TEIL 4
…„Rufen Sie ihn an“, sagte ich.
Viktor tat es sofort.
Der Anwalt hob nach dem zweiten Klingeln ab.
„Markus, ich hoffe, du hast einen guten Grund, mich während des Spiels—“
„Wer war in der Nacht im Labor?“, unterbrach Viktor ihn.
Am anderen Ende entstand eine lange Pause.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Dann hören Sie jetzt gut zu“, sagte Viktor. „Die Klinik hat die Aufnahmen. Und die Polizei ist bereits unterwegs.“
Markus riss ihm das Telefon aus der Hand.
„Beenden Sie das Gespräch!“
„Nein“, sagte ich.
Nur dieses eine Wort.
Aber Markus blieb stehen, als hätte ich ihn körperlich festgehalten.
Der Anwalt hörte meine Stimme und schwieg.
„Herr Lenz“, sagte ich, „hat mein Mann Sie beauftragt, Ethans Unterlagen zurückzuhalten?“
„Frau Seidel, ich darf dazu keine Auskunft geben.“
„Hat er Ihnen Geld überwiesen?“
Wieder Stille.
Dann sagte der Anwalt: „Ich beende das Gespräch.“
„Tun Sie das“, erwiderte ich. „Aber schicken Sie vorher die vollständige Akte an die Klinik. Wenn Sie noch einmal versuchen, die Behandlung zu verhindern, wird Ihr Schweigen Teil der Ermittlungen.“
Ich legte auf.
Markus starrte mich an.
„Was machst du da?“
„Ich rette nicht länger die Wahrheit vor dir.“
Zehn Minuten später kamen zwei Sicherheitsleute und eine Mitarbeiterin der Klinik zu uns. Das Spiel lief weiter, doch niemand in unserer Reihe sah noch auf das Spielfeld. Ethan lag mit dem Kopf an meiner Schulter. Sein Schal war unter seinem Kinn zusammengerutscht.
Viktor kniete vor ihm nieder.
„Du musst jetzt nicht tapfer sein“, sagte er. „Du darfst müde sein.“
Ethan sah ihn ernst an.
„Bist du wirklich mein Opa?“
„Ja.“
„Dann darfst du beim nächsten Spiel neben mir sitzen.“
Viktor presste die Lippen zusammen, damit seine Stimme nicht brach.
„Wenn du mich lässt.“
„Aber du musst die Abseitsregel lernen.“
Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Viktor.
Im Krankenhaus hörten wir später die Aufnahme, die aus dem Telefon des Anwalts gesichert worden war. Sie stammte aus einem Gespräch zwischen Markus und seinem Anwalt, drei Wochen zuvor.
Markus hatte gesagt: „Wenn sie von der Studie erfährt, wird sie ihn wieder durch alle Untersuchungen schicken. Ich will, dass Ethan die letzten Wochen ohne Schmerzen verbringt.“
Der Anwalt hatte geantwortet: „Dann müssen wir dafür sorgen, dass die Probe nicht bestätigt wird.“
Markus sagte: „Machen Sie, was nötig ist.“
Ich saß im abgedunkelten Besprechungsraum und hörte die Stimme meines Mannes aus dem Lautsprecher. Nicht seine Stimme im Streit. Nicht seine Stimme, wenn er weinte. Seine ganz normale Stimme. Ruhig. Überzeugt. Als würde er über eine Rechnung sprechen.
Er legte beide Hände auf den Tisch.
„Ich wollte nicht, dass er leidet.“
„Das glaube ich dir“, sagte ich. „Aber du hast entschieden, dass seine Angst wichtiger ist als sein Wunsch.“
Der Anwalt wurde noch in derselben Nacht von seinem Mandat entbunden. Gegen den Laborangestellten und ihn begannen Ermittlungen. Markus wurde nicht verhaftet, weil die Staatsanwaltschaft zuerst seine Beteiligung klären musste. Aber für mich war die Ehe in dem Moment vorbei, als seine Worte aus dem Lautsprecher kamen.
Nicht, weil er Angst gehabt hatte.
Sondern weil er mir diese Angst als Wahrheit verkauft hatte.
Am nächsten Morgen brachte die Klinik Ethan nach Freiburg. Viktor bezahlte keinen Luxus, stellte sich nicht vor die Kameras und verlangte keinen Dank. Er saß nur im Flur und hielt den schief bestickten Schal, während die Ärzte Ethan vorbereiteten.
Markus kam ebenfalls.
Er blieb vor der Tür stehen.
„Darf ich hinein?“, fragte er.
