TEIL 4 — Meine Kameraden stießen mich aus dem Hubschrauber, doch als der Funker meinen Namen hörte, erstarrte er plötzlich

TEIL 4

Draußen startete bereits ein zweiter Hubschrauber.

Der Lärm drückte gegen die Fenster des Besprechungsraums. Staub und feiner Schnee wirbelten über den Hof.

Hartmann blieb regungslos stehen.

„Das ist eine Lüge“, sagte er.

Der Hauptmann hielt das Telefon fester. „Der Pilot sagt, Sie hätten ihm vor dem Abflug befohlen, die Tür während des Fluges zu entriegeln.“

„Ich habe ihn nicht gesprochen.“

„Er behauptet etwas anderes.“

Viktor hob den Kopf. Zum ersten Mal lag Hoffnung in seinem Gesicht.

„Sehen Sie?“, sagte er. „Ich habe doch gesagt, dass ihr nichts versteht.“

Hartmann drehte sich zu ihm. „Wer sitzt in diesem zweiten Hubschrauber?“

Der Hauptmann antwortete nicht sofort.

Dann ertönte aus dem Funkgerät eine fremde Stimme. „Oberst Hartmann, kommen Sie sofort zum Flugfeld. Niemand sonst muss verletzt werden.“

Der Raum wurde still.

Ich erkannte die Stimme nicht, aber ich erkannte den Ton. Es war keine Bitte. Es war die Stimme eines Mannes, der gewohnt war, dass andere für ihn die Folgen trugen.

Hartmann griff nach seinem Gürtel.

„Sie bleiben hier“, sagte er zu mir.

„Nein.“

„Kate, Sie sind verletzt.“

„Und Sie werden beschuldigt, mich ermorden zu lassen. Ich komme mit.“

Der Hauptmann stellte sich zwischen uns. „Niemand geht allein zum Flugfeld.“

Viktor nutzte den Moment. Er rammte dem Wachposten den Ellbogen in den Hals und stürzte zur Tür. Leon sprang auf, Silas blieb wie angewurzelt sitzen.

Ich packte Viktor am Kragen. Mein verletzter Arm schoss vor Schmerz durch meinen Körper, doch ich ließ nicht los.

„Du gehst nirgendwohin.“

„Du hättest tot sein sollen!“

Er schleuderte mich gegen den Tisch. Das Aufnahmegerät fiel zu Boden.

Hartmann hob es auf.

„Viktor“, sagte er leise, „Sie wollen wirklich, dass wir uns alle Ihre Worte noch einmal anhören?“

Viktor erstarrte.

Draußen landete der zweite Hubschrauber. Zwei Militärpolizisten stürmten herein, überwältigten ihn und legten ihm Handschellen an. Leon und Silas folgten ohne Widerstand.

Der Pilot wurde zehn Minuten später in einem Versorgungsschuppen gefunden. Er hatte eine Platzwunde am Kopf und behauptete weiterhin, Hartmann habe ihn bezahlt. Doch auf seinem Telefon entdeckte die Ermittlerin mehrere Nachrichten von einer unbekannten Nummer.

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„Schicken Sie das Geld an das alte Konto“, las sie vor. „Wenn Kate überlebt, nehmen Sie Hartmann mit.“

Hartmann starrte auf den Bildschirm.

„Dieses Konto gehört nicht mir“, sagte er.

„Nein“, erwiderte die Ermittlerin. „Es gehört Viktor.“

Damit brach die letzte Lüge zusammen.

Später, in einem gesicherten Raum, wurde die Aufnahme offiziell abgespielt. Viktor saß auf der anderen Seite des Tisches, die Hände gefesselt. Neben ihm standen Leon und Silas. Ein Staatsanwalt, zwei Ermittler und der Pilot hörten jedes Wort.

Als Viktors Stimme erklang, zuckte er zusammen.

„Du wolltest doch immer Verantwortung übernehmen.“

Der Staatsanwalt stoppte die Aufnahme.

„Haben Sie das gesagt?“

Viktor blickte auf den Tisch.

„Ja.“

„Und haben Sie sie gestoßen?“

Er schwieg.

Der Staatsanwalt spielte den nächsten Abschnitt ab. Mein Schrei. Silas’ Lachen. Viktors Tritt.

Viktor hörte sich selbst sagen: „Niemand wird wegen ihr weinen.“

Er hob langsam den Kopf.

Zum ersten Mal sah er aus wie ein Mann, der die eigene Stimme nicht mehr ertrug.

„Ich dachte, sie wäre tot“, flüsterte er.

„Das macht es nicht besser“, sagte ich.

Mein Anwalt, den Hartmann noch am selben Abend für mich anforderte, legte außerdem die Lagerhausbilder, die Verkaufslisten und die Nachrichten des Piloten vor. Die Ermittlungen ergaben, dass Viktor seit zwei Jahren Ausrüstung verkaufte. Leon und Silas hatten geholfen, weil sie an Geld und Schutz glaubten. Der zivile Händler hatte die Ware weitergeleitet.

Hartmann wurde vollständig entlastet. Er hatte mich tatsächlich verdeckt in die Einheit bringen lassen, aber der Verräter in der Beschaffung hatte seine Anweisungen abgefangen und an Viktor weitergegeben. Der Name des Verräters war Oberst Rainer Vogt, der stellvertretende Leiter der Beschaffung. Er wurde am nächsten Morgen festgenommen.

Viktor erhielt später eine langjährige Haftstrafe. Leon und Silas wurden ebenfalls verurteilt. Der Pilot verlor seinen Rang und musste sich vor Gericht verantworten.

Ich besuchte keine der Verhandlungen.

Ich hatte lange genug in Räumen gesessen, in denen Männer über mein Leben entschieden.

Stattdessen lag ich drei Wochen im Militärkrankenhaus von Freiburg. Meine Rippen heilten langsam. Die Narbe an meinem Kinn blieb. Jeden Morgen brachte mir Schwester Amira Tee mit Honig.

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„Sie könnten sich freistellen lassen“, sagte sie eines Tages.

„Vielleicht“, antwortete ich.

„Und was würden Sie dann tun?“

Ich sah aus dem Fenster. Über den Dächern fiel der erste Schnee.

„Etwas, bei dem niemand versucht, mich aus einem Hubschrauber zu werfen.“

Sie lachte. Ich auch.

Es war das erste Lachen, das nicht weh tat.

Am Ende blieb nur eine Sache ungeklärt: meine rote Manschette.

Ein Taucher fand sie zwei Monate später im See, verheddert in einer alten Boje. Der Stoff war ausgebleicht, der kleine Kompass zerkratzt, aber der Anhänger zeigte noch nach Norden.

Meine Schwester hatte ihn selbst genäht und mir vor dem ersten Dienst umgebunden.

Als ich ihn zurückbekam, legte ich ihn nicht wieder an.

Ich befestigte ihn an meiner Schreibtischlampe.

Im Frühjahr wechselte ich zur Ermittlungsabteilung in einer kleinen Stadt südlich von Freiburg. Meine neue Arbeit bestand aus Akten, Vernehmungen und langen Gesprächen mit Menschen, die glaubten, niemand würde ihnen glauben.

Ich glaubte ihnen.

Manchmal kam meine Schwester Mara mit ihrem sechsjährigen Sohn Emil zu Besuch. Emil malte gern Hubschrauber, obwohl ich ihm nie erzählt hatte, was passiert war.

Eines Nachmittags legte er mir ein Bild auf den Tisch. Darauf war ein blauer See, ein roter Punkt am Ufer und eine kleine Figur mit ausgestreckten Armen.

„Das bist du“, erklärte er.

„Warum stehe ich dort?“

„Weil du nicht gefallen bist.“

Ich musste schlucken.

„Wer hat dir das gesagt?“

Emil zuckte mit den Schultern. „Du hast es doch geschafft.“

Wochen später kam die letzte Nachricht von Viktor.

Sie wurde über seinen Anwalt weitergeleitet und bestand aus drei Zeilen.

Er schrieb, er habe sich verändert. Er schrieb, er sei damals unter Druck gewesen. Er schrieb, ich solle ihm helfen, seine Strafe zu verkürzen.

Ich las den Brief zweimal.

Dann antwortete ich nur:

„Ich wünsche Ihnen, dass Sie lernen, mit Ihren Entscheidungen zu leben. Ich werde sie nicht länger für Sie tragen.“

Mehr schrieb ich nicht.

Der Anwalt rief trotzdem an.

„Er braucht Ihre Aussage“, sagte er.

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„Er hat sie bereits bekommen.“

„Sie könnten ihm helfen.“

Ich blickte auf den kleinen Kompass an meiner Lampe.

„Nein“, sagte ich. „Ich habe ihm geholfen, als ich die Wahrheit gesagt habe.“

Danach blieb das Telefon still.

Im Herbst fuhr ich zum ersten Mal wieder zu dem Bergsee. Nicht allein. Mara saß neben mir, Emil schlief auf dem Rücksitz, und die Berge spiegelten sich im Wasser.

Ich stieg aus und nahm die rote Manschette aus meiner Tasche. Der Stoff war dünn geworden, an einer Stelle eingerissen. Trotzdem hielt der Kompass noch immer nach Norden.

Mara sah mich an.

„Willst du sie ins Wasser werfen?“

„Nein.“

Ich band sie um das Geländer am Ufer, genau dort, wo der Wanderweg begann. Nicht als Erinnerung an den Sturz, sondern an den Moment danach.

An den Atem.

An die Hand, die mich aus dem Wasser gezogen hatte.

An die Entscheidung, nie wieder dort zu stehen, wohin andere mich schoben.

Der Wind bewegte den roten Stoff. Der Kompass klirrte leise gegen das Metall.

Ich drehte mich um und ging zu meiner Familie zurück.

Diesmal zeigte er mir den Weg nach Hause.

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