Ich brachte mein fieberndes Baby in Morettis Villa, doch beim Anblick ihres Medaillons wurde der gefürchtete Mann plötzlich kreidebleich

Als die bewaffneten Männer das eiserne Tor der Moretti-Villa sprengten, hielt ich meine fiebernde Tochter Lily so fest, dass ihre kleinen Finger blau wurden.

Zehn Minuten zuvor hatte ich noch geglaubt, der gefährlichste Mensch in diesem Haus sei Victor Moretti.

Es war kurz nach sechs Uhr morgens. Schnee peitschte gegen die hohen Fenster, während ein Arzt Lily auf dem schwarzen Ledersofa untersuchte. Ihre Stirn glühte. Jeder Atemzug klang, als müsste sie sich durch eine verschlossene Tür kämpfen.

— Die Temperatur ist bei fast vierzig Grad, sagte der Arzt. — Sie braucht sofort ein Krankenhaus.

— Dann bringen Sie sie hin, erwiderte Victor.

Seine Stimme war ruhig, aber seine Finger lagen so fest um die Lehne, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Ich stand neben dem Sofa und hielt Lilys rosa Wollmütze in der Hand. Auf der Vorderseite war ein kleiner Filzmond angenäht, den ich selbst aufgenäht hatte, nachdem sie ihn bei einer Wäsche verloren hatte. Ich hatte damals gelacht. Jetzt zitterte meine Hand so stark, dass der Mond zwischen meinen Fingern flatterte.

— Ich kann sie selbst bringen, sagte ich.

Victor sah mich an.

— Sie haben kein Auto.

— Ich rufe ein Taxi.

— Bei diesem Wetter kommt keines.

— Dann gehe ich zu Fuß.

Für einen Moment war nur Lilys leises Wimmern zu hören.

Ich hatte keine andere Wahl gehabt. Meine Vorgesetzte hatte mich am Telefon angeschrien, weil ich wegen Lily zu spät zum Dienst auf dem Moretti-Anwesen gekommen war. Wenn ich nicht erschien, würde ich meine Arbeit verlieren. Wenn ich meine Arbeit verlor, verlor ich die Wohnung in Brooklyn.

Also war ich mit meinem kranken Kind durch den Schnee gegangen.

Victor wandte sich an den Arzt.

— Bereiten Sie den Wagen vor.

— Herr Moretti, sagte ich, — ich kann nicht zulassen, dass Sie meinetwegen…

— Sie lassen gar nichts zu, Hannah.

Ich erstarrte.

Ich hatte ihm meinen Namen nicht genannt.

— Woher kennen Sie meinen Namen?

Er antwortete nicht. Stattdessen blickte er auf Lily. Die Decke war verrutscht, und das silberne Medaillon um ihren Hals lag auf ihrer fiebrigen Haut. Es war oval, mit einem winzigen Verschluss an der Seite. Auf der Rückseite war ein seltsames Zeichen eingraviert: ein gebrochener Kreis mit drei kurzen Strichen darunter.

Meine Mutter Elena hatte es mir gegeben, als ich noch ein Kind gewesen war.

„Bewahre es für deine Tochter auf“, hatte sie gesagt. „Wenn die Zeit kommt, wird jemand wissen, was es bedeutet.“

Ich hatte nie verstanden, wovon sie sprach.

Victor schon.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

Er trat näher und griff nach dem Medaillon.

— Woher hat sie das?

— Es gehörte meiner Mutter.

— Wie hieß sie?

— Elena Rossi.

Der Arzt hob langsam den Kopf.

Victor wich zurück, als hätte ich ihn geschlagen.

— Das ist unmöglich, flüsterte er.

— Was ist unmöglich?

Seine Augen waren plötzlich nicht mehr kalt. In ihnen lag etwas, das schlimmer war als Wut.

Schuld.

— Elena ist vor dreißig Jahren gestorben, sagte er. — Wegen mir.

Dann bebte der Boden.

Draußen krachte Metall. Die Fenster erzitterten, und irgendwo im oberen Stockwerk zerbarst Glas. Lily begann zu schreien.

