Meine Schwiegermutter erklärte vor meinem Mann, ich sei eine nutzlose Ehefrau – und noch in derselben Nacht sagte er mir, dass unsere Ehe beendet sei.
Anna Petrowna sortierte in der Küche Buchweizen und legte jedes dunkle Korn beiseite, als hinge ihr Leben davon ab. Ich kannte dieses Geräusch. Wenn sie nervös war, suchte sie in einer Schüssel nach Fehlern und fand sie anschließend bei mir.
„Fünf Jahre, Lena“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Fünf Jahre Ehe und noch immer kein Kind.“
Ich stellte den Teller ins Abtropfgestell und zwang mich, ruhig zu bleiben.
„Wir versuchen es, Anna Petrowna.“
„Versuchen? Galina ist erst zwei Jahre verheiratet und hat bereits zwei Kinder. Vielleicht solltest du endlich herausfinden, was mit dir nicht stimmt.“
„Ich war beim Arzt. Er sagte, es sei alles in Ordnung. Wir sollten gemeinsam zur Untersuchung gehen.“
Da hob sie den Kopf.
„Was soll bei meinem Sohn nicht stimmen? Dmitri ist gesund. Ein kräftiger Mann. Das Problem bist du.“
In diesem Moment kam Dmitri herein. Er roch nach Zigaretten und kalter Nacht, seine Jacke war an der Schulter eingerissen, und an seinem Hemd klebte eine fremde, süßliche Parfümwolke.
„Mama, hör auf“, murmelte er.
Doch er stellte sich nicht neben mich. Er öffnete nur eine Flasche Bier und sah zu Boden.
„Sag ihr, dass du Kinder willst“, drängte Anna Petrowna.
Dmitri nahm einen langen Schluck.
„Die Tatsachen sprechen für sich“, sagte er.
Dieser Satz zerbrach etwas in mir.
Später lag ich im dunklen Schlafzimmer und hörte, wie er im Bad telefonierte. Als er ins Bett kam, blieb er lange still. Dann sagte er:
„Lena, ich habe beim Standesamt die Scheidung eingereicht. In einem Monat ist alles vorbei.“
„Warum?“ Meine Stimme war kaum hörbar. „Wir könnten gemeinsam herausfinden, woran es liegt.“
„Mir werden die Jahre für Kinder knapp. Meine Mutter hat recht. Mit dir wird es keine geben.“
„Du weißt doch gar nicht, ob das stimmt!“
Er drehte sich zur Wand.
„Ich weiß genug.“
Am nächsten Morgen, nachdem Dmitri gegangen war, rief meine Mutter an. Ihre Stimme zitterte.
„Lena, hör mir zu. Tante Wera ist gestorben.“
Ich schloss die Augen. Wera, die Schwester meiner Mutter, hatte seit Jahren in Moskau gelebt. Wir hatten kaum Kontakt.
„Es tut mir leid, Mama, aber ich kann gerade nicht…“
„Lena, sie hat dir alles hinterlassen.“
Ich verstand die Worte nicht. Meine Mutter griff nach einem grauen, versiegelten Umschlag und zog ihn langsam zu sich heran…
TEIL 2
Ihre Finger zitterten, als sie das Siegel brach. Ich hörte nur das Rascheln des Papiers und meinen eigenen Atem.
„Tante Wera hatte keine Kinder“, sagte meine Mutter. „Sie hat dich als Alleinerbin eingesetzt.“
„Alleinerbin wovon?“
Meine Mutter schwieg so lange, dass mir kalt wurde.
„Von ihrer Wohnung in Moskau, ihren Konten und ihren Anlagen. Der Notar sagt, es sind mehr als fünf Millionen Rubel.“
Ich setzte mich auf den Küchenboden. Fünf Millionen. Eine Wohnung. Ein ganzes Leben, von dem ich nichts gewusst hatte.
Wera hatte immer bescheiden gelebt, alte Bücher gesammelt und nach Lavendel gerochen. Nie hätte ich vermutet, dass sie über Jahre in einem großen Unternehmen gearbeitet und jeden Rubel klug angelegt hatte.
In den folgenden Wochen rannte ich zwischen Notar, Bank und Behörden hin und her. Dmitri schlief immer häufiger bei Freunden. Anna Petrowna sah mich an, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.
„Na, jetzt hast du es ja gut“, sagte sie, als ich einen Koffer packte. „Wahrscheinlich hast du irgendeinen alten Plunder geerbt und glaubst schon, du seist etwas Besseres.“
Ich antwortete nicht. Ich wollte ihr nicht erklären, dass ich in diesem Moment alles dafür gegeben hätte, Dmitris früheren Blick zurückzubekommen.
Die Scheidung verlief kalt und schnell. Fünf Jahre Ehe verschwanden unter zwei Unterschriften. Dmitri nahm nicht einmal meine Hand. Als ich das Standesamt verließ, riss an meinem Mantel eine blaue Naht. Ich behielt den losen Faden in der Faust, als wäre er das letzte Stück meines alten Lebens.
