Meine Schwiegermutter hatte gerade verkündet, dass sie ab sofort von unserem Geld leben würde, als ich mit den Einkaufstaschen im Flur stehen blieb.
Ich war an diesem Dienstag um 18:17 Uhr nach Hause gekommen. Der Schlüssel mit dem kleinen roten Emaille-Häuschen an meinem Schlüsselbund klemmte noch im Schloss, als ich ihre Stimme aus der Küche hörte.
„Du wirst es nicht glauben, Lenka“, sagte Galina Petrowna am offenen Fenster. „Ich habe gestern selbst gekündigt. Nach dreißig Jahren in dieser Fabrik! Und jetzt soll ich mich noch für ein paar Rubel kaputtmachen?“
Ich hielt den Atem an.
„Sergej verdient inzwischen gut“, fuhr sie fort. „Und Swetlana auch. Die werden mich nicht im Stich lassen. Dreißig- oder vierzigtausend im Monat sind doch wohl das Mindeste. Schließlich bin ich seine Mutter.“
Meine Finger schlossen sich so fest um die Stoffgriffe der Einkaufstaschen, dass sie in meine Handflächen schnitten.
„Ausziehen werden sie nicht“, lachte sie leise. „Wohin denn? Eine eigene Wohnung können sie sich nicht leisten, wenn sie mich unterstützen müssen. Ich verspreche ihnen einfach, dass ich mich später um die Kinder kümmere. Dann kommen sie bei jedem Anruf gelaufen.“
In diesem Moment hörte ich das Klappern einer Tasse. Ich wusste, dass sie noch immer nichts von mir bemerkt hatte.
Eigentlich hätte ich die Küche betreten und sie zur Rede stellen müssen. Stattdessen steckte ich den Schlüssel mit dem roten Häuschen laut in die Wohnungstür und schlug sie hinter mir zu.
Galina verstummte.
„Sweta? Bist du schon da?“
„Seit einer Minute.“
Ich ging in die Küche, stellte die Einkäufe ab und lächelte. Mein Gesicht fühlte sich fremd an, beinahe taub. Auf dem Tisch lag ihre Gehaltsabrechnung, daneben die unbezahlte Stromrechnung, die Sergej vor einer Woche übernommen hatte.
„Wie war die Arbeit?“, fragte sie vorsichtig.
„Anstrengend.“
Ich sagte nicht, dass meine Mutter mich am Morgen angerufen hatte. Sie hatte eine Nachricht, die unser ganzes Leben verändern konnte.
Um 20:05 Uhr kam Sergej nach Hause. Der Regen hatte dunkle Flecken auf seinen Mantel gezeichnet, und an seinem Ärmel hing ein dünner Faden. Ich nahm ihm den Mantel ab, stellte drei Teller auf den Tisch und zündete sogar die schmale Kerze an, die wir nur an Feiertagen benutzten.
„Was ist los?“, fragte er. „Haben wir Geburtstag?“
„Vielleicht feiern wir heute etwas.“
Galina setzte sich aufrecht hin. Sie rührte ihren Tee so lange, bis der Löffel gegen das Porzellan klirrte.
„Meine Mutter hat eine Bekannte“, begann ich. „Nadeschda. Ihre Tochter zieht nach Deutschland, und die Wohnung bleibt zunächst leer. Wir könnten dort wohnen, kostenlos. Nur die Nebenkosten müssten wir bezahlen.“
Sergej hob den Kopf.
„Kostenlos?“
„Und wenn alles gut läuft, würde sie uns die Wohnung später sogar unter dem Marktpreis verkaufen.“
Galinas Tasse blieb mitten in der Bewegung stehen.
„Was für ein Unsinn“, sagte sie. „Niemand überlässt Fremden einfach eine Wohnung.“
„Ich habe sie gesehen“, erwiderte ich ruhig. „Park vor dem Balkon, neue Küche, zwei Zimmer für Kinder.“
Sergej legte seine Gabel hin.
„Mama, wir wollten doch ohnehin irgendwann ausziehen.“
„Irgendwann“, wiederholte sie scharf. „Nicht jetzt.“
Dann wurde ihr Gesicht weiß. Sie stellte die Tasse ab, doch ihre Hand zitterte.
„Ich muss euch etwas sagen“, flüsterte sie. „Ich habe meine Arbeit verloren.“
Sergej sprang auf.
„Was?“
Galina presste die Lippen zusammen. Ich sah, wie ihr Blick zu meinem Schlüssel mit dem roten Häuschen wanderte, der neben meinem Teller lag. Und plötzlich wusste ich, dass ihre Kündigung nicht die einzige Überraschung dieses Abends war…
TEIL 2
„Ich wurde gestern entlassen“, wiederholte Galina und strich mit dem Daumen über den nassen Rand ihrer Tasse. „Die Abteilung wird geschlossen. Was hätte ich denn tun sollen?“
Ich blieb sitzen. Die Kerzenflamme warf einen zitternden Schatten auf die Wand, während Sergej seine Mutter anstarrte.
