Am ersten Tag rettete ich dem gefürchtetsten Geschäftsmann der Stadt die Krawatte, doch als das Licht erlosch, erstarrte seine Ex-Verlobte

„Sie sind drei Minuten zu früh, Miss Bennett, und trotzdem zu spät.“

Das waren die ersten Worte, die Dominic Hawthorne an meinem ersten Arbeitstag zu mir sagte.

Drei Tage zuvor hatte ich in einem kleinen Café in Brooklyn Kaffee ausgeschenkt und überlegt, welche überfällige Rechnung ich noch eine Woche ignorieren konnte, ohne meine Wohnung zu verlieren. Nun stand ich im dreiundvierzigsten Stock eines gläsernen Wolkenkratzers und blickte auf eine Stadt hinunter, die Dominic Hawthorne zu Füßen lag.

Sein Name erschien in Wirtschaftsmagazinen, auf Spendenlisten und in den geflüsterten Gesprächen von Menschen, die nie offen über seine Geschäfte sprachen.

Er trug einen schwarzen Anzug wie eine Rüstung.

Doch seine schwarze Seidenkrawatte hing lose um seinen Hals.

„Sie besitzen ein Milliardenunternehmen und können keine Krawatte binden?“ fragte ich.

Seine hellblauen Augen wurden schmal.

„Ich kann es.“

„Warum tun Sie es dann nicht?“

„Vielleicht wollte ich sehen, was Sie tun würden.“

Ich hätte gehen sollen.

Stattdessen trat ich näher, griff nach dem glatten Stoff und legte ihn um seinen Kragen. Meine Finger streiften seine Haut. Dominic erstarrte so vollständig, dass ich sogar das leise Ticken der goldenen Uhr auf seinem Schreibtisch hörte.

„Sie zittern“, sagte er.

„Sie haben vor fünf Minuten gedroht, jemandem die Kniescheiben brechen zu lassen.“

„Das galt nicht Ihnen.“

„Das ist weniger beruhigend, als Sie glauben.“

Ich zog den Knoten fest und sah versehentlich auf.

Dominic betrachtete nicht mehr meine Hände. Sein Blick lag auf meinem Gesicht. Dann glitt er zu meinem Mund.

Auch ich blickte auf seine Lippen.

„Hören Sie auf, meine Lippen anzusehen“, flüsterte er.

„Ich überprüfe nur die Krawatte.“

„Die Krawatte ist fünfzehn Zentimeter tiefer.“

Sein Atem strich über mein Ohr.

„Wenn Sie mich weiterhin so ansehen, Claire, vergesse ich vielleicht, dass Sie meine Assistentin sein sollen.“

Das Telefon klingelte. Wir wichen gleichzeitig zurück.

Später führte er mich in ein verschlossenes Restaurant, wo drei Männer in einer dunklen Ecke auf ihn warteten. Niemand stellte sich vor. Ein Umschlag wanderte über den Tisch. Dominic las die Papiere, und zum ersten Mal verschwand jede Farbe aus seinem Gesicht.

Jemand verkaufte seit Jahren Informationen aus seiner Firma. Er befahl mir, alle dreiundsiebzig Angestellten zu überprüfen.

Zwei Nächte später fand ich den Schuldigen: Ryan Mercer. Er hatte sechs Jahre lang geheime Zahlungen erhalten. Doch das Geld kam nicht von Dominics offenem Rivalen. Es lief über jemanden, der seine Familie kannte.

Jemanden, der wusste, wo ich wohnte.

Am nächsten Morgen erschien eine blonde Frau in einem smaragdgrünen Kostüm in Dominics Büro.

„Evelyn Ward“, sagte sie. „Dominics Verlobte.“

„Ehemalige Verlobte“, korrigierte Dominic.

Ihr Blick wanderte zu mir.

„Du hast deiner Assistentin eine Wohnung gegeben, Dominic.“

Mir wurde kalt. Von der Wohnung wusste sie nicht durch mich.

Dominic erhob sich langsam. „Woher wissen Sie, wo Claire lebt?“

Evelyn lächelte nur.

„Männer wie Dominic spielen mit Frauen wie dir. Heiraten werden sie Frauen aus ihrer eigenen Welt.“

Am Abend erhielt ich eine Nachricht: BLEIB FERN VON DOMINIC. DAS IST DEINE EINZIGE WARNUNG.

