TEIL 4 — Ich fuhr wegen der undichten Dächer mit — doch als meine Schwiegermutter den Namen meines Sohnes nannte, verstummte plötzlich jeder

TEIL 4

Der Bauleiter hatte die Kameraaufnahmen vom Dach gesichert.

Elena Markowna schaltete den Lautsprecher ein.

– Die Polizei ist bereits unterwegs, sagte die Stimme am anderen Ende. – Und Herr Morosow soll das Haus nicht verlassen.

Pawel sprang auf.

– Ich habe niemanden betrogen.

– Setzen Sie sich, sagte Elena.

– Das ist meine Sache.

– Nein. Seit dem Verkauf der Wohnung ist es eine strafrechtliche Sache.

Galina griff nach ihrem Mantel. Sie erwischte nur den Ärmel und riss einen Knopf ab.

– Wir müssen mit Konstantin sprechen.

– Konstantin ist nicht mehr erreichbar, antwortete Elena. – Sein Konto wurde gesperrt.

Andrej stand mitten in der Küche. Der gelbe Zollstock lag noch immer in seiner Hand. Sein Daumen strich über den gesprungenen Verschluss, ohne dass er es merkte.

Mein Telefon klingelte.

Meine Schwester war am Apparat.

– Lena, der Junge fragt, wann ihr nach Hause kommt.

Ich sah Andrej an.

– Sag ihm, dass wir bald da sind.

– Ist alles in Ordnung?

Ich blickte auf das nasse Fenster, auf den Eimer unter dem Dachleck und auf die beiden Menschen, die uns monatelang mit Schuldgefühlen an dieses Haus gebunden hatten.

– Noch nicht. Aber es wird.

Ich legte auf.

Wenige Minuten später fuhr ein Polizeiwagen vor. Die Reifen spritzten Wasser gegen den morschen Zaun. Zwei Beamte kamen herein. Der ältere trug einen Ordner unter dem Arm, der jüngere hielt ein Tablet.

– Herr und Frau Morosow? fragte der Ältere.

Pawel hob das Kinn.

– Wir sind die Eigentümer.

– Das prüfen wir gleich.

– Das ist unser Haus.

– Dann haben Sie nichts zu befürchten.

Dieser Satz nahm ihm zum ersten Mal die Stimme.

Die Beamten führten uns in den kleinen Nebenraum. Dort stand ein Bildschirm auf einem alten Schreibtisch. Das Bild der Kamera war körnig, aber deutlich genug.

Wir sahen Andrej auf dem Dach. Er kniete neben dem First, während Pawel unten stand und ihm zurief.

– Schneller! Wenn du bis zum Abend fertig bist, sparen wir den Handwerker!

Andrej rief zurück:

– Das Holz ist morsch. Ich brauche eine Sicherung.

Pawel winkte ab.

– Stell dich nicht so an. Du bist doch mein Sohn.

Dann zeigte die Aufnahme, wie Pawel eine Leiter verschob, obwohl Andrej ihn warnte. Ein Stück Dach brach ein. Andrej stürzte nicht, aber er riss sich die Hand auf und prallte mit dem Rücken gegen einen Balken.

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Ich hielt den Atem an.

Auf dem Bildschirm hörte ich meine eigene Stimme. Ich war an jenem Tag mit Wasser aus dem Haus gekommen.

– Andrej, komm sofort runter!

Er sagte:

– Es geht schon.

Pawel sagte:

– Sag niemandem, dass ich die Leiter bewegt habe. Sonst ist die Versicherung weg.

Andrej setzte sich neben mich. Sein Gesicht war plötzlich älter als am Morgen.

Er hörte seine eigenen Worte.

Er sah, wie er gelogen hatte.

Nicht für sich. Für seinen Vater.

Der ältere Beamte stoppte die Aufnahme.

– Sie haben die Arbeiten ohne Sicherung durchgeführt, sagte er zu Pawel. – Außerdem liegt eine Erklärung vor, nach der Ihr Sohn für alle Schäden allein verantwortlich sein sollte.

– Ich wollte ihn schützen, murmelte Pawel.

Andrej drehte sich zu ihm.

– Du wolltest dich schützen.

Galina begann zu weinen. Nicht laut. Nur ihre Schultern bebten.

– Wir hatten Angst, alles zu verlieren.

– Ihr habt uns fast alles genommen, sagte ich.

Pawel sah mich an.

– Du hast ihn gegen uns aufgehetzt.

– Nein. Ich habe ihn daran erinnert, dass er ein Mensch ist.

Die Beamten nahmen die Unterlagen mit. Pawel musste im Haus bleiben, bis die Befragung abgeschlossen war. Galina rief siebenmal bei Konstantin an. Jedes Mal sprang sofort die Mailbox an.

Am Abend gingen wir.

Vor der Tür blieb Andrej stehen. Er sah auf das Dach, an dem er ein halbes Jahr gearbeitet hatte.

– Ich dachte wirklich, ich könnte es reparieren, sagte er.

– Das Dach?

– Alles.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm.

– Du musst nicht alles reparieren, was andere absichtlich kaputtmachen.

Drei Tage später rief sein Anwalt an.

– Ihre Mutter möchte eine Vereinbarung, sagte er. – Sie bietet an, Ihnen einen Teil des Verkaufserlöses zurückzuzahlen, wenn Sie die Anzeige zurücknehmen.

