TEIL 4 — Meine Schwiegermutter verweigerte meiner Großmutter jede Hilfe und verlangte am nächsten Morgen wieder Geld von mir

TEIL 4

— …Galina Petrowna, sagte der Polizist. — Aber sie behauptet, nicht Galina Petrowna zu sein.

Für einen Moment hörte ich nur meinen eigenen Atem.

Alexej sprang auf.

— Mama ist zu Hause.

— Nein, sagte ich. — Sie ist es nicht.

Der Steuerberater nahm seine Brille ab.

— Was bedeutet das?

Ich dachte an den Ordner meiner Großmutter, an den Schlüssel mit dem Eichenanhänger und an den Namen auf den Überweisungen.

— Dass sie uns die ganze Zeit noch etwas verschwiegen hat.

Eine Stunde später standen wir vor Galinas Wohnung. Die Haustür war nur angelehnt. Im Flur brannte das Licht, obwohl es draußen noch hell war.

Auf dem Boden lag ihr bordeauxroter Koffer.

Der silberne Verschluss war abgerissen.

— Mama! rief Alexej.

Keine Antwort.

Im Schlafzimmer waren die Schranktüren offen. Auf dem Bett lag ein Reisepass, daneben eine Fahrkarte und ein Umschlag mit Bargeld.

Die Wohnung roch nach ihrem schweren Parfüm und nach kaltem Rauch.

Mein Telefon klingelte.

— Frau Berger, sagte der Polizist, wir haben Ihre Schwiegermutter am Bahnhof gefunden. Sie wollte in einen Zug steigen. Bei ihr waren mehrere Ausweise und Unterlagen auf einen anderen Namen.

Alexej sank auf die Bettkante.

— Einen anderen Namen?

— Wir klären das gerade. Aber Sie müssen wissen, dass Ihre Mutter bereits vor Jahren wegen Betrugs verurteilt wurde. Sie hat damals unter einem anderen Familiennamen gearbeitet.

Alexej presste beide Hände gegen sein Gesicht.

— Warum wusste ich davon nichts?

Ich antwortete nicht.

Weil Galina ihm vermutlich immer genau die Geschichte erzählt hatte, in der er der hilflose Sohn und alle anderen die Feinde waren.

Am Abend kam ihr Rechtsanwalt in unsere Wohnung. Er war ein schmaler Mann mit einer Aktentasche aus abgewetztem Leder. Kaum hatte er die Kontoauszüge gesehen, schloss er die Tasche wieder.

— Ich vertrete Frau Petrowna nicht mehr, sagte er.

— Sie können sie doch nicht einfach fallen lassen, fuhr Alexej ihn an.

— Ich kann sehr wohl ein Mandat niederlegen, wenn mein Auftraggeber mich über Vermögenswerte und Identität getäuscht hat.

— Was hat sie Ihnen verschwiegen?

Der Anwalt sah mich an.

— Dass sie die Wohnung nicht nur gemietet, sondern unter falschem Namen einen Kaufvertrag vorbereiten ließ. Ihre Mutter wollte die Mietzahlungen als Beleg benutzen, um einen Kredit zu erhalten.

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Mir wurde schwindlig.

— Und meine Unterschrift?

— Sollte offenbar beweisen, dass Sie für den Kredit haften.

Alexej stand auf.

— Ich wusste davon nichts.

Der Anwalt öffnete seine Aktentasche wieder und legte einen kleinen Lautsprecher auf den Tisch.

— Dann sollten Sie sich anhören, was Sie selbst gesagt haben.

Eine Aufnahme begann.

Alexejs Stimme. Müde, gereizt, unverkennbar.

„Elena wird schon unterschreiben. Wenn sie glaubt, ich verlasse sie, bekommt sie Angst. Sie hängt doch an der Familie.“

Alexej wurde vollkommen still.

Ich sah ihn an.

— Wann hast du das gesagt?

— Ich… ich weiß es nicht.

— Du hast es selbst gehört.

— Ich war wütend.

— Nein. Du warst überzeugt, dass meine Angst dir gehört.

Die Aufnahme lief weiter.

„Die Großmutter ist nur ein Problem. Wenn die Operation verschoben wird, kann Elena nicht weg. Sie muss das Geld behalten.“

Alexej schaltete den Lautsprecher aus.

— Ich wollte nicht, dass sie stirbt.

— Aber du warst bereit, das Risiko einzugehen.

Er weinte nicht. Das wäre vielleicht leichter gewesen. Er stand einfach da und hörte zum ersten Mal seine eigenen Worte von außen.

Am nächsten Morgen stellte ich meine Tasche ins Auto. Nicht viel. Zwei Pullover, die Unterlagen, die Fotos meiner Großmutter und der Schlüssel mit dem Eichenanhänger.

Alexej wartete im Hausflur.

— Bleib, sagte er.

— Wohin soll ich bleiben?

— Bei mir.

— Du hast mich nicht beschützt.

— Ich kann mich ändern.

— Vielleicht. Aber nicht mehr neben mir.

