TEIL 4
Sie wissen nicht, wer hinter Ihrem Mann steht…
Ich zeigte die Nachricht Herrn Weber. Seine Miene veränderte sich sofort.
„Rufen Sie nicht zurück“, sagte er.
„Das ist mein Sohn.“
„Gerade deshalb nicht.“
Er fotografierte das Telefon, notierte die Uhrzeit und rief die Polizei. Ich stand im Flur der Schule, während draußen Schneematsch gegen die Fenster klatschte. Artem saß neben mir und hielt den roten Stofffuchs an seine Brust gedrückt.
Maxim kam auf mich zu.
„Polina, gib mir dein Telefon.“
„Nein.“
„Du verstehst nicht, was du anrichtest.“
„Doch. Zum ersten Mal verstehe ich es sehr genau.“
Seine Mutter begann zu weinen.
„Maxim, sag mir, dass du damit nichts zu tun hast.“
Er fuhr zu ihr herum.
„Du hast doch das Geld genommen!“
Sie wich zurück, als hätte er sie geschlagen.
„Du hast gesagt, es sei nur vorübergehend.“
„Weil du mich dazu gezwungen hast!“
Herr Weber trat zwischen sie.
„Niemand verlässt diesen Raum, bevor die Beamten eintreffen.“
Maxim lachte heiser. „Sie glauben wirklich, dass eine Frau wie Polina gegen mich gewinnt?“
Ich sagte nichts.
Zum ersten Mal musste ich ihn nicht überzeugen.
Die Polizei nahm die Nachricht auf, sicherte das Bild und ließ sich die Nummer geben. Eine Beamtin fragte mich, ob ich wisse, wer hinter dem Konto stecken könnte.
Herr Weber antwortete für mich.
„Die unbekannte Frau aus der Aufnahme. Wir haben ihre Stimme auf einer weiteren Datei.“
Er spielte die Aufnahme ab. Diesmal erklang eine klare Frauenstimme.
„Wenn er die Vollmacht bekommt, gehört ihm alles. Sie wird nie erfahren, dass die Überweisungen an mich gehen.“
Maxims Mutter sank auf einen Stuhl.
„Das ist meine Stimme“, flüsterte sie.
Niemand sagte etwas.
Am nächsten Morgen wurde Maxims Wagen abgeschleppt. Ich sah aus dem Fenster unserer Wohnung, wie zwei Männer die Autotür öffneten und den silbernen Kompass vom Schlüsselbund nahmen.
Maxim stürmte in die Küche.
„Du hast sie angerufen!“
„Nein.“
„Du hast meine Bank gegen mich aufgehetzt.“
„Deine Zahlen haben das getan.“
„Wir sind verheiratet!“
„Das war kein Schutzschild.“
Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Die Pfanne auf dem Herd klirrte.
„Du wirst alles zurücknehmen.“
„Nein.“
„Dann nehme ich Artem mit.“
Die Drohung traf mich wie ein Messer. Doch diesmal wich ich nicht zurück.
„Du hast keine Grundlage dafür.“
„Ich bin sein Vater.“
„Ein Vater beobachtet sein Kind nicht aus einem dunklen Wagen.“
Er wurde still.
Zwei Stunden später kam sein Anwalt. Ein schmaler Mann mit einer Aktentasche, der sich nicht setzte, sondern im Wohnzimmer stehen blieb.
„Ihr Mann möchte eine einvernehmliche Lösung“, sagte er.
„Welche Lösung?“
„Sie verzichten auf weitere Forderungen, er übernimmt die Verantwortung für das Unternehmen und zieht vorübergehend aus.“
„Er hat mein Konto belastet.“
„Das lässt sich sicher erklären.“
Herr Weber legte die Dokumente auf den Tisch.
„Nicht mehr“, sagte er. „Die Bank hat den Prüfbericht an die Ermittler weitergeleitet.“
Der Anwalt blätterte. Seine Finger zitterten.
„Herr Samojlow hat mir gesagt, die Sache sei harmlos.“
„Dann hat er Sie belogen.“
Der Anwalt schloss die Aktentasche.
„Ich vertrete ihn nicht weiter.“
Maxim sah ihn an. „Was soll das heißen?“
„Es heißt, dass Sie ab jetzt allein erklären müssen, warum Sie eine fremde Unterschrift benutzt und private Gelder verschoben haben.“
Als er gegangen war, bat ich Maxim, sich zu setzen. Auf dem Tisch lag noch immer die Rechnung vom Restaurant.
„Du wolltest wissen, wer die Feier bezahlt“, sagte ich. „Jetzt weißt du es.“
„Polina…“
„Nein. Hör zu.“
Ich spielte die Aufnahme ab, in der er sagte, ich sei eine erschöpfte Frau, der niemand glauben würde.
