Ich legte meine Hand auf eine wilde Falle, als die Luchsmutter hinter mir plötzlich einen Schritt zurückwich und mich anstarrte

Die Luchsmutter legte mir im Wald ihre Pfote auf die Schulter, und im selben Augenblick hörte ich hinter mir das Metall einer zweiten Falle zuschnappen.

Ich erstarrte.

Der Atem blieb mir im Hals stecken, während der Frost über die Nadeln glitt und irgendwo ein Rabe heiser krächzte. Vor mir lag ihr Junges unter einem umgestürzten Baum. Die kleine Pfote war in einer alten Eisenfalle eingeklemmt, deren Zähne sich tief ins Fell gebohrt hatten.

Meine Kamera hing noch an der Brust. Das Objektiv beschlug von meinem Atem. Zwanzig Jahre lang hatte ich gelernt, Abstand zu halten, wenn Wildtiere in Panik gerieten. Keine schnellen Bewegungen. Kein Eingreifen. Keine Heldentaten.

Doch das Junge zitterte so heftig, dass die Wurzeln unter seinem Körper klapperten.

Die Mutter sah mich an.

Ihre goldenen Augen waren nicht wild. Sie waren erschöpft.

«Ganz ruhig», flüsterte ich. «Ich hole dich da raus.»

Ich kniete mich hin und schob meine Finger unter das rostige Metall. Es war kälter als Eis. Ein scharfer Rand riss meine Haut auf, und Blut tropfte auf das braune Laub.

Hinter mir knackte ein Ast.

Ich fuhr herum.

Die Luchsmutter hatte sich zurückgezogen. Zwischen zwei Fichten stand sie geduckt, den Rücken gewölbt, die Ohren angelegt. Nicht wegen mir. Sie starrte in den Wald hinter meiner linken Schulter.

«Was hast du gehört?»

Keine Antwort. Nur der Wind.

Dann sah ich den dünnen Draht, der sich von der Falle durch das Unterholz zog. Er verschwand hinter einem Felsen. Das war keine vergessene Falle. Sie war frisch gespannt. An einem Baum hing ein kleines Stück gelbes Isolierband, sauber um einen Ast gewickelt.

Jemand hatte hier gearbeitet.

Jemand war noch in der Nähe.

Mein Herz begann zu rasen. Ich griff nach meinem Messerset, doch die Mutter stieß ein tiefes, warnendes Knurren aus. Das Junge winselte. Ich musste mich entscheiden.

Ich setzte die Kamera auf den Boden. An der Tasche baumelte der kleine Messingkompass, den meine Tochter Lily mir vor Jahren geschenkt hatte. Auf der Rückseite standen ihre eingeritzten Worte: Komm zurück, bevor du wieder vergisst, wohin du gehörst.

Ich legte die Hand auf den Hebel der Falle.

«Für dich», sagte ich.

Das Metall bewegte sich keinen Millimeter.

Ich stemmte meine Schulter dagegen. Die Kälte biss durch meinen Handschuh. Das Junge schlug panisch mit der freien Pfote um sich, und die Mutter machte einen Schritt auf mich zu.

Da ertönte aus dem Wald ein leises Pfeifen.

Nicht der Ruf eines Vogels. Ein menschliches Signal.

Die Luchsmutter wich zurück und verschwand beinahe lautlos zwischen den Bäumen. Ich blieb allein bei dem gefangenen Jungen zurück.

Dann knirschte Schnee.

Eine Männerstimme sagte ganz nah: «Nehmen Sie die Hand von der Falle.»

Ich drehte mich langsam um. Ein schwarzer Gewehrlauf ragte zwischen den Fichten hervor. Der Mann dahinter trug eine orangefarbene Jagdweste und hielt in der anderen Hand eine Mappe.

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«Wenn Sie das Tier befreien», sagte er, «haben Sie ein viel größeres Problem als eine zerfetzte Hand.»

Er trat näher, und sein Blick fiel auf meinen Kompass. Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich sein Gesicht.

Dann streckte er die Hand nach meiner Kamera aus…

TEIL 2

Dann streckte er die Hand nach meiner Kamera aus, doch ich packte den Riemen und zog sie unter meinen Körper.

Der Mann blieb stehen. Schnee schmolz auf seinem Schnurrbart. Er war vielleicht Mitte fünfzig, hatte eine Narbe am Kinn und roch nach Diesel und nasser Wolle.

«Lassen Sie sie los», sagte er.