Er griff nach meinem Arm, hielt aber kurz vor meiner Haut inne.

— Was wird jetzt aus uns?

— Das entscheidest nicht mehr du allein.

Die Polizei fand Galina noch am selben Tag am Bahnhof. Sie hatte in einem Schließfach die Originalunterlagen versteckt. Darunter lag auch die Tasche mit dem Geld, das von meinem Konto verschwunden war.

Der gefälschte Vertrag wurde untersucht. Die Überweisungen wurden zurückverfolgt. Die Klinik bestätigte schriftlich, dass ich die Operation meiner Großmutter niemals abgesagt hatte.

Es gab Gespräche, Vernehmungen und viele Formulare.

Ich war bei keinem davon glücklich.

Aber ich war frei.

Alexej versuchte zunächst, alles auf seine Mutter zu schieben. Dann legte man ihm die Aufnahme erneut vor. Er hörte, wie er mich eine Frau nannte, die man mit Angst lenken konnte.

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Diesmal senkte er den Kopf.

— Ich habe geglaubt, ich hätte keine Wahl, sagte er.

— Jeder hat eine Wahl, antwortete ich. — Auch wenn sie einem später nicht gefällt.

Meine Großmutter überstand die Operation. Drei Wochen später saß ich mit ihr am Fenster ihrer kleinen Wohnung. Auf der Heizung trocknete ein Paar Wollsocken. Im Topf kochte Suppe, und an der Scheibe liefen Regentropfen hinunter.

— Du siehst müde aus, sagte sie.

— Ich schlafe wieder besser.

— Das ist etwas anderes.

Ich lächelte.

— Ja.

Im April begann ich in einem kleinen Buchhaltungsbüro zu arbeiten. Es war keine glänzende Stelle, aber ich bekam jeden Abend meinen eigenen Schlüssel und musste niemandem erklären, warum mein Geld mir gehörte.

Ich zog in eine helle Wohnung am Rand der Stadt. Im Wohnzimmer stand ein Tisch aus hellem Holz. Neben der Tür hing ein kleiner Haken für Schlüssel.

Den Eichenanhänger befestigte ich dort.

Nicht als Erinnerung an Galina.

Als Erinnerung daran, dass ich mich selbst zurückgeholt hatte.

Im Juni besuchte mich meine Großmutter. Sie brachte einen Käsekuchen mit, der an einer Seite verbrannt war. Wir aßen ihn trotzdem.

— Weißt du, was dein Großvater immer gesagt hat? fragte sie.

— Dass man einen Vertrag niemals unterschreibt, wenn jemand dabei schreit?

Sie lachte.

— Auch das. Aber er sagte außerdem: Ein Zuhause ist der Ort, an dem du nicht um Erlaubnis bitten musst, du selbst zu sein.

Ich sah zum Fenster. Auf dem Innenhof malte ein Nachbarskind mit Kreide ein Haus. Es hatte vier gelbe Fenster und eine rote Tür.

— Dann habe ich jetzt ein Zuhause, sagte ich.

— Ja.

Alexej schrieb mir noch einmal im Herbst. Keine langen Erklärungen. Nur drei Seiten, auf denen er von Therapie, Reue und einer neuen Wohnung erzählte.

Am Ende stand: „Wenn du möchtest, können wir noch einmal anfangen.“

Ich legte den Brief neben die ungeöffnete Post.

Am nächsten Morgen antwortete ich.

„Ich wünsche dir, dass du ein besserer Mensch wirst. Aber ich werde nicht mehr der Ort sein, an dem du das übst.“

Dann schickte ich den Brief ab.

Galina wurde wegen Urkundenfälschung, Betrugs und der unrechtmäßigen Verwendung meines Kontos angeklagt. Ich musste nicht triumphieren, um zu wissen, dass die Wahrheit ihren Weg gefunden hatte.

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Die Wohnung am Stadtpark wurde gekündigt. Der Vermieter entschuldigte sich bei mir und gab mir die Kaution zurück.

Ich nahm sie nicht für neue Möbel.

Ich zahlte damit die letzten Schulden für die Operation meiner Großmutter.

Als im Dezember der erste Schnee fiel, stand ich in meiner Küche und füllte Tee in die alte Thermoskanne. Die Kappe war an einer Seite gesprungen. Ich hatte sie trotzdem behalten.

Auf dem Tisch lag der Eichenanhänger, den ich vom Schlüssel abgenommen hatte. Er war zerkratzt, an einer Stelle dunkel vom Wasser und vom jahrelangen Anfassen.

Meine Großmutter rief aus dem Wohnzimmer:

— Elena, soll ich den Kuchen anschneiden?

— Ja, Oma. Ich komme.

Ich nahm den Anhänger in die Hand, spürte seine kleinen Kerben und steckte ihn an meinen neuen Wohnungsschlüssel.

Dann öffnete ich die Tür zum hellen Flur.

Diesmal wartete niemand dahinter, der mir drohte, alles wegzunehmen.

Ich war zu Hause.

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