Als mein Mann mich um Mitternacht zur Reling schleppte, wusste ich bereits, dass er mich nicht vor dem Sturm retten wollte.
Drei Tage zuvor hatte ich noch geglaubt, die Karibik rieche nach unserem gemeinsamen Glück. Mein Vater hatte uns die luxuriöse Jacht zur Hochzeit geschenkt, ein weißes Schiff mit glänzenden Messinggriffen, sechs Kabinen und einem Speisesaal, in dem selbst das Wasser in Kristallgläsern serviert wurde.
Doch seit dem ersten Abend konnte ich kaum die Augen offen halten.
„Das ist nur die Seekrankheit“, sagte Andrij jedes Mal und strich mir über die Stirn. „Nimm diese Tabletten. Morgen geht es dir besser.“
Ich vertraute ihm. Das war mein größter Fehler.
Am dritten Tag, kurz nach halb zehn Uhr abends, wachte ich in unserer Kabine auf. Mein Mund war trocken, meine Arme fühlten sich an wie Blei. Auf dem Nachttisch standen ein Glas Wasser und zwei kleine weiße Tabletten. Daneben lag mein alter Messinganhänger, ein winziger Kompass, den ich seit meinem zwölften Geburtstag trug. Er war zerkratzt, aber die Nadel bewegte sich noch immer ruhig nach Norden.
Ich schob die Tabletten in meine Hand und ging hinaus, weil ich im Flur frische Luft brauchte. Meine Knie gaben nach, bevor ich die Treppe erreichte. Ich griff nach dem kalten Geländer und blieb stehen.
Von unten klirrten Gläser.
Dann hörte ich Andrijs Stimme.
„Wie viel hast du ihr heute gegeben?“
„Zwei Tabletten wie immer“, antwortete sein Vater Mykola. „Und etwas davon war auch in ihrer Suppe.“
Mein Herz schlug so heftig, dass ich fürchtete, sie müssten es hören.
„Dann ist sie um Mitternacht kaum noch ansprechbar“, sagte Andrij. „Wir bringen sie nach achtern. Bei dem Sturm wird niemand etwas sehen.“
„Und wenn sie schreit?“ Natalias Stimme klang weich. Genau dieselbe Frau hatte mich am Morgen noch ihre liebste Tochter genannt.
Andrij lachte leise.
„Sie wird nicht schreien. Ein kleiner Stoß, und das Meer erledigt den Rest.“
Ich presste meine Hand auf den Mund. Der Kompassanhänger schnitt in meine Haut, doch der Schmerz hielt mich bei Bewusstsein.
Dann fragte Mykola: „Und die dreihundert Millionen?“
„Die Vollmacht ist unterschrieben“, sagte Andrij. „Sobald sie als vermisst gilt, wird das Geld auf meine Konten überwiesen.“
Mir wurde schwarz vor Augen.
Aber Mykola war noch nicht fertig.
„Und ihre Eltern?“
Für einen Moment hörte ich nur das Stampfen der Wellen gegen den Rumpf.
Dann sagte Andrij: „Nächste Woche fahren sie über den Bergpass. Unsere Leute kennen die Strecke. Ein Bremsversagen auf vereistem Asphalt, und die ganze Familie Schewtschuk ist erledigt.“
Ich biss mir in die Handfläche, bis ich Blut schmeckte. Sie tranken den Champagner meines Vaters auf der Jacht meines Vaters und planten den Tod meiner gesamten Familie.
Langsam schlich ich zurück in die Kabine. Ich ließ die Tablette unter der Zunge verschwinden, wartete, bis Andrij sich abwandte, und spuckte sie in eine Serviette. Die zweite schob ich unter die Matratze.
„Geht es dir besser?“, fragte er kurz darauf.
Ich ließ meinen Kopf zur Seite sinken.
„Nein“, flüsterte ich.
Er lächelte zufrieden und verließ die Kabine.
Ich nahm mein Telefon. Die Verbindung kam und ging. Deshalb öffnete ich eine neue Nachricht an meinen Vater und stellte die verzögerte Sendung ein. Als Betreff schrieb ich nur ein Wort: „SCHLÜSSEL“.
