TEIL 4 — Meine tote Zwillingsschwester saß plötzlich in einer Zahnarztpraxis – als sie meinen Kindheitsnamen flüsterte, erstarrte die Empfangsdame

TEIL 4

Wir gingen nicht allein zum Haus.

Miriam rief um 13.22 Uhr die Kriminalpolizei an und legte das Foto auf den Tisch. Eine Beamtin fotografierte es, während Clara mit beiden Händen die rote Blechdose festhielt.

„Er will uns dorthin locken“, sagte ich.

„Oder er weiß, dass dort noch etwas liegt“, antwortete Miriam.

Mein Telefon klingelte.

Die Nummer war unterdrückt.

„Geh ran“, sagte Clara.

Ich nahm ab, stellte aber sofort den Lautsprecher ein.

Eine Männerstimme sagte: „Ihr habt drei Stunden. Danach brennt das Haus.“

„Wer sind Sie?“, fragte ich.

„Jemand, der verhindern will, dass Clara den letzten Namen nennt.“

„Sie haben keine Macht mehr“, sagte ich.

Ein kurzes Lachen.

„Das sagten schon andere.“

Dann wurde aufgelegt.

Miriam sah zu den Beamten.

„Wir fahren mit Einsatzkräften hin.“

Eine Stunde später standen drei Polizeiwagen vor unserem Elternhaus. Der Garten war überwuchert, die Fenster im Erdgeschoss mit Brettern vernagelt. Über der Eingangstür hing noch immer die kleine Messingglocke, die unsere Mutter jeden Winter mit getrockneten Orangenschalen schmückte.

Ich hatte den Geruch dieser Schalen nie vergessen.

Die Tür war unverschlossen.

Drinnen roch es nach Staub, nassem Holz und kalter Asche. Clara blieb im Flur stehen.

„Hier habe ich zum letzten Mal mit Vater gesprochen.“

„Was hat er gesagt?“

„Dass er mich liebt.“

Sie schluckte.

„Und dann hat er Victor angerufen.“

Ein Beamter fand im Keller frische Schuhabdrücke. Hinter einem Regal mit eingestürzten Einmachgläsern entdeckten wir eine lose Holzplatte. Dahinter lag ein Metallkasten.

Darin befanden sich Kopien von Stiftungsunterlagen, ein altes Diktiergerät und ein Notizbuch unseres Vaters.

Miriam drückte auf die erste Aufnahme.

Vaters Stimme klang erschöpft.

„Ich habe Clara nicht beschützt. Ich habe Sarah angelogen. Victor erpresst mich mit den Überweisungen. Er hat Geld aus der Stiftung genommen und behauptet, er werde Sarah etwas antun, wenn ich zur Polizei gehe.“

Clara schloss die Augen.

Die nächste Aufnahme ließ sie auf die Knie sinken.

„Mara ist tot“, sagte Vater. „Victor sagt, Clara müsse verschwinden. Ich habe den Leichnam nicht gesehen. Ich habe nur unterschrieben.“

Im Raum war es so still, dass ich das Tropfen eines undichten Rohres hörte.

Ich hatte meinen Vater sechs Jahre lang beweint.

Jetzt verstand ich, dass Trauer und Enttäuschung nebeneinander existieren konnten.

Miriam blätterte durch das Notizbuch.

„Hier stehen die Konten. Und hier ist ein Name, der in den bisherigen Akten fehlt.“

„Welcher Name?“, fragte Clara.

Miriam hob den Blick.

„Dr. Elias Brandt. Der Zahnarzt, der damals die Identifikationsunterlagen bestätigt hat.“

AUCH LESEN:  Mein Mann überwies mir um 23:43 Uhr 3.850 Euro mit dem Vermerk „Für Valeries Babyparty und unser Baby“ – ich war im siebten Monat schwanger und begann noch in derselben Nacht, jede seiner Lügen zu zählen

Ich dachte an die Praxis vom Morgen. An den freundlichen Empfang. An den Umschlag mit den Röntgenbildern.

„Die heutige Praxis gehörte ihm?“, fragte ich.

„Seinem Sohn“, sagte Miriam. „Und jemand hat euch absichtlich dorthin bestellt.“

Clara wurde blass.

