TEIL 4 — Mein Mann verlangte, dass ich für seine Mutter auf meinen runden Geburtstag verzichte, doch nach meiner Antwort verlor er jede Farbe im Gesicht

TEIL 4

Doch noch wusste ich nicht, dass die nächste Nachricht nicht von Dmitri kommen würde, sondern von einem Menschen, den ich seit sieben Jahren für tot hielt.

Das Telefon klingelte, bevor wir die Bank erreichten.

Eine fremde Frau war am Apparat.

„Spreche ich mit Lena Berger?“

„Ja.“

„Mein Name ist Irina Wolkowa. Ich war mit Valentina Petrowna befreundet. Bitte hören Sie mir zu, bevor Sie auflegen.“

Ich sah Nora an.

„Woher haben Sie meine Nummer?“

„Von einer alten Rechnung. Ich habe lange überlegt, ob ich anrufen soll.“

„Was wollen Sie?“

Am anderen Ende hörte ich ein zittriges Einatmen.

„Ich bin nicht tot. Valentina hat Ihrem Mann erzählt, ich sei gestorben, weil ich ihn gebeten hatte, ihr Geld zurückzugeben.“

Im Wagen wurde es still.

Irina schickte mir eine Sprachnachricht und mehrere Bilder. Darauf war Valentina in verschiedenen Hotels zu sehen: mit einem Glas Sekt in der Hand, in einem Bademantel, auf einer Terrasse mit Blick auf Berge. Die Aufnahmen stammten aus den vergangenen drei Jahren.

„Sie hat mich gebeten, den Männern im Reisebüro zu erzählen, sie brauche medizinische Behandlung“, sagte Irina. „Als ich mich weigerte, behauptete sie, ich sei schwer krank und bald gestorben.“

„Warum melden Sie sich erst jetzt?“

„Weil ich Angst hatte. Und weil ich dachte, Ihr Mann wüsste alles.“

„Er wusste alles.“

„Dann hat er Ihnen vielleicht auch nicht gesagt, dass er vor Ihrer Hochzeit bereits Schulden hatte.“

Ich schloss die Augen.

Nora drückte meine Hand. „Wir sind gleich da.“

In der Bank wartete Frau Keller mit zwei weiteren Mitarbeitern. Die Tür zum Besprechungszimmer stand offen.

„Wir haben Ihr Konto gesichert“, sagte sie. „Die Vollmacht Ihres Mannes ist widerrufen. Die versuchte Überweisung wurde gestoppt.“

„Und der Antrag, der mich für geschäftsunfähig erklären sollte?“

„Er wurde mit Unterlagen gestellt, die offensichtlich nicht von Ihrer Hausärztin stammen. Wir haben die Ärztin kontaktiert.“

Ich setzte mich. Meine Knie zitterten.

„Er wollte mich für verrückt erklären?“

„Er wollte die Kontrolle über Ihr Gehalt behalten“, sagte Frau Keller vorsichtig. „Die rechtliche Bewertung überlassen wir den Behörden.“

Kurz darauf kamen zwei Polizeibeamte. Eine Beamtin legte ein Aufnahmegerät auf den Tisch.

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„Frau Berger, wir müssen Ihre Aussage aufnehmen. Sie können jederzeit eine Anwältin hinzuziehen.“

„Ich habe noch keine.“

„Dann warten wir.“

„Nein“, sagte ich. „Ich will anfangen.“

Dmitri tauchte eine Stunde später auf. Seine Haare waren zerzaust, der Kragen seines Hemdes stand offen. Neben ihm ging ein Mann mit schwarzer Aktentasche.

„Das ist mein Anwalt“, sagte Dmitri.

Der Anwalt setzte sich nicht. Er las die Ausdrucke, hörte einen Teil der Aufnahme und zog langsam seine Brille ab.

„Herr Berger“, sagte er, „haben Sie meiner Kanzlei gegenüber erwähnt, dass Sie Geld vom gemeinsamen Konto auf ein Unterkonto verschoben haben?“

„Es war Familiengeld.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Ich habe nichts gestohlen.“

Der Anwalt sah zur Polizeibeamtin. Dann schloss er seine Aktentasche.

„Ich kann Sie in dieser Angelegenheit nicht vertreten.“

Dmitri starrte ihn an. „Was soll das heißen?“

„Es bedeutet, dass Sie sich umgehend eine andere Vertretung suchen müssen.“

„Sie können mich nicht einfach im Stich lassen!“

„Ich kann und werde es tun.“

Dmitri sank auf den Stuhl gegenüber. Die Polizeibeamtin startete die Aufnahme noch einmal. Seine eigene Stimme füllte den Raum.

„Lena wird nichts merken.“

Dmitri hörte zu, ohne zu blinzeln.

„Frauen wie sie geben nach, sobald sie Schuldgefühle bekommen.“

Sein Gesicht wurde grau.

„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“, flüsterte er.

„Welcher Zusammenhang macht diesen Satz besser?“, fragte die Beamtin.

Er antwortete nicht.