Wenn ich die Nachricht vor Sonnenaufgang löschte, war ich am Leben. Wenn nicht, würde mein Vater alles erfahren: die Namen, das Geld, die Vollmacht, den Bergpass und die manipulierten Bremsen.
Um 23.37 Uhr öffnete sich die Tür.
Andrij trug bereits eine dunkle Wetterjacke.
„Du brauchst Luft“, sagte er.
Er rüttelte an meiner Schulter, prüfte meine Reaktion und hob mich dann hoch. Ich ließ meinen Körper schlaff werden. Der Kompassanhänger schlug bei jedem Schritt gegen meine Brust.
Wir erreichten den Flur. Draußen peitschte der Wind gegen die Fenster. Vor uns lag die Treppe zum Achterdeck.
Da blieb Andrij plötzlich stehen.
Mykola kam uns entgegen. In seiner Hand hielt er mein Telefon.
Er streckte es seinem Sohn entgegen und sagte: „Ich habe es neben dem Bett gefunden.“…
TEIL 2
Andrij nahm das Telefon, während ich schwer an seiner Schulter hing. Mein Gesicht lag an seiner Wetterjacke, die nach Diesel, Salz und nassem Tauwerk roch. Durch den Stoff spürte ich seinen schnellen Atem.
„Es ist gesperrt“, sagte er gereizt.
Mykola zuckte mit den Schultern.
„Dann wirfst du es zusammen mit ihr ins Meer.“
Ich zwang mich, nicht zu blinzeln. Der Bildschirm war dunkel, doch ich wusste, dass die Nachricht noch immer auf ihren Versand wartete. Weniger als zwanzig Minuten.
Natalia erschien hinter Mykola. Ihr roter Schal flatterte im Luftzug, obwohl alle Fenster geschlossen waren.
„Warum dauert das so lange?“, fragte sie.
„Weil sie ihr Telefon behalten wollte“, zischte Andrij.
„Dann nimm es ihr ab.“
Er steckte es in seine Jackentasche und zog mich weiter. Die erste Treppe schwankte unter unseren Füßen. Ich hörte das Wasser gegen den Rumpf schlagen und dachte an die Worte meines Vaters: Wenn du einmal in Schwierigkeiten bist, suche nicht nach Stärke. Suche nach Zeit.
Also gab ich ihnen Zeit.
Auf der zweiten Stufe ließ ich mein rechtes Bein plötzlich wegknicken.
„Verdammt!“, fluchte Andrij.
Er musste mich loslassen, um die schwere Stahltür zum Achterdeck zu öffnen. Meine Schulter prallte gegen die Wand. Der Schmerz schoss bis in meinen Nacken, aber er brachte meinen Kopf zurück in die Wirklichkeit.
Andrij drückte die Klinke hinunter.
Ich richtete mich auf.
„Andrij.“
Er drehte sich um.
Zum ersten Mal an diesem Abend sah ich ihn mit offenen Augen an.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Du schläfst nicht“, sagte er.
„Nein.“
Hinter ihm klapperte irgendwo eine lose Metallkette. Der Sturm war näher gekommen, und die Jacht neigte sich gefährlich zur Seite.
„Gib mir mein Telefon.“
„Olena, du bist verwirrt.“
„Gib. Es. Mir.“
Mykola trat eine Stufe hinauf. „Hör auf mit diesem Theater.“
Ich zeigte auf Andrijs Tasche.
„Ihr habt über alles gesprochen. Über die Tabletten. Über das Meer. Über meine Eltern.“
Natalia sog scharf die Luft ein.
Andrij hob beide Hände.
„Du hast Fieber. Du weißt nicht, was du sagst.“
„Dann ruf den Kapitän. Lass ihn meine Kabine durchsuchen.“
Sein Blick sprang zu seinem Vater. Nur eine Sekunde. Aber sie genügte.
Ich wusste, dass ich recht hatte.