Er hörte seine eigene Stimme. Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Das habe ich nicht so gemeint.“
„Du hast es gesagt.“
„Ich war unter Druck.“
„Du hast es gesagt.“
„Ich wollte dich nie ruinieren.“
„Du hast es trotzdem getan.“
Er wandte den Blick ab.
In diesem Augenblick verstand ich, dass seine Reue nicht mir galt. Er trauerte um sein Auto, seine Fassade, seine bequeme Lüge. Nicht um die Nächte, in denen ich seine Zahlen ordnete. Nicht um Artems unbezahlte Sportstunden. Nicht um meine Hände, die vom vielen Abwaschen rissig geworden waren.
Am Abend packte Maxim einen Koffer. Er nahm drei Hemden, zwei Paar Schuhe und den Mantel, den ich ihm im vergangenen Winter gekauft hatte.
Den silbernen Kompass ließ er auf der Kommode liegen.
Ich hob ihn nicht auf.
Die Ermittlungen dauerten sechs Wochen. Seine Mutter gestand, dass sie die Überweisungen erhalten und einen Teil des Geldes in bar zurückgegeben hatte. Sie behauptete, Maxim habe sie dazu gebracht. Maxim behauptete, sie habe ihn manipuliert.
Beide hatten recht.
Und beide mussten die Folgen ihrer Entscheidungen tragen.
Die Bank löste den Kredit auf, weil die Sicherheiten unrechtmäßig verwendet worden waren. Meine Wohnung blieb mir. Das Gericht bestätigte, dass sie aus einer Erbschaft meiner Großmutter stammte und niemals gemeinsames Eigentum geworden war.
Maxim bekam eine Bewährungsstrafe, musste die unterschlagenen Beträge zurückzahlen und durfte mehrere Jahre kein Unternehmen führen. Seine Mutter verlor ihr Konto und einen großen Teil ihrer Ersparnisse.
Ich empfand keine Freude darüber.
Nur Ruhe.
Drei Monate später wohnte ich mit Artem in einer kleinen Wohnung in Lichtenau. Die Fenster gingen auf einen Innenhof hinaus, in dem jeden Morgen ein roter Lieferwagen stand. Ich arbeitete tagsüber in einer Kanzlei und prüfte dort die Buchhaltung kleiner Betriebe. Abends kochte ich Suppe, las Artem vor und ließ die Rechnungen in einem Ordner liegen, bis ich wirklich Kraft dafür hatte.
Meine Hände heilten langsam.
Artem spielte wieder Fußball. Nach jedem Training kam er mit roten Wangen nach Hause und erzählte mir, wer ein Tor geschossen hatte.
Eines Abends saßen wir am Küchentisch. Er malte einen roten Fuchs auf ein Blatt Papier.
„Der soll auf uns aufpassen“, sagte er.
„Das kann er.“
„Hast du jetzt keine Angst mehr, Mama?“
Ich sah aus dem Fenster. Der erste Schnee des Jahres fiel lautlos auf die Fahrräder im Hof.
„Manchmal“, sagte ich. „Aber Angst entscheidet nicht mehr für mich.“
In derselben Nacht erhielt ich eine Nachricht von Maxim.
„Ich habe mich geändert. Bitte lass mich zurückkommen. Wir könnten noch einmal anfangen.“
Darunter lag ein Foto vom silbernen Kompass.
Ich antwortete erst am nächsten Morgen.
„Ich wünsche dir, dass du dein Leben ordnest. Aber ich werde nicht mehr darin wohnen.“
Dann löschte ich die Nachricht.
Eine Woche später stand Maxim vor dem Kanzleigebäude. Ich sah ihn durch die Glastür. Er wirkte müde, trug keinen teuren Mantel und hielt den Kompass in der Hand.
„Nur fünf Minuten“, sagte er.
Ich blieb auf der anderen Seite der Tür.
„Nein.“
„Polina, bitte.“
„Du hast deine Entscheidung getroffen.“
„Ich war dumm.“
„Ja.“
Er senkte den Kopf.
„Liebst du mich überhaupt noch?“
Ich dachte an die Küche, die Pfanne, die Rechnungen und die Nächte, in denen ich neben ihm gelegen hatte, während er von einem großen Leben sprach, das ich finanzierte.
„Ich liebe die Frau, die ich geworden bin“, sagte ich. „Und sie geht nicht zurück.“
Ich schloss die Tür.
Am Abend stellte ich den alten Holzlöffel in ein Glas neben dem Herd. Der Griff war noch immer dunkel verbrannt. Artem lag im Wohnzimmer auf dem Teppich und zeichnete weiter seinen roten Fuchs.
Draußen fiel der Schnee.
Drinnen war es warm.
Der Kompass blieb hinter der verschlossenen Tür.
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