Andrej saß am Küchentisch. Vor ihm stand eine Tasse Tee, die längst kalt war.

– Und wenn ich nicht unterschreibe?

– Dann wird das Verfahren weiterlaufen.

– Dann lassen wir es laufen.

Der Anwalt schwieg.

– Sie wissen, dass Ihre Eltern möglicherweise verurteilt werden?

Andrej sah zum Fenster.

– Ich weiß. Aber ich werde sie nicht länger vor den Folgen ihrer Entscheidungen retten.

Eine Woche später fuhren wir noch einmal zu dem Haus. Nicht, um zu arbeiten. Wir mussten seine Werkzeuge holen.

Im Flur stand der Eimer noch unter dem Dachleck. In der Küche lag der abgerissene Knopf von Galinas Mantel neben dem Tischbein. Auf dem Schrank klebte die Einkaufsliste für den nächsten Samstag.

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Dachlatten. Nägel. Bretter. Andrej.

Ich nahm den Zettel ab.

Andrej ging in die kleine Kammer, in der er seine Arbeitssachen aufbewahrt hatte. Dort lag nur noch ein Paar verschmutzte Handschuhe. An der Wand hing ein altes Foto von ihm als Kind, mit Zahnlücke und viel zu großer Mütze.

Er nahm es ab.

– Willst du es mitnehmen? fragte ich.

– Nein.

– Warum nicht?

– Das war der Junge, der geglaubt hat, Liebe müsse man sich verdienen.

Er stellte das Foto zurück.

Dann legte er den gelben Zollstock auf den Tisch.

– Den nehme ich.

– Warum gerade den?

Er klappte den gesprungenen Verschluss auf.

– Weil du ihn mir gegeben hast. Nicht meine Mutter.

Wir gingen hinaus.

Am Tor drehte er sich nicht um.

Im Februar, vier Monate später, begann Andrej wieder zu arbeiten, diesmal in einer kleinen Werkstatt am Stadtrand. Er reparierte Fenster und alte Türen. Niemand rief ihn am Freitagabend an, um ihm eine Liste für den nächsten Morgen vorzulesen.

Er stellte sich einen Wecker auf sieben Uhr dreißig.

Nicht auf sechs.

Unser Sohn, Mischa, kam oft nach der Schule in die Werkstatt. Er malte auf Kartonhäuser, die Dächer mit roten Filzstiften, die Fenster gelb. Eines Nachmittags hielt er uns ein Bild hin.

– Das ist unser Haus, sagte er. – Da gibt es keinen Keller, der Wasser sammelt.

– Sehr vernünftig, sagte Andrej.

– Und niemand muss samstags arbeiten.

Ich musste mich abwenden, damit er meine Tränen nicht sah.

Die Ermittlungen zogen sich. Konstantin wurde an einer Bahnstation gefunden. Er behauptete, von den Schulden nichts gewusst zu haben. Die Unterschrift stammte tatsächlich nicht von ihm, doch seine Nachrichten bewiesen, dass er mit Galina und Pawel alles besprochen hatte.

Der Verkaufserlös der Wohnung wurde teilweise zurückgeholt. Nicht alles. Aber genug, um Andrejs Schulden zu bezahlen und die Behandlung seines Rückens zu finanzieren.

Das Haus wurde später versteigert. Ein junges Paar kaufte es. Sie ließen das Dach abtragen, den Keller trockenlegen und die Treppe neu bauen.

Wir erfuhren davon aus einer Zeitung.

Galina schrieb Andrej noch viele Briefe. Zuerst waren sie voller Vorwürfe. Dann voller Entschuldigungen. Schließlich kam nur noch ein Satz:

Komm zurück, wir sind doch Familie.

Andrej legte den Brief auf den Tisch.

– Was soll ich antworten? fragte er.

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– Du musst nicht antworten.

Er nahm den gelben Zollstock und maß damit die neue Arbeitsplatte in unserer Küche. Der Verschluss schnappte auf. Klick. Klick.

– Dann ist das meine Antwort.

Im Mai kam die letzte Nachricht von Galina. Sie schrieb, Pawel sei krank und wolle seinen Sohn sehen. Andrej las sie zweimal. Danach tippte er eine kurze Antwort.

Ich komme nicht zurück in das alte Leben. Wenn ihr Hilfe braucht, wendet euch an einen Arzt oder eine Beratungsstelle. Ich bin nicht mehr euer Notfallplan.

Er schickte die Nachricht ab und legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten.

Draußen begann es zu schneien, obwohl es eigentlich zu warm dafür war. Große, nasse Flocken blieben auf dem Fensterbrett liegen und schmolzen sofort wieder.

Mischa kam mit seinem Bild aus dem Kinderzimmer. Er hatte darauf ein Haus gemalt, vor dem drei Menschen standen. Über der Tür stand: Hier darf jeder Nein sagen.

Andrej kniete sich vor ihn.

– Das ist ein gutes Haus, sagte er.

– Können wir es bauen?

– Ja.

– Am Samstag?

Andrej sah kurz zu mir. Dann lächelte er.

– Am Samstag ruhen wir uns aus.

Ich legte den Zollstock in die Schublade neben den Schlüssel. Nicht versteckt. Nur dort, wo er hingehörte.

Der gesprungene Verschluss schnappte ein letztes Mal zu.

Dieses Geräusch klang nicht mehr nach Arbeit.

Es klang nach Freiheit.

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