Um drei Uhr morgens rief mich der Ermittler Grigori Korsakow an und sagte, unter den Fenstern einer Moskauer Prachtwohnung liege ein Mädchen, das niemand vermissen wollte.
Ich saß damals noch in meiner kleinen Dienstwohnung in der Nähe des Arbat. Auf dem Tisch stand eine Tasse Tee, längst kalt, daneben mein schwarzer Richterhammer, den ich jeden Abend in eine Schublade legte. Als das Telefon klingelte, sprang ich so hastig auf, dass die Tasse umfiel und der Tee über die Akten lief.
— Genossin Sokolowa, ich brauche Sie morgen früh bei der ersten Vernehmung, sagte Korsakow. — Das ist kein gewöhnlicher Fall.
— Ein Mord?
Am anderen Ende blieb es kurz still.
— Vielleicht. Vielleicht etwas, das noch schlimmer ist.
Um vier Uhr zehn traf ich ihn vor der hohen Wohnanlage an der Sokolnitscheskaja-Uferstraße. Die Sommernacht war drückend heiß, und der Geruch von heißem Asphalt vermischte sich mit dem süßen Duft der Linden. Zwischen den Fliederbüschen standen zwei Milizwagen. Ein Hausmeister hielt seine zerknitterte Schirmmütze in beiden Händen.
Das Mädchen lag auf einer Decke, die niemand über sie gelegt hatte. Ihre dünne Bluse war zerrissen, an ihrem linken Handgelenk zeichnete sich ein dunkler Ring ab. Neben ihrer Wange lag ein kleiner roter Haarspangenkäfer aus lackiertem Blech, zerbrochen, aber noch erkennbar.
Ich hatte viele Tote gesehen. Doch dieses Gesicht verfolgte mich sofort.
— Sie ist höchstens neunzehn, sagte Korsakow. — Keine Papiere. Keine Tasche. Nichts, womit wir ihren Namen finden könnten.
— Und die Wohnung?
Er hob den Blick zum siebten Stock. Hinter einem Fenster glühte eine Zigarette. Der rote Punkt bewegte sich nicht.
— Nummer siebenundvierzig. Dort wurde gefeiert.
Am nächsten Morgen um acht Uhr standen wir vor der Tür dieser Wohnung. Das Holz war dunkel poliert, der Messinggriff glänzte wie frisch geputzt. Dahinter hörte ich Glas klirren.
Ein junger Mann öffnete. Er trug ein weißes Hemd, dessen Kragen mit einer schmalen goldenen Nadel befestigt war. Die Nadel stellte einen springenden Hirsch dar. Ich merkte mir dieses kleine Zeichen, obwohl ich noch nicht wusste, warum.
— Wer sind Sie? fragte er.
— Ermittler Korsakow. Und Richterin Sokolowa. Wir untersuchen den Tod einer jungen Frau.
— Dann untersuchen Sie woanders.
— In dieser Wohnung wurde gestern Nacht eine Feier veranstaltet, sagte Korsakow. — Wir müssen eintreten.
Der junge Mann lächelte.
— Mein Vater wird davon erfahren.
— Das wird er, antwortete ich. — Aber erst, nachdem wir drinnen waren.
Er hieß Roman Lwowitsch Tarchow, studierte an einem Institut für internationale Beziehungen und war der Sohn eines Fabrikdirektors. In der Wohnung schliefen drei weitere Männer. Auf dem Teppich lagen leere Flaschen, zerbrochene Gläser und ein einzelner Damenschuh.
In der Küche fand Korsakow einen Mantel, dessen Ärmel an einer Stelle aufgerissen war. Roman griff danach, doch der Ermittler war schneller.
— Wem gehört er?
— Keine Ahnung.
— Sie haben doch gerade noch behauptet, niemand sei hier gewesen.
Roman sah mich an. Zum ersten Mal war sein Gesicht nicht überheblich, sondern angespannt.
— Es waren Gäste. Wir kennen nicht alle Namen.
— Die jungen Frauen auch nicht? fragte ich.
Er strich über die goldene Hirschnadel an seinem Kragen.
— Sie kamen freiwillig.
— Alle?
Roman antwortete nicht.
Korsakow nahm aus einer Schublade ein kleines Tonbandgerät, das er von einem Techniker bekommen hatte. Die Spule war noch warm. Er legte es auf den Küchentisch, und aus dem Lautsprecher drang zunächst nur Rauschen. Dann hörten wir eine Frauenstimme, heiser vor Angst.
