Ich nannte den gefährlichsten Mann der Stadt aus Versehen „Schatz“ – dann ließ er mein Handy entsperren und enthüllte, warum er mich schon die ganze Nacht beobachtet hatte

 

Ich nannte Roman Gallagher vor vier bewaffneten Männern aus Versehen „Schatz“ – und er lächelte, als hätte ich gerade meinen eigenen Untergang unterschrieben.

Die Luft in der abgeschlossenen Lounge des Onyx-Clubs schmeckte nach teurem Tabak, zerdrückter Minze und schlechten Entscheidungen. Ich hatte seit zehn Stunden gearbeitet. Meine Füße brannten, mein Kopf pochte, und mein Freund David hatte mir zum sechsten Mal geschrieben, ich solle ihm vierzig Dollar für sein angebliches Tonstudio überweisen.

Ich wollte nur den Whisky abstellen und verschwinden.

Doch als das Glas auf dem dunklen Tisch gefährlich ins Rutschen kam, fing ich es im letzten Moment auf und murmelte erschöpft: „Hier, Schatz.“

Die Stille danach war schlimmer als jeder Schrei.

Roman Gallagher hob langsam den Kopf. Die vier Männer hinter ihm griffen beinahe gleichzeitig unter ihre Jacken. Roman musste nur einen Finger heben, und sie erstarrten.

„Sag es noch einmal“, sagte er.

Seine grauen Augen ließen mich nicht los.

„Langsamer.“

Mein Mund war trocken. Ich hätte mich entschuldigen, weinen oder weglaufen können. Stattdessen richtete ich mich auf und sagte: „Es war ein Versehen. Ich bin müde.“

Ein dunkles Lächeln berührte seinen Mund.

„Müde? Und deshalb nennst du bewaffnete Männer gewöhnlich Schatz?“

„Nein. Gewöhnlich schreibt mir nur mein Freund ununterbrochen, wenn er Geld braucht.“

Einer seiner Männer stieß scharf die Luft aus. Roman hingegen schien amüsiert. Er musterte meine zerknitterte Uniform, mein straff gebundenes Haar und die Stelle, an der ich unbewusst mein linkes Bein entlastete.

„Dein Schuh verletzt dich“, stellte er fest.

„Meine Stromrechnung auch.“

Zum ersten Mal verschwand der Spott aus seinem Gesicht. Er befahl mir, mich zu setzen. Dann verlangte er mein Handy.

„Das ist privat“, sagte ich.

„Der Klub ist geschlossen. Gib es mir.“

Mein Finger zitterte, als ich das gesprungene Gerät auf den Tisch legte. Sofort leuchtete Davids Nachricht auf: Schick mir das Geld. Sofort.

Roman las sie, ohne das Handy zu berühren. Sein Blick wurde kalt.

„Du stehst zehn Stunden auf Beton“, sagte er leise, „damit dieser Mann trinken kann.“

„Ich brauche kein Mitleid.“

„Das ist kein Mitleid.“

Er schob mir das Handy entgegen.

„Entsperre es.“

„Warum?“

Roman beugte sich vor. Sein Duft nach Regen, Leder und dunklem Tabak lag plötzlich überall zwischen uns.

„Weil du mich Schatz genannt hast. Und jetzt wirst du David den Mann kennenlernen lassen, der auf diesen Namen antwortet…

TEIL 2

Ich starrte auf das leuchtende Handy, während Roman den Daumen ruhig auf die Tischplatte klopfte.

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„Entsperre es, Nora.“

„Er ist nur ein Versager“, flüsterte ich. „Er hat nichts mit dir zu tun.“

„Er hat dich mit mir an einem Tisch sitzen lassen. Damit hat er sehr wohl etwas mit mir zu tun.“

Meine Finger bewegten sich wie von selbst. Ich gab die vierstellige Nummer ein. Die Nachrichten erschienen: Bitten, Vorwürfe, Drohungen, immer wieder Forderungen nach Geld. Roman las nicht alles. Er drückte auf das Telefonsymbol und stellte das Gerät auf Lautsprecher.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich David.

„Endlich! Hast du überwiesen? Meine Karte wurde abgelehnt.“

Roman nahm das Glas und trank einen Schluck.

„Sie hat nichts überwiesen.“

Am anderen Ende entstand eine Pause.

„Wer bist du?“

„Roman Gallagher.“

David schwieg so lange, dass ich seinen Atem hören konnte.

Roman sprach ruhig, beinahe höflich. Genau das machte seine Worte so gefährlich.

„Du wirst diese Nummer löschen. Du wirst Noras Wohnung vergessen und sie nie wieder um Geld bitten. Wenn du ihr noch einmal schreibst, wirst du sehr schnell verstehen, wie kurz Geduld sein kann.“

David brachte nur ein heiseres „Ja“ hervor. Dann brach die Verbindung ab.

Ich hätte Roman anschreien sollen. Stattdessen spürte ich, wie etwas Schweres aus meiner Brust wich. Zwei Jahre lang hatte David mich ausgesaugt, und nun war es plötzlich still.

„Du hattest kein Recht dazu“, sagte ich.

„Du hast ihn an meinen Tisch gebracht.“

Dann deutete er auf meinen linken Schuh.

„Zieh ihn aus.“

Ich weigerte mich. Roman rief jedoch seinen Mann Hayes, der eine schwarze Tasche mit Verbandszeug brachte. Wenige Minuten später schnitt Roman selbst meine blutige Socke auf. Seine Hände waren rau, aber erstaunlich vorsichtig. Als das Desinfektionsmittel brannte, biss ich die Zähne zusammen.

