„Ich brauche deine Erlaubnis für gar nichts!“, schrie Scarlet in unserer Küche, während ich noch einen Teller unter kaltes Wasser hielt.
Es war Dienstagabend, kurz nach neunzehn Uhr. Der Geruch von Spülmittel hing in der kleinen Wohnung, und auf der Fensterbank tickte die grüne Küchenuhr, die Scarlet auf einem Flohmarkt gekauft hatte. Drei Jahre lang hatte ich geglaubt, diese Geräusche bedeuteten Zuhause.
„Gut“, sagte ich und stellte den Teller langsam ab. „Denn du hast sie nicht mehr.“
Ihr Daumen blieb über dem Bildschirm stehen.
„Was soll das heißen?“
„Du willst dich wie eine alleinstehende Frau verhalten? Dann sei eine.“
Scarlet lachte. Nicht nervös. Nicht überrascht. Sie lachte, als hätte ich gerade einen schlechten Witz gemacht.
„Du machst wegen einer Reise Schluss?“
„Nein. Ich mache Schluss, weil dir meine Grenze völlig egal ist und du lieber über Erlaubnis schreist, als mit mir wie mit einem Partner zu reden.“
„Vince ist nur ein Freund.“
„Vince war vier Jahre dein Freund und dein Partner. Ihr habt euch nur getrennt, weil er weggezogen ist. Er ist seit sechs Monaten wieder hier, und seitdem schreibst du ihm täglich.“
Für einen Augenblick wurde es still. Ich hörte sogar den Kühlschrank anspringen.
Dann verschränkte Scarlet die Arme.
„Du bist krankhaft eifersüchtig.“
„Und trotzdem fliegst du lieber mit ihm nach Cabo, als diese Beziehung zu schützen.“
„Es ist eine Gruppenreise. Mandy und ihr Freund kommen auch mit.“
„Warum wurde ich nicht eingeladen?“
„Weil du Strandurlaube hasst. In Miami hast du drei Tage über die Sonne gejammert.“
Das stimmte. Ich hatte dort einen schlimmen Sonnenbrand bekommen. Aber das bedeutete nicht, dass ich meiner Freundin dabei zusehen musste, wie sie mit ihrem Ex in ein Hotel am Meer flog.
„Scarlet, bitte fahr nicht.“
Ihre Hand schlug auf die Arbeitsplatte.
„Ich bin erwachsen! Ich muss dich nicht um Erlaubnis bitten!“
„Das habe ich nie verlangt.“
„Doch, genau das tust du!“
„Nein“, sagte ich leise. „Ich sage dir, womit ich nicht leben kann.“
Sie hob ihr Kinn.
„Dann leb eben nicht damit.“
Ich ging ins Schlafzimmer und öffnete ihre Schubladen. Im oberen Fach lag noch die kleine Messingkassette, in der sie ihre Reisepässe aufbewahrte. Sie hatte an der Seite eine tiefe Kerbe, weil sie mir einmal beim Umzug aus der Hand gefallen war. Ich nahm sie nicht. Ich nahm nur ihre Kleidung heraus und legte sie auf das Bett.
„Was machst du da?“
„Ich helfe dir beim Packen.“
„Für Cabo?“
„Für deinen Auszug.“
Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
„Du kannst mich nicht einfach hinauswerfen.“
„Dein Name steht nicht im Mietvertrag. Du hast dreißig Tage. Aber da du am Donnerstag fliegst, kannst du deine Sachen schon vorher abholen.“
Plötzlich wurde ihre Stimme weich.
„Isaiah, komm schon. Wir reden morgen in Ruhe.“
„Das haben wir gerade getan.“
„Du könntest doch mitkommen.“
„Jetzt bin ich eingeladen?“
„Ich sage Vince, dass du mitkommst.“
„Nein. Ich möchte eure Wiedervereinigung nicht stören.“
Sie riss die Tür des Kleiderschranks auf. Hinter den Kleidern klebte noch der goldene Aufkleber vom Umzugsunternehmen, den wir vor zwei Jahren nie abgezogen hatten.
„Du wirst das bereuen“, sagte sie.