Im Juni zog ich nach Moskau. Weras Zweizimmerwohnung war altmodisch, aber warm. In den Regalen standen vergilbte Bücher, auf der Fensterbank lag ein Ring mit einem grünen Stein, und überall hing dieser vertraute Lavendelduft.
Ich eröffnete einen Blumenladen und nannte ihn „Lavendel“. Zum ersten Mal arbeitete ich nicht, um jemandem zu gefallen. Ich arbeitete für mich. Die Kunden kamen, eine junge Frau kaufte Rosen für ihre Mutter, ein alter Mann bestellte Chrysanthemen für seine verstorbene Frau. Später stellte ich Mascha ein, eine kluge junge Floristin mit schnellen Händen.
Im November rief Dmitri an. Seine Stimme klang müde.
„Ich bin in Moskau. Wir müssen reden.“
Wir trafen uns am nächsten Abend in einem Kaffeehaus. Er sah abgemagert aus und trug einen zu weiten Anzug.
„Du siehst wunderschön aus“, sagte er.
„Was willst du?“
Er beugte sich vor und nahm meine Hand.
„Lena, ich habe einen Fehler gemacht. Wir könnten noch einmal heiraten.“
Ich zog meine Finger zurück.
„Warum jetzt?“
Sein Gesicht wurde rot. Dann sagte er, er habe endlich die Wahrheit über seine Gesundheit erfahren. Doch bevor ich antworten konnte, legte er sich plötzlich fest und flüsterte, dass er von meinem Erbe wisse. In diesem Augenblick begriff ich, dass hinter seiner Rückkehr noch etwas anderes steckte…
TEIL 3
In diesem Augenblick begriff ich, dass hinter seiner Rückkehr noch etwas anderes steckte: Er wollte nicht mich zurück. Er wollte das Geld.
„Du hast dich verändert“, sagte Dmitri. „Seit du geerbt hast, hältst du dich für etwas Besseres.“
Ich sah ihn an. Derselbe Mann, der mich jahrelang für kinderlos erklärt hatte, obwohl er nie bereit gewesen war, sich untersuchen zu lassen. Derselbe Mann, der seine Mutter gegen mich hatte reden lassen. Jetzt trug er plötzlich einen Ehering in der Tasche und nannte es Liebe.
„Du hast sechs Monate geschwiegen“, sagte ich. „Und du rufst genau dann an, als du von der Wohnung und dem Vermögen erfährst.“
„Das hat nichts damit zu tun!“
„Dann nimm kein Geld von mir. Unterschreibe keinen Vertrag. Verlange keinen Anteil an meinem Laden. Sag mir einfach, dass du mich damals verlassen hast, weil du mich geliebt hast.“
Er schwieg.
Nur dieses Schweigen war die Antwort.
Als ich aufstand, wurde seine Stimme scharf.
„Meine Mutter hatte recht. Du bist kalt und berechnend.“
Ich lächelte zum ersten Mal wirklich.
„Nein, Dmitri. Ich bin nur nicht mehr bereit, mich von Menschen beschimpfen zu lassen, die mich verlieren wollten.“
Ich verließ das Kaffeehaus und kehrte in den Laden zurück. Dort warteten weiße Rosen, Eukalyptus und cremefarbene Blüten für eine Hochzeit. Während ich die Stiele schnitt, kam ein Mann im dunklen Mantel herein.
„Fünf rote Rosen“, sagte er. „Für eine Frau, bei der ich mich entschuldigen muss.“
Er hieß Andrei und mietete das Büro über meinem Laden. Aus fünf Rosen wurden tägliche Kaffeegespräche, aus Kaffeegesprächen Spaziergänge und aus Spaziergängen eine Liebe, die keinen Druck kannte. Er fragte nie, was ich besaß. Er wollte wissen, was mich zum Lachen brachte.
Im Frühjahr hielt ich einen Schwangerschaftstest in der Hand. Zwei rote Linien. Ich weinte, bevor ich Andrei anrief.
Er hob mich hoch, lachte und weinte zugleich.
„Heiratest du mich?“
„Habe ich eine Wahl?“
„Nein.“
Wir heirateten im Mai im kleinen Saal des Standesamtes. Meine Mutter hielt den Ring mit dem grünen Stein, den Wera hinterlassen hatte. Ich trug keine kostbare Robe, nur ein schlichtes Kleid und eine getrocknete Lavendelblüte im Haar.
Später erfuhr ich, dass Dmitri und Anna Petrowna sogar versucht hatten, über einen Anwalt Ansprüche auf mein Erbe zu stellen. Doch Weras Testament war eindeutig: Das Vermögen gehörte allein mir. Ihre Forderungen wurden abgewiesen, und danach hörte ich nie wieder von ihnen.
Sie verloren die Wohnung, das Geld und den Zugang zu meinem Leben.
Aber das Wertvollste, was ich gewann, war nicht das Erbe meiner Tante. Es war die Gewissheit, dass ich niemals wertlos gewesen war. Ich war nur zu lange neben Menschen gestanden, die meinen Wert nicht erkennen konnten.
Draußen blühte der Lavendel vor meinem Laden, und zum ersten Mal roch mein neues Leben nach Zuhause.












