TEIL 4 — Meine Schwiegermutter verlangte plötzlich meine geerbte Wohnung für ihre Tochter, doch nach meinem ruhigen Satz verstummte sie

TEIL 4

Ich hielt das Telefon so fest, dass meine Finger schmerzten.

— Wer hat den zweiten Antrag gestellt?

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

— Ihr Ehemann, Herr Berger. Zumindest lautet die digitale Bestätigung auf seinen Namen.

Artjom wurde vollkommen still.

— Das ist nicht möglich, sagte er.

— Der Antrag wurde um 10.47 Uhr von einem Gerät in Ihrer Wohnung versendet. Die Bank benötigt Ihre sofortige Stellungnahme.

Olga hob beide Hände.

— Das ist ein Missverständnis. Wir wollten nur die alte Schuld umschulden.

— Welche Schuld? fragte Artjom.

Niemand antwortete.

Die Rechtsanwältin Keller nahm mir das Telefon ab und bat die Bank, sämtliche Unterlagen direkt an ihre Kanzlei zu schicken. Dann wandte sie sich an Artjom.

— Sie dürfen jetzt nichts unterschreiben. Und Sie sollten sich fragen, wer Zugang zu Ihren Geräten und Passwörtern hatte.

Artjom sah zu seiner Mutter.

— Du hast mein Telefon benutzt.

— Ich wollte dich schützen.

— Vor wem?

— Vor deiner Frau, sagte Olga. — Sie wird dich noch ruinieren.

Ich spürte keinen Zorn mehr. Nur eine tiefe Müdigkeit, als hätte ich die ganze Nacht einen schweren Schrank durch die Stadt getragen.

Keller ließ den Vertrag, den Olga vorbereitet hatte, in eine Mappe legen.

— Der Vertrag enthält mehrere falsche Angaben. Galina wird als alleinstehende Mutter mit gesichertem Einkommen bezeichnet. Beides stimmt nicht. Außerdem wurde eine Unterschrift nachgeahmt.

Galina schluchzte.

— Ich habe nur unterschrieben, was Mama mir gegeben hat.

— Dann erklären Sie das später der Polizei, sagte Keller ruhig.

Das Wort Polizei veränderte den Raum.

Olga griff nach ihrem Mantel.

— Ihr wollt eure eigene Familie anzeigen?

— Ich will wissen, was mit meinem Namen und meinem Eigentum geschehen ist, sagte ich.

Artjom stand auf.

— Mama, geh nicht.

Sie blieb an der Tür stehen.

— Du entscheidest dich für sie?

Artjom schloss die Augen.

— Ich entscheide mich zum ersten Mal dafür, selbst zu entscheiden.

Am Nachmittag saßen wir bei der Polizei. Die Aufnahme wurde abgespielt. Ich saß neben Artjom, doch zwischen uns fühlte sich die Bank breiter an als ein Fluss.

Dann hörte er seine eigene Stimme.

Sie stammte aus einer Nachricht, die er am Morgen an seine Mutter geschickt hatte.

— Julia wird schon nachgeben. Sie liebt mich. Ich muss nur genug Druck machen.

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Artjom sprang auf.

— Das habe ich nicht so gemeint.

— Aber du hast es gesagt, antwortete ich.

Er setzte sich wieder. Seine Lippen zitterten.

— Ich habe geglaubt, ich könnte alle zufriedenstellen.

— Und dafür hast du mich allein gelassen.

— Ja.

Es war das erste ehrliche Wort, das er an diesem Tag sagte.

Die Ermittler fanden heraus, dass Olga den ersten Kredit über einen Bekannten von Galina vermittelt hatte. Galina hatte die Raten nicht bezahlt. Als die Bank mit der Verwertung drohte, entwarf Olga den Plan mit meiner Wohnung. Der zweite Antrag sollte die Schuld vergrößern und gleichzeitig den Eindruck erwecken, Artjom habe freiwillig zugestimmt.

Semjon hatte nichts unterschrieben, aber er hatte die Briefe versteckt. Er sagte später, er habe Angst vor Olga gehabt.

Der Hausverwalter Paul Richter führte mich zwei Tage später in Zinas Wohnung. Es war kalt, weil die Heizung seit Monaten abgestellt war. Auf der Fensterbank stand eine kleine Porzellanuhr in Form eines gelben Hauses. Der Minutenzeiger fehlte.

Zina hatte sie immer aufgezogen, obwohl sie nie die richtige Zeit zeigte.

Ich öffnete die leeren Schränke. Staub lag wie Puder auf dem Parkett. In der Küche fand ich eine Tasse mit einem Sprung am Rand. Zum ersten Mal verstand ich, dass diese Wohnung kein Geschenk gewesen war, sondern ein letzter Versuch meiner Tante, mir einen sicheren Ort zu hinterlassen.

Artjom kam nicht mit.

Er hatte die gemeinsame Wohnung verlassen und wohnte vorübergehend bei einem Freund. Seine Mutter rief ihn täglich an. Sein Anwalt lehnte das Mandat ab, nachdem er die Unterlagen gesehen hatte.

— Ich kann Sie nicht vertreten, sagte er. — Sie haben mich über Ihre Mutter getäuscht.