„Du lässt Menschen dich ausnehmen“, sagte er. „Du entschuldigst dich sogar, wenn du selbst blutest.“

„Ich überlebe.“

„Ab heute nicht mehr auf diese Weise.“

Er klebte einen Verband auf meine Ferse und ließ mein Bein erst los, als ich ihn wieder ansah.

„Du arbeitest ab morgen direkt für mich.“

Ich lachte kurz, weil die Angst keinen anderen Ausweg fand.

„Ich schenke Getränke aus.“

„Du beobachtest Menschen. Du bemerkst, wer lügt, wer zittert und wer etwas versteckt. Heute hast du einen Mann an Tisch acht beschrieben, ohne seinen Namen zu kennen.“

Roman zog ein Bündel Geldscheine aus seiner Jacke und legte es neben mein gesprungenes Handy.

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„Dreitausend Dollar. Für die Schulden, die Miete und deine Zeit.“

„Und wenn ich Nein sage?“

Sein Lächeln verschwand.

„Das wirst du nicht.“

Am nächsten Morgen brachte Hayes mir maßgefertigte Schuhe und ein schwarzes Telefon mit nur einem gespeicherten Kontakt. Am Abend saß ich in Romans gepanzertem Wagen. Er zeigte mir das Foto eines nervösen Stadtprüfers.

„Er kommt heute in die oberen Räume“, sagte Roman. „Du empfängst ihn. Beobachte seine Hände.“

Dann öffnete er eine dünne Akte, und ich sah darin etwas, das mir das Blut aus dem Gesicht trieb…

TEIL 3

In der Akte lag ein Foto von Thomas Keely, dem Stadtprüfer, den ich am Vorabend an Tisch acht bedient hatte. Neben seinem Bild befanden sich Kopien von Überweisungen, Namen und genaue Uhrzeiten.

„Er hat Geld von meinem Stellvertreter verlangt“, sagte Roman. „Heute kommt er, um die Beweise verschwinden zu lassen.“

„Und warum brauche ich dafür neue Schuhe?“

Roman sah mich lange an.

„Weil du in einem Raum voller Männer die Einzige bist, die sie unterschätzen.“

Der Aufzug brachte uns in den dritten Stock. Ich trug die schwarzen Lederschuhe, die Hayes mir gebracht hatte. Kein Schmerz. Kein Rutschen. Zum ersten Mal seit Jahren bewegte ich mich, ohne an meine Füße zu denken.

Keely kam sieben Minuten später. Er lächelte zu breit, schwitzte am Hals und hielt seinen Mantel mit der linken Hand geschlossen. Ich nahm ihn entgegen und spürte sofort etwas Hartes im Innenfutter.

„Darf ich Ihren Mantel aufhängen?“, fragte ich.

„Nein.“

Seine Augen wanderten nicht zu Roman, sondern zur Überwachungskamera über dem Aufzug.

Ich stellte ihm ein Glas hin. Er nahm es nicht. Stattdessen legte er einen Umschlag auf den Tisch. Das Papier war grau und versiegelt.

„Eine neue Vereinbarung“, sagte er. „Wenn Herr Gallagher unterschreibt, ist alles erledigt.“

Ich betrachtete das Siegel. Es war falsch. Die grüne Farbe war zu glänzend, und die Prägung saß einen Millimeter zu tief. Außerdem roch der Umschlag nach dem gleichen Lösungsmittel wie die Streifen, die ich am Vorabend auf den Servietten von Tisch acht bemerkt hatte.

Ich sah Roman an und sagte: „Er bringt nicht nur einen Vertrag.“

Keely griff in seinen Mantel.

Hayes zog seine Waffe, doch Roman hob die Hand. Ich trat einen Schritt zurück und riss den Umschlag vom Tisch. Darin steckte kein Vertrag, sondern ein kleiner Speicher und eine Liste mit Namen von Polizisten, Gewerkschaftern und Romans eigenem Buchhalter.

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Keely hatte geplant, Roman mit gefälschten Aufnahmen zu erpressen. Doch Roman besaß bereits die vollständige Überwachung des Vorabends. Seine Leute hatten außerdem Keelys Überweisungen an die richtigen Behörden geschickt.

Als die Ermittler eintrafen, war Keely blass. Sein Stellvertreter wurde ebenfalls festgenommen. Roman hingegen übergab alle Unterlagen, die seine Familie belasteten, seinem Anwalt. Zum ersten Mal sah ich, dass er nicht nur ein Mann war, der Angst verbreitete. Er wusste auch, wann er seine eigene Macht begrenzen musste.

Wochen später leitete ich die privaten Räume des Klubs. Ich bezahlte meine Schulden, kündigte meine alte Wohnung und kaufte mir eine Wohnung mit großen Fenstern. David schrieb noch einmal. Ich löschte die Nachricht, ohne zu zittern.

Roman blieb gefährlich. Aber er behandelte mich nicht länger wie eine Beute. Er ließ mich Verträge lesen, Fragen stellen und jederzeit gehen.

Eines Abends stellte ich ihm wieder ein Glas hin.

„Hier, Schatz“, sagte ich absichtlich.

Sein grauer Blick wurde weich.

„Noch einmal“, murmelte er.

Diesmal lächelte ich zuerst. Ich hatte nicht den Käfig gewechselt. Ich hatte gelernt, den Schlüssel selbst zu halten.

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