TEIL 4 — Mein Mann erklärte mich am Silvesterabend zur Verliererin, dann legte ich den Schlüsselbund auf den Tisch und sein Lächeln erlosch

TEIL 4

Die Nachricht erschien um 11 Uhr 18 auf meinem Telefon.

Ich las sie zweimal.

Dann gab ich es der Ermittlerin.

„Rufen Sie nicht zurück“, sagte sie. „Und verlassen Sie die Wohnung sofort.“

Slawa sprang auf.

„Wir können doch nicht einfach alles zurücklassen!“

„Sie können“, sagte Viktor. „Und Sie sollten.“

„Meine Sachen sind dort.“

„Ihre Sachen sind gerade das kleinste Problem.“

Eine Stunde später standen wir vor dem Wohnblock. Die Polizei hatte den Hauseingang abgesperrt. Zwei Beamte kontrollierten den Keller, ein weiterer sprach mit dem Hausmeister. Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Beton und kaltem Rauch.

Slawa hielt sein Telefon ans Ohr.

„Pawel, geh ran!“, rief er. „Du kannst mich nicht einfach hängen lassen!“

Nur die Mailbox antwortete.

Er rief seine Bank an.

„Ich brauche sofort eine Sperre für alle Anträge.“

Eine Frauenstimme sagte etwas, das ich nicht hören konnte.

Slawa wurde wütend.

„Ich bin der Kunde! Sie können nicht einfach—“

Er verstummte.

„Was?“, fragte ich.

Er nahm das Telefon vom Ohr.

„Die Bank hat die Wohnung vorläufig gesperrt. Wegen Betrugsverdachts.“

„Das ist gut.“

Er sah mich an, als hätte ich ihn geschlagen.

„Gut?“

„Ja. Zum ersten Mal schützt uns jemand vor dir.“

Sein Anwalt kam kurz nach Mittag. Ein kleiner Mann mit glänzender Aktentasche, der ständig auf seine Uhr sah. Er nahm Slawa beiseite und sprach leise mit ihm.

„Sie müssen sagen, dass Sie von Pawel manipuliert wurden“, sagte er. „Und dass Ihre Frau von den Vorgängen wusste.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Sie wollen, dass ich lüge?“

„Ich will, dass Sie beide sich nicht gegenseitig belasten.“

„Dann suchen Sie sich einen anderen Mandanten“, sagte Slawa plötzlich.

Der Anwalt blinzelte.

„Wie bitte?“

„Ich werde Lena nicht beschuldigen.“

Ich sah ihn an. Es war der erste Satz an diesem Tag, der nicht nach Rettung klang, sondern nach Erschöpfung.

Der Anwalt schloss seine Aktentasche.

„Dann kann ich Ihnen nicht helfen.“

Er ging.

Am Nachmittag zeigte die Polizei uns die Aufnahmen aus dem Büro. Wir saßen in einem kleinen Raum, vor uns ein Bildschirm. Auf dem Bild sah ich Slawa, wie er Pawel die Speicherkarte gab.

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„Du hast gesagt, du hättest sie nur gefunden“, flüsterte ich.

„Ich hatte Angst.“

„Wovor?“

„Dass du mich für immer für einen Niemand hältst.“

Auf dem Bildschirm lachte Pawel.

Dann sagte Slawa: „Lena wird unterschreiben, wenn ich ihr klarmache, dass sie sonst allein bleibt.“

Ich hörte diesen Satz aus einem Lautsprecher, mit fremder Klarheit. Er klang schlimmer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Nicht wie eine spontane Dummheit. Wie ein Plan.

Slawa legte die Hände vors Gesicht.

„Ich war nicht ich selbst.“

„Doch“, sagte ich. „Du warst endlich ehrlich.“

Am Abend durften wir zurück in die Wohnung. Die Feuerwehr hatte nichts gefunden, nur im Keller lag ein Kanister mit Benzin. Der Brand war verhindert worden, bevor jemand das Gebäude betreten konnte.

Pawel wurde noch in derselben Nacht an einem Bahnhof festgenommen. In seinem Rucksack lagen gefälschte Vollmachten, mehrere Ausweiskopien und die zweite Speicherkarte. Er hatte versucht, in eine andere Stadt zu fliehen.

Slawa wurde wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Beihilfe angeklagt. Die Ermittlungen gegen ihn dauerten Monate. Das Geld, das er ausgegeben hatte, war fast vollständig verschwunden. Die Uhr wurde gepfändet. Die Lederjacke brachte im Verkauf kaum genug, um eine einzige Rechnung zu bezahlen.

Ich unterschrieb die Scheidung.

Nicht mit zitternden Händen.