«Sie stehen auf Schutzgebiet.»

«Das hier ist Privatland.»

«Dann zeigen Sie mir die Genehmigung.»

Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, das nichts Freundliches hatte. Er hob die Mappe und klopfte damit gegen seinen Handschuh.

«Ich zeige Ihnen lieber, was passiert, wenn ein Fremder Tiere anfasst, die ihm nicht gehören.»

Das Junge stieß einen schrillen Laut aus. Ich drehte mich wieder zur Falle. Der Hebel war verbogen, aber nicht gebrochen. In meiner Tasche lag ein kurzer Stahlstab, den ich zum Reinigen meines Objektivs benutzte. Ich zog ihn heraus und schob ihn zwischen die Metallarme.

«Sie haben diese Falle gestellt», sagte ich.

«Sie sollten weniger fotografieren und mehr darüber nachdenken, wo Sie stehen.»

Ich drückte.

Der Mechanismus sprang mit einem Knall auf. Das Junge riss seine Pfote frei und rollte unter die Wurzeln. Blut färbte den Schnee. Ich hielt den Atem an, bis es sich bewegte.

Die Mutter tauchte wieder zwischen den Bäumen auf.

Der Mann hob sein Gewehr.

«Nicht», sagte ich.

«Dann geben Sie mir die Kamera.»

«Warum?»

«Weil Sie Bilder gemacht haben, die nicht existieren dürfen.»

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass er Angst hatte.

Nicht vor dem Tier. Vor dem, was ich vielleicht aufgenommen hatte.

Ich schlug mit dem Stahlstab gegen einen hohlen Baumstamm. Der Knall hallte durch das Tal. Der Mann zuckte zusammen, und ich rannte. Nicht weg von der Luchsmutter, sondern in Richtung Bach, wo mein Rucksack lag.

Hinter mir krachten Schritte durch das Unterholz.

«Bleiben Sie stehen!»

Ich sprang über einen gefrorenen Stamm, rutschte aus und schlug mit der Schulter gegen einen Felsen. Der Kompass riss von der Tasche, schlitterte über das Eis und blieb direkt neben dem Bach liegen.

Ich wollte zurück, doch der Mann war bereits hinter mir.

«Ihre Tochter wird sich freuen, wenn sie erfährt, dass Sie wegen eines Luchses im Gefängnis landen», sagte er.

Ich erstarrte.

«Woher kennen Sie Lily?»

Er antwortete nicht. Er sah nur auf den Kompass.

Dann hörte ich ein Motorengeräusch. Ein Geländewagen kam den Forstweg herauf. Neben dem Fahrer saß eine Frau in dunkelgrüner Uniform. Sie sprang heraus und rief: «Daniel Whitmore?»

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«Ja!»

«Bundesbehörde für Wildtierschutz. Legen Sie die Hände sichtbar auf den Boden!»

Der Mann mit dem Gewehr hob sofort die Mappe.

«Dieser Fotograf hat eine Falle beschädigt und ein geschütztes Tier gestohlen.»

Die Beamtin sah zu mir. «Stimmt das?»

Ich zeigte auf das verletzte Junge, dann auf den Draht im Schnee.

«Er hat die Falle gestellt. Und er weiß, wer meine Tochter ist.»

Die Beamtin trat näher. Ihr Name war Mara Keller. Sie kniete sich hin, untersuchte den Mechanismus und sah lange auf die frischen Blutspuren.

«Herr Whitmore, schalten Sie Ihre Kamera ein.»

«Der Akku ist fast leer.»

«Dann hoffen Sie, dass noch etwas darauf ist.»

Ich hob die Kamera auf. Das Gehäuse war gesprungen, aber der Bildschirm leuchtete noch. Auf der Speicherkarte blinkte ein rotes Zeichen.

Mara legte die Hand auf meine Schulter.

«Spielen Sie die letzte Aufnahme ab.»

Ich drückte auf den Knopf.

Zuerst hörte man nur Wind. Dann Schritte. Eine Stimme. Und plötzlich wurde der Mann neben mir kreidebleich, weil die Aufnahme nicht bei der Falle begann, sondern Stunden früher in einem verschlossenen Büro…

TEIL 3

Zuerst hörte man nur Wind. Dann Schritte. Eine Stimme. Und plötzlich wurde der Mann neben mir kreidebleich, weil die Aufnahme nicht bei der Falle begann, sondern Stunden früher in einem verschlossenen Büro.