Ethan sah mich an.
Ich überließ ihm die Entscheidung.
„Heute nicht“, sagte Ethan.
Markus nickte. Seine Augen waren rot.
„Das verstehe ich.“
Er legte die Hand auf die Türklinke, nahm sie aber wieder weg.
Dann ging er.
Die erste Behandlung dauerte vier Stunden. Ethan schlief danach so tief, dass ich bei jedem Piepen der Geräte aufsprang. Viktor blieb neben meinem Stuhl sitzen und strickte unbeholfen an einem zweiten Schal. Er hatte sich die Finger zweimal mit der Nadel gestochen.
„Ich war nie gut mit Kindern“, sagte er.
„Sie sind kein Kindermensch“, antwortete ich. „Sie sind gerade erst Großvater geworden.“
Er sah auf den roten Faden in seinen Händen.
„Ich hätte früher kommen müssen.“
„Ja“, sagte ich. „Aber jetzt sind Sie hier.“
Drei Wochen später fiel in Freiburg der erste Schnee. Ethan konnte wieder ohne Hilfe zum Fenster gehen. Noch nicht weit. Nur bis zum Heizkörper und zurück.
Das war für uns ein Fest.
Er zeichnete ein Bild von einem Fußballstadion. Auf der Tribüne saßen drei Menschen. Einer hatte einen viel zu großen Kopf, weil Ethan sagte, Viktor müsse immer alles sehen können. Eine Figur trug einen roten Schal. Die dritte hatte einen schwarzen Fleck am Daumen.
„Das bist du“, sagte Ethan zu Markus, als dieser das Bild abholte.
Markus betrachtete es lange.
„Warum habe ich den Fleck?“
„Weil du immer noch unterschreibst, bevor du nachdenkst.“
Markus lächelte traurig.
„Das werde ich nicht vergessen.“
„Du sollst es auch nicht vergessen.“
Im April zeigte die Behandlung Wirkung. Die Werte verbesserten sich. Nicht plötzlich, nicht wie in einem Märchen. Ein kleiner Schritt nach dem anderen.
Ethan durfte wieder in die Schule, zunächst nur für zwei Stunden am Tag. Ich begann in der Krankenhausbibliothek zu arbeiten, wo ich Bücher für Kinder sortierte und Mütter mit Tee versorgte, die genauso erschöpft aussahen wie ich früher.
Unsere Wohnung wurde kleiner, aber ruhiger. Markus zog aus. Er schrieb Briefe, viele Briefe. Die meisten beantwortete ich nicht.
Eines Abends, fünf Monate nach dem Fußballspiel, lag eine Nachricht in meinem Briefkasten.
„Anna, ich weiß, dass ich kein Recht auf eine weitere Chance habe. Aber wenn Ethan mich irgendwann wieder sehen möchte, werde ich warten. Ich habe verstanden, dass Liebe nicht bedeutet, jemandem die Entscheidung abzunehmen.“
Darunter stand nur sein Name.
Ich las die Nachricht zweimal. Dann legte ich sie in eine Schublade und rief Ethan zum Abendessen.
„Willst du Papa antworten?“, fragte ich.
Ethan schob die Erbsen auf seinem Teller zu einem kleinen Kreis.
„Noch nicht.“
„Das ist in Ordnung.“
„Mama?“
„Ja?“
„Darf ich entscheiden, wann ich bereit bin?“
Ich legte meine Hand auf seine.
„Immer.“
Draußen begann es wieder zu schneien, obwohl es längst Frühling war. Kleine weiße Flocken blieben auf dem Fenstersims liegen und schmolzen dort zu klaren Tropfen.
An der Garderobe hing Ethans roter Schal. Das gelbe Garn an seinen Initialen war inzwischen ganz lose, und ich hatte ihn nicht repariert. Ich wollte, dass die schiefe Naht blieb. Sie erinnerte mich daran, dass manche Dinge nicht perfekt sein müssen, um echt zu sein.
Ethan nahm den Schal und legte ihn sich um den Hals.
„Komm“, sagte er. „Viktor wartet unten.“
„Wohin geht ihr?“
„Zum Training. Er muss endlich Abseits lernen.“
Ich lachte, zog meine Schuhe an und schloss die Tür hinter uns.
Zum ersten Mal seit langer Zeit ging ich nicht in ein Krankenhaus, weil ich Angst vor dem nächsten Anruf hatte.
Ich ging mit meinem Sohn in den Schnee.
Und sein Schal flatterte wie eine kleine Fahne vor uns her.
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