
„Mama, hör auf!“ Anton trat aus dem Schlafzimmer, doch seine Stimme klang nicht wie der Protest eines Ehemanns. Sie klang wie die Bitte eines Jungen, der hoffte, zwei streitende Erwachsene würden ihn verschonen.
Nadeschda Semjonowna drehte sich langsam zu ihm um. Der Gürtel ihres geblümten Morgenmantels hing schief, und an ihrem Handgelenk klapperte ein schweres Messingarmband, das sie angeblich von ihrer Mutter geerbt hatte.
„Du hältst dich da raus“, sagte sie. „Diese Frau hat dich gegen deine eigene Familie aufgehetzt.“
Ich stellte die Kaffeetasse auf den Tisch. Meine Finger waren ruhig. Nur unter meinem Brustbein schlug mein Herz so hart, als wollte es ausbrechen.
„Welche Familie meinen Sie?“, fragte ich. „Die, die seit drei Monaten in unserer Wohnung lebt, ohne einen einzigen Einkauf zu bezahlen? Oder die, die meinen Schreibtisch ausgeräumt und meine Kundenunterlagen in den Keller gestellt hat?“
„Das ist auch meine Wohnung!“
„Nein“, sagte ich. „Sie gehört Anton und mir.“
Für einen Moment war es still. Durch das gekippte Fenster drang das Kreischen einer Straßenbahn vom Kanal herauf. Es war kurz nach halb elf an einem Mittwochabend, und die feuchte Luft roch nach Regen und kaltem Stein.
Nadeschda Semjonowna lachte trocken.
„Anton hat mir etwas anderes gesagt.“
Ich sah zu meinem Mann. Er war blass geworden.
„Was hast du ihr gesagt?“
„Katja, bitte nicht jetzt.“
„Wann dann?“
Er strich sich über den Nacken. Dort war eine rote Druckstelle von seinem Hemdkragen. Eine winzige, lächerliche Einzelheit, an der ich mich festhielt, damit ich nicht vor ihm zusammenbrach.
„Meine Mutter bleibt nicht auf der Straße“, murmelte er.
„Niemand wirft sie auf die Straße. Sie hat eine eigene Wohnung in Pskow.“
„Die ist unbewohnbar.“
„Weil sie sie seit einem Jahr vermietet.“
Seine Mutter schlug mit der flachen Hand auf die Lehne des Sessels.
„Ich habe dich großgezogen! Und jetzt soll ich mich von dieser undankbaren Person vertreiben lassen?“
„Sie haben mich nicht vertrieben“, sagte ich. „Sie haben mich vor einer Stunde im Bad eingeschlossen.“
Antons Kopf fuhr herum.
„Was?“
„Sie hat den Schlüssel von außen gedreht. Sie sagte, ich solle dort über meine schlechte Erziehung nachdenken.“
„Das war ein Versehen“, fauchte Nadeschda Semjonowna.
„Sie haben danach den Schlüssel in Ihre Tasche gesteckt.“
Ihre Hand schloss sich um das Messingarmband. Die Glieder schlugen gegeneinander wie kleine Metallzähne.
Anton ging zum Fenster und sah hinaus, als könnte er dort eine Antwort finden. Ich beobachtete seinen Rücken und verstand plötzlich, dass er schon lange wusste, wie weit seine Mutter gehen würde. Er war nur davon ausgegangen, dass ich irgendwann nachgab.
„Wir reden morgen“, sagte er.
„Nein“, erwiderte ich. „Wir reden heute.“
Ich stand auf und ging zum Flur. Neben dem Spiegel hing unser Schlüsselbrett. Früher hatte dort ein kleiner roter Holzfisch gehangen, den ich aus Murmansk mitgebracht hatte. Nadeschda Semjonowna hatte ihn vor zwei Wochen abgenommen, weil er angeblich billig aussah.
Unter dem Brett lag mein schwarzer Lederschlüsselanhänger. Darauf war ein winziger kupferner Kompass befestigt, ein Geschenk meines Vaters zu meinem ersten eigenen Atelier. Ich nahm ihn in die Hand.
„Was machst du?“, fragte Anton.
Ich sah ihn an.
„Du hast gerade gehört, dass wir bis zum Morgen verschwinden sollen.“
„Katja…“
„Dann soll bis zum Morgen wenigstens jemand verschwunden sein.“
Nadeschda Semjonowna trat einen Schritt auf mich zu.
