TEIL 4 — Mein Sohn bekam nur noch fünf Tage, doch als ein armes Mädchen heiliges Wasser über ihn goss, verlor mein Vater plötzlich die Farbe

TEIL 4

Mein Telefon vibrierte noch, bevor ich die Kapellentür erreicht hatte.

Diesmal war es Marina.

— Roman, wo bist du? Deine Stimme klingt furchtbar.

Hinter ihr hörte ich Bahnhofsdurchsagen und das Quietschen von Bremsen.

— Bist du allein?

— Nein. Zwei Mitarbeiter deines Vaters stehen neben mir. Sie sagen, du hättest mich abholen lassen.

Ich schloss die Augen.

— Geh nicht mit ihnen. Stell dich zu den Schließfächern und ruf die Polizei.

— Was ist passiert?

— Ich erkläre es dir. Aber tu genau, was ich sage.

— Roman, du machst mir Angst.

— Mir auch.

Oksana nahm mir das Telefon aus der Hand.

— Marina, ich bin Oksana. Ksenia und ich sind bei Roman. Wir haben etwas aufgenommen. Bitte bleiben Sie an einem hellen Ort und lassen Sie niemanden mit Ihnen weggehen.

Am anderen Ende wurde es still.

Dann sagte Marina:

— Ich sehe sie.

Eine Minute später hörte ich ihre Stimme wieder, jetzt begleitet von einem Polizisten.

— Sie sind weggerannt.

Erst da merkte ich, dass ich die Luft angehalten hatte.

Sawtschuk hatte inzwischen den Notruf gewählt. Zwei Streifenwagen trafen an der Kapelle ein, ihre Scheinwerfer schnitten durch den Regen. Der Beamte nahm das Aufnahmegerät, fotografierte die Ampullennummer und ließ sich von Oksana erklären, wo sie die Aufnahme gemacht hatte.

— Wir müssen Ihren Sohn und Ihre Frau sofort sichern, sagte er.

— Mein Vater ist bereits in der Klinik.

— Dann fahren wir zuerst dorthin.

Ich wollte losrennen, aber Ksenia hielt meinen Ärmel fest.

— Der rote Zug, sagte sie.

Ich blickte auf meine Hand. Nikolais kleiner Anhänger lag noch immer in meiner Faust.

— Was ist damit?

— Er hatte ihn gestern am Bett. Als er mich gerufen hat. Er hat darauf gezeigt, bevor er gesprochen hat.

— Warum?

Ksenia zeigte auf die Rückseite. Dort war eine winzige Kerbe, die mir nie aufgefallen war.

— Er wollte, dass ich ihn mitnehme. Ich dachte, er meinte den Zug.

Ich drehte den Anhänger um. In der Kerbe klemmte ein dünner schwarzer Streifen, kaum größer als ein Fingernagel.

Sawtschuk wurde bleich.

— Das ist ein Teil eines Aufklebers.

Der Polizist nahm ihn vorsichtig mit einer Pinzette auf.

— Vielleicht klebt daran etwas, das wir untersuchen können.

Wir fuhren mit Blaulicht zur Klinik.

Vor dem Eingang stand mein Vater neben Filip. Alexander trug seinen dunklen Mantel, den silbernen Spazierstock und den Ausdruck eines Mannes, der gewohnt war, dass andere vor ihm zurückwichen.

— Du bist völlig außer Kontrolle, sagte er.

— Wo ist mein Sohn?

— In seinem Zimmer. Er ist aufgewacht, weil die Medikamente wirken.

— Und Filip?

Filip hob das Kinn.

— Ich habe niemanden angegriffen.

Der Polizist trat vor.

— Sie sind vorläufig festgenommen. Wir beschlagnahmen Ihre Kommunikationsgeräte und den Zugang zu den Medikamentenschränken.

Mein Vater lachte.

— Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie sprechen.

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— Doch, sagte der Beamte. Deshalb sind wir hier.

Karpenko kam aus dem Verwaltungstrakt gerannt. In seiner Hand hielt er mehrere Akten.

— Herr Krawtschenko, wir können das intern klären.

— Nein.

— Ihre Familie finanziert einen großen Teil dieser Klinik.

— Dann wird die Klinik ab morgen ohne meine Familie auskommen müssen.

Mein Vater starrte mich an.

— Du zerstörst alles, was ich aufgebaut habe.

— Du hast es selbst getan.

