Als ich an diesem Mittwochabend den Kühlschrank öffnete, entdeckte ich darin nicht nur die Hähnchenpackung, sondern auch die erste Lüge meines Mannes.
Ich stellte das Fleisch auf den Tisch und öffnete den unteren Küchenschrank. Auf der staubfreien Ablagefläche war ein heller rechteckiger Fleck geblieben. Mein Küchenroboter war verschwunden.
Aus dem Wohnzimmer drang das Lachen einer Fernsehsendung. Sergej lag auf dem Sofa, die Füße in Socken auf der Armlehne, als hätte er mit meiner Küche, meinem Geld und meinem Leben nichts zu tun.
„Sergej, wo ist der Küchenroboter?“
Er drehte den Kopf nicht einmal.
„In der Werkstatt.“
„In welcher?“
„In der an der Telschtraße. Ein Bekannter von der Arbeit nimmt ihn sofort dran.“
Ich nahm den Karton vom Schrank. Darin lagen die vier Aufsätze, jeder in einem eigenen durchsichtigen Beutel. Alle waren da.
„Und warum sind die Aufsätze hier?“
Jetzt sah er mich an.
„Marina, es ist nur der Motor.“
„Der Motor, der am Sonntag völlig normal gelaufen ist?“
Er griff nach der Fernbedienung und stellte den Ton lauter. Das war seine Art, Gespräche zu beenden, ohne aufzustehen.
Ich hatte das Gerät im Februar gekauft. Vierunddreißigtausend Rubel hatte ich dafür ausgegeben, nach einer Jahresprämie, einer Inventurzulage und drei Monaten, in denen ich jeden unnötigen Einkauf verschoben hatte. Drei Mal war ich in den Laden gegangen, hatte meine Hand auf den glänzenden Deckel gelegt und war wieder nach Hause gefahren.
Dann hatte ich es gekauft.
Nicht für Sergej. Für mich.
„Der Garantieschein liegt in der blauen Mappe“, sagte ich. „Ich rufe dort an.“
„Und was willst du hören?“
Sein Telefon klingelte. Er blickte auf das Display, stand auf und ging ins Schlafzimmer. Zum ersten Mal seit Jahren schloss er die Tür hinter sich.
Ich hörte nur einzelne Worte.
„Ja, natürlich.“
„Morgen machen wir das.“
„Mach dir keine Sorgen.“
Als er herauskam, wartete ich an der Küchentheke.
„Wer war das?“
„Jemand aus der Firma.“
„Seit wann telefonierst du mit der Firma bei geschlossener Tür?“
Sein Gesicht veränderte sich kaum. Nur der Muskel an seiner Wange zuckte.
Ich nahm die Mappe, fand den Garantieschein und rief die angegebene Nummer an. Ein Mann meldete sich nach dem vierten Klingeln, fragte nach dem Namen und suchte in seinem Computer.
„Unter dieser Gerätenummer gibt es keinen Auftrag“, sagte er. „Und an der Telschtraße haben wir keine Filiale. Unsere Werkstatt ist in der Schossowstraße.“
In der Küche tropfte der Wasserhahn. Sergej hatte versprochen, die Dichtung im Mai zu wechseln.
„Er ist bei Larissa“, sagte er.
Ich setzte mich auf den Hocker.
„Bei deiner Schwester?“
„Sie braucht ihn.“
„Warum?“
„Ihr Mixer ist kaputt. Sie backt seit dem Winter Kuchen auf Bestellung. Sie hat zwei Kinder zu ernähren.“
„Und deshalb hast du mein Gerät genommen?“
„Unser Gerät.“
„Ich habe es gekauft.“
Er ging zum Wasserhahn und trank direkt daraus.
„Du benutzt es drei Mal im Jahr. Larissa kann damit Geld verdienen.“
„Am Sonntag habe ich Teig für sechs Kuchen gemacht.“
„Dann kauf ich dir eben ein einfacheres.“
„Für wie viel?“
„Acht- oder neuntausend.“
Ich sah auf den hellen Fleck im Schrank.
„Ich will mein eigenes zurück.“
„Am Samstag steht es wieder hier.“
„Und wenn nicht?“
Er trat näher. Sein Atem roch nach Pfefferminzbonbons.
„Du fährst nicht zu Larissa.“
Eine halbe Stunde später ging er in die Garage. Jeden Mittwoch polierte er dort sein Fahrrad, als wäre es ein Rennpferd. Ich blieb in der Küche, schob das Hähnchen zurück in den Kühlschrank und suchte im Schlafzimmer nach unseren Ersparnissen.