„Warum hast du uns nichts gesagt?“, fragte er.
„Weil ich euch nicht belasten wollte.“
Fast hätte ich gelacht. Nicht aus Freude. Aus Erschöpfung.
„Du hast doch gerade gesagt, du seist freiwillig gegangen“, sagte ich.
Galina riss den Kopf zu mir herum.
„Das habe ich nie gesagt.“
„Doch“, erwiderte ich. „Heute Nachmittag. In der Küche. Du hast erzählt, dass du selbst gekündigt hast, weil Sergej und ich dich künftig finanzieren würden.“
Sergejs Gesicht veränderte sich.
„Mama?“
Galina griff nach seiner Hand, doch er zog sie zurück. Sein Ehering schlug gegen die Tischkante.
„Sie verdreht alles“, sagte sie. „Ich habe nur mit einer Freundin gesprochen. Man darf doch wohl träumen.“
„Von dreißigtausend im Monat?“, fragte ich.
„Ich habe dreißig Jahre gearbeitet!“
„Und wir haben jeden Monat geholfen“, sagte Sergej leise. „Wir haben deine Medikamente bezahlt, die Reparatur am Herd und die Schulden bei der Hausverwaltung.“
„Weil ihr mein Sohn seid!“
„Das bedeutet nicht, dass wir dein ganzes Leben finanzieren.“
Der Satz blieb zwischen uns liegen wie ein zerbrochenes Glas.
Am nächsten Morgen saß ich um 7:40 Uhr im Café gegenüber meiner Arbeitsstelle. Der Kaffee schmeckte nach verbrannter Milch, und meine Mutter hielt am Telefon den Atem an, als ich ihr alles erzählte.
„Bist du sicher, dass Nadeschda das ernst meint?“, fragte ich.
„Sie hat den Entwurf des Mietvertrags geschickt. Ich habe ihn ausgedruckt.“
„Und die Wohnung?“
„Sie wartet auf euch. Aber nur, wenn ihr sie wirklich selbst bewohnt.“
Ich sah durch die beschlagene Scheibe auf die Busse, die sich durch den Morgenverkehr quälten.
„Wir nehmen sie.“
Um 18:30 Uhr legte ich den Vertrag auf den Küchentisch. Galina kam gerade aus dem Badezimmer. Ihr Haar war noch feucht, und an ihrem Handgelenk glänzte die goldene Uhr, die Sergej ihr zum sechzigsten Geburtstag geschenkt hatte.
„Wir ziehen aus“, sagte ich.
Sie blieb stehen.
„Ihr könnt nicht einfach gehen.“
„Doch“, sagte Sergej hinter mir. „Wir können.“
„Und wer bezahlt dann meine Miete?“
„Deine Rente beginnt in drei Monaten. Bis dahin helfen wir dir einmalig.“
Galina lachte auf. Es klang hart und dünn.
„Einmalig? Nach allem, was ich für euch getan habe?“
„Du hast uns großgezogen“, sagte Sergej. „Aber du hast kein Recht, unser Leben zu besitzen.“
Sie nahm den Vertrag, zerknitterte die erste Seite und warf sie auf den Boden.
„Ihr werdet nicht gehen. Ich kenne euch. Spätestens nach einer Woche kommt ihr zurück.“
Ich hob das Papier auf. Meine Hände zitterten jetzt, aber nicht vor Angst.
„Nein.“
In dieser Nacht schlief Sergej auf dem Sofa. Um 2:13 Uhr hörte ich Stimmen aus dem Flur. Galina telefonierte erneut.
„Sie wissen noch nichts“, flüsterte sie. „Wenn ich morgen die Unterlagen bekomme, können sie sowieso nicht weg.“
Ich stand hinter der halb geöffneten Schlafzimmertür. In ihrer Hand lag ein brauner Schnellhefter, den ich noch nie gesehen hatte.
„Welche Unterlagen?“, fragte eine Männerstimme am Telefon.
Galina sah zur Tür. Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke.
Dann griff sie nach dem Hefter und sagte: „Die Vollmacht meines Sohnes. Er hat sie unterschrieben.“
Sergej fuhr vom Sofa hoch.
„Welche Vollmacht?“
Galina ließ den Hefter fallen. Ein Schlüsselbund rutschte heraus, dazu ein gefaltetes Blatt mit Sergejs Unterschrift.
Ich hob es auf und spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Die Unterschrift sah aus wie seine. Aber Sergej hatte dieses Papier nie gesehen.
„Mama“, sagte er langsam, „was hast du da gemacht?“
In diesem Augenblick klingelte es an der Wohnungstür. Nicht einmal. Dreimal.
Vor der Tür stand ein Mann im dunklen Mantel und hielt eine Ledermappe unter dem Arm. Er sah Sergej an und fragte:
„Sind Sie derjenige, der den Kreditvertrag persönlich bestätigen wollte?“
Galina machte einen Schritt zurück. Ich griff nach meinem Handy, und auf dem Bildschirm leuchtete die Aufnahme von ihrem Telefongespräch. Mein Daumen schwebte über der Wiedergabetaste…
TEIL 3
Ich drückte auf die Wiedergabetaste.
