TEIL 4 — Meine Schwiegermutter wollte uns bis zum Morgen aus unserer Wohnung werfen, doch als ich die Schlüssel nahm, verlor sie plötzlich ihre Überlegenheit

TEIL 4

Ich hielt das Telefon ans Ohr und sagte nichts.

Im Flur roch es nach Metallstaub und frisch geöltem Werkzeug. Der Schlüsseldienst hatte den neuen Zylinder gerade festgeschraubt. Der kupferne Kompass an meinem Schlüsselanhänger lag schwer in meiner Hand.

„Wer sind Sie?“, fragte ich.

„Mein Name ist Viktor Beljajew. Ich war bis gestern Antons Anwalt.“

Elena trat näher und bedeutete mir, den Lautsprecher einzuschalten.

„Bis gestern?“, fragte sie.

„Er hat mich gebeten, eine Erklärung vorzubereiten, wonach Frau Morosowa freiwillig auf ihren Anteil verzichtet. Ich habe erst gestern erfahren, dass die Unterschrift gefälscht war.“

„Und warum rufen Sie jetzt an?“, fragte ich.

Am anderen Ende herrschte ein kurzes Schweigen.

„Weil Anton heute Morgen versucht hat, die Wohnung zu verkaufen. Und weil er behauptet, Sie hätten die Unterlagen gestohlen.“

Ich sah auf die alte Schließzylinderhälfte, die der Handwerker auf ein Tuch gelegt hatte. Sie war voller Kratzer.

„Hat er das wirklich gesagt?“

„Wörtlich.“

Elena nahm mir das Telefon aus der Hand.

„Herr Beljajew, schicken Sie uns alles, was Sie haben. Schriftlich. Noch heute.“

„Das werde ich tun. Aber Sie sollten wissen, dass Anton nicht nur diese Erklärung vorbereitet hat.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Was noch?“, fragte ich.

„Er hat bei einer Bank einen Kredit beantragt und dabei angegeben, alleiniger Eigentümer der Wohnung zu sein.“

Ich setzte mich auf die schmale Bank im Eingangsbereich.

Anton hatte vor drei Monaten gesagt, er brauche Geld für eine neue Werkstatt. Ich hatte ihm geglaubt. Ich hatte sogar meinen Notgroschen angeboten.

„Wie viel?“, fragte ich.

„Vier Millionen Rubel.“

Elena fluchte leise. Es war das erste Mal, dass ich sie so hörte.

Am Nachmittag trafen wir uns in einem kleinen Besprechungsraum beim Notar. Die Fenster waren beschlagen, auf dem Tisch stand eine Schale mit hart gewordenen Pfefferminzbonbons, und Viktor Beljajew saß uns gegenüber, ohne seine Aktentasche abzulegen.

„Ich habe Anton vertreten, weil seine Mutter mich empfohlen hat“, sagte er. „Aber als ich die Bankunterlagen sah, verstand ich, dass er mich ebenfalls benutzt hatte.“

„Warum sollte ich Ihnen glauben?“, fragte ich.

„Das müssen Sie nicht. Hören Sie die Datei.“

Er schob sein Telefon über den Tisch.

Wieder erklang Antons Stimme.

„Wenn die Bank auszahlt, ist alles erledigt. Katja merkt erst etwas, wenn die Mahnungen kommen.“

Eine zweite Stimme fragte: „Und wenn sie nicht unterschreibt?“

„Dann lässt Mutter sie aus der Wohnung bringen. Sie hat keinen Einfluss und keine Familie hier.“

Ich schloss die Augen.

Nicht, weil ich überrascht war. Sondern weil ich in diesem Moment endlich aufhörte, nach einer Entschuldigung für ihn zu suchen.

Viktor stoppte die Aufnahme.

„Ich habe die Vollmacht niedergelegt. Die Bank wurde informiert. Der Antrag ist gesperrt.“

„Und die Anzeige?“, fragte ich.

„Die müssen Sie stellen. Ich kann Ihnen nur die Unterlagen geben.“

Ich sah zu Elena.

„Ich stelle sie.“

Meine Stimme zitterte. Aber sie brach nicht.

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Noch am selben Abend stand Anton vor der neuen Tür. Er trug keinen Mantel, obwohl es draußen schneite. Schneeflocken schmolzen auf seinen Haaren und liefen ihm über die Stirn.

„Lass mich rein“, sagte er.

„Nein.“

„Katja, wir müssen reden.“

„Wir haben geredet. Du hast nur geglaubt, ich würde mich später nicht daran erinnern.“

Er legte beide Hände gegen die Tür.

