TEIL 4
Ich sagte nichts.
Die Frau am anderen Ende wartete geduldig.
— Welche zuständige Stelle?
— Unsere Rechtsberatung. Es gab eine Unterschrift, die nicht von Ihnen stammen kann.
Astrid wurde schlagartig still. Garrett starrte auf den Boden.
— Welche Unterschrift?
— Ihre angebliche Zustimmung zur gemeinsamen Buchung. Astrid hat Ihren Namen eingetragen, damit die Unterkunft Sie als Partner ausweist. Das kann Folgen haben.
Astrid hob beide Hände.
— Das war nur für den Rabatt.
Die Leiterin hörte sie offenbar über die Lautsprecherfunktion.
— Dann wird das leicht zu erklären sein.
Die Verbindung endete.
Niemand bewegte sich.
Kurz darauf begann Astrids Telefon zu klingeln. Erst ihre Mutter. Dann der Vermieter. Dann eine unbekannte Nummer aus dem Zentrum. Astrid sah auf das Gerät, als könnte sie die Anrufe durch bloßes Nichtabheben verschwinden lassen.
— Geh ran, sagte ich.
— Du hast kein Recht, mir zu sagen, was ich tun soll.
— Das ist das erste, was du heute richtig sagst.
Sie nahm den Anruf ihrer Mutter an.
— Mama, ich kann jetzt nicht—
Aus dem Lautsprecher drang eine laute Stimme.
— Du hast gesagt, Jonas hätte dich rausgeworfen, weil er dich hasst! Der Vermieter sagt, du hast den Vertrag nie unterschrieben!
Astrid wurde rot.
— Ich wollte nur, dass jemand auf meiner Seite ist.
— Und jetzt soll ich deine Schulden bezahlen?
— Mama, bitte.
— Nein. Diesmal nicht.
Die Verbindung brach ab.
Astrid starrte auf ihr Telefon. Garrett ging zur Tür.
— Du gehst? fragte sie.
— Destiny wartet auf meine Erklärung.
— Du kannst mich nicht einfach allein lassen.
Garrett lachte bitter.
— Das hast du Jonas doch selbst beigebracht.
Er verschwand im Treppenhaus.
Astrid blieb zurück. Ihre Hand lag auf dem Rücken des Stuhls, ihre Finger zitterten.
— Sag etwas, Jonas.
— Was möchtest du hören?
— Dass du mich noch liebst.
Ich dachte an den Flughafen, an ihren flüchtigen Kuss, an den Satz, ich sei so reif. Dann schaltete ich die Aufnahme ein, die mir die Leiterin inzwischen geschickt hatte.
Astrids Stimme füllte mein Wohnzimmer.
„Wenn wir erst dort sind, kann Jonas nichts mehr zwischen uns bringen.“
Danach Garretts Stimme.
„Und wenn er herausfindet, dass ihr noch zusammenlebt?“
Astrid antwortete: „Dann sage ich, er sei einverstanden gewesen.“
Ich beobachtete ihr Gesicht, während sie ihre eigenen Worte hörte. Erst wurde sie blass. Dann presste sie beide Hände gegen den Mund.
— Mach das aus.
— Du hast es gesagt.
— Ich war nicht ich selbst.
— Genau deshalb bist du doch gefahren.
Sie sank auf den Stuhl. Die Kiste mit meinen Büchern stand zwischen uns wie eine Grenze.
Am nächsten Morgen erschien der Vermieter in meiner alten Wohnung. Lukas schrieb mir, dass Astrid versucht hatte, die Pflanzen in den Hausflur zu stellen. Einige waren vertrocknet, andere standen noch immer am Fenster. Der Vermieter gab ihr bis zum Monatsende Zeit. Danach würde er das Schloss austauschen.
Ich ging nicht hin.
Ich wollte nicht sehen, wie sie meine frühere Küche leerte. Nicht, weil ich Angst vor ihr hatte. Sondern weil ich wusste, dass ein Teil von mir wieder anfangen würde, sie zu retten.
Drei Tage später rief mein Anwalt an.
— Das Zentrum hat die Unterlagen weitergegeben. Sie haben Ihren Namen ohne Erlaubnis verwendet. Wir können verlangen, dass Astrid die Buchungskosten und die Schäden übernimmt.
— Machen Sie das Nötige.