Der Briefumschlag lag unter der Bettwäsche. Mit meinem Filzstift hatte ich darauf „September“ geschrieben.
Er war leer.
Achtzehn Scheine zu fünftausend hatte ich seit März hineingelegt. Für unseren Urlaub. Für eine Woche am Meer, die wir uns seit drei Jahren versprachen.
Ich ging mit dem leeren Umschlag ins Wohnzimmer. Sergej war gerade zurückgekommen. Als ich ihn ihm auf den Schoß legte, schaltete er den Fernseher selbst aus.
„Ich wusste, dass du ihn heute findest“, sagte er.
„Wo ist unser Geld?“
Er strich über den Rand des Umschlags.
„Larissa brauchte eine Kaution. Ihr Vermieter hätte sie sonst mit den Kindern vor die Tür gesetzt.“
„Du hast mir mein Gerät und unsere Ersparnisse genommen.“
„Ich habe eine Familie gerettet.“
In diesem Moment vibrierte sein Telefon auf dem Tisch. Eine Nachricht leuchtete auf. Nur drei Wörter waren zu sehen: „Alles wie besprochen.“
Sergej griff danach, doch ich war schneller. Ich nahm das Telefon, und er streckte die Hand aus, um es mir zu entreißen…
TEIL 2
…seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk, bevor ich die Nachricht öffnen konnte.
Nicht fest genug, um einen blauen Fleck zu hinterlassen. Aber fest genug, dass ich verstand, wie sicher er sich bisher gewesen war.
„Gib es mir“, sagte er.
„Wer schreibt dir?“
„Das geht dich nichts an.“
„Du hast mein Gerät weggegeben und achtzigtausend Rubel genommen. Jetzt geht mich plötzlich nichts mehr an?“
Er riss mir das Telefon aus der Hand. Dabei fiel es auf den Holzboden. Das Schutzglas bekam einen langen Sprung, genau über seinem Namen auf dem Sperrbildschirm.
„Larissa hat nur um Hilfe gebeten“, sagte er.
„Warum schreibt sie dann, alles sei wie besprochen?“
„Weil wir über die Kaution gesprochen haben.“
„Mitten am Mittwochabend?“
„Du suchst Streit.“
Ich hob das Telefon auf. Meine Finger zitterten, aber meine Stimme blieb ruhig.
„Nein. Ich suche die Wahrheit.“
In dieser Nacht schlief Sergej im Wohnzimmer. Ich lag im Bett und hörte jede Stunde das Knarren des Sofas. Gegen zwei Uhr stand ich auf, ging in die Küche und fotografierte den leeren Platz im Schrank. Ich fotografierte auch den Umschlag, den Garantieschein und den Sprung auf dem Telefon.
Am nächsten Morgen nahm ich mir frei und fuhr zu Larissa in die Pobeda-Straße. Vor ihrem Haus roch die Luft nach feuchter Erde und Kohlenrauch. Im dritten Stock weinte ein Kind, während irgendwo eine Bohrmaschine lief.
Larissa öffnete erst nach dem vierten Klingeln. Sie trug eine Schürze mit kleinen gelben Zitronen, an deren Saum Mehl klebte.
„Was willst du?“
„Meinen Küchenroboter.“
Ihr Blick glitt über meine Schulter.
„Sergej hat gesagt, du wärst einverstanden.“
„Sergej lügt.“
Hinter ihr stand das Gerät auf einem Tisch. Auf dem Deckel klebte ein weißer Aufkleber mit der Aufschrift „Torte Nummer sieben“. Neben dem Motor lag ein Notizbuch, auf dessen Seiten Bestellungen und Preise standen.
„Ich brauche ihn“, sagte Larissa leise.
„Ich auch.“
„Du hast einen sicheren Arbeitsplatz. Ich habe zwei Kinder.“
„Dann hätte dein Bruder dir helfen sollen, ohne mein Eigentum zu nehmen.“
Sie verschränkte die Arme.
„Er hat gesagt, das Geld sei von euch beiden.“
„Warst du dabei, als ich es gespart habe?“
Larissa wurde blass. Aus dem Flur kam ein Junge mit Schokoladenflecken auf dem Pullover.
„Mama, ist das die Frau von Onkel Sergej?“
„Geh ins Zimmer, Anton.“
„Aber ich will—“
„Jetzt!“
Ich nahm den Roboter nicht. Nicht vor den Kindern. Stattdessen sah ich auf das Notizbuch.