„Wag es nicht, mich anzufassen!“
„Das werde ich nicht.“
Ich zog mein Telefon aus der Tasche und wählte eine Nummer, die ich seit dem Nachmittag immer wieder angesehen hatte, ohne den Mut zu finden, sie anzurufen. Am anderen Ende meldete sich Elena, meine frühere Studienkollegin und inzwischen Rechtsanwältin.
„Ist es passiert?“, fragte sie sofort.
Ich blickte auf Anton, auf seine Mutter und auf den Schlüsselbund in meiner Hand.
„Ja“, sagte ich. „Es ist passiert.“
Elena schwieg kurz.
Dann sagte sie: „Öffne die blaue Mappe. Aber gib sie Anton noch nicht.“
Ich kniete mich vor das unterste Fach des Wohnzimmerschranks. Meine Hand glitt unter die Tischdecke, tastete nach dem verborgenen Verschluss und fand ihn. Als das Fach aufsprang, streckte sich hinter mir bereits jemand nach meinem Arm…
TEIL 2
Als ich mich umdrehte, stand Anton direkt hinter mir. Seine Finger schlossen sich um meinen Unterarm, nicht fest genug, um einen blauen Fleck zu hinterlassen, aber fest genug, um mir zu zeigen, dass die höfliche Fassade endgültig verschwunden war.
„Gib mir die Mappe“, sagte er.
Seine Mutter war zwei Schritte hinter ihm. Das Messingarmband an ihrem Handgelenk funkelte im gelben Licht der Stehlampe.
„Du hast mich gerade angefasst“, sagte ich.
Anton ließ mich los. Sofort.
„Ich wollte nur verhindern, dass du etwas tust, was du später bereust.“
„Das bereue ich bereits. Ich bereue, dass ich dir geglaubt habe.“
Elena blieb am Telefon. Ihre Stimme war ruhig, obwohl ich das Rascheln von Papier hörte.
„Katja, geh nicht näher zu ihnen. Stell das Telefon auf Lautsprecher.“
„Du hast eine Anwältin eingeschaltet?“, fragte Anton.
„Ich habe eine Freundin angerufen, bevor ich dich um Erlaubnis gefragt habe.“
„Das ist lächerlich.“
„Dann solltest du keine Angst vor einer Mappe haben.“
Seine Mutter machte einen Schritt nach vorn.
„Diese Wohnung wurde mit dem Geld meines Sohnes gekauft.“
„Das stimmt nicht“, sagte ich.
„Natürlich stimmt es. Er hat mir die Überweisungen gezeigt.“
Ich sah Anton an. In seinem Gesicht lag etwas, das ich nicht einordnen konnte. Nicht Empörung. Nicht Überraschung.
Angst.
„Welche Überweisungen?“, fragte ich.
Er antwortete nicht.
Elena sagte: „Katja, nimm die Mappe und geh ins Arbeitszimmer.“
Ich zog sie aus dem Fach. Sie war dunkelblau, an den Ecken abgewetzt, und auf dem Rücken klebte noch ein winziger Fleck weißer Wandfarbe von unserem Umbau. Ich hatte sie dort versteckt, nachdem mir am Nachmittag ein Brief der Bank aufgefallen war, der nicht an mich, sondern nur an Anton adressiert gewesen war.
„Du hast meine Post geöffnet“, sagte er.
„Nein. Deine Mutter hat sie auf den Küchentisch gelegt. Sie wollte, dass ich sehe, wie wenig ich angeblich zu dieser Ehe beigetragen habe.“
Nadeschda Semjonowna hob das Kinn.
„Ich wollte dich zur Vernunft bringen.“
„Sie wollten mich einschüchtern.“
„Du hast keinen Grund, dich zu fürchten, wenn alles sauber ist“, sagte Elena aus dem Lautsprecher.
Anton starrte auf das Telefon.
„Wer sind Sie überhaupt?“
„Jemand, der die Eigentumsunterlagen gelesen hat.“
Seine Mutter wurde plötzlich still.
