TEIL 4 — Der gefürchtete Hausherr beschuldigte mich des Diebstahls, doch als ich seinen Namen erwähnte, verschwand sein Lächeln

TEIL 4

Matteo las die Nachricht zweimal.

Dann gab er mir sein Telefon.

— Bleib hier.

— Nein.

— Elena, hör mir zu.

— Wenn sie mich als Druckmittel benutzen, komme ich mit.

— Du bist nicht bewaffnet.

— Sie wissen nicht, dass ich die Kassette habe.

Sein Blick fiel auf das Tonbandgerät. In seinem Gesicht kämpften Wut und Angst miteinander. Schließlich nahm er die alte Armbanduhr und steckte sie in seine Manteltasche.

— Marco kennt den Weg zum Lagerhaus. Ich kenne ihn besser.

— Dann fahren wir zusammen.

Er wollte widersprechen, aber draußen heulte bereits ein Motor auf. Ein schwarzer Wagen schoss über die Auffahrt und verschwand hinter den Zypressen.

Matteo griff nach meiner Hand.

— Hinter mir bleiben.

— Das habe ich mein ganzes Leben getan.

Er sah mich an.

— Was meinst du?

— Meine Mutter hat sich versteckt. Ich habe mich als Haushaltshilfe beworben. Und du hast vier Tage lang Kameras aufgestellt, um den falschen Dieb zu finden.

Sein Gesicht wurde hart.

— Ich wusste nicht, wer du bist.

— Jetzt weißt du es.

Wir erreichten das Lagerhaus kurz nach Mitternacht. Der Regen schlug gegen die Windschutzscheibe, und der rote Lichtschein des Feuers färbte die Wolken über Chicago orange.

Matteo stieg aus.

— Du bleibst im Wagen.

— Nein.

— Elena.

— Wenn ich sterben soll, dann nicht allein in einem Auto.

Er wollte mich zurückschicken. Stattdessen schloss er die Wagentür und ging neben mir durch das offene Tor.

Im Inneren roch es nach Öl, Rauch und nassem Holz. Zwischen den Säulen standen drei Männer. Einer hielt ein Gewehr auf Matteo gerichtet. Der zweite war Marco.

Sein schwarzer Ring glitzerte im Feuerschein.

— Du hättest allein kommen sollen — sagte Marco.

— Das habe ich versucht — erwiderte Matteo. — Aber du hast sie unterschätzt.

Marco sah mich an.

— Deine Mutter war genauso stur.

— Du hast meinen Vater getötet.

— Dein Vater wollte das Geschäft übernehmen.

— Er wollte die Wahrheit sagen.

Marco lachte ohne Freude.

— Wahrheit ist nur ein Wort, das Menschen benutzen, wenn sie verlieren.

Matteo trat vor.

— Du hast Luca die Buchhaltung unterschieben. Du hast meinen Vater bestohlen. Du hast meine Mutter glauben lassen, Luca sei geflohen. Und als ich ihm nachging, hast du mich in eine falsche Spur geführt.

— Du warst jung und wütend. Es war leicht.

Dann hörte ich meine eigene Stimme aus einem Lautsprecher über uns.

„Wenn Sie wirklich glauben, ich hätte etwas gestohlen, durchsuchen Sie mich.“

Marco erstarrte.

Darauf folgte seine Stimme aus der Küche. Ich hatte nicht gewusst, dass Matteo die Kameras mit Ton hatte nachrüsten lassen.

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„Sie überschätzt sich.“

Dann hörten wir Marcos Worte aus dem Arbeitszimmer.

„Matteo, hör mir zu.“

Und seine Stimme, als er glaubte, niemand könne ihn hören:

„Wenn Luca redet, ist alles vorbei.“

Marco blickte nach oben. Seine Lippen öffneten sich.

Er hörte sich selbst.

Nicht als mächtigen Mann. Nicht als unantastbaren Wächter. Nur als feigen Mörder, der in einem dunklen Raum über das Leben anderer entschied.

— Du hast mich aufgenommen — flüsterte er.

— Seit sechs Tagen — sagte Matteo.

— Dann hast du die ganze Zeit gewusst, dass ich es war?

— Nein. Elena wusste es zuerst.

Marco sah mich an. In diesem Blick lag kein Zorn mehr. Nur die Erkenntnis, dass er die falsche Person unterschätzt hatte.

Draußen näherten sich Sirenen.

Marco hob die Waffe, aber Matteo war schneller. Ein Schuss krachte, Marco fiel auf die Knie und ließ die Waffe fallen. Die Männer neben ihm rannten zum Hinterausgang, wo bereits Polizeibeamte warteten.

Matteo blieb stehen, bis sie Marco Handschellen angelegt hatten.

— Ich habe die Behörden vor einer Stunde verständigt — sagte er.

— Warum hast du mir nichts gesagt?

— Weil ich nicht wusste, wem ich noch trauen konnte.

— Und jetzt?

Er sah auf die Uhr in seiner Hand.

— Jetzt weiß ich, wem ich die Wahrheit schulde.

Am nächsten Morgen saß ich im Arbeitszimmer. Die grüne Lampe brannte, und der Regen war gegen Schnee getauscht worden. Matteo hatte die Tür zum Ballsaal geöffnet. Zum ersten Mal seit sieben Jahren fiel Tageslicht auf das Parkett.

Sein Anwalt, Herr Weiss, stand am Schreibtisch und blätterte durch die Unterlagen.

— Marco hat über Jahre Geld abgezweigt. Die Firmenübertragung war gefälscht. Aber die Beweise auf dem Band reichen für die Anklage wegen Mordes und Erpressung.

— Und Matteo? — fragte ich.

— Er muss aussagen.

Matteo nickte.

— Ich werde aussagen.

— Das kann die Familie zerstören.

