TEIL 4 — Mein Mamas neuer Freund verschwand jeden Sonntag vor dem Nachtisch, doch als meine Tochter ihm folgte, verlor er plötzlich jede Farbe

 

TEIL 4

Es war Noras Pflegemutter.

Richard sagte ihren Namen: Sabine Krüger.

Mama ließ das Telefon fallen. Es prallte auf den Teppich, und der Bildschirm sprang in einem feinen Spinnennetz auseinander.

– Sie hat Nora verraten? – fragte Chloe.

– Wahrscheinlich wurde sie dazu gezwungen – sagte Richard. – Aber wir dürfen keine Zeit verlieren.

Ich hörte, wie er eine Tür zuschlug.

– Clara, bleiben Sie im Haus. Die Polizei kommt in wenigen Minuten.

– Nein.

– Was meinen Sie mit nein?

– Ich gehe nicht zum Güterbahnhof. Aber ich bleibe auch nicht hier und warte, bis Viktor entscheidet, was mit uns passiert.

Mama stand auf. Ihr rotes Kleid zitterte an den Knien.

– Ich komme mit dir.

– Mama…

– Dieser Mann hat mich sechs Monate lang angelogen. Aber er hat ein Kind gerettet. Ich werde nicht so tun, als wäre mir das egal.

Draußen heulte plötzlich eine Sirene auf.

Die beiden Männer am Gartenweg drehten sich um. Einer rannte zum Wagen, der andere schlug noch einmal gegen die Tür.

– Sie haben die Polizei gerufen! – brüllte er.

– Und jetzt wissen Sie, dass Ihre Zeit vorbei ist – sagte ich, obwohl meine Knie weich wurden.

Der Mann wich zurück.

Drei Streifenwagen bogen in unsere Straße ein. Blaue Lichter zuckten über die Hecke, die Regentropfen und den zerbrochenen Kuchenteller auf der Terrasse.

Viktor kam nicht weit.

Ein Polizist holte ihn neben dem Briefkasten ein. Der zweite Mann wurde am Wagen zu Boden gebracht. Keiner von ihnen hatte mit einem Streifenwagen gerechnet, weil sie geglaubt hatten, Richard würde uns einschüchtern lassen.

Er hatte sich geirrt.

Eine Beamtin nahm die Aktentasche entgegen.

– Wo ist die Jugendliche? – fragte sie.

– Am alten Güterbahnhof – sagte ich. – Oder sie wollen, dass wir das glauben.

Die Beamtin sah mich an.

– Warum?

Ich zeigte auf die Aufnahme.

– Weil sie wissen, dass Richard Beweise besitzt. Und weil sie uns von der Polizei weglocken wollten.

Richard kam zehn Minuten später. Er war nass bis auf die Haut. Auf seiner Stirn klebte ein schmaler Schnitt, und in seiner Hand hielt er sein Telefon wie eine Waffe.

– Nora ist nicht am Güterbahnhof – sagte er. – Sie wurde aus der Pflegestelle in einen Lieferwagen gebracht. Eine Kamera hat ihn vor sieben Minuten aufgenommen.

Die Polizei leitete sofort eine Fahndung ein.

Viktor begann zu schreien.

– Ihr habt keine Beweise! Dieses Mädchen ist krank! Richard manipuliert sie!

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Ein Beamter setzte ihm Handschellen an.

– Wir haben Ihre Stimme, Ihre Kontonummern, die Erklärung des Mädchens und die Aufnahmen der Überwachungskameras.

Viktor lachte noch.

– Das reicht niemals.

Sein Anwalt erschien kurz vor Mitternacht auf der Wache. Er hörte sich die Aufnahme an, blieb bei einer Stelle stehen und nahm die Brille ab.

– Herr Salinger, haben Sie diese Unterhaltung geführt?

– Sie ist zusammengeschnitten.

– Ihre Stimme nennt Ihren eigenen Zugangscode.

– Das ist unmöglich.

Der Anwalt schob ihm Kopfhörer hin.

Viktor setzte sie auf.

Zum ersten Mal hörte er seine eigenen Worte von außen.

„Sie gehört mir.“

„Niemand wird dir glauben.“

„Dann sorge ich dafür, dass sie diese Aussage nie wiederholt.“

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

Er nahm die Kopfhörer ab.

– Schalten Sie das aus.

– Sie haben es selbst gesagt – antwortete der Anwalt. – Ich kann Sie nicht vertreten, wenn Sie mich anlügen.

– Sie müssen mich da herausholen!

– Nein. Ich muss verhindern, dass Sie mich mit hineinziehen.

Am nächsten Morgen fanden Ermittler Nora in einem verlassenen Lagerraum am Stadtrand. Sie war erschöpft, hatte aber keine schweren Verletzungen. Sabine Krüger saß neben ihr und weinte.

Sie behauptete, Viktor habe ihren Sohn bedroht, wenn sie nicht gehorche. Die Polizei glaubte ihr nicht sofort, aber die Nachrichten auf ihrem Telefon bestätigten ihre Aussage.

Nora wollte nur eine Person sehen.

Richard.

Als er den Untersuchungsraum betrat, sprang sie auf und fiel ihm um den Hals.

– Du bist gekommen.

– Natürlich bin ich gekommen.

– Ich dachte, er hätte dich erwischt.

Richard schloss die Augen.

– Nicht heute.

Ich stand in der Tür und sah zu, wie er das Mädchen festhielt. In diesem Moment verstand ich, warum seine Aktentasche so schwer gewesen war. Nicht wegen des Geldes. Nicht wegen der Akten.

Wegen all der Angst, die er jeden Abend mit sich trug.

