TEIL 4
…und der neue Eigentümer ist jemand, dessen Namen ich noch nie gehört hatte.
Clara zeigte mir die Nachricht.
Ich las die Zeile zweimal.
— Wer ist dieser Käufer?
— Eine Gesellschaft ohne erkennbare Geschäftstätigkeit. Gegründet vor drei Wochen.
Denis griff nach meinem Arm.
— Ksenia, wir müssen reden.
Ich zog meinen Arm zurück.
— Wir reden seit Jahren. Du hast nur nie zugehört.
— Ich wusste nichts von dem Konto.
— Das wird die Bank klären.
— Ich habe dich nicht absichtlich aus der Wohnung geworfen.
— Du standest dabei, als deine Mutter meine Sachen in Kartons packen ließ.
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah zum Tor des Instituts. Dort wartete bereits ein schwarzes Fahrzeug der Ermittlungsbehörde.
Denis wurde hektisch.
— Das ist ein Missverständnis. Ich rufe meinen Anwalt an.
Er wählte eine Nummer. Niemand nahm ab.
Er wählte erneut.
— Bitte gehen Sie ran, sagte er in die Mailbox. — Wir können das noch lösen.
Eine Minute später kam die Antwort als kurze Nachricht: Ich vertrete Sie in dieser Angelegenheit nicht. Es besteht ein unauflösbarer Interessenkonflikt.
Denis starrte auf das Telefon.
Anfissa trat neben ihn.
— Du hast gesagt, alles sei geregelt.
— Sei still.
— Du hast gesagt, sie hätte keine Rechte mehr.
— Sei still!
Clara bat uns, ins Gebäude zu gehen. Im Besprechungsraum standen vier Stühle und ein Aufnahmegerät auf dem Tisch. Die Ermittlerin erklärte, dass alle Beteiligten ihre Aussagen getrennt abgeben müssten.
Denis begann sofort, die Verantwortung abzuweisen.
— Meine Mutter hat die Vollmacht genutzt. Ich dachte, sie würde nur die Finanzierung sichern.
— Sie haben die Wohnung verlassen lassen, fragte die Ermittlerin.
— Ich habe nicht erwartet, dass Ksenia so empfindlich reagiert.
Die Ermittlerin drückte auf eine Taste.
Aus dem Lautsprecher erklang Denis’ Stimme vom Vormittag. Klar. Ruhig. Grausam.
— Ksenia, mach bitte keine Szene. Ich kaufe dir später eine kleinere Wohnung.
Dann meine Stimme.
— Du lässt fremde Leute unsere Sachen wegtragen.
Und wieder Denis:
— Wenn die neue Produktionslinie läuft, bekommst du etwas Passendes.
Im Raum bewegte sich niemand.
Denis hörte seine eigenen Worte. Nicht als Erinnerung, nicht als Ausrede, sondern als Tonaufnahme, die keine Rücksicht auf seine Absicht nahm.
— Das war nicht so gemeint, flüsterte er.
Die Ermittlerin sah ihn an.
— Aber Sie haben es gesagt.
Ich blickte auf den Tisch. Dort lag mein kleiner Schlüsselbund. Das zerkratzte Messingplättchen mit unseren Initialen war noch daran befestigt. Ich hatte ihn beim Verlassen der Wohnung eingesteckt, ohne darüber nachzudenken.
Später an diesem Abend fuhr ich mit Clara zum Grundbuchamt. Dort erfuhren wir, dass der Verkauf zwar eingetragen, aber wegen der gefälschten Unterschrift und des verdächtigen Geldflusses vorläufig blockiert worden war. Die Wohnung gehörte rechtlich noch nicht endgültig dem neuen Käufer.
Margarita wurde am nächsten Morgen befragt.
Sie kam mit ihrer Pelzmütze, obwohl draußen bereits warmer Frühling war. Sie behauptete, sie habe nur ihrem Sohn helfen wollen.
— Ich wollte die Familie retten, sagte sie.
Die Ermittlerin legte ihr die Kontoauszüge vor.
— Sie haben Ihrer Schwiegertochter jede Sicherheit genommen und das Geld an eine Geschäftspartnerin Ihres Sohnes weitergeleitet.
Margarita sah zu Boden.
— Anfissa hat versprochen, daraus mehr zu machen.
— Und wer hat Ihnen versprochen, dass Sie über fremdes Eigentum verfügen dürfen?
Darauf wusste sie keine Antwort.
Die nächsten Wochen waren laut.
Die Bank fror Anfissas Konto ein. Der Käufer der Wohnung zog seinen Antrag zurück, als bekannt wurde, dass die Finanzierung mit dem Verkaufserlös verbunden war. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen Urkundenfälschung, Betrugs und missbräuchlicher Verwendung einer Vollmacht ein.