— Die Familie ist vor zwanzig Jahren zerstört worden. Wir haben nur so getan, als wäre sie noch da.

Herr Weiss legte einen Ordner auf den Tisch. Darin lagen die Originalaufnahmen, die gefälschten Bilder und ein Kontoauszug mit Marcos Unterschrift.

Ich berührte die Ecke des Papiers.

— Warum hat meine Mutter mir die Kassette nicht früher gegeben?

Matteo antwortete erst nach langer Zeit.

— Vielleicht wollte sie, dass du selbst entscheidest, wem du glaubst.

— Sie hätte mich warnen können.

— Sie hat dich beschützt, so gut sie konnte.

Ich sah durch das Fenster zum Ballsaal. Auf dem glänzenden Boden lag noch der rote Emaillelöffel, den ich in der Nacht dort vergessen hatte. Der Rand war abgeplatzt. An einer Stelle klebte ein winziger schwarzer Streifen von Matteos Hemd.

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Ich hob ihn auf und steckte ihn in meine Tasche.

Die leere Kammer neben dem Ballsaal war früher Marcos Büro gewesen. Dort fanden die Ermittler sein rotes Notizbuch. Zwischen Zahlen und Namen stand auch der Name meiner Mutter. Daneben ein Datum, zwanzig Jahre alt.

Ich las die Zeile nur einmal.

Dann schloss ich das Buch.

Drei Wochen später zog ich aus dem Valente-Anwesen aus.

Nicht, weil Matteo mich fortschickte. Er bot mir sogar ein Zimmer an, solange ich eine eigene Wohnung gefunden hatte.

Aber ich wollte nicht länger in einem Haus leben, in dem jeder Flur eine Erinnerung an Angst trug.

Ich mietete eine kleine Wohnung nahe dem See. Die Küche war zu eng, die Heizung klopfte nachts, und im Bad tropfte der Wasserhahn. Trotzdem schlief ich dort besser als in jeder Nacht zuvor.

Matteo besuchte mich am ersten Sonntag.

Er brachte keine Blumen mit. Nur einen Karton mit den Schallplatten seines Vaters.

— Du hast sie immer angesehen — sagte er.

— Ich habe sie nicht angesehen. Ich habe sie geputzt.

— Du hast dabei gelächelt.

— Vielleicht mochte ich die Musik.

Er stellte den Karton auf den Tisch.

— Ich weiß nicht, wie man eine Nichte hat.

— Ich weiß nicht, wie man einen Onkel hat.

Wir standen einander gegenüber, beide unbeholfen, beide zu stolz, um den ersten Schritt zu machen.

Dann sagte Matteo:

— Ich habe Luca geliebt.

Meine Augen brannten.

— Ich auch. Obwohl ich ihn kaum gekannt habe.

— Du darfst wütend auf mich sein.

— Bin ich.

— Gut.

— Warum gut?

— Weil Wut bedeutet, dass du nicht mehr nur Angst hast.

Das war das erste Mal, dass ich ihn lachen sah. Es war kein lautes Lachen. Nur ein kurzer, erschöpfter Atemzug.

Monate vergingen.

Matteo sagte vor Gericht aus. Marco wurde wegen Mordes, Betrugs und Erpressung verurteilt. Die beiden Männer, die für ihn gearbeitet hatten, erhielten geringere Strafen und sagten gegen ihn aus. Marcos Vermögen wurde eingezogen, und die Firma, die er heimlich verkaufen wollte, blieb in Matteo Händen.

Ich verfolgte den Prozess nicht bis zum Ende.

Ich musste nicht hören, wie Marco bestraft wurde, um zu wissen, dass er mich nicht mehr erreichen konnte.

Im Frühling begann ich in einer kleinen Restaurierungswerkstatt zu arbeiten. Ich reparierte alte Möbel, polierte Holz und lernte, wie man Risse nicht versteckt, sondern stabilisiert.

Matteo kam manchmal vorbei.

Er brachte Kaffee mit, viel zu stark und ohne Zucker.

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— Du trinkst ihn immer noch falsch — sagte ich.

— Ich habe zwanzig Jahre lang alles falsch gemacht.

— Dann ist Kaffee ein guter Anfang.

An einem kalten Novembermorgen fand ich vor meiner Tür einen Brief.

Kein Absender.

Ich erkannte Marcos Handschrift sofort.

„Elena, du weißt nicht die ganze Wahrheit. Matteo hat dir nicht alles erzählt.“

Ich las den Satz zweimal. Dann legte ich den Brief ungeöffnet in den Ofen und sah zu, wie das Papier schwarz wurde.

Eine Stunde später rief Matteo an.

— Er hat dir geschrieben.

— Ja.

— Was stand darin?

— Nichts, das ich noch brauche.

Am anderen Ende blieb es still.

— Soll ich kommen?

Ich sah aus dem Fenster. Der erste Schnee fiel auf die Dächer, langsam und lautlos.

— Nein.

— Bist du sicher?

— Ja. Heute brauche ich niemanden, der eine Tür für mich bewacht.

Er atmete tief ein.

— Dann rufe ich morgen wieder an.

— Morgen ist in Ordnung.

Am Abend stellte ich den roten Emaillelöffel in ein Glas neben die Küche. Der abgeplatzte Rand fing das Licht der kleinen Lampe ein.

Ich hatte ihn aus dem Ballsaal mitgenommen, weil er mich daran erinnerte, dass ich dort zum ersten Mal seit Jahren getanzt hatte, ohne darauf zu warten, dass jemand die Tür öffnete.

Draußen begann der Schnee, die Stadt leiser zu machen.

Ich nahm den Löffel aus dem Glas, drehte ihn in der Hand und lächelte.

Dann schloss ich die Tür.

Diesmal von innen.

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