— Bitte, lassen Sie mich gehen…
Roman wurde kreidebleich.
Korsakow griff nach einer braunen Aktenmappe, die unter dem Tisch lag, und zog sie langsam hervor. Seine Hand blieb auf dem Verschluss liegen. Dann klopfte es an der Wohnungstür…
TEIL 2
Dann klopfte es an der Wohnungstür.
Roman fuhr herum. Einer der schlafenden Männer stieß im Nebenzimmer einen Fluch aus, und irgendwo fiel ein Löffel zu Boden. Das Klopfen kam erneut, diesmal härter.
— Niemand öffnet, sagte Roman.
Korsakow nahm die Aktenmappe an sich.
— Sie sind nicht in der Lage, mir Befehle zu geben.
Ich stellte mich neben ihn. Unter meinen Fingern fühlte sich der Rand der Mappe rau an, als hätte jemand sie oft mit schmutzigen Händen angefasst.
— Öffnen Sie die Tür, Roman, sagte ich. — Oder wir tun es.
Er wich zurück. Im Flur erschien ein Mann um die fünfzig, geschniegelt, mit einem hellen Mantel und einem Siegelring am kleinen Finger.
— Ich bin der Vater des jungen Mannes, sagte er. — Sie haben hier nichts verloren.
— Ihr Sohn steht im Verdacht, an einem schweren Verbrechen beteiligt zu sein, antwortete Korsakow.
Der Fabrikdirektor sah mich an.
— Sie sind die Richterin?
— Ja.
— Dann wissen Sie, wie leicht ein Leben zerstört werden kann, wenn man sich von Gerüchten leiten lässt.
— Und Sie wissen offenbar, wie leicht ein Leben zerstört werden kann, wenn man glaubt, über dem Gesetz zu stehen.
Seine Lippen wurden schmal.
— Ich würde an Ihrer Stelle vorsichtiger sprechen.
— Ich spreche nicht vorsichtig, wenn ein Mädchen tot im Gebüsch liegt.
Im selben Augenblick kam aus dem Wohnzimmer ein leises Wimmern. Wir fanden hinter einem Vorhang eine junge Frau, die sich in eine Decke gewickelt hatte. Ihr Kleid war am Hals eingerissen. Sie hielt einen zerknitterten Fahrschein in der Faust und zitterte so stark, dass die Papierkante zwischen ihren Fingern flatterte.
— Wie heißen Sie? fragte ich.
— Lida.
— Nachname?
Sie blickte zu Roman.
— Sagen Sie es ihr, knurrte er. — Sie ist eine Freundin.
— Ich bin keine Freundin, flüsterte Lida. — Ich wollte gehen.
Roman machte einen Schritt auf sie zu.
— Du solltest besser überlegen, was du sagst.
Ich stellte mich zwischen sie.
— Noch einen Schritt, und Sie verbringen die Nacht in Gewahrsam.
Lida presste den Fahrschein gegen ihre Brust. Ich sah die roten Druckstellen an ihrem Hals und spürte, wie mir die Hände kalt wurden.
— Die Tote hieß Nadeschda, sagte sie. — Sie arbeitete in einer Näherei. Sie wollte nur nach Hause.
— Was geschah?
Lida schluckte.
— Roman sagte, niemand dürfe die Wohnung verlassen, bevor das Spiel vorbei sei. Die Männer lachten. Nadeschda weinte. Sie sagte, sie habe einen Bruder, der sie erwarte.
— Und dann? fragte Korsakow.
— Dann nahm Boris ihr die Tasche weg. Witali schloss die Tür ab. Roman sagte, sie solle nicht so tun, als sei sie etwas Besonderes.
Der Vater des jungen Mannes hob warnend die Hand.
— Das reicht. Dieses Mädchen ist hysterisch.
— Nein, sagte Lida. — Ich war nicht hysterisch. Ich habe alles gehört.
Korsakow schaltete das Tonbandgerät ein. Die Aufnahme war undeutlich, aber Romans Stimme war klar genug.
— Wenn du schreist, fliegst du genauso wie die andere.
Roman starrte auf das Gerät.
— Das ist eine Fälschung.
— Ihre Stimme erkennt jeder im Raum, sagte ich.
Der Vater zog Korsakow zur Seite.
— Sie wissen nicht, mit wem Sie sich anlegen.
