TEIL 4
„…dass Sie ihm persönlich eine Vollmacht erteilt hätten“, beendete Frau Weber den Satz.
Andrei sprang auf.
„Das ist unmöglich.“
„Setzen Sie sich“, sagte der Polizeibeamte.
„Ich habe diese Kanzlei nie beauftragt.“
„Dann erklären Sie, warum Ihr Name auf dem Antrag steht.“
Andrei öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Kateryna begann, hektisch Nachrichten zu tippen. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie mehrmals die falsche Taste drückte.
Meine Mutter griff nach ihrem Arm.
„Ruf niemanden an.“
„Wen soll ich denn anrufen?“, fuhr Kateryna sie an. „Den Anwalt, den du für uns benutzt hast?“
Das war der Moment, in dem Andrei sie ansah.
Nicht wütend.
Entsetzt.
„Welchen Anwalt?“, fragte er.
Kateryna erstarrte.
Der Beamte nahm ihr das Telefon ab. Auf dem Bildschirm stand eine Nachricht von einer Kanzlei: „Wir können die Einreichung nicht länger vertreten. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass unsere Vollmacht nur auf den von Frau Markovic übermittelten Unterlagen beruhte.“
Meine Mutter wurde an den Tisch zurückgeführt.
„Das ist ein Missverständnis“, sagte sie. „Ich wollte nur verhindern, dass Olena die Familie zerstört.“
„Sie haben versucht, Geld von ihrem Konto zu nehmen“, sagte Frau Weber.
„Ich wollte es zurücklegen.“
„Nach der Hochzeitsreise?“, fragte Natalia.
Meine Mutter starrte sie an.
Natalia spielte die Aufnahme noch einmal ab.
Diesmal hörten alle zu.
„Sie bekommt keinen Platz und kein Essen. Aber der Scheck bleibt auf dem Tisch.“
Die Stimme meiner Mutter klang aus dem Lautsprecher, als käme sie aus einem fremden Raum. Hart. Heiter. Überzeugt, dass niemand sie aufhalten würde.
Ich sah zu ihr.
„Das haben Sie gesagt.“
Sie wich meinem Blick aus.
„Ich war wütend.“
„Sie waren nicht wütend. Sie hatten einen Plan.“
„Du stellst die Familie bloß.“
„Nein. Ich lasse euch nur nicht länger allein mit euren eigenen Worten.“
Andrei begann zu weinen. Nicht laut. Nur zwei Tränen, die über sein Gesicht liefen, während er auf seine Hände starrte.
„Olena, ich hätte dich nicht so behandeln dürfen.“
„Nein.“
„Ich dachte, du würdest den Scheck trotzdem geben.“
„Das weiß ich.“
„Ich wollte nicht, dass Mama die Vollmacht benutzt.“
„Aber du hast sie unterschrieben.“
Er sah mich an.
„Ich habe ein leeres Blatt unterschrieben. Sie sagte, es sei für die Versicherung.“
Meine Mutter fuhr herum.
„Du undankbarer Junge!“
Der Beamte stellte sich zwischen die beiden.
„Niemand verlässt den Raum.“
Die Ermittlungen dauerten sechs Wochen. Die Bank fror sämtliche verdächtigen Zugänge ein. Der Überweisungsauftrag wurde endgültig zurückgewiesen. Die Kanzlei gab ihre Unterlagen heraus, darunter die E-Mail-Adresse, von der die gefälschten Dokumente verschickt worden waren.
Sie gehörte nicht meiner Mutter.
Sie gehörte Kateryna.
Kateryna hatte die Dateien vorbereitet, die Unterschrift aus einem alten Mietvertrag ausgeschnitten und die Anträge an die Kanzlei gesendet. Andrei wusste von der Hochzeit und vom Scheck. Er behauptete, von den Anträgen nichts gewusst zu haben. Die Ermittler fanden jedoch Nachrichten, in denen er geschrieben hatte: „Wenn sie unterschreibt, ist endlich alles geregelt.“
Ich las diese Zeile allein in meiner Küche und musste mich an der Arbeitsplatte festhalten.
Nicht, weil ich ihn noch retten wollte.
Sondern weil ich endlich verstand, wie lange ich mich selbst übergangen hatte.
Meine Mutter durfte das Familienhaus vorerst nicht betreten. Andrei und Kateryna trennten sich drei Monate später. Der Geländewagen blieb bei mir, wurde verkauft und bezahlte fast genau die Schulden, die sie hinterlassen hatten. Der Rest des Geldes ging auf ein neues Konto, von dem niemand in meiner Familie wusste.
Ich gab den cremefarbenen Umschlag nicht aus der Hand. Der Scheck war inzwischen ungültig, aber ich bewahrte ihn trotzdem auf. Nicht als Beweis gegen sie, sondern als Erinnerung daran, wie nah ich daran gewesen war, mich wieder selbst zu verschenken.
Ein halbes Jahr später zog ich nach Leipzig. Ich mietete eine helle Wohnung im dritten Stock, mit einem schmalen Balkon und einer Küche, in der morgens das Licht auf den Fliesen lag. Ich begann, in einer kleinen Beratungsstelle für Frauen zu arbeiten, die ihre Finanzen allein ordnen mussten.
Lesja besuchte mich an einem kalten Samstag im November.
Sie stellte zwei Tassen Tee auf den Tisch und sah auf den leeren Stuhl neben sich.
„Du hast noch immer einen Platz frei“, sagte sie.
„Diesmal absichtlich.“
Sie lächelte.
Später malte ihre siebenjährige Tochter Mira einen kleinen Vogel auf ein Blatt Papier. Der Vogel hatte einen krummen Flügel und einen langen roten Schnabel.
„Das bist du“, erklärte Mira.
„Warum sehe ich so aus?“
„Weil du trotzdem fliegst.“
Ich lachte. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich nichts erklären.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich arbeitete am Küchentisch, trank Kaffee und hörte keine Schritte vor der Tür, die mich zurück in ein altes Leben holen wollten.
Dann kam eine Nachricht von Andrei.
„Ich habe einen Fehler gemacht. Bitte sprich mit mir. Mama ist krank, Kateryna ist weg, und ich brauche dich.“
Ich las sie zweimal.
Früher hätte ich sofort angerufen. Ich hätte gefragt, was er braucht, wie viel Geld fehlt und wen ich anrufen muss.
Diesmal legte ich das Telefon neben die Tasse.
Nach einer Stunde schrieb ich zurück.
„Ich hoffe, du findest Hilfe. Aber ich werde deine Folgen nicht länger tragen.“
Er antwortete sofort.
„Du bist meine Schwester.“
Ich sah hinaus auf den verschneiten Balkon.
„Ja“, schrieb ich. „Aber ich bin auch Olena.“
Danach blockierte ich seine Nummer.
Am Abend nahm ich die kleine Kupferbrosche aus der Schublade. Der Vogel war an einer Stelle dunkel angelaufen, und auf seinem Flügel verlief noch immer eine feine Kerbe vom Papierausweis der Hochzeit.
Ich steckte ihn an meinen Mantel und ging hinaus.
Der Schnee blieb auf den Straßen liegen.
Zum ersten Mal musste ich nirgendwo dazugehören.
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