Ich ging ins Arbeitszimmer. Die Wanduhr zeigte 22.47 Uhr. Auf meinem Zeichenbrett lag eine halbfertige Zeichnung für ein Café am Newskij-Prospekt. Der Bleistift war abgebrochen, und auf der Fensterbank stand die kleine Tasse mit dem eingetrockneten Pinselwasser.
„Katja, komm zurück“, rief Anton.
„Nein.“
„Wir können das klären.“
„Du hattest drei Monate Zeit.“
Ich legte die blaue Mappe auf den Schreibtisch. Darin lagen die Kaufurkunde, die Kontoauszüge meiner verstorbenen Eltern, eine notarielle Erklärung und ein USB-Stift, den Elena mir am Nachmittag gebracht hatte.
„Was ist auf dem Datenträger?“, fragte Anton.
„Das wirst du gleich hören.“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Du hast mich aufgenommen?“
„Nicht ich“, sagte Elena. „Die Aufnahme stammt aus dem Treppenhaus. Und bevor du fragst: Sie wurde nicht heimlich von Katja gemacht.“
Nadeschda Semjonowna griff nach ihrer Handtasche.
„Ich gehe.“
„Sie bleiben“, sagte ich.
„Du kannst mir nichts befehlen.“
„Noch nicht.“
Das Wort hing zwischen uns. Anton nahm sein Telefon aus der Hosentasche. Es vibrierte. Einmal. Zweimal. Dann hörte es auf.
„Wer ruft an?“, fragte ich.
„Niemand.“
Elena atmete hörbar ein.
„Katja, schließ die Wohnungstür ab, sobald sie hinausgeht. Und ruf morgen früh den Schlüsseldienst. Nicht vorher.“
„Warum nicht vorher?“
„Weil du erst sehen musst, wer offiziell Zugang hat.“
Ich öffnete die Mappe. Zwischen den Kontoauszügen lag ein gefaltetes Blatt, das ich noch nie gesehen hatte. Oben stand mein vollständiger Name. Darunter eine Unterschrift, die meiner verblüffend ähnlich sah.
Anton sagte hinter mir: „Leg das hin.“
Ich drehte mich um.
„Warum?“
Er antwortete nicht. Seine Mutter begann zu weinen, aber ihre Augen blieben trocken.
Dann erschien auf meinem Telefon eine neue Nachricht von einer unbekannten Nummer. Nur ein Satz war darin zu lesen: Wenn Sie heute Nacht die Schlösser austauschen, wird Ihr Mann morgen alles verlieren. Ich las ihn zweimal, und Elena sagte plötzlich: „Katja, mach die Tür zum Arbeitszimmer zu.“
Im selben Augenblick knarrte draußen der Boden, und jemand steckte einen Schlüssel ins Schloss…
TEIL 3
Der Schlüssel drehte sich nicht. Elena hatte rechtzeitig angerufen, und der Hausmeister hatte den äußeren Riegel vorgeschoben. Trotzdem hörte ich, wie jemand draußen fluchte.
Anton wurde schlagartig ruhig.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Er sah zur Wohnungstür. Seine Mutter presste die Handtasche gegen den Bauch.
„Ein Bekannter“, sagte er.
„Um 23.16 Uhr?“
„Er wollte etwas abholen.“
Elena sagte: „Spiele jetzt die Aufnahme ab.“
Ich steckte den USB-Stift in meinen Laptop. Das Gerät summte. Dann erklang Antons Stimme aus den kleinen Lautsprechern, aufgenommen in einem Café, offenbar vor zwei Wochen.
„Wenn Katja unterschreibt, ist die Wohnung praktisch unser Familienvermögen“, sagte die Stimme.
Nadeschda Semjonownas Stimme antwortete: „Sie unterschreibt, wenn du ihr mit einer Scheidung drohst.“
„Und wenn nicht?“
„Dann lassen wir sie glauben, sie sei gar keine Eigentümerin. Sie hat doch keine Ahnung von den Unterlagen.“
Ich stand völlig still. Meine Hand lag auf der blauen Mappe, und unter meinen Fingern spürte ich den rauen Rand der Wandfarbe.
Die Aufnahme lief weiter.
„Das Geld von ihrem Vater reicht für die Restschuld“, sagte Anton. „Wenn wir sie aus dem Grundbuch drängen, können wir verkaufen. Danach bekommt Mutter die größere Wohnung.“
„Und Katja?“
„Sie wird schon jemanden finden, der sie aufnimmt.“
Ein Stuhl schabte über den Boden. Dann sagte Nadeschda Semjonowna: „Sie hat dich nie verdient.“
Die Aufnahme endete.