— Doch, sagte Korsakow. — Mit einem Vater, der seinen Sohn für unantastbar hält.
Am Nachmittag brachte man mich in den Keller des Präsidiums. Dort lag die Tote auf einem Metalltisch. Der Gerichtsmediziner fand Fasern unter ihren Fingernägeln, Blutergüsse an beiden Oberarmen und eine feine Holzspur an ihrem Rücken. Diese Spur stammte nicht vom Fensterrahmen, sondern von einer geschnitzten Truhe aus Romans Wohnung.
— Sie hat sich gewehrt, sagte der Arzt.
— Dann kannte sie ihren Mörder, antwortete ich.
In der Nacht besuchte mich Lidas Mutter. Sie trug einen abgewetzten Stoffbeutel und hielt darin die Arbeitskarte ihrer Tochter, als wäre sie ein heiliger Gegenstand.
— Sie haben Angst, sagte ich.
— Natürlich habe ich Angst. Aber noch mehr Angst habe ich davor, dass meine Tochter morgen als leichtfertiges Mädchen bezeichnet wird.
Ich versprach ihr nichts. Versprechen waren gefährlich, wenn mächtige Menschen im Hintergrund standen.
Am nächsten Morgen erschien Roman vor mir zur vorläufigen Haftprüfung. Sein Vater saß hinter ihm. Zwei Männer aus dem Ministerium warteten im Flur.
— Lassen Sie ihn frei, sagte der ältere von ihnen. — Es gibt keine unmittelbaren Beweise.
Ich öffnete meine Akte.
— Es gibt eine Tonaufnahme, eine Zeugin, Fasern und die Aussage des Hausmeisters.
— Die Aufnahme ist nicht ordnungsgemäß beschafft.
— Dann wird das Gericht später darüber entscheiden.
Roman beugte sich vor.
— Sie werden mich nicht festhalten. Niemand hält Tarchows fest.
Ich sah auf die goldene Hirschnadel an seinem Kragen. Sie war sauber poliert. Kein Kratzer. Als hätte die vergangene Nacht nie stattgefunden.
— Sie bleiben in Haft, sagte ich.
Sein Vater sprang auf.
— Das werden Sie bereuen!
Am Abend erhielt ich in meinem Büro einen anonymen Anruf.
— Wenn Sie den Fall weiterführen, wird Ihre Tochter erfahren, was für eine Mutter Sie sind, sagte eine Männerstimme.
Ich legte nicht auf.
— Sagen Sie ihr ruhig die Wahrheit.
— Welche Wahrheit?
Die Leitung knackte. Dann flüsterte der Mann:
— Dass Ihr verstorbener Mann damals nicht bei Ihnen war, als Nadeschda geboren wurde…
Ich erstarrte. Niemand außer mir kannte dieses Geheimnis. Und plötzlich begriff ich, dass die Akte nicht nur Roman Tarchow zerstören konnte. Sie konnte auch mein ganzes Leben verändern…
TEIL 3
Sie konnte auch mein ganzes Leben verändern.
Ich blieb bis Mitternacht in meinem Büro. Draußen schlug Regen gegen die hohen Fenster, und die Straßenlaternen zogen gelbe Streifen über den nassen Boden. Vor mir lag die Aktenmappe aus Romans Wohnung. Auf dem Deckel klebte ein winziger Splitter dunklen Holzes.
Korsakow kam mit einer neuen Mappe herein.
— Wir haben Nadeschda identifiziert, sagte er. — Nadeschda Petrowa, neunzehn Jahre alt. Ihre Mutter hat sie heute Morgen erkannt.
— Warum hat der Anrufer meinen Mann erwähnt?
Korsakow legte ein Blatt auf den Tisch.
— Weil er glaubt, Sie dadurch einzuschüchtern. Aber vielleicht wusste er etwas, das wir noch nicht wissen.
Um zwei Uhr morgens öffnete ich den verschlossenen Umschlag, den mir das medizinische Institut geschickt hatte. Mein verstorbener Mann Sergej und ich hatten vor neunzehn Jahren ein Kind verloren. Zumindest hatte man uns das gesagt. Ein totes Mädchen, hieß es. Nadeschda war im selben Krankenhaus geboren worden.
Meine Finger zitterten, als ich das Ergebnis las.
— Die Blutgruppen stimmen nicht überein, sagte Korsakow leise.
Ich hob den Kopf.
— Was meinen Sie?