Olga versuchte danach, die Kontrolle zurückzugewinnen. Sie schrieb mir Nachrichten, erschien vor unserer Wohnung und behauptete, ich hätte die Familie zerstört.

Ich antwortete nur einmal.

— Ich habe nichts zerstört. Ich habe aufgehört, es zusammenzuhalten.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren wegen Urkundenfälschung, Betrugsversuchs und falscher Angaben bei der Kreditaufnahme. Galina legte ein Geständnis ab. Sie sagte, ihre Mutter habe sie unter Druck gesetzt. Olga bestritt alles, bis ihr die Tonaufnahme vorgespielt wurde.

Es war eine kleine Anhörung in einem hellen Raum mit hohen Fenstern. Olga saß neben ihrem Pflichtverteidiger. Als ihre eigene Stimme aus den Lautsprechern kam, sah sie zum ersten Mal nicht wütend aus.

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Sie sah alt aus.

— Wir setzen Julia in die Wohnung ihrer Tante, sagte die Aufnahme. — Sie ist naiv.

Olga starrte auf ihre Hände.

Ich hörte die Worte von außen und dachte an die Nacht im Flur, an meine Finger um den Schlüssel und an den roten Wachsfleck auf dem Umschlag.

Meine Naivität hatte darin bestanden, dass ich Familie mit Sicherheit verwechselt hatte.

Das Gericht ordnete die Rückzahlung des unrechtmäßigen Kredits an. Galina erhielt eine Bewährungsstrafe und musste die Kinder vorübergehend bei ihrem Vater unterbringen. Olga bekam eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, eine Geldstrafe und ein mehrjähriges Kontaktverbot zu mir. Semjon zog aus der gemeinsamen Wohnung aus und begann, bei einer Beratungsstelle zu arbeiten.

Artjom wurde nicht angeklagt, weil er nachweisen konnte, dass seine Unterschrift missbraucht worden war. Aber unsere Ehe war trotzdem vorbei.

Ein Gericht kann einen Namen aus einem Vertrag streichen.

Es kann kein Vertrauen zurückschreiben.

Drei Wochen später holte ich die letzten Sachen aus unserer alten Wohnung. Klaras Zimmer war fast leer. An der Wand hing nur noch ein Stück Klebeband, wo ihre große Zeichnung gewesen war.

Auf dem Schreibtisch lag Artjoms Ehering. Daneben hatte er einen Zettel gelegt.

Ich wollte dich nicht verlieren.

Ich nahm den Ring nicht.

Im Flur stand der rosa Koffer von Galina, den sie in der Eile zurückgelassen hatte. Einer der Aufkleber löste sich an der Ecke. Ich trug ihn nicht hinaus. Ich stellte ihn vor die Tür und rief den Hausmeister.

Dann schloss ich die Wohnung ab.

Der Schlüssel fühlte sich anders an als damals. Nicht schwerer. Nur endgültiger.

Vier Monate später lebten Klara und ich in Zinas Wohnung. Ich hatte die Wände hell gestrichen, die Heizung reparieren lassen und in der Küche ein schmales Regal für Kräuter angebracht. Jeden Morgen arbeitete ich von zu Hause aus für ein kleines Übersetzungsbüro. Klara fuhr mit der Straßenbahn zur Schule und kam nachmittags mit roten Wangen zurück.

Im Dezember fiel der erste Schnee.

Klara stellte die Porzellanuhr auf die Fensterbank. Ich hatte sie reparieren lassen, aber den fehlenden Minutenzeiger nicht ersetzt.

— Warum lässt du sie kaputt? fragte sie.

— Weil sie mich daran erinnert, dass nicht alles richtig gehen muss, um wertvoll zu sein.

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Klara dachte darüber nach und malte ein kleines gelbes Haus daneben.

— Dann ist sie eben unsere Uhr.

Am selben Abend kam eine Nachricht von Artjom.

Ich habe einen neuen Arbeitsplatz. Ich zahle den Kredit zurück. Bitte lass uns reden. Nur einmal. Ich vermisse euch.

Ich las die Nachricht zweimal. Früher hätte ich sofort geantwortet. Früher hätte ich nach einer Erklärung gesucht, die ihn rettete.

Diesmal schrieb ich:

— Ich wünsche dir, dass du dein Leben in Ordnung bringst. Aber ich komme nicht zurück.

Dann legte ich das Telefon umgedreht auf den Tisch.

Eine Woche später stand Artjom vor dem Haus. Er hielt einen Strauß weißer Blumen und trug den dunkelblauen Schal, den ich ihm vor sieben Jahren gestrickt hatte. Durch das Fenster sah ich ihn im Schnee warten.

Klara fragte:

— Soll ich ihn hereinlassen?

Ich sah auf die Porzellanuhr. Der Minutenzeiger fehlte noch immer. Trotzdem zeigte sie genau das, was ich wissen musste: Es war Zeit weiterzugehen.

— Nein, sagte ich. — Wir müssen niemanden hereinlassen, der uns nur vermisst, wenn die Tür geschlossen ist.

Artjom blieb eine Weile stehen. Dann ging er.

Ich nahm die Uhr von der Fensterbank und stellte sie neben Klaras Zeichnung. Das gelbe Haus auf dem Papier hatte eine rote Tür.

Diesmal war sie von innen abgeschlossen.

Und ich hatte den Schlüssel.

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