Galinas Stimme füllte den Flur.
„Sergej verdient gut. Swetlana auch. Die werden mich nicht im Stich lassen. Dreißig- oder vierzigtausend im Monat sind doch wohl das Mindeste.“
Niemand bewegte sich.
Der Mann im dunklen Mantel nahm langsam seine Brille ab. „Frau Petrowna, ich bin nicht wegen eines gewöhnlichen Kredits hier. Ihre Bank hat eine Unstimmigkeit gemeldet.“
Sergej blickte auf den Hefter.
„Du hast in meinem Namen einen Kredit beantragt?“
„Ich wollte nur helfen“, stammelte Galina. „Ihr brauchtet doch eine größere Wohnung. Ich wollte die Anzahlung sichern.“
„Mit meinem Namen?“
„Du hättest unterschrieben, wenn ich dich gefragt hätte.“
Ich hielt das Handy fester. Das rote Häuschen an meinem Schlüsselbund bohrte sich in meine Handfläche.
Der Bankmitarbeiter zog ein Dokument aus seiner Mappe.
„Der Antrag beläuft sich auf 1,8 Millionen Rubel. Als Zweck wurde eine Eigentumswohnung angegeben. Als monatliche Rückzahlung wurden die Einkommen Ihres Sohnes und Ihrer Ehefrau eingetragen.“
Sergej wurde kreidebleich.
„Ich habe nichts beantragt.“
„Das habe ich der Bank bereits mitgeteilt“, sagte ich. „Heute Morgen habe ich die Aufnahme und die Nachricht meiner Mutter weitergeleitet. Außerdem habe ich eine Kopie des gefälschten Formulars an einen Anwalt geschickt.“
Galina starrte mich an.
„Du hast mich aufgenommen?“
„Du hast mich belogen. Ich wollte endlich etwas haben, das nicht einfach weggeredet werden kann.“
Der Bankmitarbeiter legte das Blatt auf den Tisch. Neben der Unterschrift stand Sergejs alte Ausweisnummer, die er vor zwei Jahren ersetzt hatte.
Sergej nahm das Dokument hoch. Seine Hände zitterten.
„Woher hattest du diese Nummer?“
Galina antwortete nicht.
„Woher?“, wiederholte er.
„Aus deiner Schublade“, flüsterte sie.
Für einen Moment hörte ich nur das Ticken der Küchenuhr.
Der Mann im Mantel stand auf. „Die Bank wird den Antrag sperren. Morgen wird sich die Abteilung für Betrugsfälle bei Ihnen melden. Frau Petrowna, unterschreiben Sie bitte hier, dass Sie die Kopie erhalten haben.“
Galina nahm den Stift. Ihre Finger waren so unruhig, dass die Mine über das Papier kratzte.
„Ihr zerstört mich“, sagte sie.
„Nein“, antwortete Sergej. „Wir verhindern nur, dass du uns mit in den Abgrund ziehst.“
Am nächsten Vormittag gingen wir zum Anwalt. Sein Büro lag im dritten Stock eines alten Hauses, und aus dem Heizkörper roch es nach Staub. Er hörte die Aufnahme zweimal an, prüfte die Unterlagen und sah schließlich Galina an.
„Sie müssen mit einer Anzeige rechnen.“
„Aber ich bin seine Mutter.“
„Das ändert nichts an der Unterschriftsfälschung.“
Galina presste beide Hände gegen ihre Brust.
„Sergej, sag ihm, dass du keine Anzeige erstattest.“
Sergej blickte lange auf den Boden.
„Ich will nicht, dass du ins Gefängnis kommst.“
„Dann nimm alles zurück!“
„Ich kann nicht so tun, als wäre nichts passiert.“
Der Anwalt überreichte ihr eine schriftliche Erklärung. Galina nahm sie, ohne hinzusehen.
Als wir das Gebäude verließen, klingelte mein Telefon. Es war meine Mutter.
„Sweta“, sagte sie, „Nadeschda hat gerade angerufen. Jemand hat versucht, die Wohnung noch heute zu mieten. Unter eurem Namen.“
Ich blieb auf der Treppe stehen.
„Wer?“
Meine Mutter schwieg kurz.
Dann sagte sie: „Sie hat die Person beschrieben. Eine Frau mit einer goldenen Uhr.“
Neben mir sah Sergej zu seiner Mutter. Galina wich seinem Blick aus.
Doch bevor wir etwas sagen konnten, vibrierte mein Telefon erneut. Eine unbekannte Nummer schrieb nur einen Satz:
„Wenn ihr heute auszieht, erfährt Sergej, wer damals wirklich für den Unfall seines Vaters verantwortlich war…“
Dann tauchte eine Nachricht aus der Vergangenheit auf…
Ich dachte, mit dem Auszug wäre alles vorbei. Doch die letzte Wahrheit zwang uns, noch einmal zurückzublicken.
„Das habe ich nicht so gemeint.“
Zum ersten Mal konnte niemand sie retten.
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