— Nadeschda konnte nicht die Tochter des Mannes sein, der als ihr Vater eingetragen wurde. Aber die Probe, die Ihre Mutter damals aufbewahrt hatte, stimmt mit Nadeschdas Blut überein.
Mir wurde schwindlig. Der Raum roch nach Staub, nassem Wollstoff und dem kalten Kaffee vom Morgen.
— Sie war meine Tochter?
Korsakow nickte.
— Ihre Tochter wurde damals nicht tot geboren. Sie wurde vertauscht. Der Arzt, der die Geburtsurkunde unterschrieb, war Romans Onkel.
Ich konnte nicht sprechen.
Nadeschda war nicht nur ein Opfer in meinem Verfahren. Sie war das Kind, nach dem ich neunzehn Jahre lang getrauert hatte.
Am nächsten Tag um zehn Uhr fand die Gegenüberstellung statt. Roman saß hinter einer Glasscheibe. Lida stand neben mir und hielt wieder ihren Fahrschein in der Hand, obwohl er inzwischen völlig zerknittert war.
— Ist er der Mann, der Nadeschda bedrohte? fragte ich.
Lida sah durch die Scheibe.
— Ja.
— Sie müssen nicht weiterreden, sagte ich.
— Doch. Wenn ich schweige, wird er die nächste finden.
Korsakow legte das Tonband auf den Tisch und spielte die entscheidende Stelle ab.
Romans Stimme erfüllte den Raum:
— Wenn du nicht gehorchst, weiß niemand, dass du hier warst.
Dann Nadeschdas Stimme:
— Ich werde dich anzeigen.
Ein Lachen. Schritte. Ein dumpfer Schlag. Danach ein langes Krachen, als würde Holz zerbrechen.
Roman wurde blass.
— Das war nicht ich.
— Ihre Stimme ist darauf, sagte Korsakow.
— Mein Vater wird dafür sorgen, dass diese Aufnahme verschwindet.
Sein Vater sprang auf.
— Roman!
Zum ersten Mal klang seine Stimme nicht wütend, sondern entsetzt.
Ich zeigte auf die Aktenmappe.
— In dieser Wohnung wurde außerdem eine Liste gefunden. Namen, Adressen, Zahlungen. Neben jedem Namen steht, wer die Mädchen gebracht hat.
Roman starrte mich an.
— Sie verstehen nicht. Das war nur ein Spiel.
— Ein Spiel, bei dem eine junge Frau starb?
— Sie ist selbst gesprungen!
— Nein, sagte Lida. — Sie wurde gestoßen.
Der Raum wurde still.
Roman sah zu ihr, und in seinem Blick lag plötzlich etwas, das schlimmer war als Zorn: Erkenntnis. Er wusste, dass sie die letzte Nacht überlebt hatte.
Noch am selben Abend erhielt ich ein Telegramm aus dem Krankenhaus. Der Arzt, der Nadeschdas Geburt vor neunzehn Jahren beurkundet hatte, war nach einem Zusammenbruch eingeliefert worden. In seiner Wohnung habe man ein Kästchen gefunden. Darin lag ein zweiter Geburtsnachweis, unterschrieben mit meinem Namen.
Ich las die Nachricht zweimal.
Unter dem Namen meiner Tochter stand ein anderer Vater.
Und dieser Vater war nicht Sergej.
Korsakow griff bereits nach seinem Mantel.
— Wir müssen sofort ins Krankenhaus.
— Wer ist ihr Vater?
Er sah mich an, als wünschte er, die Antwort nicht aussprechen zu müssen.
— Der Mann, der Romans Vater seit zwanzig Jahren erpresst.
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Ich nahm ab.
— Wenn Sie morgen vor Gericht erscheinen, sagte dieselbe Stimme, — wird nicht Roman Tarchow auf der Anklagebank sitzen…
Dann legte der Anrufer auf.
Auf meinem Schreibtisch lag das Foto von Nadeschda, das ihre Mutter mir gegeben hatte. Und hinter dem Bild steckte ein Name, den ich bisher noch nie gehört hatte…
Als Roman seine eigene Stimme hörte, wurde er ganz still…
Ich dachte, die Wahrheit würde nur einen Fall lösen. Doch sie riss eine Tür zu meinem eigenen Leben auf.
Was dahinterlag, veränderte alles.
„Ich trage Ihre Schuld nicht für Sie.“
Danach senkte er den Kopf.
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