TEIL 4 — Mein Vater setzte mich im Spielsalon als Pfand ein, doch als ich den Raum betrat, verstummte der gefürchtete Herzog

TEIL 4

Der Mann, der morgen früh Anspruch auf San Gabriel erheben sollte, hieß Rafael Villaseñor.

Mein jüngerer Bruder.

Ich hatte ihn seit zwei Jahren nicht gesehen.

Der Polizeibeamte wartete neben der Tür, während Alejandro den Brief ein zweites Mal las. Das Papier raschelte zwischen seinen Fingern.

—Eduardo? fragte ich.

—Nein, sagte mein Vater heiser. Rafael.

Ich drehte mich zu ihm um.

—Du hast mir erzählt, Rafael sei nach Veracruz gegangen.

Mein Vater schwieg.

Alejandro sah ihn scharf an.

—Er ist nicht nach Veracruz gegangen. Er war derjenige, der die zusätzlichen Schuldscheine unterschrieben hat.

Mir wurde übel.

Der Regen schlug gegen die hohen Fenster des Spielsalons. Das kleine Elfenbeinmedaillon lag noch immer in meiner Hand, warm von meiner Haut.

—Was hat er getan? fragte ich.

Der Polizeibeamte öffnete eine zweite Mappe.

—Er hat die Bank am Nachmittag aufgesucht und versucht, mit einer Vollmacht Ihrer Mutter Geld abzuheben. Dabei wurde festgestellt, dass die Vollmacht gefälscht ist.

—Wo ist er jetzt?

—Auf dem Weg hierher. Zwei Beamte folgen ihm.

Mein Vater sprang auf.

—Sie dürfen meinen Sohn nicht verhaften!

—Ich habe ihn nicht verhaftet, antwortete der Beamte. Noch nicht.

Mein Vater griff nach seinem Arm.

—Er ist ein Junge.

—Er ist siebenundzwanzig, sagte ich.

Meine Stimme klang fremd.

—Und ich war dreiundzwanzig, als ihr mich als Zahlung auf den Spieltisch gelegt habt.

Mein Vater ließ den Arm des Beamten los.

Alejandro trat zu mir.

—Catalina, Sie müssen nicht hierbleiben.

—Doch. Ich will hören, was er zu sagen hat.

Eine halbe Stunde später fuhr eine Kutsche vor der Hacienda vor. Hufe schlugen auf das nasse Pflaster. Die Haustür flog auf, und Rafael kam herein, begleitet von zwei Polizisten.

Sein Gesicht war schmaler als in meiner Erinnerung. Sein Mantel tropfte auf den Marmorboden.

—Catalina, sagte er. Du musst mir helfen.

Ich sah ihn an.

—Du bist also nicht gekommen, um dich zu entschuldigen.

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—Vater hat alles falsch gemacht. Aber ich wollte nur verhindern, dass wir die Hacienda verlieren.

—Indem du meine Unterschrift fälschtest?

Er erstarrte.

—Ich dachte, du würdest mir danken.

Ich hörte einen Tonbandapparat klicken.

Der Polizeibeamte hatte ihn auf den Tisch gestellt. Ein kleines Gerät mit einer Kurbel und einer Wachswalze.

—Das Gespräch im Vorraum der Bank wurde aufgezeichnet, sagte er. Der Bankdirektor war misstrauisch.

Er drehte die Kurbel.

Rafaels Stimme erklang blechern aus dem Apparat:

„Wenn Catalina heiratet, ist alles erledigt. Octavio bekommt seine Frau, Vater behält sein Ansehen, und ich bekomme die Anteile. Sie wird nie erfahren, dass das Geld ihrer Mutter noch existiert.“

Im Raum wurde es still.

Rafael wurde weiß.

—Das habe ich nicht so gemeint.

—Doch, sagte ich. Genau so hast du es gemeint.

Mein Vater setzte sich langsam. Er starrte auf den Boden, als könne er dort eine andere Familie finden.

Octavio wurde wegen Erpressung, Betrugs und unerlaubten Waffenbesitzes noch in derselben Nacht festgenommen. Rafael musste die gefälschten Vollmachten und die Schuldscheine unterschreiben, bevor man ihn abführte.

Mein Vater blieb freiwillig zurück. Nicht als Besitzer von San Gabriel, sondern als Mann, der vor dem Notar jede Forderung gegen mich widerrief.

Am nächsten Morgen brachte Alejandro mich zur Bank.