„Ich habe Fehler gemacht.“

„Du hast Entscheidungen getroffen.“

„Meine Mutter hat mich unter Druck gesetzt.“

Hinter ihm erschien Nadeschda Semjonowna. Sie trug denselben Mantel wie am Morgen. An ihrem Ärmel hing noch immer der Faden meiner Vorhangbordüre.

„Du zerstörst unsere Familie“, sagte sie.

„Nein“, erwiderte ich durch die geschlossene Tür. „Ich beende nur die Lüge, die ihr Familie genannt habt.“

Anton lachte plötzlich. Nervös. Hart.

„Du glaubst, du gewinnst, weil du die Schlösser ausgetauscht hast?“

„Nein.“

„Was dann?“

Ich öffnete die Tür nur einen Spalt. Die Sicherheitskette blieb eingehakt.

„Ich gewinne nicht gegen euch. Ich gehe nur nicht mehr unter, damit ihr schwimmen könnt.“

Er sah mich an, als hätte ich eine fremde Sprache gesprochen.

Am nächsten Morgen fand das Gespräch statt, das Elena angekündigt hatte. Nicht in unserer Wohnung, sondern in einem nüchternen Raum der Polizeiwache. Anton saß auf der einen Seite des Tisches, Nadeschda Semjonowna neben ihm. Viktor Beljajew saß hinter mir. Elena legte ein Aufnahmegerät in die Mitte.

„Sie kennen diese Stimme?“, fragte der Ermittler.

Anton verschränkte die Arme.

„Das ist eine private Unterhaltung.“

„Ihre Stimme?“, fragte der Ermittler erneut.

„Ja.“

„Ihre Worte?“

Anton schwieg.

Der Ermittler drückte auf Wiedergabe.

„Katja merkt erst etwas, wenn die Mahnungen kommen.“

Die Stimme erfüllte den Raum.

Anton hörte sich selbst zu. Nicht als Ehemann, nicht als Sohn, nicht als Mann, der angeblich einen Fehler gemacht hatte. Nur als jemand, der über mich sprach, während ich für ihn das Abendessen kochte und seine Hemden bügelte.

Als die Aufnahme endete, hob er den Kopf.

„Ich war verzweifelt.“

„Sie waren berechnend“, sagte der Ermittler.

Nadeschda Semjonowna schluchzte.

„Er wollte doch nur die Familie retten.“

„Welche Familie?“, fragte ich leise. „Die, in der einer alles entscheidet und alle anderen bezahlen?“

Niemand antwortete.

Die gefälschte Verzichtserklärung wurde als Beweismittel beschlagnahmt. Der Kreditantrag wurde annulliert. Gegen Anton wurde wegen Urkundenfälschung und Betrugsverdachts ermittelt. Nadeschda Semjonowna erhielt eine Aufforderung, die Wohnung nicht mehr zu betreten. Sie musste nicht ins Gefängnis, und ich empfand darüber keine Freude.

Ich wollte nur, dass sie aufhörten, mein Leben anzufassen.

Anton zog vorübergehend zu einem Freund. Zwei Wochen später unterschrieb er die Scheidungspapiere. Er versuchte noch einmal, mit mir über eine „faire Lösung“ zu sprechen.

„Du kannst die Wohnung behalten“, sagte er.

„Sie war nie deine, um sie mir zu schenken.“

„Dann verkauf sie und gib mir meinen Anteil.“

„Das klären die Anwälte.“

„Du bist kalt geworden.“

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„Nein“, sagte ich. „Ich bin nur nicht mehr verfügbar für deine Angst.“

Am schwersten war nicht die Anzeige.

Am schwersten war der Abend, an dem Elena mir die vollständige Aufnahme vorspielte. Sie wollte, dass ich jedes Wort hörte, damit später niemand behaupten konnte, ich hätte etwas missverstanden.

Ich saß in meinem Arbeitszimmer. Die Lampe warf einen gelben Kreis auf den Tisch. Neben dem Laptop lag der kupferne Kompass, und aus der Küche drang das gleichmäßige Ticken der Wanduhr.

Antons Stimme sagte: „Sie wird schon jemanden finden, der sie aufnimmt.“

Ich hörte diesen Satz und sah gleichzeitig unser erstes gemeinsames Zimmer vor mir, die Matratze auf dem Boden, zwei Pappbecher auf der Fensterbank und Anton, der damals gesagt hatte: „Wir bauen uns etwas Eigenes.“

Ich hatte geglaubt, er meine ein Zuhause.

Er hatte vielleicht von einem Geschäft gesprochen.

Elena schaltete die Aufnahme aus.

„Du musst das nicht noch einmal hören“, sagte sie.