Später saßen Mama und Richard in einem kleinen Raum der Polizeiwache. Zwischen ihnen stand Kaffee in Pappbechern. Mama hatte ihren roten Lippenstift längst verwischt.

– Du hättest mir vertrauen müssen – sagte sie.

– Ich weiß.

– Ich hätte vielleicht helfen können.

– Genau davor hatte ich Angst. Ich wollte nicht, dass Viktor erfährt, dass es dich gibt.

Mama sah lange auf seine Hände.

– Du hast mich nicht beschützt, Richard. Du hast für mich entschieden.

Er senkte den Kopf.

– Das stimmt.

– Ich weiß noch nicht, ob ich dir verzeihen kann.

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– Das musst du heute nicht.

Es war das erste Mal, dass er keine Ausrede suchte.

In den folgenden Wochen brach Viktors sorgfältig aufgebautes Leben auseinander. Die Ermittler fanden weitere Betroffene, gefälschte Vollmachten und Konten, auf die Geld von älteren Menschen überwiesen worden war. Nora sagte vor Gericht aus, diesmal hinter einer geschützten Trennwand.

Viktor wurde wegen Freiheitsberaubung, Erpressung und Betrugs verurteilt.

Richard wurde nicht angeklagt. Er hatte Nora ohne offizielle Genehmigung versteckt, aber seine Aufnahmen und die Aussagen der Nachbarn bewiesen, dass er sie vor unmittelbarer Gefahr geschützt hatte. Trotzdem sagte die Richterin zu ihm:

– Sie haben das Gesetz selbst in die Hand genommen.

Richard nickte.

– Ja. Und ich würde es wieder tun.

Mama saß hinter ihm. Sie nahm nicht seine Hand.

Aber sie blieb.

Drei Monate später zog Nora in eine kleine Wohnung bei uns in der Nähe. Sie begann eine Ausbildung in einer Gärtnerei. Am ersten Tag brachte sie Mama einen Topf mit weißen Primeln.

– Damit du etwas hast, das weiterwächst – sagte sie.

Mama stellte die Blumen auf die Fensterbank und weinte so leise, dass Nora es fast nicht bemerkte.

Ich hatte inzwischen eine neue Arbeit in einer Beratungsstelle für ältere Menschen angenommen. Ich half dort Frauen und Männern, ihre Konten zu prüfen, bevor jemand sie um ihr Geld brachte.

Jeden Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad durch unsere Straße. Im Briefkasten lagen Rechnungen, Werbung und manchmal ein handgeschriebener Zettel von Nora.

„Heute keine Angst gehabt.“

Oder:

„Die Primeln blühen noch.“

Mama und Richard waren nicht sofort wieder ein Paar. Vertrauen kam nicht zurück wie ein verlorener Schlüssel. Es musste neu gemacht werden, Tag für Tag.

Er erzählte ihr endlich alles. Von seiner Tochter, die an einer Krankheit gestorben war. Von Nora, die er nach dem Tod seiner Tochter beinahe zu spät gefunden hatte. Von den Nächten über der Werkstatt und den Sonntagen, an denen er im Flur auf die Uhr gesehen hatte, weil ein Mädchen auf ihn wartete.

Mama hörte zu.

Manchmal stellte sie Fragen.

Manchmal ging sie früher nach Hause.

Aber an einem kalten Novemberabend lud sie ihn wieder zum Essen ein.

Er kam um sechs.

Um halb acht stand er nicht auf.

Um acht auch nicht.

– Der Kuchen wird kalt – sagte Mama.

– Dann bleibe ich eben, bis er wieder warm ist – antwortete Richard.

Chloe lachte zum ersten Mal seit jenem Geburtstag darüber.

Ein halbes Jahr später kam noch eine Nachricht von Viktor. Sie wurde über seinen Anwalt geschickt.

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Er schrieb, er habe sich verändert. Er wolle Nora sehen. Er wolle auch Mama um Verzeihung bitten. Am Ende stand: „Wir könnten wieder eine Familie sein.“

Ich las die Nachricht zweimal und löschte sie dann nicht.

Ich druckte sie aus und legte sie zu den Gerichtsunterlagen. Nicht, weil ich ihn zurückwollte. Sondern weil ich gelernt hatte, dass man Beweise nicht wegwirft, nur weil jemand plötzlich freundlich klingt.

Am Abend ging ich mit Chloe und Nora durch den Garten. Der erste Schnee fiel, obwohl die Primeln noch blühten.

Nora trug einen dunkelgrünen Schal. Chloe hatte ihr den Schal gestrickt, mit viel zu langen Fransen.

Auf der Bank lag Richards alte Aktentasche. Die Polizei hatte sie zurückgegeben. Die silberne Schnalle war zerkratzt, und der kleine rote Reißverschluss klemmte noch immer.

Mama wollte sie wegwerfen.

Ich tat es nicht.

Ich legte die Tasche in den Schuppen, neben die Gartenschaufeln und die Kiste mit den Blumenzwiebeln. Nicht als Erinnerung an die Lügen, sondern an den Abend, an dem wir aufgehört hatten, die Angst für andere zu tragen.

Nora kam zu mir und fragte:

– Glaubst du, dass irgendwann alles wirklich vorbei ist?

Ich sah auf den Schnee, der sich auf der alten Tasche sammelte.

– Nein – sagte ich. – Aber irgendwann gehört dein Morgen wieder dir.

Sie nahm meine Hand.

Hinter uns lachte Mama. Aus dem Haus duftete es nach Kaffee und Schokoladenkuchen.

Die Aktentasche blieb geschlossen.

Zum ersten Mal war darin nichts verborgen.

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