„Wie viel hat Sergej dir gegeben?“
„Ich weiß nicht, wovon du redest.“
„Dann ruf ihn an.“
„Er hat gesagt, du würdest dich beruhigen.“
Ich spürte, wie mir die Kehle trocken wurde.
„Was genau hat er gesagt?“
Larissa schwieg.
Da kam eine Nachricht auf meinem eigenen Telefon. Absender war meine Bank. Eine Bestätigung über eine neue Kreditprüfung. Ich hatte keinen Kredit beantragt.
Ich öffnete den Anhang. Dort stand mein vollständiger Name, meine Adresse und eine Unterschrift, die meiner ähnlich sah.
„Was ist das?“ flüsterte Larissa.
„Das weiß ich noch nicht.“
Ich ging zurück zu unserer Wohnung und wartete auf Sergej. Er kam erst um sieben Uhr abends. Seine Jacke roch nach Motoröl, und an seinem Daumen klebte dunkles Fett.
„Du warst bei Larissa“, sagte er.
„Ja.“
„Ich habe dir gesagt, du sollst da nicht hin.“
„Und ich habe eine Kreditprüfung auf meinen Namen bekommen.“
Er blieb im Türrahmen stehen.
„Das ist nur Papier.“
„Wer hat den Antrag gestellt?“
„Ich kümmere mich darum.“
„Nein. Du erklärst es mir jetzt.“
Er ging zum Schrank, öffnete die Tür und nahm eine schwarze Mappe heraus, die ich noch nie gesehen hatte.
„Manchmal muss man in einer Ehe Entscheidungen treffen, ohne jede Kleinigkeit abzusprechen.“
„Eine Schuld von dreihunderttausend ist keine Kleinigkeit.“
Seine Hand erstarrte auf dem Mappenrand.
„Woher weißt du die Summe?“
„Weil die Bank sie mir geschickt hat.“
Zum ersten Mal an diesem Tag sah er nicht wütend aus. Er sah erschrocken aus.
Ich zog mein Aufnahmegerät aus der Tasche. Es war klein, silbern und hatte ich am Morgen im Büro ausgeliehen.
„Sag es noch einmal“, sagte ich. „Sag, dass du die Unterschrift nicht gefälscht hast.“
Sergej starrte auf das Gerät.
„Du nimmst mich auf?“
„Ich will nur, dass du dich später an deine eigenen Worte erinnerst.“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
„Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst.“
In diesem Augenblick klingelte mein Telefon. Nicht die Bank. Eine unbekannte Nummer.
Eine Frauenstimme sagte nur: „Frau Belowa, bitte kommen Sie morgen um neun Uhr zur Staatsanwaltschaft. Es geht um eine Anzeige gegen Sie…“
TEIL 3
…ich sagte kein Wort. Hinter mir fiel die Wohnungstür ins Schloss, und Sergej blieb mitten im Flur stehen.
„Wer war das?“
„Die Staatsanwaltschaft.“
Er wurde so still, dass ich den Kühlschrank brummen hörte.
Am nächsten Morgen saß ich um neun Uhr in einem kleinen Büro mit gelben Wänden. Neben mir lag die schwarze Mappe, die Sergej am Abend zuvor nicht mehr aus der Hand gegeben hatte. Gegenüber saßen eine Ermittlerin namens Jelena Orlowa und ein Finanzprüfer mit schmaler Brille.
„Frau Belowa“, sagte Orlowa, „gegen Sie wurde Anzeige wegen Unterschlagung und Betrugs erstattet.“
„Von wem?“
„Von der Gesellschaft, bei der dieser Kredit beantragt wurde.“
Der Prüfer schob mir mehrere Blätter entgegen. Auf jedem stand mein Name. Unter dem Namen war eine Unterschrift, die meiner ähnelte, aber die Schleife beim letzten Buchstaben falsch setzte.
„Ich habe das nicht unterschrieben.“
„Das glauben wir“, sagte Orlowa. „Wir glauben außerdem, dass Sie nicht wussten, wofür das Geld verwendet werden sollte.“
Ich sah sie an.
„Wofür wurde es verwendet?“
Sie öffnete eine Mappe.