„Doch.“

„Warum?“

Ich legte die Hand auf den Kompass.

„Weil ich mich sonst irgendwann frage, ob ich zu streng war.“

Elena setzte sich mir gegenüber.

„Und jetzt?“

„Jetzt weiß ich, dass ich zu lange freundlich war.“

Am nächsten Tag räumte ich Antons Sachen aus dem Schlafzimmer. Ich warf nichts weg. Ich legte alles ordentlich in Kartons: Hemden, Bücher, Ladegeräte, die alte Armbanduhr seines Vaters.

Dann blieb ich vor dem leeren Regal stehen.

Dort hatte unser Hochzeitsfoto gestanden. Anton hatte es mitgenommen, aber der helle rechteckige Abdruck an der Wand war geblieben. Ich strich darüber. Der Staub blieb an meinen Fingerspitzen kleben.

Das war alles, was von diesem Bild übrig war.

Ein heller Fleck.

Drei Monate später arbeitete ich wieder regelmäßig. Ich nahm ein kleines Atelier im Erdgeschoss eines Hauses in Petrogradskaja, mit hohen Fenstern und einem Heizkörper, der jeden Morgen klopfte. Ich entwarf Innenräume für Cafés und Wohnungen. Keine riesigen Aufträge mehr, bei denen ich Tag und Nacht arbeitete, sondern Projekte, die mir Zeit ließen, zu essen, zu schlafen und auf mich selbst zu hören.

Meine Freundin Elena kam oft nach Feierabend vorbei. Wir tranken Tee aus ungleichen Tassen und sprachen über alles, nur nicht über Anton.

Nadeschda Semjonowna meldete sich zunächst täglich. Dann jeden zweiten Tag. Dann gar nicht mehr.

Einmal schickte sie mir eine Sprachnachricht.

„Katja, du hast meinen Sohn gegen mich aufgehetzt. Eines Tages wirst du verstehen, was du angerichtet hast.“

Ich löschte sie nicht sofort. Ich hörte sie ein letztes Mal an.

Danach drückte ich auf Löschen.

Der erste Schnee fiel Anfang Dezember. Ich saß im Atelier auf dem Boden und sortierte Farbkarten, als meine kleine Nichte Mascha hereinkam. Sie war sechs Jahre alt und trug eine gelbe Mütze mit zwei viel zu langen Bändern.

„Katja, warum hast du keine Bilder von Anton mehr?“, fragte sie.

Ich legte die Farbkarten beiseite.

„Weil manche Bilder nur zeigen, wie etwas einmal aussah.“

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Mascha dachte darüber nach.

„Und was soll jetzt hier hängen?“

Ich gab ihr ein Blatt Papier.

„Such du es aus.“

Sie malte ein Haus mit drei Fenstern, einer roten Tür und einer Sonne, die größer war als das Dach. Auf die Tür zeichnete sie einen winzigen goldenen Punkt.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Ein Schlüssel“, sagte sie. „Damit nur gute Menschen reinkommen.“

Ich musste lächeln.

„Dann brauchen wir einen sehr guten Schlüssel.“

Am Abend befestigte ich die Zeichnung neben meinem Arbeitstisch. Darunter hing der kleine kupferne Kompass. Der Lack war an einer Stelle abgeplatzt, aber die Nadel bewegte sich noch immer zuverlässig nach Norden.

Im Januar kam Antons letzte Nachricht.

Ich war gerade dabei, die Fensterläden im Atelier zu schließen, als mein Telefon auf dem Tisch vibrierte.

„Ich habe eine neue Wohnung gefunden“, schrieb er. „Wir könnten uns treffen. Nur ein Gespräch. Ohne Anwälte.“

Eine zweite Nachricht folgte.

„Ich vermisse dich.“

Ich las beide Sätze. Dann blickte ich auf Maschas Zeichnung und auf den Kompass.

Ich tippte: „Ich wünsche dir, dass du lernst, mit deinen Entscheidungen zu leben. Aber ich komme nicht zurück.“

Er antwortete sofort.

„Du liebst mich also nicht mehr?“

Ich legte das Telefon weg.

Früher hätte ich erklärt, getröstet, verhandelt. Ich hätte versucht, seine Enttäuschung kleiner zu machen als meine eigene.

Diesmal ließ ich die Nachricht unbeantwortet.

Draußen fiel Schnee auf den Innenhof. Die neue Wohnungstür schloss leise, ohne zu klemmen. Ich prüfte den Schlüssel einmal, dann steckte ich ihn in die Tasche.

Der kupferne Kompass lag warm in meiner Hand.

Zum ersten Mal zeigte er nicht den Weg zurück.

Er zeigte nach vorn.

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