Victor riss sie aus meinen Armen und zog mich hinter eine Marmorsäule.

— Bleiben Sie unten!

— Wer greift uns an?

Er zog eine Waffe aus seinem Mantel und blickte zum Tor.

Durch den Rauch sah ich mehrere schwarze Wagen vor der Villa. Männer stiegen aus. Einer von ihnen hielt ein Gewehr in Richtung Eingang.

Victor starrte auf Lily, dann auf das Medaillon.

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— Sie sind nicht wegen mir hier, sagte er heiser.

— Wegen wem dann?

Er umklammerte den Kinderwagen und zog ihn hinter die Säule.

— Wegen Ihrer Tochter.

Am anderen Ende des Raumes griff ein bewaffneter Mann nach einer schwarzen Ledermappe und rief: — Herr Moretti, wir haben keine Zeit mehr!

Victor drehte sich zu ihm um, während draußen die zweite Explosion die Villa erschütterte. Der Mann riss den Verschluss der Mappe auf, und Victor streckte seine Hand danach aus…

TEIL 2

…seine Finger waren nur noch wenige Zentimeter von der Ledermappe entfernt, als eine Kugel durch das Fenster schlug und die Lampe über uns zerfetzte.

Glassplitter regneten auf den Marmorboden. Der Geruch von verbranntem Staub mischte sich mit dem süßlichen Duft der Lilien, die in einer Vase neben dem Kamin standen.

Victor riss die Mappe an sich.

— In den Keller, sofort!

— Was ist in dieser Mappe? fragte ich.

— Ihre einzige Chance, dass Ihre Tochter diese Nacht überlebt.

Er sagte es nicht dramatisch. Er sagte es, als würde er mir die Uhrzeit nennen. Genau das machte mir mehr Angst.

Der Arzt nahm Lily aus dem Kinderwagen. Ich wollte ihr folgen, doch Victor packte mein Handgelenk.

— Nicht durch den Haupteingang.

— Lassen Sie mich los!

— Wenn Sie jetzt hinausgehen, sehen sie Sie.

— Wer sind diese Männer?

— Menschen, die seit dreißig Jahren darauf warten, dass Elena Rossi wieder auftaucht.

Mein Herz schlug gegen meine Rippen.

— Meine Mutter ist tot.

— Das habe ich geglaubt.

Wir rannten durch einen schmalen Gang hinter der Bibliothek. An der Wand hingen gerahmte Fotografien von Männern, deren Gesichter ich nicht kannte. Auf einem Tisch lag ein Messinghandschuh, der nach Öl roch. Victor drückte auf einen verborgenen Knopf, und ein Teil der Holzverkleidung glitt zur Seite.

— Sie haben einen Geheimgang? fragte ich.

— Ich habe viele Dinge, die ich lieber nie gebraucht hätte.

Im Keller warteten drei Leibwächter. Der Arzt legte Lily auf eine Decke neben den Heizkessel. Ein rotes Licht blinkte über der Stahltür.

— Die Polizei? fragte ich.

Victor lachte trocken.

— In meiner Welt kommt die Polizei erst, wenn alles vorbei ist.

— Dann rufen Sie sie trotzdem!

— Ich rufe jemanden an, der schneller ist.

Er öffnete die Mappe. Darin lagen eine vergilbte Fotografie, ein Bündel handschriftlicher Briefe und ein dünner Schlüssel aus Messing. Auf der Fotografie erkannte ich meine Mutter.

Sie stand vor einem kleinen Haus am Meer. Neben ihr war ein junger Victor Moretti, kaum älter als fünfundzwanzig. Er lächelte, und seine Hand lag auf ihrem Bauch.

Mir wurde schwindelig.

— Woher haben Sie dieses Bild?

Victor sah nicht auf.

— Elena und ich wollten fliehen.

— Wohin?

— Nach Kanada. Sie war schwanger.

Der Raum schien enger zu werden.

— Sie behaupteten, sie sei gestorben.

— Ihr Wagen wurde von einer Brücke gedrängt. Ich fand nur Blut und einen leeren Kindersitz.

