cafés wieder selbst.

Nicht mit Olegs Freunden. Nicht mit Viktors Buchhaltung. Ich stellte eine junge Frau namens Mira ein, die früher in einem der Cafés nur samstags ausgeholfen hatte. Sie konnte Zahlen lesen, ohne sich von großen Männern einschüchtern zu lassen.

Wir strichen die Wände hellgelb.

Wir stellten einen langen Tisch ans Fenster.

Auf den Speisekarten stand kein Familienname mehr. Nur mein eigener.

An einem kalten Novembermorgen kam Kateryna zum ersten Mal nach Kiew. Sie saß in einem neuen Rollstuhl, den die Versicherung endlich bezahlt hatte. Wir setzten uns ans Fenster, und Mira brachte ihr Kakao mit Zimt.

Kateryna hielt die Tasse mit beiden Händen.

— Oleh hätte diesen Laden geliebt.

— Er hätte sich über die Preise beschwert.

— Das auch.

Wir lachten.

Es war kein lautes Lachen. Aber es war unseres.

Später zog Kateryna in eine kleine barrierefreie Wohnung in meiner Nähe. Ich besuchte sie sonntags. Manchmal redeten wir über Oleh. Manchmal nicht.

Wir mussten nicht mehr jede Stille füllen.

Im Januar fiel der erste Schnee. Meine Nichte Alina, die inzwischen fast fünf war, saß in unserem Café und malte mit roten Buntstiften. Sie zeichnete drei Menschen unter einem Apfelbaum. Die Frau im Rollstuhl hatte einen goldenen Stern auf dem Schoß.

— Wer ist das? fragte ich.

— Oma Kateryna. Und du. Und der Mann im Himmel.

Ich strich mit dem Finger über das Bild.

— Warum ist der Stern gold?

— Weil er den Weg nach Hause zeigt.

Am selben Abend erhielt ich eine Nachricht von Viktor.

Er schrieb aus der Untersuchungshaft. Sein Anwalt hatte offenbar versprochen, meine Aussage zu verhindern, wenn ich auf Schadensersatz verzichtete. Viktor schrieb, er habe Fehler gemacht. Er schrieb, er habe mich nie wirklich verletzen wollen. Er schrieb, ich solle mich erinnern, dass wir einmal Freunde gewesen seien.

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Am Ende stand:

„Gib mir nur eine Chance, dir alles zu erklären.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann antwortete ich:

„Ich habe lange genug auf Erklärungen gewartet. Jetzt wähle ich den Frieden.“

Ich löschte die Nachricht nicht. Ich brauchte sie nicht zu löschen.

Ich legte das Telefon weg und ging zu Katerynas Wohnung. Sie schlief bereits. Auf ihrem Tisch stand der Holzstern neben einer Tasse kalten Tees.

Ich nahm ihn in die Hand.

Die Kanten waren noch glatter als an jenem ersten Tag. So viele Jahre hatte Oleh ihn getragen, als wäre darin eine Entschuldigung versteckt. Aber Entschuldigungen waren keine Türen. Sie öffneten nichts, wenn man sie zu lange in der Tasche behielt.

Am nächsten Morgen brachte ich den Stern zurück ins Café.

Ich befestigte ihn über der Eingangstür, genau dort, wo jeder ihn sehen konnte.

Wenn die Tür aufging, bewegte er sich im Luftzug und klopfte leise gegen das Holz.

Nicht wie ein Warnsignal.

Wie ein Anfang.

Und zum ersten Mal wartete ich nicht darauf, dass jemand zurückkam.

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