Der Direktor legte die Zahlungsbelege, das Testament meiner Mutter und die beglaubigte Erklärung vor mir aus.

—Sie sind die alleinige Verwalterin des Vermögens, sagte er.

Ich sah zu Alejandro.

—Und Sie?

—Ich unterschreibe nichts, was Sie nicht selbst lesen und verstehen.

—Sie könnten mich retten.

—Nein, antwortete er. Sie retten sich selbst. Ich kann nur neben Ihnen stehen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich Hilfe nicht wie eine neue Schuld an.

Drei Tage später zog ich aus dem Haus meines Vaters aus. Ich nahm nur Kleidung, die Bücher meiner Mutter und ihr Medaillon mit. Das Porträt im Inneren war an einer Ecke verblichen, aber ihr Blick blieb klar.

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Die leere Kammer neben dem Wintergarten roch nach Staub und Rosenwasser. Auf dem Fenstersims lag noch die kleine Schachtel, in der meine Mutter früher getrocknete Orangenblüten aufbewahrt hatte.

Ich ließ sie dort.

Nicht alles musste ich mitnehmen, um mich zu erinnern.

In den folgenden Wochen kamen Briefe.

Einer von Octavios Anwälten bot an, die Anzeige zurückzuziehen, wenn ich seine Aussage änderte.

Ich verbrannte den Brief nicht. Ich bewahrte ihn auf.

—Warum hebst du ihn auf? fragte Alejandro.

—Damit ich später nicht wieder glaube, ich hätte mir alles eingebildet.

Er nickte.

Er drängte mich nie zur Heirat. Stattdessen half er mir, die Verwaltung von San Gabriel zu übernehmen. Wir prüften die Lohnbücher, bezahlten die Arbeiter und stellten den Brunnen wieder her, den mein Vater hatte verfallen lassen.

Am Anfang schrieb ich jeden Abend die Zahlen zweimal ab.

Nicht, weil ich Buchhaltung liebte.

Weil ich lernen musste, meiner eigenen Hand zu vertrauen.

Sechs Monate später kam der erste Schnee seit meiner Kindheit. Er legte sich auf die Dächer von San Gabriel, auf die kahlen Orangenbäume und auf die steinernen Stufen vor dem Haus.

Ich saß im Arbeitszimmer, als Alejandro eintrat. In seiner Hand hielt er ein Blatt.

—Ein Brief von Rafael.

Ich nahm ihn nicht.

—Was will er?

—Er schreibt, er habe sich verändert. Er bittet um Geld und darum, dich sehen zu dürfen.

Ich blickte aus dem Fenster.

—Und was glaubst du?

—Ich glaube, Veränderung verlangt keine Unterschrift von dir.

Ein kleines Lächeln berührte meinen Mund.

Später öffnete ich den Brief doch. Rafael schrieb von Reue, von Angst und davon, dass er damals überzeugt gewesen sei, nur die Familie zu retten.

Ich schrieb eine einzige Antwort:

„Ich wünsche dir, dass du eines Tages Verantwortung übernimmst. Aber ich werde nicht länger dein Ausweg sein.“

Dann legte ich den Brief in die Schublade.

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Am Abend stand Alejandro mit mir auf der Veranda. Der Schnee knirschte unter unseren Schritten.

—Catalina, sagte er, ich muss Sie noch einmal um etwas bitten.

Ich sah ihn an.

—Diesmal darf ich Nein sagen.

—Immer.

Er zog eine kleine Schachtel aus der Tasche. Darin lag kein teurer Schmuck, sondern ein schlichter Schlüssel aus Messing.

—Der Schlüssel zu meinem Haus, sagte er. Nicht als Bezahlung. Nicht als Versprechen, das Sie gefangen hält. Nur als Einladung.

Ich nahm ihn.

Das Elfenbeinmedaillon hing an einer Kette über meinem Kleid. Die gesprungene Kante fing den letzten Streifen Abendlicht ein.

Ich hatte geglaubt, ein Mann müsse mich aus meinem alten Leben befreien.

Am Ende hatte ich nur jemanden gebraucht, der nicht versuchte, mir ein neues aufzuzwingen.

Ich öffnete das Medaillon und sah auf das Bild meiner Mutter.

Dann schloss ich es wieder.

Diesmal klang das kleine Metall nicht wie eine Falle.

Es klang wie eine Tür, die ich selbst verriegelte.

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