TEIL 4 — Nach dem Tod meiner Schwester beschuldigte man mich vor allen Gästen – doch als der Bestatter ihre Hand sah, erstarrte er

TEIL 4

…Krüger sah auf die Uhr. Es war 11 Uhr 17, als die Tür des Untersuchungsraums erneut aufging.

Eine Laborleiterin trat ein. Ihr Gesicht war gerötet, und in ihrer Hand hielt sie eine durchsichtige Beweistasche.

– Die Probe wurde nicht entwendet – sagte sie. – Aber jemand hat sich als Frau Hartmann ausgegeben.

Mein Herz blieb für einen Schlag stehen.

– Wer?

– Eine junge Frau. Sie trug eine Kapuze und zeigte einen gefälschten Ausweis. Als der Sicherheitsdienst sie aufhielt, sagte sie, sie müsse das Kind retten.

Nora richtete sich auf.

– Welches Kind?

Die Laborleiterin legte den Bericht vor mich.

Das Ergebnis bestätigte, dass Markus der Vater von Linas ungeborenem Kind war. Doch die Untersuchung enthielt noch eine zweite Information: Lina hatte die Probe nicht für ein ungeborenes Kind hinterlegt, sondern für ihren sechsjährigen Sohn Leo.

Leo lebte seit seiner Geburt bei einer Pflegefamilie in einer anderen Stadt.

Lina hatte ihn nie verlassen wollen. Markus hatte sie dazu gezwungen. Er hatte behauptet, ein Verfahren gegen ihn könne dem Jungen schaden, und ihr gedroht, dafür zu sorgen, dass sie Leo niemals wiedersehe.

Die gefälschte Ausweisinhaberin war seine Schwester Clara.

– Sie hat versucht, die Probe verschwinden zu lassen – sagte Krüger. – Und sie sitzt gerade im Vernehmungsraum.

Markus hatte geglaubt, noch immer die Kontrolle zu besitzen.

Er irrte sich.

Am Nachmittag hörte er im Nebenraum zum ersten Mal seine eigene Stimme. Die Ermittler spielten die Aufnahme nicht für ihn ab, um ihn zu quälen. Sie spielten sie ab, weil sein Anwalt behauptet hatte, das Gerät sei manipuliert.

– Ich wollte nur, dass sie still ist.

Der Satz hallte durch den Raum.

Markus starrte auf den Lautsprecher.

– Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.

– Welcher Zusammenhang macht diesen Satz besser? – fragte Dr. Reuter.

Markus öffnete den Mund. Kein Wort kam heraus.

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Sein Anwalt legte den Stift auf den Tisch.

– Ich werde Sie nicht weiter vertreten.

– Sie können mich nicht einfach verlassen.

– Doch. Und ich rate Ihnen, ab jetzt zu schweigen.

Markus schlug mit der Hand gegen die Tischplatte. Der Plastikbecher fiel um, Kaffee lief über die Ausdrucke. Zum ersten Mal sah er nicht mächtig aus. Nur wie ein Mann, der begriff, dass jedes Versteck verschwunden war.

Clara gestand noch am selben Abend. Sie hatte Markus geholfen, Linas Wohnung zu betreten, den schwarzen Beutel zu verstecken und eine Nachricht auf meinem Telefon zu löschen. Sie sagte, ihr Bruder habe ihr versprochen, Leo werde später bei ihr leben.

– Ich wusste nicht, dass er Lina töten würde – weinte sie.

– Aber du wusstest, dass er sie bedrohte – sagte ich.

Clara senkte den Kopf.

– Ja.

Die Staatsanwaltschaft stellte die Anklage drei Monate später fertig. Markus wurde wegen Totschlags, schwerer Nötigung, Betrugs und Fälschung angeklagt. Clara erhielt eine Bewährungsstrafe, weil sie umfassend aussagte. Ich empfand keine Genugtuung.

Nur Müdigkeit.