„Vielleicht.“
„Niemand hält deine Eifersucht aus.“
„Dann hast du ja bald Ruhe.“
Gegen Mitternacht packte Scarlet eine Tasche und fuhr angeblich zu Mandy. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Wenn du zur Vernunft kommst, schreib mir.“
„Warte nicht darauf.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Ich blieb allein in der Küche stehen. Auf dem Tisch lag ihr Handy-Ladekabel wie eine dünne weiße Schlange. Mein Telefon vibrierte.
„Du hast gerade das Beste in deinem Leben weggeworfen“, schrieb sie.
Ich antwortete nicht.
Stattdessen öffnete ich den Kalender. Ihr Flug ging Donnerstagmorgen. Bis dahin hatte ich fünf Tage Zeit, um herauszufinden, ob ich wirklich nur eifersüchtig war – oder ob Scarlet längst etwas plante, von dem ich nichts wusste.
Und am nächsten Morgen fand ich unter ihrem Bett einen Umschlag, auf dessen Vorderseite mein Name stand…
TEIL 2
Ich hob den Umschlag nicht sofort auf.
Donnerstagmorgen, sechs Uhr zwölf. Das Schlafzimmer war noch dunkel, nur das Licht der Straßenlaterne lag als gelber Streifen auf dem Teppich. Neben dem Umschlag stand Scarlets halb gepackter Koffer. Der Reißverschluss war offen, und aus einer Seitentasche ragte der Griff ihrer schwarzen Sonnenbrille.
Mein Name stand tatsächlich darauf. Nicht in ihrer Handschrift, sondern mit schwarzem Filzstift, in großen, geraden Buchstaben: ISAIAH.
Ich hörte Scarlet draußen im Flur telefonieren.
„Nein, ich komme nicht zurück, bevor wir landen“, sagte sie. „Er soll ruhig glauben, ich wäre bei Mandy.“
Ich erstarrte.
„Scarlet?“, rief ich.
Sie schaltete sofort auf Lautsprecherlosigkeit.
„Was?“
„Mit wem telefonierst du?“
„Mit meiner Schwester.“
„Um sechs Uhr morgens?“
„Du kontrollierst jetzt sogar meine Anrufe?“
Sie griff nach dem Umschlag, aber ich war schneller. Das Papier fühlte sich ungewöhnlich dick an. Ich steckte es in meine Schreibtischschublade und schloss sie ab.
„Das ist privat“, sagte sie.
„Mein Name steht darauf.“
„Dann öffne ihn, wenn du so neugierig bist.“
„Vielleicht tue ich das.“
Sie nahm ihren Koffer und knallte die Wohnungstür hinter sich zu.
Um sieben Uhr sah ich auf dem Flugplan, dass ihr Flieger gestartet war. Um sieben Uhr dreißig rief ich einen Möbelpacker an. Ich erklärte ihm, dass alles, was Scarlet gehörte, sorgfältig eingepackt und fotografiert werden musste. Keine beschädigten Gegenstände. Keine verschwundenen Dinge.
„Ist das eine Trennung oder ein Umzug?“, fragte der Mann am Telefon.
„Beides“, sagte ich.
Am Donnerstagvormittag standen zwei Männer mit Kartons in unserer Wohnung. Der eine trug eine rote Wollmütze, obwohl es draußen zwölf Grad hatte. Der andere klebte jedes Etikett schief auf die Kartons.
„Ihre Freundin hat viele Bücher“, sagte er.
„Sie sammelt Dinge, die sie irgendwann lesen will.“
„Und Sie?“
„Ich sammle Beweise, dass ich nichts genommen habe.“
Wir fotografierten jedes Zimmer. Ihren Schreibtisch. Ihre Kosmetika. Die Kaffeemaschine mit dem abgebrochenen schwarzen Griff. Sogar die Messingkassette mit der Kerbe, die ich unangetastet in der Schublade ließ.
Am Abend stand alles in einem Lagerraum am Stadtrand. Ich bezahlte einen Monat im Voraus und legte den Schlüssel samt Adresse in einen Umschlag. Danach putzte ich die Wohnung, bis meine Hände nach Zitronenreiniger rochen.