Im Flur wartete Sawtschuk mit einem tragbaren Lautsprecher, den die Polizei angeschlossen hatte. Auf dem Gang standen Pflegekräfte, ein Apotheker und zwei Ermittler. Alexander wollte sich umdrehen.

— Geh nicht, sagte ich.

— Ich muss mir diese Lüge nicht anhören.

— Es ist deine Stimme.

Die Aufnahme begann.

„Wenn du jemanden holst, stirbt dein Vater zuerst.“

Mein Vater blieb stehen.

Dann seine eigene Stimme:

„Roman wird unterschreiben, wenn der Junge schwächer wird. Danach gehört die Firma wieder der Familie.“

Niemand bewegte sich.

Alexander sah auf den Lautsprecher, als könne er dort einen fremden Mann finden, der seine Worte gestohlen hatte.

— Das ist zusammengeschnitten, sagte er.

Ksenia trat hinter mir hervor.

— Ich habe nur auf die Taste gedrückt.

— Du bist ein Kind.

— Aber ich habe Sie gehört.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

Die Ermittler fanden in seinem Wagen weitere Ampullen und eine Mappe mit Vertragsentwürfen. Darin stand, dass Roman im Fall von Nikolais Tod seine Stimmrechte an der Familiengesellschaft an Alexander übertragen sollte. Die Unterschriften waren vorbereitet. Nur meine fehlte noch.

Filip brach zuerst zusammen.

— Ich habe nur getan, was er befohlen hat.

Alexander drehte sich zu ihm.

— Halt den Mund.

— Sie sagten, der Junge würde nicht sterben. Sie sagten, es müsse nur so aussehen, als würde die Krankheit fortschreiten.

Jetzt verstand auch ich, weshalb mein Sohn nach der ersten Nacht ohne zusätzliche Dosis plötzlich wieder atmen konnte.

Die Polizei führte beide Männer ab.

Karpenko blieb allein im Flur zurück. Sein silberner Kugelschreiber fiel ihm aus der Hand und zerbrach unter dem Schuh einer Pflegekraft.

Ich ging zu Nikolai.

Er war wach.

Nicht vollständig. Nicht kräftig. Aber wach.

— Papa, flüsterte er.

Ich legte meine Stirn an seine Hand.

— Ich bin hier.

— Ist das Mädchen noch da?

— Ja.

— Dann sag ihr, dass ich den Zug wiederhaben möchte.

Ich lachte und weinte gleichzeitig.

In den nächsten Stunden riefen Anwälte, Geschäftspartner und Reporter an. Mein eigener Anwalt, den mein Vater seit zwanzig Jahren bezahlte, meldete sich um sechs Uhr morgens.

— Roman, ich kann Sie in dieser Sache nicht vertreten.

— Weil mein Vater Ihr Mandant ist?

— Weil ich nicht länger für jemanden arbeiten will, der ein Kind vergiftet.

— Was soll ich tun?

— Suchen Sie sich einen Anwalt, der nicht von Ihrer Familie abhängig ist.

Das tat ich.

Noch am selben Tag fror das Gericht die Konten meines Vaters ein. Filip wurde wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes angeklagt. Gegen Karpenko und die beteiligten Mitarbeiter wurden eigene Verfahren eingeleitet. Alexander versuchte, die Schuld auf Filip zu schieben, doch die Aufnahme, die Ampullen, die Verträge und die Klinikaufnahmen erzählten dieselbe Geschichte.

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Drei Tage später musste er die Worte erneut hören.

Diesmal in einem kleinen Vernehmungsraum.

Ein Ermittler spielte die Aufnahme ab und fragte:

— Haben Sie diese Drohung ausgesprochen?

Alexander saß auf einem Metallstuhl. Seine Finger lagen auf dem Tisch, genau dort, wo früher sein silberner Stock gelegen hatte.

— Die Stimme klingt wie meine.

— Es ist Ihre Stimme.

— Ich war unter Druck.

— Wer hat Sie unter Druck gesetzt?

Er antwortete nicht.

Der Ermittler startete die Aufnahme noch einmal.

„Danach gehört die Firma wieder der Familie.“

Alexander hörte sich selbst und senkte zum ersten Mal den Blick.

Ich saß hinter der Scheibe und erkannte den Moment, in dem er begriff, dass er nicht von einem Feind besiegt worden war.

Er war an seinen eigenen Worten zerbrochen.

Eine Woche später wurde Nikolais Zimmer auf der Intensivstation leergeräumt. Das Bett war abgezogen, die Kabel entfernt, die Wand hinter dem Monitor heller als der Rest des Raumes.