„Ich hatte wirklich einen Termin. Aber ich wusste nicht, dass die Praxis mit ihm verbunden ist.“

Der Einsatzleiter bekam über Funk eine Nachricht. Victor war während der Fahrt zur Untersuchungshaft zusammengebrochen und hatte versucht, mit einem Beamten zu verhandeln.

Er wollte seinen Anwalt sprechen.

Sein Anwalt kam um 18.10 Uhr in Miriams Büro. Er trug eine Aktentasche aus braunem Leder und sah aus, als hätte er die Nacht nicht geschlafen.

„Herr Rehn möchte einen Handel anbieten“, sagte er.

„Er hat bereits einen Haftbefehl“, erwiderte Miriam.

„Er nennt weitere Beteiligte.“

Clara stand am Fenster.

„Und was will er dafür?“

Der Anwalt sah sie an.

„Eine Aussage von Ihnen, dass Sie freiwillig verschwunden sind.“

Clara lachte bitter.

„Er möchte, dass ich seine Lüge bestätige, damit er seine eigene Strafe verkürzt.“

„Ich kann ihn nicht dazu zwingen, ehrlich zu sein“, sagte der Anwalt. „Aber ich kann verhindern, dass er noch mehr Schaden anrichtet.“

Er legte ein Telefon auf den Tisch.

„Er wartet auf Ihren Anruf.“

Ich wollte das Gerät wegschieben, doch Clara nahm es.

„Ich sage ihm nichts.“

„Vielleicht sollten Sie ihn hören“, sagte Miriam. „Nicht für ihn. Für sich.“

Clara wählte die Nummer.

Victor nahm sofort ab.

„Clara?“

Seine Stimme klang plötzlich heiser.

„Ich bin hier.“

„Du musst nur sagen, dass du gegangen bist. Dann kann ich dich schützen.“

Clara sah mich an.

„Du hast mich zehn Jahre lang geschützt?“

Am anderen Ende blieb es still.

Miriam spielte die Aufnahme aus der Blechdose erneut ab. Victors eigene Worte erklangen im Raum: „Sarah verschwindet, wenn du redest.“

Clara stellte das Telefon näher an den Lautsprecher.

„Hörst du das?“

Victor atmete schwer.

„Das ist manipuliert.“

„Nein“, sagte Clara. „Das bist du.“

Zum ersten Mal hörte Victor seine Drohungen nicht als Werkzeug, sondern als Beweis. Er versuchte, etwas zu sagen, doch seine Stimme brach weg.

Der Anwalt nahm das Telefon an sich.

„Herr Rehn, ich werde Sie nicht länger vertreten, wenn Sie mich über die Beteiligung an weiteren Straftaten belügen.“

„Sie können mich nicht fallen lassen!“

„Doch.“

Er beendete das Gespräch.

Am nächsten Morgen bestätigte die Polizei, dass der Mann auf dem Foto Victors ehemaliger Geschäftspartner war. Er hatte versucht, die Metallkassette aus dem Keller zu holen. Die Ermittler fanden ihn im Nachbarort, dazu Brandbeschleuniger, gefälschte Ausweise und ein Mobiltelefon mit Nachrichten von Victor.

AUCH LESEN:  Meine Schwiegermutter nahm unsere Ersparnisse und lachte beim Familienessen über meine Frage – dann wurde ihr Gesicht plötzlich kreidebleich

Victor wurde wegen Mordes an Mara Stein, Freiheitsberaubung, Erpressung, Betrugs und Brandstiftung angeklagt. Der Zahnarzt Elias Brandt legte ein Geständnis ab. Er hatte vor zehn Jahren die Akten verändert und Geld angenommen.

Mara bekam endlich ihren Namen zurück.

In den Nachrichten wurde sie nicht mehr „die unbekannte Tote“ genannt.

Sie hieß Mara Stein.

Der Prozess dauerte sieben Monate. Ich musste zweimal aussagen. Beim ersten Mal konnte ich kaum zum Angeklagten hinsehen. Beim zweiten Mal sah ich Victor direkt an.

Er wirkte kleiner als im Flur der Zahnarztpraxis.

„Warum haben Sie mich glauben lassen, meine Schwester sei tot?“, fragte ich.

Er antwortete nicht.

Sein Anwalt versuchte, für ihn zu sprechen.

„Mein Mandant war damals unter enormem Druck.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Druck erklärt Angst. Er erklärt nicht zehn Jahre Lügen.“

Im Gerichtssaal wurde es still.