Das Bild war dunkel. Die Kamera hatte offenbar weiter aufgezeichnet, während sie in meiner offenen Tasche gelegen hatte. Man sah nur einen Teil der Holzwand meiner Hütte und den Rand des Tisches.

Dann kam die Stimme des Mannes.

«Wenn die Tiere verschwinden, kann niemand mehr behaupten, dass dieses Tal geschützt werden muss.»

Mara drehte den Lautsprecher lauter.

Eine zweite Stimme antwortete: «Und die Straße?»

«Die Vermessung beginnt am Montag. Keller unterschreibt die Freigabe, sobald die letzten Spuren beseitigt sind.»

Der Mann neben mir bewegte sich nicht.

Ich kannte die Stimme des anderen nicht. Aber ich kannte seinen Namen, als er fiel.

«Lily Whitmore hat die Umweltprüfung gestoppt. Wenn sie weiterfragt, verliert ihr Vater seine Pressegenehmigungen.»

Mir wurde schwindlig.

«Sie haben meine Tochter bedroht?»

Der Mann mit der orangen Weste sah zur Seite.

Mara nahm ihm das Gewehr ab und zog ihm Handschellen an.

«Wie heißen Sie?»

«Evan Rusk.»

«Und wer ist Keller?»

Er schwieg.

In diesem Moment trat Mara näher an den Bildschirm. Ihre Augen verengten sich.

«Spulen Sie zurück.»

Ich tat es. Das Bild sprang. Hinter dem Tisch tauchte für einen Sekundenbruchteil ein roter Ordner auf. Darauf stand der Name der Firma, die den neuen Forstweg bauen wollte. Darunter lag ein Formular mit einer Unterschrift.

Mara wurde blass.

«Das ist meine Unterschrift.»

«Sie haben die Genehmigung unterschrieben?»

«Nein. Jemand hat sie gefälscht.»

Evan begann zu lachen. Leise zuerst, dann schrill.

«Sie verstehen gar nichts. Wenn Sie mich festnehmen, sind Sie nicht die Ersten. Morgen wird jeder behaupten, dass Sie bestochen wurden.»

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«Wer steckt dahinter?» fragte ich.

Er sah mich an.

«Fragen Sie Ihre Tochter.»

Mein Magen verkrampfte sich.

Lily nahm seit drei Tagen meine Anrufe nicht an. Ich hatte geglaubt, sie sei wütend, weil ich wieder fortgefahren war. Vielleicht war sie nicht wütend gewesen. Vielleicht hatte sie Angst.

Mara rief die Tierärztin des Schutzgebiets. Während wir warteten, kroch das verletzte Junge unter dem Baum hervor. Es hinkte, lebte aber. Die Mutter schlich näher, berührte mit der Nase seine Stirn und sah anschließend mich an.

Ich hätte schwören können, dass sie sich verabschiedete.

Dann vibrierte mein Telefon.

Eine Nachricht von Lily.

Papa, komm nicht zur Hütte zurück. Sie wissen, dass du die Aufnahme hast. Ich bin bei jemandem, dem du früher vertraut hast.

Darunter stand eine Adresse.

Ich kannte das Gebäude. Es war das alte Vermessungsbüro am Südrand des Tals.

Mara las die Nachricht und schüttelte den Kopf.

«Sie fahren nicht allein dorthin.»

«Meine Tochter ist dort.»

«Und möglicherweise der Mann, der diese Falle gestellt hat.»

Evan hob plötzlich den Kopf.

«Wenn Sie dorthin gehen», sagte er, «kommen Sie zu spät.»

In diesem Augenblick klingelte Maras Funkgerät. Eine Stimme meldete, dass am Vermessungsbüro Licht brannte und ein Wagen ohne Kennzeichen vor dem Gebäude stand.

Mara sah mich an.

«Wir fahren jetzt.»

Doch bevor ich die Tür des Geländewagens erreichte, kam eine zweite Nachricht durch den Funk.

Im Gebäude hatte jemand eine Gasleitung geöffnet…

FINALE TEIL

Als er meine Kamera einschaltete, hörte er seine eigene Stimme…

Ich glaubte, die Falle sei das Schlimmste gewesen. Doch die Wahrheit dahinter reichte viel weiter. Und sie zwang mich, endlich nach Hause zurückzukehren.

Dann hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher.
«Brennen Sie die Markierungen weg.»
Er wurde kreidebleich.

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