TEIL 4 — Meine tote Zwillingsschwester rief mich aus einer Zahnarztpraxis an – als ich sie sah, verschwand das Lächeln der Empfangsdame

TEIL 4

Ich weiß, dass ihr zusammen seid. Kommt allein zur alten Tankstelle, sonst lernt Emma, wie schnell Menschen verschwinden können.

Clara las die Nachricht zweimal.

Dann zerbrach sie das Telefon mit einem einzigen Schlag gegen die Tischkante.

Emma schrie auf.

— Niemand geht zur Tankstelle — sagte Rehn.

— Er hat sie — antwortete Clara. — Er weiß, wo sie ist.

— Nein. Er will, dass Sie das glauben.

Ich spürte, wie sich meine Fingernägel in meine Handflächen bohrten.

— Wo ist Emma jetzt sicher?

Rehn deutete auf die Hintertür.

— Bei meiner Schwester. Sie ist Kinderärztin. Zwei Streifenwagen stehen bereits dort.

Clara starrte ihn an.

— Du hast die Polizei gerufen?

— Vor drei Stunden.

— Und du hast mir nichts gesagt?

— Weil Sie beide sonst versucht hätten, selbst zu handeln.

Das Telefon auf dem Tisch klingelte erneut. Diesmal war es mein eigenes.

Daniel.

Sein Name leuchtete auf dem Bildschirm, und mit ihm kamen zehn Jahre zurück: seine Hand auf meinem Nacken, wenn er mir sagte, ich solle mich beruhigen; seine ruhige Stimme, wenn er behauptete, Clara sei eifersüchtig gewesen; sein Lächeln am Tag vor ihrem angeblichen Unfall.

Ich nahm ab.

— Sarah — sagte er. — Endlich.

Clara wurde ganz still.

— Wo ist meine Schwester? — fragte ich.

— Du hast sie gefunden. Das ist bedauerlich.

— Was willst du?

— Dass ihr beide aufhört, in Dingen zu graben, die euch nichts angehen.

— Du hast versucht, mich zu töten.

Er lachte leise.

— Ich habe dich zehn Jahre lang leben lassen.

Rehn schrieb etwas auf einen Zettel und schob ihn mir zu: Lautsprecher einschalten. Weiterreden.

Ich drückte die Taste.

— Du hast Clara sterben lassen — sagte ich.

— Clara hat sich selbst entschieden. Sie war immer dramatisch.

— Und Emma?

Am anderen Ende wurde es still.

Nur eine Sekunde.

Aber diese Sekunde hörten alle.

— Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst — sagte Daniel danach.

— Doch. Wir haben deine Stimme.

Sein Atem veränderte sich.

— Welche Stimme?

— Die, in der du sagst, dass ein Unfall sich immer erklären lässt.

Clara griff nach meiner Hand. Ihre Finger waren kalt, aber diesmal ließ ich sie nicht los.

— Hör gut zu — sagte ich. — Wir kommen nicht zur Tankstelle. Du kommst zu uns. Zur Polizeiwache. Heute noch.

— Du glaubst, eine alte Aufnahme rettet dich?

— Nein. Die Aufnahme ist nur der Anfang.

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Rehn hob zwei Finger. Hinter der Wand bewegte sich jemand. Die Polizei hatte offenbar gewartet.

Daniel legte auf.

Drei Minuten später ging Rehns Telefon. Der Zeuge war nicht verschwunden. Er hatte sich aus der Klinik geschlichen, weil ein verkleideter Mann versucht hatte, in sein Zimmer zu gelangen. Eine Überwachungskamera hatte den Mann aufgenommen. Sein Wagen stand noch vor dem Gebäude.

Die Beamten fanden darin Daniels Ausweis, eine geladene Waffe und einen Ordner mit meinem Namen.

Danach ging alles schnell.

Zu schnell für mein Herz.

Um 17.20 Uhr rief Daniels Anwältin an. Sie verlangte, mit mir zu sprechen.

— Frau Berger, mein Mandant bestreitet jede Beteiligung.

— Dann wird er ja nichts zu befürchten haben.

— Sie verstehen nicht, wie lange ein Verfahren dauert.

— Ich habe zehn Jahre gewartet.

Sie schwieg.

— Herr Rehn hat mir geraten, das Mandat niederzulegen — sagte sie schließlich. — Ich habe die Tonaufnahme gehört. Und ich kenne die Akte.

— Welche Akte?

— Die, die Daniel von mir ferngehalten hat. Er hat mich ebenfalls belogen.

Eine Stunde später wurde Daniel an der alten Tankstelle festgenommen. Er hatte dort auf uns gewartet. Als die Beamten ihn abführten, trug er noch denselben dunkelblauen Mantel wie am Morgen von Claras Beerdigung.

Im Vernehmungsraum bekam er die Aufnahme vorgespielt.

Ich saß hinter einer Glasscheibe. Clara saß neben mir. Zwischen uns lag der kleine Messingschlüssel, den sie zehn Jahre lang getragen hatte.

Daniel hörte seine eigene Stimme.

— Sarah wird unterschreiben, sobald Clara weg ist.

Sein Gesicht veränderte sich.

— Das ist zusammengeschnitten — sagte er.

Der Ermittler legte das Gutachten daneben.

— Die Stimme ist eindeutig Ihnen zuzuordnen.

— Ich war damals betrunken.

— Sie erklären also nicht, warum Sie den Plan schildern?

— Ich erinnere mich nicht.

Dann erklang seine Stimme erneut.