— Möchten Sie sie anzeigen?
Ich sah auf den Messingfisch neben meinem Glas.
— Nein. Ich möchte nur, dass mein Name nicht länger in ihrer Geschichte vorkommt.
Der Anwalt schwieg kurz.
— Das lässt sich regeln.
Astrid versuchte danach, die Kontrolle zurückzugewinnen. Sie schrieb, sie habe einen Fehler gemacht. Sie schrieb, Garrett habe sie beeinflusst. Sie schrieb, ihre Mutter sei grausam und ich der Einzige, der sie wirklich kenne.
Ich antwortete nicht.
Am letzten Tag des Monats schickte Lukas mir ein Bild aus der alten Wohnung. Das Wohnzimmer war leer. An der Wand, wo früher unsere gemeinsame Fotografie gehangen hatte, war ein heller rechteckiger Schatten geblieben. Auf dem Fensterbrett stand nur eine einzige Pflanze, klein und geknickt.
Daneben lag meine alte Tasse mit dem Sprung im Henkel.
Astrid hatte sie dagelassen.
Ich bat Lukas, sie wegzuwerfen. Dann änderte ich meine Meinung.
— Stell sie vor die Tür, sagte ich. Ich hole sie selbst.
Am Abend nahm ich sie mit in meine neue Wohnung. Ich klebte den Sprung nicht. Ich stellte die Tasse auf ein Regal, wo das Morgenlicht sie jeden Tag traf.
Sechs Wochen später begann ich in einer kleinen Werkstatt am Fluss zu arbeiten. Ich reparierte Möbel, schrieb Rechnungen und lernte, meine Mittagspause nicht mehr mit Nachrichten an Astrid zu verbringen. Meine neue Wohnung war kleiner, aber jedes Geräusch gehörte mir: die Straßenbahn um sechs Uhr, der Wasserkocher um sieben, die Schritte der Nachbarin über mir.
Lukas kam oft vorbei.
— Du wirkst anders, sagte er eines Abends.
— Besser?
— Ruhiger.
Ich sah zum Fenster. Der erste Schnee des Jahres fiel auf die Dächer.
— Ich glaube, ich muss niemandem mehr beweisen, dass ich vertrauenswürdig bin.
Im Dezember besuchte mich meine Nichte Clara. Sie war sieben, trug einen roten Pullover und malte auf dem Boden ein Haus mit zwei Fenstern.
— Das bist du, sagte sie.
— Warum hat es nur zwei Fenster?
— Eins für dich und eins für deine Ruhe.
Ich musste lachen. Sie klebte einen goldenen Papierstern über das Dach.
— Und wer wohnt dort?
— Du. Und vielleicht jemand, der vorher klopft.
Ich rahmte das Bild ein.
Im Januar kam Astrids letzte Nachricht.
„Ich habe verstanden, was ich verloren habe. Garrett ist weg, meine Mutter redet kaum noch mit mir, und ich habe eine Wohnung gefunden. Bitte triff mich einmal. Nur zum Abschied. Danach lasse ich dich frei.“
Ich las die Nachricht in der Werkstatt, während draußen der Schnee gegen die Scheibe trieb.
Dann schrieb ich zurück.
„Ich wünsche dir, dass du dein Leben ordnest. Aber ich komme nicht zurück und treffe dich auch nicht. Du musst mich nicht freigeben. Ich bin bereits frei.“
Ich löschte die Nachricht nicht. Ich bewahrte sie nicht. Ich legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten und nahm den nächsten Stuhl zur Reparatur.
Ein Jahr nach dem Flughafen stand ich morgens in meiner Küche. Die Sonne fiel auf das Regal. Die Tasse mit dem Sprung im Henkel war voller heißem Kaffee, und der kleine Messingfisch lag daneben, blank poliert von meinen Händen.
Ich hatte lange geglaubt, Selbstfindung bedeute, irgendwohin zu fahren, Kerzen anzuzünden und große Sätze über Heilung zu sagen.
Manchmal bedeutete sie nur, eine Tür zu schließen, ohne noch einmal zu prüfen, ob jemand dahinter weinte.
Ich trank meinen Kaffee.
Der Sprung in der Tasse hielt.
Und diesmal auch ich.
Missed the beginning?












