TEIL 4 — Ich musste mich zweimal täglich duschen, bevor ich seine Mutter traf – doch ihr erster Satz ließ Jacobs Lächeln verschwinden

TEIL 4

…ich hielt das Telefon so fest, dass die Kante sich in meine Handfläche drückte.

Es war Sonntag, kurz nach Mitternacht, als ich im Flur des Polizeireviers saß. Die Neonröhren summten. Neben mir lag meine Handtasche, und aus dem offenen Reißverschluss ragte das kleine rosafarbene Deodorant mit Birnenduft, das ich am Nachmittag aus dem Badezimmer meiner Wohnung geholt hatte. Ich hatte es monatelang nicht benutzt. Trotzdem trug ich es überallhin mit, als Beweisstück gegen mich selbst.

— Wer sind Sie? fragte ich in das Telefon.

— Mein Name ist Daniel Vogt. Ich war der Anwalt von Jacobs Großvater.

— Was hat das mit mir zu tun?

— Sehr viel. Aber ich möchte diese Datei nicht am Telefon erklären. Kommen Sie morgen früh in meine Kanzlei. Und bringen Sie nichts mit, was Jacob Ihnen gegeben hat.

— Ich habe nichts von ihm.

— Das glauben Sie nur.

Die Verbindung endete.

Ich sagte der Beamtin, dass noch jemand von einer Datei gesprochen hatte. Sie notierte den Namen, gähnte aber nicht einmal. Ihr Blick blieb ruhig.

— Gehen Sie heute Nacht nicht allein nach Hause, sagte sie. — Und öffnen Sie keine Nachrichten von Herrn Reuter.

Reuter war Jacobs Nachname. Ich hatte ihn einmal geliebt, weil er auf Briefumschlägen so vertraut ausgesehen hatte.

Um acht Uhr dreißig am Montag saß ich in Daniels Kanzlei. Die Fenster zeigten auf einen Innenhof, in dem ein einzelner Ahorn seine letzten Blätter verlor. Daniel war ein schmaler Mann mit silbernem Haar. Er legte einen Aktenkoffer auf den Tisch, öffnete ihn und schob mir einen Umschlag zu.

— Ihr vollständiger Name ist Anna Keller. Ihre Mutter hieß Sabine Keller.

— Das weiß ich.

— Ihre Mutter hat vor zwölf Jahren als Buchhalterin für Jacobs Großvater gearbeitet.

Ich starrte ihn an.

— Meine Mutter ist gestorben, als ich neunzehn war.

— Ich weiß. Kurz vor ihrem Tod hat sie Unterlagen gefunden, die beweisen, dass Marianne Reuter Geld aus der Familienfirma abgezweigt hat. Sie wollte aussagen.

Mein Atem stockte.

— Warum hat sie es nicht getan?

Daniel nahm ein altes Aufnahmegerät aus dem Koffer. Es war kleiner als meine Hand, mit einer gesprungenen Kunststoffkante.

— Weil sie plötzlich einen Unfall hatte. Und weil Jacob damals wusste, wo die Unterlagen lagen.

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Das Gerät klickte.

Die Stimme meiner Mutter klang dünn, aber deutlich.

— Wenn meiner Tochter etwas passiert, suchen Sie bei Marianne. Sie wird versuchen, Anna in die Familie zu holen. Nicht aus Liebe. Sie will wissen, ob Anna die Dokumente gefunden hat.

Ich schloss die Augen.

Meine Mutter hatte meinen Namen gesagt, als wäre sie sicher gewesen, dass ich eines Tages diese Aufnahme hören würde.

Daniel stoppte das Gerät.

— Jacob hat Sie nicht zufällig kennengelernt. Marianne ließ Sie seit Monaten beobachten, nachdem sie herausgefunden hatte, dass Sie die Tochter von Sabine Keller sind. Die Duschforderungen waren keine Prüfung Ihrer Hygiene. Sie wollte Sie verunsichern, kontrollieren und herausfinden, ob Sie sich an die Unterlagen Ihrer Mutter erinnern.

— Ich erinnere mich an nichts.

— Das war ihr größter Fehler. Sie hat angenommen, dass ein Mensch ohne Erinnerung auch ohne Würde ist.

Ich weinte nicht. Noch nicht.

Dann klingelte Daniels Telefon.

Er hörte zu und legte auf.

— Marianne hat soeben versucht, die Überwachungsvideos löschen zu lassen. Ihr eigener Sicherheitsdienst hat abgelehnt. Einer der Mitarbeiter hat die vollständige Sicherung an die Polizei geschickt.

In diesem Moment begriff ich, dass ihre Kontrolle zerbrach.

Am Dienstag wurde Jacob aus dem Gewahrsam entlassen, weil die Ermittlungen noch liefen. Er rief mich sechsundzwanzigmal an.

Ich nahm einmal ab.

— Anna, ich kann alles erklären.

— Du hast mich aufgenommen.

— Meine Mutter hat mich unter Druck gesetzt.

— Du hast selbst gesprochen.

Am anderen Ende wurde es still.