Am Tag, an dem die Polizei Linas Wohnung endgültig freigab, ging ich allein hinein. Die Luft war abgestanden. Auf dem Tisch lag noch die Tasse mit dem Sprung am Rand. Im Schlafzimmer war der Platz neben dem Schrank leer, an dem Lina immer ihre Tasche abgestellt hatte.

Im Kinderzimmer fand ich eine Fotografie.

Leo, sechs Jahre alt, mit einem viel zu großen roten Pullover und einem Papiermond in der Hand. Auf die Rückseite hatte Lina geschrieben: „Eines Tages erzähle ich dir alles.“

Ich setzte mich auf den Boden und weinte, bis es draußen dunkel wurde.

Zwei Wochen später traf ich Leo in einem hellen Raum der Pflegefamilie. An der Wand hingen Kinderzeichnungen, auf dem Tisch stand eine Schale mit Apfelschnitzen.

Leo blieb in der Tür stehen.

– Bist du Eva?

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– Ja.

– Mama hat gesagt, du magst den Mond.

Ich zeigte ihm den Messinganhänger.

Er berührte ihn vorsichtig mit einem Finger.

– Hat Mama ihn dir geschenkt?

– Als ich so alt war wie du.

– Dann bist du meine Familie?

Ich musste schlucken.

– Wenn du möchtest, ja.

Er dachte lange nach. Dann nahm er meine Hand.

– Ich möchte.

In den folgenden Monaten zog Leo zu mir nach Falkenried. Wir strichen sein Zimmer grün, obwohl er zuerst gelb wollte. Er stellte seine Schuhe jeden Abend ordentlich nebeneinander und ließ trotzdem seine Bauklötze überall liegen. Morgens arbeitete ich wieder in der Stadtbibliothek. Nachmittags holte ich ihn ab, und wir gingen am Fluss entlang, selbst wenn es regnete.

Leo begann, jeden Freitag einen Mond zu zeichnen. Manche waren schief. Einer hatte ein Gesicht und drei Arme.

– Der ist für Mama – erklärte er.

– Warum drei Arme?

– Damit sie uns beide halten kann.

Der Prozess dauerte vier Tage. Ich musste aussagen. Markus saß hinter seiner Verteidigerin und vermied meinen Blick. Als die Aufnahme abgespielt wurde, hörte ich, wie er wieder leiser wurde.

– Ich wollte nur, dass sie still ist.

Diesmal war der Saal voll.

Niemand sah zu mir.

Alle sahen ihn an.

Das Gericht verurteilte Markus zu zwölf Jahren Haft. Es ordnete außerdem an, dass er keinen Kontakt zu Leo aufnehmen durfte. Die Stiftung erhielt ihr Geld zurück, weil die gefälschten Überweisungen nachgewiesen wurden. Linas Name wurde aus den Akten der Pflegebehörde gestrichen, in denen sie als freiwillig abwesend geführt worden war.

An dem Abend nach dem Urteil rief Markus trotzdem an.

Ich nahm nicht ab.

Er schrieb eine Nachricht: „Du hast gewonnen. Lass mich Leo einmal sehen.“

Ich löschte sie nicht sofort. Ich las sie dreimal.

Dann antwortete ich: „Leo braucht keinen Mann, der seine Mutter zum Schweigen brachte. Er braucht Sicherheit. Die bekommt er jetzt.“

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Ich blockierte seine Nummer.

Ein halbes Jahr später fiel der erste Schnee. Leo und ich standen vor unserer Wohnung und hängten Papiersterne ins Fenster. Er trug den roten Pullover aus dem Foto, obwohl die Ärmel inzwischen zu kurz waren.

– Eva, dein Mond ist kalt – sagte er.

Ich nahm den Anhänger vom Hals und legte ihn in seine Hand.

– Dann wärmen wir ihn gemeinsam.

Er schloss die Finger darum und lächelte.

Hinter uns brannte Licht im Kinderzimmer. Auf dem Fensterbrett lag seine neueste Zeichnung: zwei Menschen unter einem großen, schiefen Mond.

Ich befestigte den Anhänger wieder an meiner Kette.

Diesmal schnitt seine Kante nicht in meine Haut.

Der Mond blieb bei uns.

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