TEIL 4 — Nach der Beerdigung meiner Frau wollten meine acht Töchter unser Haus verkaufen – doch als der Nachbar eintrat, verstummte er plötzlich

TEIL 4

Ich presste das Telefon fester ans Ohr.

„Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Wiktor Sokolow. Ich war der Notar, bei dem Nikita den ersten Vertrag einreichen wollte.“

Im Schuppen roch es nach zerbrochenem Glas und feuchtem Holz. Durch das Loch im Fenster fiel ein schmaler Streifen Winterlicht auf Annas Urkunde.

„Was bedeutet das?“

„Es gibt noch einen zweiten Antrag. Einen auf die Werkstatt. Und dort ist Ihre Unterschrift ebenfalls gefälscht.“

Hinter mir stieß Nikita einen Stuhl um.

„Legen Sie auf!“, schrie er.

Wiktor fuhr fort: „Ich habe die Unterschrift damals nicht akzeptiert. Aber jemand aus meinem Büro hat die Kopie weitergegeben. Ich habe die Unterlagen inzwischen der Polizei übergeben.“

„Wer?“

Am anderen Ende entstand eine Pause.

„Das müssen Sie selbst hören.“

Ein neuer Ton erklang. Dann eine Frauenstimme.

Meine Tochter Oksana.

„Wenn mein Vater unterschreibt, bekommen wir alle genug Geld, und niemand wird nachfragen.“

Ich drehte mich langsam zu ihr um.

Oksana wurde weiß.

„Das ist nicht…“

„Doch“, sagte Wiktor. „Die Aufnahme stammt aus meinem Büro.“

Für einen Moment hörte ich nur den Motor des Baggers draußen.

Meine älteste Tochter sank auf die Werkbank. Ihre Hände zitterten so stark, dass der Messingwinkel zu Boden fiel.

„Papa, hör mir zu.“

„Du wolltest verkaufen?“

„Am Anfang. Ja.“

Nadja schloss die Augen.

„Oksana hat geglaubt, wir könnten mit dem Geld alle Schulden begleichen“, sagte sie. „Aber Mama hatte den Antrag schon vorbereitet. Als wir die Stiftung sahen, haben wir verstanden, dass sie einen anderen Weg wollte.“

„Und trotzdem habt ihr mich angelogen.“

Oksana weinte nicht. Das machte es schlimmer.

„Ich wollte nur einmal diejenige sein, die alles rettet.“

„Du hättest mich dafür aus meinem Haus gedrängt.“

„Ich weiß.“

Nikita versuchte, durch die Hintertür zu entkommen. Doch dort standen zwei Polizisten. Einer nahm ihm den Arm, der andere legte ihm Handschellen an.

„Sie sind vorläufig festgenommen wegen Urkundenfälschung und Betrugsverdachts“, sagte der Beamte.

Nikita sah mich an.

„Du bist ohne mich nichts, Panas.“

Ich hob den Messingwinkel vom Boden auf.

„Das habe ich mein ganzes Leben lang geglaubt. Aber nicht mehr.“

Er wurde hinausgeführt.

Zehn Minuten später saß Oksana im Polizeiwagen. Nicht als Gefangene, sondern als Zeugin. Sie hatte alle Nachrichten und Überweisungen herausgegeben. Auch ihren eigenen Anteil.

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Ihr Rechtsanwalt kam kurz darauf ins Haus. Er nahm den Vertrag vom Tisch, las ihn und schüttelte den Kopf.

„Ich kann Ihnen nicht helfen, diese Stiftung zu umgehen“, sagte er. „Die Übertragung ist wirksam. Und wenn Sie die Fälschung kannten, sollten Sie dringend selbst zur Polizei gehen.“

Oksana nickte.

„Das werde ich.“

Am Nachmittag riefen drei weitere Menschen an. Der Bürgermeister. Das Grundbuchamt. Und ein junger Mann, der sagte, er habe den Bagger geschickt, weil Nikita ihm erzählt hatte, das Grundstück sei bereits verkauft.

Zum ersten Mal hörte ich meine eigenen Worte von außen.

Die Polizei spielte die Aufnahme aus Nikitas Gaststätte im Wohnzimmer ab. Seine Stimme kam aus dem kleinen Gerät, als säße er wieder am Tisch.

„Der alte Mann wird irgendwann unterschreiben. Und wenn nicht, unterschreibt eben jemand für ihn.“

Ich saß unter der Uhr, die Anna jeden Sonntag aufgezogen hatte.

Meine Stimme klang leise.

„So hat er über mich gesprochen.“

Swetlana setzte sich neben mich.

„So hat er geglaubt, dass alle über dich denken.“

„Vielleicht habe ich es ihnen leicht gemacht.“

„Nein, Papa. Du hast nur zu lange geglaubt, ein Sohn hätte dich vor solchen Menschen geschützt.“

Am Abend gingen wir in den Schuppen. Die acht Kerben über der Hobelbank waren noch da. Oksana nahm ein Tuch und wischte den Staub von der ersten.

„Ich habe immer gedacht, diese Kerben seien eine Erinnerung an unsere Unordnung“, sagte sie.