Denis verlor den Auftrag. Seine Firma musste die Produktion einstellen. Die Maschinen wurden nicht sofort beschlagnahmt, weil die Gerichte zunächst prüften, welche Teile der Firma durch meine Patentrechte belastet waren. Doch die Entscheidung war längst gefallen: Ohne meine Lizenz durfte kein einziges Stück des Polymers hergestellt werden.
Ich hätte die Firma übernehmen können.
Helena riet mir dazu.
— Sie kennen das Geschäft. Sie kennen die Technik. Sie könnten aus den Resten etwas Eigenes aufbauen.
Ich schüttelte den Kopf.
— Ich will nicht in einem Gebäude weiterarbeiten, in dem ich jahrelang um Anerkennung bitten musste.
Stattdessen gründete ich mit zwei jungen Forschern aus dem Institut eine kleine Entwicklungsabteilung. Wir mieteten drei Räume in einem ehemaligen Postgebäude am Stadtrand. Die Fenster klemmten, der Kaffee kam aus einem alten Automaten, und jeden Morgen roch der Flur nach Staub und nassem Papier.
Es war der beste Geruch, den ich seit langer Zeit kannte.
Drei Monate später lag die Wohnung wieder in meiner Hand. Nicht weil Margarita sie mir zurückgeben wollte, sondern weil die Gerichte den Verkauf rückabwickelten. Im Flur war die Tapete beschädigt. Eine Tür war aus den Angeln gehoben worden. Mein Wohnzimmer wirkte kleiner als früher.
Aber es war wieder mein Raum.
Ich stellte nur wenige Möbel zurück. Den Sessel ans Fenster. Den runden Tisch in die Küche. Die Stehlampe bekam einen neuen Schirm, weil der alte beim Umzug zerbrochen war.
Den Schlüsselbund legte ich nicht mehr neben die Haustür.
Ich bewahrte ihn in einer kleinen Schale aus Keramik auf, die meine Nichte bemalt hatte. Das zerkratzte Messingplättchen lag obenauf.
Eines Nachmittags, sechs Monate nach jenem Morgen, kam meine Nichte Lina zu Besuch. Sie war acht Jahre alt und hatte einen Rucksack voller Buntstifte dabei.
— Wohnst du jetzt allein? fragte sie.
— Nein, sagte ich. — Ich wohne mit mir selbst. Das ist etwas anderes.
Sie dachte darüber nach und malte anschließend einen großen Tisch mit drei Stühlen.
— Einer ist für dich, sagte sie. — Einer für deine Arbeit. Und einer für jemanden, der dich gut behandelt.
— Und wenn niemand kommt?
Lina zuckte mit den Schultern.
— Dann stellst du eine Blume darauf.
Ich lachte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich mein Lachen nicht wie eine Entschuldigung an.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich stand morgens am Küchenfenster, während in unserem neuen Labor die erste Probe des eigenen Polymers erfolgreich aus dem Gerät kam. Helena schickte mir ein Foto. Auf dem Bildschirm leuchteten die Messwerte grün.
Nicht Denis’ Firma.
Nicht seine Investoren.
Mein Werk.
Am selben Abend kam eine Nachricht von Denis.
Ich habe verstanden, was ich verloren habe. Bitte gib uns eine letzte Chance. Die Wohnung war ein Fehler. Anfissa ist weg. Meine Mutter hat alles zerstört. Wir können noch einmal anfangen.
Ich las die Nachricht langsam.
Dann legte ich das Telefon auf den Tisch.
Eine Stunde später schrieb er erneut.
Du warst immer die Einzige, die mich wirklich gerettet hat.
Ich antwortete nur einmal.
Ich werde dich nicht noch einmal vor den Folgen deiner Entscheidungen retten.
Danach blockierte ich seine Nummer.
Es fühlte sich nicht wie Rache an.
Es fühlte sich an wie das Schließen einer Tür, die viel zu lange offen gestanden hatte.
Am nächsten Morgen brachte Lina ihr Bild vorbei. Sie hatte die Blume auf den dritten Stuhl gemalt. Neben den Tisch setzte sie ein kleines gelbes Rechteck.
— Was ist das? fragte ich.
— Dein Schlüssel, sagte sie. — Damit du immer wieder nach Hause findest.
Ich nahm den Schlüsselbund aus der Keramikschale. Das zerkratzte Messingplättchen glitzerte im ersten Sonnenlicht.
Früher hatte ich geglaubt, Zuhause sei ein Ort, den andere Menschen mir geben oder nehmen konnten.
Jetzt wusste ich es besser.
Ich schloss die Tür ab.
Und ließ den Schlüssel zum ersten Mal nur mir gehören.
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