Daniel hatte mir die Tonaufnahmen auf eine CD kopiert. Ich legte sie in den alten CD-Spieler meiner Wohnung. Jacob war noch am Telefon, als seine eigene Stimme durch den Raum kam.

— Wenn sie heute wieder widerspricht, sag ihr, dass du den Verlobungsring zurückgibst.

Seine Stimme klang plötzlich fremd. Kalt. Fast gelangweilt.

— Sie wirkt noch nicht gebrochen genug.

Jacob atmete hörbar ein.

— Mach das aus.

— Du hast es gesagt.

— Ich war wütend.

— Nein. Du warst sicher, dass ich nie zuhören würde.

Ich ließ die Aufnahme weiterlaufen.

— Sie soll glauben, dass sie ohne mich niemanden findet.

Danach hörte ich nur noch sein Schweigen.

Es war das erste Mal, dass er seine eigenen Worte nicht in eine Erklärung verwandeln konnte.

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— Anna, bitte.

— Ich habe lange genug versucht, dich vor deinem eigenen Verhalten zu schützen.

— Ich liebe dich.

— Liebe macht einen Menschen nicht kleiner.

Ich legte auf.

Am selben Abend fuhr ich mit der Beamtin noch einmal zu Jacobs Elternhaus, um meine Sachen abzuholen. Die Haustür war versiegelt. Durch das Fenster sah ich den Flur, in dem Marianne mich zu dem Badezimmer geschickt hatte.

Auf dem kleinen Tisch lag noch das Handtuch mit den gestickten Margeriten.

Die Kamera war entfernt worden.

Der schwarze Spalt neben dem Spiegel blieb.

Ein Loch, das plötzlich größer wirkte als die ganze Wand.

Meine Wohnung fühlte sich danach leer an, obwohl ich alles mitgenommen hatte. Auf dem Regal stand nur noch der Karton, in dem ich Jacobs Geschenke gesammelt hatte. Ganz oben lag der Verlobungsring, den er mir nie wirklich gegeben hatte, sondern den er mir jedes Mal zeigte, wenn ich nicht schnell genug gehorchte.

Ich brachte ihn am nächsten Morgen zu Daniel.

— Behalten Sie ihn nicht, sagte er.

— Das hatte ich nicht vor.

— Sie müssen niemandem beweisen, dass Sie gehen können.

— Das weiß ich jetzt.

Drei Wochen später zog ich in eine kleine Wohnung in Freiburg. Das Schlafzimmer war kaum größer als mein altes Badezimmer, aber niemand hatte dort eine Kamera versteckt. Ich bekam eine Stelle in einer Buchhandlung. Morgens stellte ich die Bücher nach Farben ins Schaufenster, mittags aß ich Suppe auf einer Bank am Fluss, und abends duschte ich nur dann, wenn ich duschen wollte.

Es klingt nach wenig.

Für mich war es Freiheit.

Die Ermittlungen gegen Marianne und Jacob liefen weiter. Die Aufnahmen der früheren Frauen wurden gesichert. Marianne musste das Haus verlassen, Jacob durfte keinen Kontakt zu mir aufnehmen. Ich verfolgte die Nachrichten nicht jeden Tag. Ich wollte nicht, dass ihr Zusammenbruch mein neues Zuhause wurde.

Im November kam der erste Schnee.

Meine kleine Nichte Leni besuchte mich am Wochenende. Sie malte am Küchentisch ein Bild mit einem gelben Haus, roten Fenstern und drei Menschen, die sich an den Händen hielten.

— Wer ist das? fragte ich.

— Du, ich und deine Mama, sagte sie.

— Deine Großmutter ist doch nicht hier.

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Leni legte den Stift beiseite.

— Auf Bildern kann jemand trotzdem da sein.

Ich musste mich umdrehen, damit sie meine Tränen nicht sah.

Am selben Abend lag eine Nachricht von Jacob auf meinem Telefon.

Ich habe eine Wohnung gefunden. Ich gehe zur Therapie. Ich weiß jetzt, was ich getan habe. Bitte gib mir eine letzte Chance.

Darunter stand eine zweite Nachricht.

Ich habe das Birnendeodorant noch in meiner Tasche. Ich dachte, vielleicht erinnerst du dich an unsere guten Tage.

Ich löschte beide Nachrichten.

Dann schrieb ich eine einzige Antwort:

— Bitte kontaktiere mich nie wieder.

Es war keine Rache.

Es war eine Grenze.

Im Dezember stellte ich das rosafarbene Fläschchen mit dem Birnenduft auf die Fensterbank. Nicht, weil ich es wieder benutzen musste. Sondern weil es mir gehörte.

Draußen fiel Schnee auf die Straße. Im Glas spiegelte sich mein Gesicht, ruhig und unverstellt. Für einen Augenblick sah ich den schwarzen Spalt neben dem Badezimmer spiegeln, das rote Licht, Jacobs Hand an meinem Rücken.

Dann drehte ich mich um und öffnete das Fenster.

Der Duft nach Birnen mischte sich mit kalter Luft.

Zum ersten Mal roch ich nur nach mir.

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