„Sie sind eine Erinnerung daran, dass ihr alle hier wart.“

Im Haus stand Annas Nähkasten noch auf der Kommode. Ich öffnete ihn zum ersten Mal seit ihrem Tod.

Unter den Garnrollen lag ein Zettel.

„Panas, wenn du diesen Brief findest, hast du wahrscheinlich wieder versucht, alles allein zu tragen. Lass es sein. Deine Töchter sind nicht dein Ende. Sie sind dein Weiterleben.“

Ich legte den Brief auf meinen Schoß und weinte. Nicht laut. Nur so, dass die Tränen zwischen den Falten meiner Hände verschwanden.

Drei Wochen später wurde der Verkauf offiziell gestoppt. Nikita verlor seine Baugenehmigung, musste die Kosten für den Schaden ersetzen und erhielt eine Bewährungsstrafe mit Auflagen. Der Notar wurde aus seinem Amt entlassen. Oksana meldete sich selbst bei der Staatsanwaltschaft und bekam wegen ihrer Aussage und der Rückgabe des Geldes eine Geldstrafe. Sie nahm sie an, ohne sich zu beklagen.

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Ich war nicht froh über ihre Strafe.

Aber ich war froh, dass ich sie nicht mehr vor den Folgen ihrer Entscheidungen retten musste.

Im Frühjahr kamen die ersten Jugendlichen in die Werkstatt. Das Schild über der Tür fertigte ich selbst an. Darauf stand: „Annas Haus für Holz und Handwerk“.

Die Buchstaben waren nicht vollkommen gerade. Ich ließ sie so.

Montags lernte ein zwölfjähriger Junge, wie man eine Ecke anzeichnet. Dienstags kamen zwei Mädchen aus dem Nachbardorf, die einen Tisch bauen wollten. Mittwochs brachte Swetlana Stoffproben für neue Schürzen. Nadja richtete im hinteren Raum einen Erste-Hilfe-Schrank ein.

Meine Töchter kamen nicht alle gleichzeitig. Das war gut so. Das Haus musste nicht mehr laut sein, um lebendig zu wirken.

Oksana erschien im April mit einem Karton unter dem Arm.

„Ich habe Mamas Nähmaschine reparieren lassen“, sagte sie.

„Stell sie in den Flur.“

„Willst du, dass ich wiederkomme?“

Ich sah sie lange an.

„Ich will, dass du kommst, weil du kommen möchtest. Nicht, weil du etwas von mir brauchst.“

Sie nickte.

„Das muss ich erst lernen.“

„Ich auch.“

Im Juni bekam ich einen Brief von ihr. Darin lag eine Zeichnung von ihrem kleinen Sohn, den sie mir bisher nur selten gebracht hatte. Das Kind hatte das Haus gemalt, mit acht Fenstern und einer krummen Werkstatttür.

„Opa“, sagte der Junge, „du hast gar keinen Schornstein gemalt.“

„Doch. Der ist nur hinter der Wolke.“

„Dann male ich ihn größer.“

Er nahm einen roten Buntstift und setzte einen schiefen Strich über das Dach.

Ich musste lachen.

Am ersten Schneetag des folgenden Winters stand ich früh auf. Die Werkstatt war kalt, und auf der Fensterbank lag eine dünne weiße Schicht. Ich legte Holz nach, stellte Wasser für Tee auf und hörte das vertraute Knacken der Balken.

Auf der Hobelbank lag der Messingwinkel meines Großvaters. Der rote Lackfleck war fast verschwunden. Ich hatte ihn nie entfernt.

Mein Telefon klingelte.

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Nikita war es.

Ich nahm nicht sofort ab. Die Nummer hatte ich seit Monaten gesperrt, aber diesmal rief er aus dem Gefängnis an. Er wollte wissen, ob ich bereit sei, „die Sache zwischen uns zu vergessen“.

„Ich habe einen Sohn“, sagte er. „Er braucht seinen Vater.“

Ich blickte durch das Fenster auf den verschneiten Hof.

„Dann sei für ihn ein Vater.“

„Panas, ich habe Fehler gemacht.“

„Ja.“

„Du kannst mir helfen.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Ich legte die Hand auf den Messingwinkel.

„Weil ich dich nicht mehr vor dir selbst retten werde.“

Dann beendete ich das Gespräch.

Draußen öffnete sich die Werkstatttür. Der zwölfjährige Junge kam herein, gefolgt von seinen beiden Mitschülerinnen.

„Meister Panas“, rief er, „wir sind zu spät!“

„Nein“, sagte ich. „Ihr seid genau richtig.“

Ich gab ihm den Messingwinkel.

Er hielt ihn vorsichtig, als wäre er etwas Zerbrechliches.

„Wofür ist der rote Fleck?“

„Damit ich nie vergesse, woher ich komme.“

Er sah auf das Zeichen, dann auf die acht Kerben über der Hobelbank.

Und zum ersten Mal war mir völlig gleichgültig, ob jemand meinen Namen weitertrug.

Das Haus tat es bereits.

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