Victor wurde verurteilt. Die Stiftung erhielt ihr Geld zurück, soweit es noch auffindbar war. Unser Elternhaus wurde verkauft, weil keiner von uns dort bleiben wollte.

Clara und ich standen am Tag der Übergabe in meinem alten Kinderzimmer. Die Tapete hatte sich an den Ecken gelöst. Im Schrank lag noch ein einzelner roter Haargummi, den wir uns früher geteilt hatten.

Auf dem Fensterbrett stand ein gerahmtes Foto von uns beiden, neun Jahre alt, mit Zahnlücken und viel zu großen Wintermützen.

Clara nahm das Foto heraus.

„Du kannst es behalten.“

„Nein“, sagte ich. „Wir behalten es gemeinsam.“

Sie nickte.

Zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr umarmte ich sie, ohne gleichzeitig Angst zu haben, wieder jemanden zu verlieren.

Drei Monate später lebten wir in einer kleinen Wohnung in Freiburg. Clara arbeitete in einer Beratungsstelle für Menschen, die unter falschen Namen geflohen waren. Ich begann, in einer Buchhandlung zu arbeiten und schrieb jeden Abend drei Seiten, selbst wenn sie schlecht waren.

Wir lernten, einander neu kennenzulernen.

Sie mochte inzwischen bitteren Kaffee. Ich hasste ihn noch immer.

Sie schlief bei offenem Fenster. Ich kontrollierte jeden Abend zweimal die Tür.

Manchmal wachten wir beide mitten in der Nacht auf, ohne zu wissen, wer zuerst den Namen der anderen gesagt hatte.

Im November fiel der erste Schnee. Clara und ich gingen mit ihrem sechsjährigen Nachbarsjungen Emil zum Fluss. Er hatte uns ein Bild gemalt: zwei Frauen unter einem gelben Regenschirm, zwischen ihnen ein roter Papierdrache.

AUCH LESEN:  Um 2:13 Uhr trank ich allein in einer verrufenen Bar, als der gefürchtete Bandenchef mich beobachtete – drei Tage später lag er blutend vor meiner Wohnung und wusste, dass ich seine einzige Rettung war

„Warum ist der Drache rot?“, fragte ich.

Emil zuckte mit den Schultern.

„Damit man ihn im Schnee sieht.“

Clara hielt das Bild lange in den Händen.

„Er hat recht“, sagte sie.

Am Abend kam eine Nachricht von Victors neuem Anwalt. Darin stand, Victor wolle sich entschuldigen. Er wolle Clara sehen. Er verspreche, nichts zu verlangen.

Ich legte das Telefon auf den Tisch.

„Willst du hingehen?“

Clara schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Bist du sicher?“

Sie sah aus dem Fenster auf die beleuchteten Straßen.

„Ich habe zehn Jahre darauf gewartet, dass er mir mein Leben zurückgibt. Jetzt weiß ich, dass es immer mir gehört hat.“

Ich schrieb eine einzige Antwort: Nein. Bitte kontaktieren Sie uns nicht wieder.

Dann löschte ich die Nachricht und blockierte die Nummer.

Auf dem Regal neben der Tür stand die rote Blechdose. Der Aufkleber mit dem tanzenden Papierdrachen war an einer Ecke abgerissen, aber er hielt noch.

Jeden Morgen legte Clara ihre Schlüssel hinein, weil sie sonst ständig vergaß, wo sie sie hingetan hatte. Ich legte meinen eigenen Schlüssel daneben.

Nicht als Beweis.

Nicht als Erinnerung an die Angst.

Sondern als Zeichen dafür, dass wir beide jetzt wussten, wohin wir zurückkehren konnten.

Am ersten verschneiten Sonntag öffnete Clara das Fenster. Kalte Luft strömte herein. Draußen glitzerte die Stadt, und irgendwo auf einem Balkon schlug eine lose Fahne gegen das Geländer.

„Sari?“, fragte sie.

„Ja?“

„Diesmal verschwinde ich nicht.“

Ich nahm ihre Hand.

Die rote Dose stand zwischen uns, und auf ihrem Deckel tanzte der Papierdrache im Morgenlicht.

Diesmal blieb die Tür offen.

Missed the beginning?

← Read the story from part one

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: