TEIL 4 — Meine Mutter kam nachts nicht zurück, und als die Polizei die Wohnung betrat, erlosch im Flur plötzlich jedes Lächeln

TEIL 4

…und plötzlich war klar, warum Herr Krüger nie wirklich nervös gewirkt hatte.

Er hatte nicht allein gearbeitet.

Herr Weber nahm das Telefon vom Tisch und steckte es in einen Beutel. „Niemand verlässt diesen Raum. Ich rufe die Dienstaufsicht an.“

„Ist jemand von der Polizei beteiligt?“, fragte Mama.

„Das wissen wir noch nicht.“

„Aber jemand hat unsere Adresse weitergegeben.“

„Dann finden wir heraus, wer.“

Er sagte es ruhig. Trotzdem sah ich, dass seine Finger zitterten.

Eine Stunde später standen zwei Beamte der Dienstaufsicht vor der Tür der Unterkunft. Sie trugen keine Uniformjacken, sondern dunkle Mäntel. Einer von ihnen hieß Kranz. Ich merkte mir sein Gesicht, weil er ständig auf seine Uhr sah.

„Die Nachricht wurde über eine interne Nummer weitergeleitet“, sagte Kranz. „Wir prüfen gerade, wer Zugriff hatte.“

Mama schüttelte den Kopf. „Herr Krüger kannte den Aufenthaltsort nicht.“

„Vielleicht hat er jemanden angerufen.“

„Er hatte im Keller kein Telefon mehr.“

Kranz sah mich an. „Kinder erinnern sich oft nicht genau.“

Mama stellte sich vor mich.

„Meine Tochter hat die Stimme von Frau Seidel erkannt. Und sie hat das Foto gesehen.“

Kranz seufzte. „Niemand beschuldigt Ihre Tochter.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Frau Hartmann kam herein und legte einen Ausdruck auf den Tisch.

„Der Zugriff kam von einem Dienstkonto“, sagte sie. „Nicht von Krüger. Nicht von Seidel.“

Kranz’ Gesicht veränderte sich.

„Von welchem Konto?“, fragte Herr Weber.

Frau Hartmann sah ihn an.

„Von Ihrem.“

Herr Weber blieb vollkommen still.

Kranz griff nach dem Ausdruck. „Das ist unmöglich.“

„Ihr Zugang wurde um 4.42 Uhr benutzt. Genau zwölf Minuten, nachdem Sie den Raum verlassen hatten.“

Ich sah Herrn Weber an. Er wirkte plötzlich sehr müde.

„Ich habe mein Kennwort nur einmal auf dem Dienstcomputer eingegeben“, sagte er. „Im Einsatzwagen.“

„Dann hat es jemand gesehen“, sagte Frau Hartmann.

Kranz wollte noch etwas sagen, doch draußen ertönte ein scharfes Klopfen. Diesmal war es nicht Herr Krüger. Ein weiterer Beamter kam herein und legte ein kleines Aufnahmegerät auf den Tisch.

„Wir haben die Kamera im Einsatzwagen geprüft“, sagte er. „Herr Kranz stand hinter Weber, als das Kennwort eingegeben wurde.“

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Kranz wurde kreidebleich.

„Das ist absurd.“

„Nein“, sagte Frau Hartmann. „Absurd war nur, dass Sie dachten, niemand würde nachsehen.“

Herr Kranz trat zurück. Seine Hand glitt zur Manteltasche.

Herr Weber war schneller. Er packte sein Handgelenk und drückte es auf den Tisch.

„Nehmen Sie die Hand heraus.“

Kranz gehorchte.

In seiner Tasche lag ein zweites Telefon. Darauf befand sich dieselbe Nachricht, die Mama erhalten hatte. Außerdem fanden die Beamten Nachrichten von Frau Seidel und Herrn Krüger.

„Sie haben ihnen die Einsatzdaten gegeben“, sagte Mama.

Kranz starrte auf den Boden.

„Ich wollte nur Geld“, murmelte er. „Ich wusste nicht, dass sie sie in den Keller sperren würden.“

Mama antwortete nicht.

Ich hörte später die Aufnahme von Herrn Krüger. Herr Weber hatte sie für die Ermittler abgespielt, aber die Tür zum Nebenraum stand offen. Seine Stimme klang dort plötzlich kleiner als in unserer Wohnung.

„Die Kinder müssen nur eine Nacht allein sein“, sagte er.

Ich erkannte jedes Wort.

Ich erkannte auch mein eigenes Schluchzen im Hintergrund.

Herr Krüger hatte geglaubt, er würde damit andere erschrecken. Nun saß er in einem Vernehmungsraum und hörte sich selbst zu. Als die Aufnahme endete, hob er den Kopf.

„Ich habe das nicht so gemeint“, sagte er.

Der Ermittler schaltete das Gerät aus.

„Aber Sie haben es gesagt.“

Das war alles.

In den folgenden Tagen mussten wir nicht in unsere Wohnung zurück. Die Polizei versiegelte die Kellertür, fotografierte den Sicherungskasten und nahm jede Nachricht auf Herrn Krügers Telefon auf. Frau Seidel wurde am selben Nachmittag festgenommen. Gegen Herrn Kranz wurde ebenfalls ermittelt.

Mama sagte mir nicht, welche Strafen sie bekommen würden.

Sie sagte nur: „Sie können uns nicht mehr erreichen.“

Eine Woche später durfte ich mit ihr zurück in unsere Wohnung. Die Küche roch nach Reinigungsmittel. Der Kühlschrank war leer, die Tapete neben der Tür zerkratzt, und auf dem Tisch lag noch die Packung Kräcker, von der ich Emil die letzte Hälfte gegeben hatte.

Sein Kinderstuhl stand schief.

Mamas Tasche hing noch immer am Stuhl.

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Ich nahm ihre gelbe Haarspange aus der Schublade. Während der Nacht hatte sie sie behalten, aber nun gab sie sie mir zurück.

„Sie gehört dir“, sagte sie.

„Nein“, antwortete ich. „Sie hat uns beide nach Hause gebracht.“

Mama setzte sich auf den Boden und weinte. Ich setzte mich neben sie. Zum ersten Mal musste ich nicht stark sein.

Drei Monate später wohnten wir in einer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt. Das Haus hatte keine dunklen Kellerfenster. Im Flur brannte nachts ein warmes Licht, das niemals flackerte.

Mama arbeitete wieder in der Verwaltung, diesmal bei einer Stelle, die Familien half, ihre Ansprüche durchzusetzen. Sie nahm jeden Morgen eine rote Thermosflasche mit, auf der Emil einen krummen Dinosaurier gemalt hatte.

Ich ging in eine neue Schule.

Am ersten Tag fragte meine Lehrerin, was ich gut könne.

„Aufpassen“, sagte ich.

Sie lächelte. „Das ist eine wichtige Fähigkeit.“

Ich wusste inzwischen, dass Aufpassen nicht bedeutete, ständig Angst zu haben. Es bedeutete auch, den richtigen Menschen zu glauben, wenn sie Hilfe brauchten.

Emil schlief wieder durch. Er ließ das Licht im Flur an, aber nur ein kleines. Mama las uns jeden Abend vor, und wenn draußen jemand an eine Tür klopfte, blieb sie bei uns, bis wir wussten, wer es war.

Eines Nachmittags fiel der erste Schnee. Emil drückte seine Nase gegen die Fensterscheibe und rief: „Lina, alles ist weiß!“

Ich klebte einen Papierstern an unser Fenster. Er war schief ausgeschnitten, aber Mama sagte, er sehe schön aus.

„Wirst du immer bei uns bleiben?“, fragte ich.

Sie legte ihre Hand auf meine. „So lange du mich brauchst.“

„Und wenn ich groß bin?“

„Dann brauche ich vielleicht dich.“

Wir lachten leise.

Am selben Abend kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Mama las sie, legte das Telefon beiseite und sagte nichts.

Ich fragte nicht sofort.

Dann zeigte sie mir den Bildschirm.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, stand dort. „Wir könnten noch einmal anfangen. Nur du und ich.“

Es war Herrn Krüger gelungen, aus der Untersuchungshaft schreiben zu lassen. Seine Anwältin hatte die Nachricht übermitteln lassen. Keine Drohung diesmal. Nur Worte, die so taten, als wäre alles zwischen uns ein Missverständnis gewesen.

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Mama sah mich an.

„Was soll ich antworten?“

Ich nahm die Sternspange aus meiner Tasche. Die gelbe Farbe war an einer Spitze abgeplatzt, aber der kleine Stern hielt noch.

„Du musst nicht antworten“, sagte ich.

Mama schloss die Nachricht und löschte sie.

„Nein“, sagte sie ruhig. „Das muss ich wirklich nicht.“

Später steckte ich die Sternspange in eine kleine Holzschachtel neben mein Bett. Darin lag jetzt auch der erste Schlüssel zu unserer alten Wohnung, den die Polizei uns zurückgegeben hatte.

Draußen fiel weiter Schnee.

Im Flur brannte das Licht.

Emil schlief.

Mama war in der Küche und summte, während sie Kakao machte. Kein Klopfen kam von der Tür. Kein Mann wartete im Treppenhaus. Kein Telefon klingelte aus der Dunkelheit.

Ich öffnete die Schachtel und strich über den abgeplatzten gelben Stern.

Dann legte ich ihn ans Fenster.

Damit jeder sehen konnte, dass wir zu Hause waren.

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