Andrij zog das Telefon heraus. Genau in diesem Moment leuchtete der Bildschirm auf. Die Verbindung war zurück. Unter dem Betreff „SCHLÜSSEL“ erschien ein kleiner Hinweis: Versand in siebzehn Minuten.
Andrij starrte darauf.
„Was hast du getan?“
„Ich habe meinem Vater geschrieben.“
„Was steht da?“
„Das wirst du bald erfahren.“
Er packte mein Handgelenk. Seine Finger gruben sich in meine Haut.
„Du löschst diese Nachricht.“
„Nein.“
„Olena, hör mir zu. Wenn du jetzt vernünftig bist, können wir alles erklären.“
Ich lachte. Es klang fremd, trocken und viel zu laut in dem schwankenden Flur.
„Du wolltest mich ins Meer werfen.“
„Ich wollte dir helfen.“
„Mit einem Stoß?“
Mykola kam näher.
„Junge Frau, du bist unsere Familie.“
„Nein“, sagte ich. „Ich war eure Beute.“
Natalia begann zu weinen, doch in ihrer Hand glänzte noch immer der Schlüssel zur hinteren Tür.
Andrij zog mich gegen die Wand. Das Holz drückte in meinen Rücken. Sein Gesicht war jetzt ganz nah.
„Du glaubst, dein Vater kann dich retten? Auf offenem Meer gibt es keine Zeugen.“
Ich sah auf die kleine Kompasskapsel an meinem Hals.
„Doch“, sagte ich. „Es gibt immer Zeugen. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.“
Er verstand den Satz nicht. Aber hinter seiner Schulter blinkte plötzlich eine grüne Kontrollleuchte über der Tür.
Die Überwachungskamera.
Andrij folgte meinem Blick. Sein Griff lockerte sich.
„Diese Kamera ist seit Monaten kaputt“, sagte Mykola sofort.
„Dann habt ihr ja nichts zu befürchten“, antwortete ich.
In diesem Augenblick ertönte aus meiner Tasche ein kurzer Signalton. Nicht vom Telefon. Von einem zweiten kleinen Gerät, das ich am Nachmittag in meiner Kabine versteckt hatte.
Andrij riss die Augen auf.
„Was ist das?“
Ich sah ihn an und sagte: „Eine Sicherung.“
Doch bevor ich erklären konnte, was sie gesichert hatte, vibrierte sein Telefon. Er las die eingegangene Nachricht, und seine Knie gaben beinahe nach….
TEIL 3
„Was steht darin?“, fragte Natalia.
Andrij antwortete nicht. Er hielt sein Telefon so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden. Auf dem Bildschirm war eine Nachricht der Bank erschienen: Eine ungewöhnliche Vollmachtsabfrage war erkannt worden. Gleichzeitig hatte mein Vater eine Sicherheitsfreigabe für sämtliche Konten unserer Familie verlangt.
„Du hast gar nichts verschickt“, sagte Andrij zu mir.
„Noch nicht.“
Ich zog mein eigenes Telefon aus seiner Hand. Der Versand der Nachricht war auf zwölf Minuten eingestellt. Die grüne Kontrollleuchte über der Tür blinkte weiter.
„Aber ich habe heute Nachmittag nicht nur eine Nachricht vorbereitet“, sagte ich. „Ich habe die Kamera im Flur wieder einschalten lassen.“
Mykola wurde starr.
„Das ist unmöglich.“
„Mein Vater hat die Jacht gekauft. Er kennt jede Leitung und jede Sicherheitsanlage an Bord.“
Andrij starrte mich an. „Du hast die ganze Zeit so getan, als wärst du krank?“
„Nein. Ihr habt mich krank gemacht.“
Ich zog die Serviette aus meiner Tasche. Darin lag die ausgespuckte Tablette. Daneben hatte ich die zweite, noch unberührte Tablette aus der Matratze genommen.
„Ein Arzt wird feststellen, was darin ist“, sagte ich. „Und die Kamera wird zeigen, wer sie mir gegeben hat.“
Natalia sank auf die unterste Stufe. Ihr roter Schal rutschte von der Schulter.