Als ich um dreiundzwanzig Uhr das Licht löschte, war es zum ersten Mal seit drei Jahren still.
Am Freitagmorgen kam die erste Nachricht.
„Warum sind meine Sachen weg?“
Ich antwortete: „Sie sind sicher eingelagert. Der Schlüssel liegt in deinem Briefkasten.“
„Du hast kein Recht dazu!“
„Dein Name steht nicht im Mietvertrag. Trotzdem kannst du alles innerhalb der vereinbarten Frist abholen.“
„Ich rufe die Polizei.“
„Dann zeige ich ihnen die Fotos und den Einlagerungsvertrag.“
Drei Minuten lang kam nichts.
Dann schrieb sie: „Du bist ein herzloser Mensch.“
Ich legte das Telefon weg. Trotzdem zitterten meine Finger.
Am Abend klingelte mein Nachbar Herr Keller. Er war zweiundsiebzig und trug immer dieselbe braune Weste mit einem fehlenden Knopf.
„Ich habe gestern jemanden im Treppenhaus gesehen“, sagte er. „Einen Mann mit einem Schlüssel.“
„Vince?“
Herr Keller nickte.
„Er wollte wissen, ob du verreist bist.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was hat er gesagt?“
„Dass Scarlet ihm erlaubt habe, etwas abzuholen.“
Ich ging sofort ins Wohnzimmer und öffnete die Überwachungskamera-App des Hauseingangs. Die Aufnahme vom Mittwochabend war noch gespeichert. Um 22 Uhr 41 trat Vince ins Haus. In der Hand hielt er einen großen Karton.
Er ging nicht wieder hinaus.
Ich rief die Hausverwaltung an. Der Verwalter, Herr Baum, versprach, die vollständige Aufnahme zu sichern.
„Isaiah“, sagte er, „es gibt noch etwas. Scarlet hat letzte Woche nach einem zusätzlichen Wohnungsschlüssel gefragt.“
„Warum?“
„Sie sagte, du hättest ihr erlaubt, einen Freund einziehen zu lassen.“
Mir wurde kalt.
Ich öffnete endlich die Schreibtischschublade und nahm den Umschlag heraus. Auf der Rückseite klebte ein durchsichtiger Streifen. Jemand hatte ihn bereits geöffnet und wieder verschlossen.
Mein Herz schlug so laut, dass ich kaum den Regen gegen die Fensterscheibe hörte.
Ich setzte mich, nahm ein Messer und schob die Klinge unter das Papier. Genau in diesem Moment vibrierte mein Telefon erneut. Eine unbekannte Nummer schrieb nur einen Satz:
„Wenn du den Umschlag öffnest, verlierst du mehr als Scarlet.“…
TEIL 3
„Wenn du derjenige bist, der mir geschrieben hat, ruf mich an“, sagte ich in die leere Wohnung.
Die unbekannte Nummer antwortete nicht.
Freitagabend, kurz nach zwanzig Uhr, saß ich am Küchentisch. Der Regen lief in dünnen Spuren über die Scheibe, und die grüne Flohmarktuhr tickte viel zu laut. Ich legte den Umschlag auf ein Geschirrtuch, damit meine Hände nicht abrutschten, und öffnete ihn.
Darin lagen drei Seiten.
Die erste war eine Kopie eines Mietvertrags. Nicht meines. Es war ein Vertrag für dieselbe Wohnung, beginnend am ersten Tag nach Scarlets Rückkehr aus Cabo. Als Mieter standen Scarlet und Vince darauf.
Die zweite Seite war eine E-Mail an die Hausverwaltung. Scarlet hatte geschrieben, ich sei ausgezogen und habe ihr die Wohnung überlassen. Sie bat darum, meinen Namen aus allen Unterlagen zu entfernen.
Die dritte Seite war ein Ausdruck einer Nachricht.
„Wenn Isaiah die Reise nicht akzeptiert, ist er selbst schuld. Nach Cabo ziehen wir zusammen ein. Er wird sich beruhigen, wenn er sieht, dass sowieso alles geregelt ist.“
Unter der Nachricht stand Scarlets Name. Daneben der Name Vince.