Auf dem Fensterbrett lag nur ein Bild.

Nikolai hatte sich selbst, mich und Ksenia darauf gemalt. Über uns schwebte eine gelbe Sonne. In der Ecke fuhr ein roter Zug durch ein Feld voller Blumen.

Ich nahm den kleinen Anhänger vom Tisch und legte ihn neben das Bild.

Die Kerbe auf seiner Rückseite war noch sichtbar.

Ksenia stand in der Tür.

— Darf ich ihn behalten?

— Den Anhänger?

Sie nickte.

— Nikolai möchte, dass du ihn hast.

— Aber dann fehlt er an seinem Rucksack.

— Er sagt, sein Rucksack sei auch ohne ihn schwer genug.

Ksenia lächelte zum ersten Mal.

Oksana bekam ihre Stelle zurück, diesmal mit einem festen Vertrag und einer Entschuldigung des Krankenhauses. Sie wollte zuerst ablehnen.

— Ich kann nicht einfach wieder hineingehen, sagte sie.

— Du musst nicht zurück, antwortete ich. Du darfst entscheiden, was du willst.

Sie nahm die Stelle trotzdem an, aber nur, nachdem sie eine Ausbildung zur Stationsassistentin erhalten hatte.

Marina kam am nächsten Morgen aus der anderen Stadt. Als sie Nikolai sah, legte sie beide Hände auf ihr Gesicht und sank auf den Stuhl.

— Du hast mir nicht gesagt, wie schlimm es war.

— Ich dachte, ich müsste dich schützen.

— Du musst mich nicht schützen, Roman. Du musst mich hineinlassen.

Ich versprach es ihr.

Diesmal hielt ich mein Versprechen.

Sechs Wochen später verließen wir die Klinik. Nikolai war noch schwach, ging aber jeden Morgen zehn Schritte mehr. Wir zogen aus dem großen Haus am Fluss in eine kleinere Wohnung in Freiburg, weit weg von den Büros meines Vaters und den Menschen, die bei jedem Familienessen über Anteile und Macht gesprochen hatten.

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Ich arbeitete wieder selbst. Nicht mehr zwölf Stunden am Tag, sondern sechs. Ich übernahm ein kleines Bauprojekt für eine Schule und lernte, die Namen der Handwerker zu kennen, statt sie nur auf Rechnungen zu lesen.

Nikolai stellte jeden Abend seine Schuhe neben die Heizung. Ksenia kam zweimal pro Woche vorbei und half ihm bei den Hausaufgaben. Oksana brachte selbst gebackene Pfannkuchen mit, die immer ein wenig zu dunkel waren.

Wir aßen sie trotzdem alle.

Im November fiel der erste Schnee.

Nikolai klebte einen neuen Sonnenblumenaufkleber auf seine Trinkflasche, diesmal ganz gerade. Dann malte er ein Bild für Ksenia: ein Krankenhaus mit offenen Türen und einem kleinen Mädchen davor.

— Warum sind die Türen offen? fragte ich.

— Damit niemand mehr heimlich um Hilfe bitten muss.

An diesem Abend kam eine Nachricht von meinem Vater.

„Ich habe einen Fehler gemacht. Wir können die Firma teilen. Du bekommst, was dir zusteht. Bring Nikolai morgen zu mir.“

Eine zweite Nachricht folgte.

„Du wirst irgendwann verstehen, dass ich alles für die Familie getan habe.“

Ich löschte beide.

Dann schrieb ich nur:

„Nikolai kommt nicht zu dir. Und ich werde dich nicht mehr vor den Folgen deiner Entscheidungen retten.“

Ich wartete lange auf eine Antwort.

Sie kam nicht.

Später lag Nikolai im Bett und hielt das Bild mit dem offenen Krankenhaus in beiden Händen.

— Papa?

— Ja?

— Glaubst du, Ksenia hatte wirklich heiliges Wasser?

Ich setzte mich zu ihm.

— Ich glaube, sie hatte Mut.

— Und du?

Ich sah zum Fenster. Auf dem Sims lag der kleine rote Zuganhänger. Der Sonnenblumenaufkleber glänzte daneben im Licht der Straßenlaterne.

— Ich habe gelernt, auf die Menschen zu hören, die niemand hören wollte.

Nikolai schloss die Augen.

Draußen begann es wieder zu schneien.

Und zum ersten Mal hatte ich keine Angst vor dem Morgen.

Der rote Zug fuhr weiter.

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