„Andrij, sag ihr, dass das nicht wahr ist.“
„Halt den Mund!“, schrie er.
Seine Stimme prallte gegen die Stahltür und kam als dumpfes Echo zurück. Zum ersten Mal sah ich Angst in seinem Gesicht, echte Angst, die nichts mit einem Sturm zu tun hatte.
Mykola packte ihn am Arm.
„Wir müssen sie sofort über Bord bringen.“
„Nein“, sagte Andrij.
„Wenn die Nachricht rausgeht, ist alles vorbei.“
„Ich sagte nein!“
Ich wich einen Schritt zurück. Unter meiner Bluse lag der kleine Kompassanhänger auf meiner Haut. Die Nadel zitterte heftig, doch sie fand wieder nach Norden.
„Ihr habt einen Fehler gemacht“, sagte ich. „Ihr habt geglaubt, ich sei allein.“
Andrij sprang vor.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Achterdeck. Nicht durch den Wind. Jemand hatte sie von außen entriegelt.
Der Kapitän stand dort, hinter ihm zwei Besatzungsmitglieder. In seiner Hand hielt er ein Tablet. Auf dem Bildschirm lief die Aufnahme aus dem Flur: Andrijs Stimme, M ykolas Fragen, Natalias Schweigen und der genaue Zeitpunkt, an dem sie über meinen Tod gesprochen hatten.
„Die Kamera war nicht kaputt“, sagte der Kapitän ruhig. „Sie war nur ausgeschaltet. Auf Anweisung Ihres Vaters wurde sie heute Nachmittag wieder aktiviert.“
Andrij wich zurück.
„Das ist gefälscht.“
Der Kapitän drehte den Ton lauter.
Aus dem Lautsprecher erklang Andrijs Stimme: „Ein kleiner Stoß, und das Meer erledigt den Rest.“
Niemand bewegte sich.
Natalia bedeckte ihr Gesicht. Mykola ließ den Arm seines Sohnes los. Andrij sah mich an, als wäre ich plötzlich ein fremder Mensch.
„Olena“, flüsterte er. „Ich kann das erklären.“
„Dann erklär zuerst die Tabletten.“
Der Kapitän nahm einen kleinen Behälter aus einer Tasche. „Der Bordarzt hat die Probe untersucht. Es handelt sich um ein starkes Beruhigungsmittel. In dieser Menge kann es zu Bewusstlosigkeit und Atemstillstand führen.“
Ich hatte gewusst, dass sie mich vergifteten. Aber als der Arzt es laut sagte, wurde mir trotzdem kalt.
Andrij kniete beinahe nieder.
„Ich wollte dich nicht töten.“
„Du hast einen Zeitpunkt genannt.“
„Das war nur Gerede.“
„Und meine Eltern?“
Er schwieg.
Dieses Schweigen war die Antwort.
Mein Telefon vibrierte. Der Countdown zeigte noch acht Minuten. Gleichzeitig erschien eine neue Nachricht von meinem Vater: Die Küstenwache sei informiert und ein Hubschrauber unterwegs.
Ich atmete zum ersten Mal wieder tief ein.
Doch dann trat der Kapitän näher und reichte mir das Tablet.
„Frau Schewtschuk“, sagte er, „es gibt noch etwas. Vor einer Stunde hat jemand von dieser Jacht aus einen Anruf an den Bergführer Ihrer Eltern getätigt. Er wurde nicht von Andrij geführt.“
Ich blickte zu Natalia.
Sie war plötzlich ganz still.
Der Kapitän drehte das Tablet zu mir. Auf dem Anrufprotokoll stand ein Name, den ich seit meiner Kindheit kannte.
Und in diesem Augenblick wusste ich, dass der Mordplan nicht mit meiner Rettung enden würde…
Er hörte seine eigenen Worte – und wurde kreidebleich …
Ich dachte, meine Rettung wäre das Ende. Doch dann entdeckte ich, wer den zweiten Plan ausgelöst hatte. Im letzten Teil musste ich entscheiden, wem ich noch glauben konnte.
„Ein kleiner Stoß, und das Meer erledigt den Rest.“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
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