— Und dann haben Sie einfach weitergemacht?

Sein Blick hob sich.

— Nein. Ich habe jeden Mann getötet, den ich für verantwortlich hielt.

— Meine Mutter war nicht tot.

— Das weiß ich jetzt.

Er zeigte auf einen Brief. Die Handschrift war unverkennbar. Ich hatte sie in den wenigen alten Rezepten gesehen, die mir geblieben waren.

„Victor“, stand dort, „wenn du diese Zeilen liest, ist Hannah erwachsen. Du darfst sie niemals suchen. Dein Bruder Matteo wird sie finden, bevor du sie schützen kannst.“

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Ich presste eine Hand auf meinen Mund.

— Sie wusste, dass ich existiere.

— Natürlich wusste sie es.

— Und Sie wussten nichts von mir?

Victor schloss die Augen.

— Ich wusste, dass ich eine Tochter hatte. Ich wusste nicht, ob sie lebte.

Lily stöhnte auf. Der Arzt beugte sich über sie.

— Wir müssen sofort ins Krankenhaus, sagte er. — Das Fieber steigt weiter.

Plötzlich begann das Medaillon an Lilys Hals zu vibrieren. Nicht stark, nur ein feines metallisches Zittern. Victor riss es ihr ab, öffnete die winzige Rückseite und holte etwas heraus, das ich nie zuvor gesehen hatte: einen hauchdünnen, eingerollten Papierstreifen.

Darauf stand nur eine Zahlenfolge und ein Name.

Matteo Moretti.

Victor wurde bleich.

In diesem Moment schrillte oben eine Glocke. Einer der Leibwächter kam die Treppe herunter, das Gesicht voller Blut.

— Herr Moretti, sagte er, — sie sind im Haus.

Victor sah mich an.

— Nehmen Sie Lily und gehen Sie durch den Tunnel.

— Und Sie?

— Ich muss meinen Bruder treffen.

— Matteo lebt?

Er antwortete nicht. Vom oberen Stockwerk erklang eine vertraute Männerstimme.

— Victor! Bring mir das Kind, und vielleicht darfst du dieses Mal am Leben bleiben!

Victor schob mir den Schlüssel in die Hand.

— Wenn ich nicht zurückkomme, öffnen Sie damit die Tür am Ende des Tunnels. Aber hören Sie mir gut zu, Hannah: Vertrauen Sie niemandem, der behauptet, Ihre Mutter sei allein gestorben.

Dann ging er zur Treppe.

Ich nahm Lily in die Arme und wollte den Schlüssel ins Schloss stecken, als hinter mir eine zweite Stimme erklang.

— Nicht öffnen, Hannah.

Ich drehte mich um. Der Arzt hielt plötzlich eine Pistole in der Hand. Er zeigte nicht auf Victor, sondern auf mich und meine Tochter…

TEIL 3

…und ich erkannte an seinem Gesicht, dass er den ganzen Weg hierher nicht gekommen war, um Lily zu retten.

Der Arzt hielt die Pistole mit beiden Händen. Das rote Licht über der Stahltür spiegelte sich auf dem Lauf.

— Legen Sie das Kind auf den Boden, sagte er.

— Sie sind Arzt, flüsterte ich.

— Heute nicht.

Lily wimmerte an meiner Schulter. Ihre Haut war glühend heiß, und ich spürte ihren schwachen Herzschlag an meinem Hals.

— Wenn Sie ihr etwas antun…

— Ich will ihr nichts antun. Ich will nur, was ihr Blut beweist.

Hinter der Tür krachte ein Schuss. Victor brüllte irgendwo im oberen Stockwerk. Der Arzt trat näher.

— Öffnen Sie das Medaillon ganz.

— Warum?

— Weil Sie sonst nie erfahren, wer Ihre Tochter wirklich ist.

Meine Finger zitterten. Ich nahm das Medaillon, das Victor aus seiner Hand verloren hatte, und drückte auf den winzigen Verschluss. Die Rückseite sprang auf. Hinter dem Papierstreifen lag ein schmaler, durchsichtiger Film.