Ich las die Zeilen zweimal. Dann ein drittes Mal.
Nicht die Reise war der Plan gewesen.
Die Reise war nur der Moment, in dem sie mich aus dem Weg haben wollte.
Am Samstagmorgen traf ich Herrn Baum und Herrn Keller im Büro der Hausverwaltung. Herr Baum legte eine Speicherkarte auf den Tisch. Seine Finger zitterten leicht.
„Wir haben die Aufnahmen gesichert“, sagte er. „Sehen Sie selbst.“
Auf dem Bildschirm sah ich Scarlet und Vince am Mittwochabend vor unserer Wohnung. Scarlet hielt einen zweiten Schlüssel in der Hand.
„Er kommt erst am Freitag zurück“, sagte sie auf der Aufnahme. „Bis dahin ist alles erledigt.“
Vince grinste.
„Und wenn er nicht freiwillig geht?“
„Dann rufe ich die Polizei und sage, er hat meine Sachen gestohlen.“
Herr Keller nahm seine Brille ab.
„Das hat sie wirklich gesagt?“
„Ja“, antwortete Herr Baum. „Und es gibt noch mehr.“
Er startete eine zweite Aufnahme. Vince öffnete am Mittwochabend die Wohnungstür und stellte einen Karton im Flur ab. Scarlet kam hinter ihm herein. Sie zeigte auf das Schlafzimmer.
„Das wird unser Zimmer“, sagte sie.
Ich hörte meine eigene Wohnung plötzlich wie ein Fremder.
„Sie wollte mich nicht nur verlassen“, sagte ich. „Sie wollte mich als Dieb darstellen, damit ich alles verliere.“
„Deshalb habe ich Sie angerufen“, sagte Herr Baum. „Ich wollte, dass Sie vorbereitet sind.“
Mein Telefon klingelte. Scarlet.
Ich nahm ab und stellte den Lautsprecher ein.
„Warum hast du meinen Mietvertrag aus der Wohnung genommen?“, fragte sie ohne Begrüßung.
„Welchen meinst du?“
„Stell dich nicht dumm. Du hast meine Sachen eingelagert, meine Wohnung verändert und jetzt fälschst du irgendwelche Dokumente.“
Vince war im Hintergrund zu hören.
„Sag ihm, dass wir sofort kommen.“
„Du kommst nicht in die Wohnung“, sagte ich.
„Das ist auch meine Wohnung!“
„Nein. Und ich habe den Beweis, dass du einen neuen Vertrag mit Vince unterschrieben hast, während ich noch hier lebte.“
Am anderen Ende blieb es still.
„Wer hat dir das gegeben?“, flüsterte sie.
„Das ist nicht die Frage.“
„Isaiah, hör mir zu. Es war nur eine Idee. Ich war wütend.“
„Du hast eine Wohnung unterschrieben, die dir nicht gehört.“
„Ich wollte dich nicht verletzen.“
„Du wolltest mich aus meinem Zuhause entfernen.“
Vince riss ihr offenbar das Telefon aus der Hand.
„Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt“, sagte er. „Wenn du diese Aufnahmen verwendest, wirst du es bereuen.“
Herr Baum stand auf.
„Diese Drohung ist aufgenommen.“
Vince legte auf.
Ich dachte, nun wäre die schlimmste Wahrheit bekannt. Doch wenige Minuten später erhielt ich eine Nachricht von der Fluggesellschaft. Scarlet hatte für den Rückflug eine Änderung beantragt – nicht zu ihrer alten Adresse, sondern zu meiner.
Und dann klingelte es an der Wohnungstür. Draußen stand ein Polizist mit einem Schreibbrett und einem Durchsuchungsbeschluss in der Hand…
Dann hörte Scarlet ihre eigenen Worte aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, die Trennung wäre der schlimmste Moment gewesen. Doch danach musste ich entscheiden, ob ich sie vor den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen schützen würde.
„Du hast es gesagt.“
Zum ersten Mal hatte sie keine Antwort.
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