Valentina wurde am selben Nachmittag vor dem Reisebüro angetroffen. Sie wollte gerade einen neuen Vertrag unterschreiben, diesmal mit einer anderen Kontonummer. Als sie die Polizei sah, ließ sie den Füller fallen.

„Dmitri hat alles organisiert“, sagte sie sofort.

„Du hast gesagt, ich soll ihn auf die Seite seiner Mutter stellen“, erwiderte ich.

Sie drehte sich zu mir. „Du hast doch genug verdient.“

„Darum ging es nie.“

„Natürlich ging es darum.“

„Nein. Es ging darum, ob ich in meinem eigenen Leben vorkomme.“

Die Ermittlungen dauerten Monate. Es wurden Konten geprüft, Rechnungen angefordert und Nachrichten gesichert. Die gefälschte Unterschrift wurde von einer Sachverständigen untersucht. Irina sagte aus. Andreas übergab die Originaldaten.

Dmitri versuchte zunächst, mich zurückzugewinnen.

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Er schickte Blumen an mein Büro.

Ich gab sie der Empfangsdame.

Er schrieb, er sei unter Druck gewesen.

Ich antwortete nicht.

Er stand eines Abends vor Noras Wohnung und sagte, ohne mich könne er nicht leben.

Nora öffnete die Tür nur einen Spalt.

„Dann lernen Sie endlich, selbst zu leben“, sagte sie und schloss sie wieder.

Die Ehe wurde geschieden. Die gemeinsame Wohnung wurde verkauft. Der Erlös wurde nach Abzug der Schulden und Kosten geteilt. Von dem Geld, das Dmitri verschwunden hatte, bekam ich nicht alles zurück, aber genug, um neu anzufangen. Valentina musste einen großen Teil ihrer Ersparnisse abgeben. Ihr luxuriöser Kuraufenthalt fand nie statt.

Ich war nicht erleichtert, als das Urteil gesprochen wurde. Ich war müde.

Im Saal sagte Dmitri kein einziges Mal, dass ich schuld sei.

Das war vielleicht der erste ehrliche Satz seines neuen Lebens.

Drei Monate später mietete ich eine helle Wohnung in Lübeck. Vom Küchenfenster aus sah ich jeden Morgen die Dächer und dahinter einen schmalen Streifen Wasser.

Ich nahm wieder den Bus zur Arbeit. Ich kaufte mir eine rote Winterjacke, ohne vorher zu überlegen, ob jemand anderes sie dringender brauchte. Am Schreibtisch stand eine Tasse mit einem Sprung am Henkel, die Nora mir geschenkt hatte.

An einem Samstag fiel der erste Schnee.

Meine kleine Nichte Emilie saß auf dem Teppich und malte ein Bild für mich. Darauf war ein Haus mit gelben Fenstern, ein großer Himmel und eine Frau mit einer Krone.

„Das bist du“, erklärte sie.

„Warum trage ich eine Krone?“

„Weil du jetzt bestimmen darfst, wo du wohnst.“

Ich musste mich wegdrehen, damit sie meine Tränen nicht sah.

Am Abend fand ich in meinem Briefkasten einen Umschlag. Darin lag ein Schlüssel zu unserer alten Wohnung und ein Zettel von Dmitri.

Ich weiß jetzt, dass ich alles zerstört habe. Gib mir nur eine Gelegenheit, dir zu zeigen, dass ich anders bin.

Ich legte den Schlüssel auf den Tisch und rief ihn an.

Er nahm nach dem ersten Klingeln ab.

„Lena?“

„Der Schlüssel kommt morgen per Einschreiben zurück.“

„Bitte leg nicht sofort auf.“

„Ich höre zu.“

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„Ich liebe dich noch immer.“

Draußen strich der Schnee über das Fenster. Auf dem Tisch lag mein Messingkompass, dessen Gehäuse an einer Seite zerkratzt war.

„Das glaube ich dir“, sagte ich.

Er schwieg.

„Aber Liebe ist keine Entschuldigung dafür, dass man jemanden kleiner macht.“

„Ich kann mich ändern.“

„Dann tu es. Aber nicht mehr für mich.“

„Gibt es wirklich keine Möglichkeit?“

Ich nahm den Kompass in die Hand. Die Nadel bewegte sich kurz und blieb dann ruhig stehen.

„Nein, Dmitri.“

Meine Stimme klang nicht hart.

Nur sicher.

Am nächsten Morgen brachte ich den Schlüssel zur Post. Danach ging ich mit Emilie am Wasser entlang. Sie sprang von einer trockenen Stelle zur nächsten, während der Schnee auf ihrer roten Mütze schmolz.

„Wohin gehen wir?“, fragte sie.

Ich sah auf den Kompass in meiner Hand.

„Nach vorn.“

„Und wenn wir uns verirren?“

Ich lächelte und steckte ihn zurück in meine Tasche.

„Dann entscheiden wir selbst, wohin.“

Zum ersten Mal zeigte die Nadel nicht nur nach Norden.

Sie zeigte nach Hause.

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