Ich sagte dem mächtigsten Verbrecher Chicagos, dass ich heute Abend ein Date hätte – und Carter Westbrook ließ daraufhin ein Glas in seiner Hand zerbrechen.
Der Regen rann in schwarzen Streifen über die Küchenfenster. Ich stand noch in meiner abgetragenen schwarzen Dienstkleidung neben dem Herd, als die Scherben auf den Marmorboden fielen.
Carter sah nicht auf seine blutende Hand. Er sah nur mich an.
– Ein Date? – Seine Stimme war leise. Genau deshalb wurde es im Raum plötzlich still.
Mrs. Miller hielt mitten in der Bewegung inne. Wade Harper, der Sicherheitschef, wandte sich langsam von der Tür ab. Selbst Miles Cross, Carters rechte Hand, hob eine Augenbraue.
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
– Ja. Heute Abend.
– Mit wem?
– Das geht Sie nichts an, Herr Westbrook.
Ein gefährlicher Satz. In diesem Haus stellte man Carter keine Fragen und widersprach ihm schon gar nicht. Doch ich hatte zwei Jahre lang gelernt, seine Blicke zu ertragen, ohne darin zu ertrinken. Ich hatte gelernt, wie er morgens seinen Kaffee trank, welche Blumen er hasste und dass seine rechte Hand jedes Mal zuckte, wenn er wütend wurde.
Ich hatte auch gelernt, dass er mich beobachtete, wenn er glaubte, ich würde es nicht bemerken.
– Du arbeitest heute Abend – sagte er.
– Ich habe frei.
– Nicht mehr.
– Sie können mir nicht verbieten, das Haus zu verlassen.
Sein Blick glitt über meine abgenutzten Schuhe, den fehlenden Knopf an meiner Jacke und den kleinen grünen Stein an meinem Ring. Diesen Ring hatte mir meine Großmutter gegeben, bevor sie starb. Carter hatte ihn schon tausendmal gesehen. Heute betrachtete er ihn, als wäre er ein Beweisstück.
– Wer ist er? – fragte er.
– Ein Mann, der mich zum Essen eingeladen hat.
– Ein Mann, der weiß, wo du arbeitest?
Ich schwieg.
Carter trat näher. Der Geruch von kaltem Rauch und Zedernholz hing an seinem Mantel. Unter dem geöffneten Hemdkragen sah ich eine schmale Narbe an seinem Schlüsselbein. Zum ersten Mal bemerkte ich, dass seine Hand nicht wegen der Scherben blutete. Er hatte die Finger so fest zusammengepresst, dass die Haut aufgeplatzt war.
– Norah, du gehst heute nirgendwohin.
– Oder was?
Etwas Dunkles flackerte in seinen Augen. Nicht Wut. Angst.
In diesem Moment öffnete sich hinter ihm die Seitentür. Miles trat ein und hielt einen grauen, versiegelten Umschlag in der Hand.
– Carter, wir müssen reden. Es geht um Norah.
Carter nahm den Umschlag nicht sofort. Sein Blick blieb auf mir gerichtet, während Miles bereits die Hand nach der Mappe ausstreckte…
TEIL 2
Miles’ Hand schwebte noch über der grauen Mappe, als Carter sich zwischen uns stellte.
– Nicht hier – sagte er.
– Gerade hier – erwiderte Miles. – Wenn sie heute Abend wirklich geht, haben wir keine Zeit mehr.
Mein Magen zog sich zusammen. Ich wusste nicht, was in diesem Umschlag lag, aber mein Name stand darauf. Nicht mit Tinte. In einer kleinen schwarzen Schreibmaschine eingetippt.
Carter nahm ihn schließlich an sich und riss das Siegel nicht auf. Er zerknüllte den Umschlag in seiner Faust.
– Alle raus.
– Carter… – begann Wade.
– Ich sagte: raus!
Niemand widersprach. Mrs. Miller legte mir im Vorbeigehen eine Hand auf die Schulter. Ihre Finger waren kalt und zitterten. Das hatte ich bei ihr noch nie erlebt.
Als die Tür zufiel, blieben nur Carter und ich zurück. Draußen peitschte der Regen gegen das Glas. Zwischen uns lag der zerbrochene Becher wie ein winziger, glänzender Unfall.
– Was steht darin? – fragte ich.
– Dinge, die dich nichts angehen.
– Dann hätte Miles meinen Namen nicht darauf schreiben lassen.
Carter sah mich lange an. Schließlich legte er die Mappe auf den Tisch.
– Dein Date heißt Daniel Reed.
Mir blieb der Atem weg.
– Woher wissen Sie das?
– Weil er seit drei Tagen vor dem Haus wartet.
– Sie haben ihn überwachen lassen?
– Ich lasse jeden überwachen, der sich dir nähert.
Die Worte fielen zwischen uns und blieben dort liegen. Zwei Jahre lang hatte Carter mich kaum berührt. Er hatte mir nie ein Kompliment gemacht, nie gefragt, ob ich glücklich war. Aber nun stand er vor mir wie ein Mann, der glaubte, mich verlieren zu können.
– Sie sind eifersüchtig – sagte ich.