— Heute Nacht stirbst du, und morgen unterschreibt Sarah.

Daniel beugte sich vor.

— Machen Sie das aus!

— Sie haben es selbst gesagt — antwortete der Ermittler.

— Ich habe niemanden getötet.

— Das behauptet auch niemand. Noch nicht.

Der Ermittler legte das Foto des verletzten Zeugen auf den Tisch. Danach folgten die Unterlagen aus dem Schließfach: Zahlungen an eine Scheinfirma, gefälschte Unterschriften und ein Vertrag, der mein damaliges Haus auf Daniel übertragen sollte. Ich hatte nie unterschrieben. Er hatte meinen Namen kopiert.

Der Zeuge bestätigte, dass Daniel ihn in jener Nacht angefahren hatte, nachdem er versucht hatte, Clara zu helfen. Clara hatte ihn aus dem brennenden Wagen gezogen. Sie hatte den Unfall inszeniert, weil Daniel bereits nach ihr suchte. Der Mantel, die Handtasche und die wenigen verbrannten Überreste hatten gereicht, um alle von ihrem Tod zu überzeugen.

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Es war keine perfekte Flucht gewesen.

Es war die einzige, die sie für möglich gehalten hatte.

Daniel wurde wegen versuchten Mordes, schwerer Urkundenfälschung, Bedrohung und zahlreicher weiterer Taten angeklagt. Später verurteilte ihn das Gericht zu vielen Jahren Haft. Ich musste nicht aussagen, um ihn zu retten oder zu zerstören. Ich sagte nur die Wahrheit.

Clara bekam eine neue Identität zurück.

Emma bekam ihren richtigen Namen.

Und ich bekam meine Schwester nicht einfach wieder. Dafür hatte die Zeit zu viel zwischen uns gelegt.

In den ersten Wochen rief Clara mich jeden Abend an.

— Bist du noch da? — fragte sie.

— Ja.

— Auch wenn ich wieder verschwinde?

— Dann suche ich dich. Aber diesmal nicht auf einem Friedhof.

Sie weinte bei diesem Satz. Ich auch.

Drei Monate später stand ich in Claras neuer Wohnung. Emma malte am Küchentisch einen roten Wagen mit Flügeln. An der Wand hing ein Kalender, auf dem sie jeden Tag durchgestrichen hatte, an dem sie keine Angst gehabt hatte.

— Tante Sarah — sagte sie —, darf ich dich Mama Sarah nennen?

Clara ließ den Löffel fallen.

Ich ging vor Emma in die Hocke.

— Du darfst mich nennen, wie du möchtest.

— Dann bleibst du?

— Ja.

— Auch morgen?

— Auch morgen.

Inzwischen arbeite ich in einer kleinen Buchhandlung in Lübeck. Morgens stelle ich die Bücher nach Farben zurück, mittags esse ich Suppe aus einem weißen Becher, und abends gehe ich oft am Kanal spazieren. Ich schlafe wieder durch. Ich erschrecke nicht mehr bei jedem unbekannten Anruf.

Der erste Schnee kam im Dezember.

Emma zeichnete mit einem Wachsmalstift zwei Mädchen, die an den Händen zusammenstanden. Über ihnen hing ein gelber Mond. Clara rahmte das Bild ein und stellte es neben unsere alten Kinderfotos.

Eine Woche vor Weihnachten kam ein Brief von Daniel. Seine Anwältin hatte ihn weitergeleitet, obwohl sie sein Mandat längst niedergelegt hatte.

Ich öffnete ihn in der Buchhandlung hinter dem Ladentisch.

Sarah, ich weiß, dass du denkst, ich sei ein Monster. Aber ich habe dich geliebt. Clara hat alles zerstört. Du schuldest mir wenigstens ein Gespräch.

Darunter stand eine Telefonnummer.

Ich legte den Brief neben die Kasse und rief nicht an.

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Am Abend nahm ich ihn mit nach Hause. Clara saß am Fenster und strickte einen Schal für Emma.

— Willst du antworten? — fragte sie.

— Nein.

— Bist du sicher?

Ich faltete den Brief zusammen.

— Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich sicher, ohne jemand anderen davon überzeugen zu müssen.

Ich verbrannte den Brief nicht. Ich wollte nichts mehr verstecken. Ich legte ihn in einen Umschlag und gab ihn am nächsten Morgen der Polizei, zusammen mit allen anderen Nachrichten.

Dann fuhr ich zu Clara.

Der kleine Messingschlüssel hing noch immer an ihrer schwarzen Schnur. Er war an den Rändern stumpf geworden, weil ihre Finger ihn so oft berührt hatten.

— Was öffnet er eigentlich? — fragte ich.

Clara sah mich an.

— Das Schließfach gibt es nicht mehr.

— Dann warum trägst du ihn noch?

Sie nahm die Schnur ab und legte den Schlüssel in meine Hand.

— Weil ich zehn Jahre lang dachte, er wäre das Einzige, was mich mit meinem alten Leben verbindet.

Ich schloss meine Finger darum.

— Und jetzt?

Emma kam aus ihrem Zimmer gerannt und hielt uns ein neues Bild hin. Darauf waren drei Figuren unter einem gelben Mond. Keine Brände. Keine dunkle Straße. Nur ein Haus mit erleuchteten Fenstern.

— Wir drei — sagte sie. — Und diesmal bleibt die Tür offen.

Clara lächelte.

Ich legte den Schlüssel neben das Bild.

Er öffnete keine Tür mehr.

Aber zum ersten Mal musste er das auch nicht.

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