Niemand sprach.
Ich hörte nur den Kühlschrank in der Küche und meinen eigenen Atem. Anton hatte den Blick gesenkt. Seine Mutter hielt das Messingarmband so fest, dass die Glieder in ihre Haut schnitten.
„Das ist geschnitten“, sagte Anton schließlich.
„Nein“, antwortete Elena. „Die vollständige Datei liegt bei einem Notar und bei der Polizei. Außerdem wurde sie von der Überwachungskamera des Cafés bestätigt.“
„Du hast mich ausspioniert!“
„Ich habe dich gehört“, sagte ich. „Und jetzt höre ich dich noch einmal.“
Anton trat auf mich zu.
„Katja, ich war wütend. Ich habe Dinge gesagt.“
„Du hast geplant, mich aus meiner eigenen Wohnung zu drängen.“
„Es war nicht so gemeint.“
„Was genau war nicht so gemeint? Dass du mein Erbe verkaufen wolltest? Dass du mich für dumm gehalten hast? Oder dass du deine Mutter in unser Schlafzimmer einziehen lassen wolltest?“
Nadeschda Semjonowna fuhr herum.
„Anton, sag ihr, dass du das nicht tun wolltest!“
Er öffnete den Mund. Kein Ton kam heraus.
Ich schlug die Kaufurkunde auf.
„Mein Vater überwies die gesamte Anzahlung. Hier ist die Bankbestätigung. Die Wohnung gehört uns beiden zu gleichen Teilen. Und diese angebliche Verzichtserklärung trägt zwar meinen Namen, aber nicht meine Unterschrift.“
Elena sagte: „Der Gutachter hat das bereits bestätigt. Anton hat die Erklärung bei einem Makler eingereicht. Damit ist es kein Familienstreit mehr.“
Seine Mutter wich zurück und stieß gegen den Sessel.
„Du willst deinen eigenen Mann anzeigen?“
„Ich will nicht länger für seine Entscheidungen haften.“
Draußen im Treppenhaus klopfte der Hausmeister. Neben ihm stand ein Polizist, den Elena offenbar ebenfalls verständigt hatte. Anton sah zur Tür und begriff, dass die Nacht nicht mehr ihm gehörte.
„Wir können reden“, flüsterte er.
„Morgen“, sagte ich. „Mit Zeugen.“
Nadeschda Semjonowna nahm ihren Mantel vom Haken. Am Stoff hing ein Faden meiner alten Vorhangbordüre, den sie beim Umräumen abgerissen hatte. Sie bemerkte ihn nicht.
Als sie hinausging, blieb Anton stehen.
„Katja, wenn du die Schlösser austauschst, hast du keinen Ehemann mehr.“
Ich sah auf den kleinen kupfernen Kompass an meinem Schlüsselanhänger.
„Vielleicht hatte ich den schon seit Monaten nicht mehr.“
Er ging mit seiner Mutter. Die Tür fiel ins Schloss.
Am nächsten Morgen kam der Schlüsseldienst um 7.05 Uhr. Ich übergab ihm die alten Schlüssel und sah zu, wie der neue Zylinder eingesetzt wurde. Elena stand neben mir und hielt die unterschriebenen Eigentumsunterlagen.
„Jetzt kann niemand mehr ohne deine Zustimmung hinein“, sagte sie.
Mein Telefon klingelte. Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Frau Morosowa?“, fragte eine fremde Männerstimme. „Ich vertrete Ihren Mann. Sie müssen wissen, dass Anton nicht der Einzige ist, der in dieser Sache getäuscht wurde. Die Person, die Ihnen die Aufnahme gegeben hat, hat selbst einen Vertrag unterschrieben…“
Anton hörte seine eigene Stimme und wurde kreidebleich…
Ich dachte, die Wahrheit würde mir nur die Wohnung retten.
Doch sie stellte mein ganzes bisheriges Leben infrage.
„Du warst nie ihre Ehefrau, Katja. Du warst ihr Ausweg.“
Anton senkte den Kopf.
😱 ENTDECKE, WAS SIE VERBORGEN HABEN →
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