Sein Gesicht wurde hart.
– Ich bin vorsichtig.
– Nein. Sie haben Angst.
Da packte er die Tischkante so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.
– Du weißt nicht, wovor ich Angst habe.
– Dann sagen Sie es mir.
Er kam näher. So nah, dass ich seinen Atem spürte. Seine Hand hob sich, blieb aber wenige Zentimeter vor meiner Wange stehen. Diese zurückgehaltene Berührung tat mehr weh als jede tatsächliche.
– Dein Vater hieß Elias Bennett – sagte er leise.
Der Raum begann sich zu drehen.
Niemand in diesem Haus wusste, dass mein Vater noch lebte, bevor er vor zwölf Jahren in einer Lagerhalle starb. Niemand wusste, dass ich seit zwei Jahren nach der Wahrheit suchte. Und niemand wusste, warum ich diese Stelle bei Carter angenommen hatte.
Ich griff nach der Mappe.
– Was wissen Sie über meinen Vater?
Carter schloss die Augen, als hätte ich ihm eine Waffe an die Brust gesetzt.
– Mehr, als ich dir jemals sagen durfte.
Dann ging plötzlich das Licht aus. Im selben Moment heulte draußen die Alarmanlage auf, und eine Stimme aus dem Sicherheitsraum rief, dass jemand den Ostflügel betreten habe…
TEIL 3
Wade stieß die Tür auf, noch bevor Carter seine Waffe ziehen konnte. Im Flur flackerte die Notbeleuchtung. Aus dem Ostflügel kam das Geräusch splitternden Glases.
– Niemand bewegt sich – befahl Wade.
Doch Carter griff nach meinem Arm und zog mich hinter sich.
– Sie kommen wegen dir – sagte er.
– Wegen mir oder wegen der Mappe?
Er antwortete nicht. Das genügte.
Miles erschien am Ende des Korridors, eine Taschenlampe in der Hand. Sein Gesicht war bleich, und zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein Mann, der alle Ausgänge kannte.
– Der Eindringling ist im Archiv – sagte er. – Die Tür wurde von innen geöffnet.
Carter blickte ihn an.
– Wer hat Zugang?
Miles schwieg eine Sekunde zu lange.
Wade war schneller. Er riss Miles die Waffe aus dem Schulterhalfter und drückte ihn gegen die Wand.
– Du.
Die Wahrheit lag plötzlich offen zwischen uns. Miles hatte die ganze Zeit für Victor Hale gearbeitet, Carters größten Rivalen. Er hatte die Überwachung angeordnet, Daniel Reed geschickt und den Umschlag abgefangen, der beweisen sollte, dass Elias Bennett nicht zufällig gestorben war.
Carter öffnete die Mappe.
Darin lagen alte Rechnungen, ein beschädigtes Tonband und ein Foto meines Vaters vor einer Lagerhalle. Auf der Rückseite stand das Datum seines Todes. Darunter eine handschriftliche Notiz: „Elias wollte aussagen. Miles hat ihn verkauft.“
Meine Knie gaben nach.
– Sie wussten es – flüsterte ich.
Carter sah mich an. In seinem Gesicht war keine Kälte mehr.
– Ich wusste, dass dein Vater Beweise gegen Victor gesammelt hatte. Ich wusste nicht, dass Miles ihn verraten hatte. Als ich es herausfand, warst du bereits in meinem Haus.
– Warum haben Sie mir nichts gesagt?
– Weil ich dich schützen wollte.
– Sie haben mich zwei Jahre lang im Dunkeln gelassen!
– Weil jeder, der die Wahrheit kannte, starb.
Hinter uns erklang ein Schuss. Wade ging zu Boden, doch die Kugel hatte nur seine Schulter gestreift. Carter stürzte sich auf Miles. Es dauerte wenige Sekunden, dann lag Miles gefesselt auf dem Teppich.
Daniel Reed war kein Liebhaber gewesen. Er war ein Ermittler, den Carter heimlich beauftragt hatte, die letzten Beweise zu sichern. Mein angebliches Date war eine Falle für Miles – und zugleich Carters unbeholfener Versuch, mich endlich aus der Schusslinie zu bringen.
Später übergab Carter alle Unterlagen der Staatsanwaltschaft. Miles und Victor wurden verhaftet, und der Name meines Vaters wurde nach zwölf Jahren reingewaschen.
Carter hätte fliehen können. Stattdessen blieb er und stellte sich ebenfalls den Ermittlern. Er legte seine Macht nieder, damit ich nie wieder glauben musste, seine Liebe sei nur eine weitere Form von Gefangenschaft.
Monate später standen wir vor meiner kleinen Wohnung. Carter trug noch immer den gleichen alten Mantel, nur war an seinem Ärmel ein neuer Knopf angenäht – mit blauer Nähseide.
– Hast du heute Abend ein Date? – fragte er.
Ich nahm seine Hand.
– Ja. Mit dir.
Zum ersten Mal sah ich den gefürchteten Mann von Chicago lächeln. Und diesmal musste ich keine Angst haben, dass die Nacht mir ihn wieder nimmt.