Ganz ruhig.

Drei Tage später holte Slawa seine letzten Sachen ab. Ich hatte alles in Kartons gepackt. Im Schlafzimmer stand der leere Kleiderschrank. An der Wand blieb nur ein heller rechteckiger Fleck, wo früher unser Hochzeitsfoto gehangen hatte.

Er blieb in der Tür stehen.

„Kann ich noch einmal mit dir reden?“

„Du redest bereits.“

„Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Du hast viele Fehler gemacht.“

„Aber ich liebe dich.“

Ich sah auf seine Hände. Früher hatte ich geglaubt, diese Hände könnten mich beschützen. Jetzt wusste ich, dass sie meine Unterschrift nachgeahmt und meine Zukunft verkauft hatten.

„Liebe bedeutet nicht, dass ich dir wieder vertraue.“

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Er nickte langsam.

„Gibt es überhaupt keine Chance?“

„Nein.“

Er nahm den letzten Karton. Darauf lag sein alter Pullover, der aus dem Müllsack geragt hatte. Die Ärmel waren an den Ellbogen dünn geworden.

An der Wohnungstür drehte er sich um.

„Du wirst mich vermissen.“

„Vielleicht vermisse ich den Mann, für den ich dich gehalten habe.“

Dann ging er.

Ich schloss die Tür.

Zum ersten Mal hörte ich keine Schritte mehr, die zurückkamen.

Sechs Wochen später arbeitete ich in einer kleinen Buchhaltung am Stadtrand. Es war keine glänzende Stelle, aber ich mochte den gleichmäßigen Klang der Tastatur und den Geruch von Kaffee am Morgen. Ich führte meine eigenen Konten. Ich öffnete meine eigene Post. Ich unterschrieb nur noch, nachdem ich jedes Wort gelesen hatte.

Die Wohnung blieb meine.

Der Kredit wurde gelöscht, weil die Bank die Fälschung anerkannte. Pawel musste den größten Teil des gestohlenen Geldes zurückzahlen. Slawa erhielt eine Bewährungsstrafe, musste Schaden ersetzen und durfte sich mir nicht nähern, außer über seinen Anwalt.

Ich freute mich nicht darüber.

Ich war nur erleichtert, dass die Wahrheit nicht länger in meinem Hals steckte.

Im März besuchte mich meine Nichte Alina. Sie war sieben und malte am Küchentisch mit Wachsmalstiften. Auf dem Blatt stand ein rotes Fahrzeug mit großen Fenstern.

„Das ist eine Straßenbahn“, erklärte sie.

„Sie sieht aus, als würde sie fliegen.“

„Sie fährt dorthin, wo man hinwill.“

Ich musste lächeln.

„Das ist ein guter Plan.“

An meinem Schlüsselbund hing noch immer der kleine rote Straßenbahnanhänger meiner Mutter. Der Lack war an einer Ecke abgesplittert. Ich hatte ihn in jener Nacht so fest umklammert, dass eine winzige Kerbe geblieben war.

Monate später, an einem kalten Dezembermorgen, lag ein Brief von Slawas Anwalt im Briefkasten. Darin stand, Slawa wolle mich sehen. Er habe sich verändert. Er wolle sich entschuldigen, ohne Forderungen, ohne Vorwürfe.

Ich nahm ein Blatt Papier.

Ich schrieb: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie lernen, mit Ihren Entscheidungen zu leben. Aber mein Leben findet ohne Sie statt. Bitte kontaktieren Sie mich nicht mehr.“

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Ich unterschrieb.

Dann legte ich den Brief zurück in den Umschlag und schickte ihn ab.

Am Silvesterabend kochte ich Kartoffeln. Dazu gab es keine Dosensuppe, sondern frisches Gemüse und eine Flasche alkoholfreien Sekt. Alina saß auf dem Teppich und baute aus Holzklötzen eine kleine Stadt.

Um Mitternacht ging ich ans Fenster. Über den Dächern platzten die ersten Feuerwerke. Früher hätte ich auf Schritte im Flur gewartet, auf Slawas Schlüssel, auf seine Entschuldigung, auf irgendein Zeichen, dass er endlich verstand.

Jetzt wartete ich auf nichts.

Ich nahm den roten Straßenbahnanhänger vom Schlüsselbund und legte ihn auf die Fensterbank. Das Feuerwerk spiegelte sich in seinem abgeplatzten Lack.

Alina kam neben mich.

„Fährt die Straßenbahn morgen weiter?“

„Ja“, sagte ich. „Aber diesmal bestimme ich die Richtung.“

Draußen begann der erste Schnee zu fallen.

Und ich ließ ihn fallen.

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