„Für eine kleine Backstube. Angemeldet auf den Namen Larissa Petrowa. Finanziert mit Ihrem Geld, Ihrem Küchenroboter und einem Kredit, der unter Ihrer Identität beantragt wurde.“
Die Tür ging auf. Sergej kam mit einem Anwalt herein. Er trug ein frisch gebügeltes Hemd und hielt die schwarze Mappe wie ein Schutzschild vor der Brust.
„Meine Frau ist verwirrt“, sagte er.
„Ich bin nicht verwirrt“, erwiderte ich.
Der Prüfer legte einen Ausdruck auf den Tisch.
„Hier ist der Zahlungsweg. Die achtzehn Scheine wurden am 14. August auf ein Konto eingezahlt, das Larissa Petrowa gehört. Danach wurden Gerätschaften und eine Anzahlung für ein Ladengeschäft bezahlt.“
Sergej hob die Hände.
„Ich wollte nur helfen.“
„Mit meinem Geld?“
„Mit unserem Geld.“
Orlowa schaltete einen Lautsprecher ein. Ein Tonband begann zu laufen. Zuerst war nur das Knarren einer Garagentür zu hören. Dann Sergejs Stimme.
„Marina wird sich beruhigen. Sie benutzt das Gerät kaum. Wenn die Backstube läuft, zahlen wir den Kredit zurück, bevor sie etwas merkt.“
Eine zweite Stimme fragte: „Und wenn sie fragt?“
Sergej lachte leise.
„Dann sage ich, Larissa hätte sonst ihre Kinder verloren. Bei diesem Argument fühlt Marina sich immer schuldig.“
Im Raum wurde es vollkommen still.
Ich kannte diese Stimme. Ich hatte sie neunzehn Jahre lang neben mir gehört. Trotzdem war es, als würde ein fremder Mann über mich sprechen.
Sergejs Gesicht verlor jede Farbe.
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.“
„Die Aufnahme wurde gestern in Ihrer Garage gemacht“, sagte Orlowa. „Außerdem gibt es die Nachrichten zwischen Ihnen und Ihrer Schwester. Darin schreiben Sie beide über die gefälschte Unterschrift.“
Larissa wurde hereingeführt. Sie weinte bereits.
„Ich wusste nicht, dass du die Unterschrift fälschst“, sagte sie zu Sergej.
„Du wusstest, dass das Geld nicht von mir war“, sagte ich.
„Er sagte, du würdest später zustimmen.“
„Und der Laden?“
Larissa senkte den Kopf.
„Er wollte, dass ich ihn auf meinen Namen eröffne. Aber er wollte die Hälfte.“
Der Anwalt stand auf.
„Mein Mandant äußert sich ab jetzt nicht mehr.“
„Du hast gesagt, es sei nur eine Hilfe“, flüsterte Larissa.
Sergej fuhr sie an.
„Sei still!“
Da legte Orlowa ein letztes Blatt auf den Tisch.
„Es gibt noch etwas. Der Kreditgeber hat bereits eine Auszahlung vorgenommen. Das Geld liegt nicht auf Larissas Konto. Es wurde gestern auf ein Konto überwiesen, dessen Inhaber Sergej Below ist.“
Sergej starrte auf das Blatt.
„Das ist unmöglich.“
„Nein“, sagte der Prüfer. „Es ist dokumentiert.“
Mein Magen zog sich zusammen. Die Wahrheit war größer, als ich gedacht hatte. Er hatte nicht nur mein Gerät verschenkt und unsere Ersparnisse genommen. Er hatte mich zur Schuldnerin gemacht, um ein Leben zu finanzieren, das er offenbar längst ohne mich plante.
Orlowa nahm ihr Telefon.
„Wir haben außerdem eine Nachricht von heute Morgen erhalten. Eine Kopie des Mietvertrags für die Backstube. Darin ist eine dritte Person als Mitinhaber eingetragen.“
„Wer?“ fragte ich.
Sie sah mich an.
„Ein Mann namens Viktor Malzew.“
Sergej schloss die Augen.
„Wer ist das?“
Orlowa legte das Telefon auf den Tisch.
„Das müssen Sie Ihren Mann fragen. Denn Viktor Malzew hat soeben behauptet, Sergej habe ihm die Wohnung Ihrer Familie als Sicherheit angeboten…
Dann hörte ich seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, die Wahrheit würde nur unsere Ehe zerstören. Doch sie zeigte mir auch, warum ich so lange geblieben war.
„Bei diesem Argument fühlt Marina sich immer schuldig.“
Zum ersten Mal glaubte ich nicht mehr ihm, sondern mir.
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