TEIL 4
Ich wusste sofort, dass der schlimmste Teil noch nicht ausgesprochen war.
Daniel vergrößerte das Bild.
Igor stand vor Darias Büro in der Universität. Der Umschlag in seiner Hand war nicht an sie adressiert, sondern an die Personalstelle. Daneben war das Gesicht eines Mitarbeiters zu erkennen, den ich kannte: Andrej Kossin, ein Kollege aus Igors Fakultät.
— Was ist in dem Umschlag? fragte ich.
Igor sagte nichts.
Daniel öffnete die Nachricht, die Alina geschickt hatte. Darin befanden sich weitere Aufnahmen, Kontoauszüge und ein Entwurf für eine anonyme Beschwerde gegen Daria. Igor hatte behauptet, sie habe Fördergelder veruntreut und ihre Stelle durch Bestechung bekommen.
Es war gelogen.
Aber es hätte gereicht, um eine Untersuchung auszulösen.
— Warum? fragte ich.
Igor wischte sich über das Gesicht.
— Ich wollte nur, dass sie Angst bekommt.
— Wovor?
— Dass ihr klar wird, wie abhängig ihr alle von mir seid.
Daniel nahm sein Telefon und rief die Polizei.
Igor begann sofort, in der Wohnung hin und her zu gehen. Seine Schuhe knarrten auf dem Parkett. Er öffnete die Abstellkammer, schloss sie wieder, zog die Werkzeugkiste hervor und stieß sie um.
Schrauben rollten über den Boden.
— Ich kann das erklären, sagte er.
— Das hast du oft gesagt.
— Marina, bitte. Ich habe Fehler gemacht.
— Du hast Entscheidungen getroffen.
— Ich liebe dich nicht mehr. Das ist doch kein Verbrechen.
— Nein, sagte ich. Aber du hast gelogen, gefälscht und unsere Tochter bedroht.
Er blieb stehen.
— Ich habe Daria nicht bedroht.
Daniel drehte den Lautsprecher seines Telefons auf. Eine Aufnahme begann, diesmal aus Igors Wagen.
„Wenn deine Mutter die Vollmacht nicht unterschreibt, verliert deine Tochter ihre Stelle. Du weißt, wie schnell ich eine Untersuchung anstoßen kann.“
Igors eigene Stimme erfüllte den Raum.
Er hörte sie.
Zum ersten Mal hörte er sich selbst so, wie wir ihn gehört hatten.
Sein Gesicht veränderte sich. Nicht vor Reue. Vor der Erkenntnis, dass seine Worte nicht verschwinden würden, nur weil er sie jetzt bedauerte.
— Mach das aus, flüsterte er.
— Das bist du, sagte ich.
— Ich war wütend.
— Du warst du.
Die Polizei kam zwanzig Minuten später. Zwei Beamte betraten den Flur, sahen sich die Unterlagen an und baten Igor, seinen Ausweis herauszuholen. Er versuchte noch, Daniel einzuschüchtern.
— Sie ruinieren eine Familie.
Daniel antwortete ruhig:
— Nein. Ihre Entscheidungen tun das.
Igor wurde nicht sofort verhaftet. Er musste die Wohnung verlassen und durfte weder mich noch Daria kontaktieren. Seine Kaution wurde später festgesetzt, seine Dienststelle suspendierte ihn bis zum Abschluss des Verfahrens. Der gefälschte Antrag wurde gelöscht, und der Notar bestätigte schriftlich, dass kein Eigentumsübergang stattgefunden hatte.
Die Anklage umfasste Urkundenfälschung, versuchten Betrug und Nötigung. Monate später wurde er zu einer Bewährungsstrafe, einer hohen Geldauflage und Schadensersatz verurteilt. Die Universität entließ ihn nach einer Disziplinarprüfung. Alina erhielt keine Belohnung, aber sie sagte vor Gericht aus und begann danach ihr Referendariat in einer anderen Stadt.
Daria bekam ihren Namen zurück.
Die anonyme Beschwerde wurde vollständig aufgeklärt. Ihre Vorgesetzte entschuldigte sich persönlich bei ihr und sagte, sie habe nie an Darias Schuld geglaubt, aber die Anschuldigungen hätten sie prüfen müssen.
Daria antwortete:
— Meine Mutter hat mir geglaubt. Das war genug, um durchzuhalten.
Am Abend, nachdem Igor die Wohnung verlassen hatte, blieb sein großer Reisekoffer noch im Flur stehen.
Ich öffnete ihn nicht.
Drei Tage später holte eine Spedition seine Sachen ab. Die Männer trugen Kartons, Bücher und die Werkzeugkiste hinaus. Auf dem Boden der Abstellkammer blieb nur ein einzelner Kreuzschlitzschraubendreher liegen.