Der Arzt zog ihn heraus und hielt ihn gegen die Deckenlampe.

Auf dem Film war eine alte Aufnahme zu sehen: Elena Rossi, jünger als auf jedem Bild, das ich kannte. Neben ihr stand Victor Moretti. Zwischen ihnen lag ein neugeborenes Baby.

Unter dem Bild waren zwei Namen eingraviert.

Elena Rossi und Victor Moretti.

Darunter stand: Hannah Rossi, geboren am vierzehnten April.

Ich konnte nicht atmen.

— Das ist eine Fälschung.

— Nein, sagte der Arzt. — Und Sie wissen es.

— Meine Mutter hat mir erzählt, mein Vater sei unbekannt.

— Sie musste das sagen. Matteo ließ jeden suchen, der von diesem Kind wusste.

— Warum?

Der Arzt senkte die Waffe ein wenig.

— Weil Victor nach Elenas Verschwinden die Kontrolle über das Familiengeschäft übernahm. Matteo wollte ihn stürzen. Doch solange Victor einen lebenden Erben hatte, konnte Matteo niemals die alten Konten und die Grundstücke übernehmen.

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Ich starrte auf den Film.

— Lily ist also…

— Victors Enkelin. Und Sie sind seine Tochter.

Die Worte trafen mich härter als die Explosion draußen.

Der Mann, den ich mein ganzes Leben lang für ein Monster gehalten hatte, war mein Vater. Der Mann, vor dem alle Menschen zitterten, hatte in der Villa meine Tochter auf die Stirn geküsst.

Die Stahltür flog auf.

Victor stand dort, blutend an der Schläfe, mit einer Waffe in der Hand. Hinter ihm lag ein Leibwächter reglos auf dem Boden.

— Legen Sie die Pistole weg, Doktor, sagte Victor.

Der Arzt sah zwischen uns hin und her.

— Sie haben es ihr gesagt.

— Sie hätte es ohnehin erfahren.

— Zu spät, Victor.

— Für wen?

Der Arzt lächelte bitter.

— Für dich.

Von oben erklang erneut die Stimme des Mannes, der Matteo sein musste.

— Du hast immer geglaubt, du könntest alles verbergen, Victor! Aber der Test ist bereits unterwegs!

Victor erstarrte.

Der Arzt legte den Film auf den Tisch.

— Der Beweis im Medaillon zeigt nur die Vergangenheit. Matteo hat einen Gentest aus dem Krankenhauslabor gestohlen. Wenn er ihn veröffentlicht, wird jeder wissen, dass Hannah und Lily zur Familie gehören.

— Das ist doch genau die Wahrheit, sagte ich.

— Nein, Hannah, erwiderte Victor. — Es ist eine Kriegserklärung.

Ein Telefon klingelte in der Tasche des Arztes. Er nahm ab, sagte kein Wort und reichte das Gerät Victor.

Victor hörte einige Sekunden zu. Dann wurde sein Gesicht leer.

— Was ist passiert? fragte ich.

Er sah mich an.

— Matteo hat nicht nur den Test. Er hat Lily im Krankenhaus registrieren lassen. Unter einem anderen Namen.

— Warum?

Victor drückte das Telefon an sein Ohr und lauschte der Stimme am anderen Ende.

Dann sagte die Stimme etwas, das selbst ihn zum Wanken brachte.

— Sie haben sie bereits abgeholt.

Mein Körper wurde kalt.

Lily lag noch in meinen Armen. Doch am anderen Ende der Leitung war jemand, der behauptete, meine Tochter zu besitzen.

Und Victor wusste offenbar, wer diesen Befehl gegeben hatte…

FINALES KAPITEL

Als Victor seine eigene Stimme hörte, brach etwas in ihm zusammen…

Ich dachte, die Wahrheit würde uns retten. Doch zuerst musste sie alles zerstören, woran wir uns festgehalten hatten.
Was danach geschah, veränderte auch Lilys Zukunft.

Später hörte Victor die Aufnahme aus dem Keller.
„Du musst mich nicht retten. Du musst nur leben.“
Zum ersten Mal senkte er den Blick.

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