Ich hob ihn auf.
Früher hätte ich ihn in die Kiste gelegt und gewartet, bis Igor irgendwann sagte, er müsse ihn holen.
Diesmal warf ich ihn weg.
In der Küche war das kleine Schranktürchen noch immer gerade. Ich öffnete und schloss es mehrmals. Das leise Einrasten beruhigte mich stärker als jedes Urteil.
Eine Woche später fuhr ich nach Tjumen zu Daria. Sie hatte kaum geschlafen und sah erschöpft aus. Wir saßen in ihrer Küche, zwischen Aktenordnern und zwei Tassen Kaffee.
— Mama, hast du Angst? fragte sie.
— Manchmal.
— Vor ihm?
Ich dachte nach.
— Nicht mehr vor ihm. Vor der Zeit, die ich an ihn verloren habe.
Daria legte ihre Hand auf meine.
— Du hast sie nicht verloren. Du hast mich bekommen.
Ich lächelte. Dann weinte ich. Nicht wie früher, heimlich und wütend in der Dunkelheit. Diesmal weinte ich, weil jemand die Wahrheit ausgesprochen hatte, ohne dafür etwas von mir zu verlangen.
In den folgenden Monaten veränderte sich mein Leben nicht plötzlich. Es veränderte sich in kleinen Dingen.
Ich nahm wieder eine halbe Stelle im Grundbuchamt an, zunächst nur für Beratungen. Jeden Dienstag half ich älteren Menschen, ihre Erbschaftsunterlagen zu verstehen. Viele kamen nervös und entschuldigten sich dafür, dass sie so wenig wussten.
Ich sagte dann:
— Dafür sind wir hier.
In meiner Wohnung stellte ich die Möbel um. Ich strich die Küche in einem warmen Sandton und kaufte zwei neue Pflanzen. Eine davon ging sofort ein. Die andere wuchs so schnell, dass ich sie im Frühjahr umtopfen musste.
Samstags ging ich auf den Markt. Ich kaufte Äpfel, obwohl ich früher nie Äpfel mochte. Daria behauptete, das sei ein psychologisches Zeichen.
— Wegen deines Schlüsselanhängers, sagte sie.
Der kleine rote Emaille-Apfel hing noch immer an meinem Schlüsselbund. Ich hatte überlegt, ihn wegzuwerfen, weil er mich an meine Mutter und an die Zeit erinnerte, in der ich immer nur für andere stark gewesen war.
Aber dann behielt ich ihn.
Er erinnerte mich nicht mehr an das, was ich verloren hatte. Er erinnerte mich daran, dass etwas Kleines jahrzehntelang halten konnte, auch wenn der Lack abblätterte.
Drei Monate nach dem Urteil kam der erste Schnee.
Ich stand morgens am Fenster und sah zu, wie die Dächer weiß wurden. Auf dem Tisch lag Darias Zeichnung, die sie als Kind gemacht hatte: unser Haus, zwei krumme Bäume und drei Menschen mit übergroßen Händen. Ich hatte sie hinter einem Bilderrahmen gefunden, als ich Igors alte Papiere sortierte.
Am selben Nachmittag erschien eine Nachricht auf meinem Telefon.
Von Igor.
„Ich weiß, dass ich kein Recht habe, dir zu schreiben. Aber ich möchte dich sehen. Nur zehn Minuten. Ich habe verstanden, was ich getan habe. Bitte gib uns eine letzte Chance.“
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann legte ich das Telefon auf den Tisch.
Daria rief kurz danach an.
— Hat er geschrieben?
— Ja.
— Willst du antworten?
Ich sah zur Küchentür. Sie hing gerade in ihren Angeln. Der rote Emaille-Apfel lag neben der Obstschale, weil ich den Schlüsselbund abgenommen hatte.
— Ja, sagte ich.
Ich schrieb:
„Ich wünsche dir, dass du eines Tages ehrlich mit dir selbst sein kannst. Aber ich komme nicht zurück. Bitte kontaktiere mich nicht mehr.“
Dann drückte ich auf Senden.
Keine Erklärung.
Keine Wut.
Keine Tür, die ich für ihn offenhalten musste.
Am Abend stellte ich den roten Apfel wieder an meinen Schlüsselbund. Als ich die Wohnung abschloss, schlug er leise gegen das Metall.
Ich blieb im Hausflur stehen und hörte dem Geräusch nach.
Hinter mir war meine Wohnung.
Vor mir lag mein Leben.
Und diesmal öffnete ich die Tür selbst.
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