Drei Tage später kaufte Dominic mir ein nachtblaues Kleid und schenkte mir ein schmales Armband mit einem winzigen schwarzen Krawattenanhänger. Vor dem Ballsaal gestand er, dass er mich seit jenem ersten Morgen küssen wollte.

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Doch Dominic betrat den Saal nie.

Evelyn war bereits dort. Ebenso mehrere Männer, die ich noch nie gesehen hatte.

„Nolan weiß jetzt, was du Dominic bedeutest“, sagte sie unter den Kronleuchtern.

„Wer ist Nolan?“

Ihr Lächeln verschwand.

„Der Mann, vor dem Dominic hätte Angst haben sollen, bevor er sich in dich verliebt.“

Die Musik brach ab. Alle Kronleuchter erloschen. Eine Hand schloss sich um mein Handgelenk, und ein fremder Mund kam meinem Ohr gefährlich nahe.

„Claire Bennett“, flüsterte der Mann. „Dominic hat dich bereits eingetauscht. Wenn du schreist, stirbt er zuerst.“

Dann spürte ich, wie seine andere Hand nach dem Verschluss meines Armbands griff, und im selben Augenblick hörte ich Schritte auf der Bühne. Jemand hob im Dunkeln einen Gegenstand hoch, den ich sofort erkannte, und sagte…

TEIL 2

…sagte jemand: „Sie gehört jetzt uns.“

Im nächsten Moment flammten die Notbeleuchtungen auf. Rotes Licht glitt über den Ballsaal, über umgestürzte Gläser und erschrockene Gesichter.

Der Mann hinter mir hielt mein Handgelenk so fest, dass seine Finger in meine Haut schnitten. Ich drehte den Kopf und sah ein schmales Gesicht, eine Narbe am Kinn und die kalten Augen eines Menschen, der nie gelernt hatte, Mitleid zu empfinden.

„Nolan?“ fragte ich.

„Du bist klüger, als Dominic behauptet hat.“

Auf der Bühne stand Ryan Mercer. In seiner Hand hielt er mein Armband.

Der winzige schwarze Krawattenanhänger baumelte über dem Mikrofon und stieß bei jeder Bewegung gegen den Metallständer.

„Geben Sie es her“, sagte ich.

Ryan lachte leise. „Du weißt nicht einmal, was du trägst.“

„Lassen Sie sie los“, erklang eine Stimme vom Eingang.

Dominic.

Er stand zwischen den geöffneten Türen, ohne Mantel, ohne Begleitung. In seiner rechten Hand hielt er keine Waffe, doch alle Männer im Raum wichen einen Schritt zurück. Das war schlimmer als eine Waffe.

Nolan presste mir etwas Hartes an die Rippen.

„Noch ein Schritt und deine geliebte Assistentin fällt auf den Marmorboden.“

Dominics Blick traf meinen.

Nicht Nolan. Mich.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich Angst in seinen Augen. Dann war sie verschwunden.

„Nolan, du hattest eine Abmachung“, sagte Dominic.

„Du hattest eine Abmachung“, erwiderte Nolan. „Du wolltest sie allein herbringen. Ohne deine Männer. Ohne Polizei.“

Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog.

„Welche Abmachung?“ fragte ich.

Dominic sagte nichts.

Evelyn trat neben Ryan. Ihr smaragdgrünes Kleid glitzerte im roten Notlicht wie eine Warnung.

„Er sollte ihr die Wahrheit sagen“, sagte sie. „Aber Dominic war schon immer feige, wenn es um Gefühle ging.“

„Halt den Mund“, sagte Dominic.

„Warum? Weil sie erfahren könnte, dass ihr Vater nicht bei einem Raubüberfall gestorben ist?“

Die Geräusche im Saal verschwanden. Ich hörte nur noch das Schlagen meines Herzens.

Mein Vater Daniel Bennett war vor zwölf Jahren tot aufgefunden worden. Ein Überfall, hatte die Polizei gesagt. Ein tragischer Zufall, hatte meine Mutter geweint. Ich hatte nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln.

„Was hat mein Vater mit Ihnen zu tun?“ fragte ich.

Nolan zog mich näher an sich. Seine Uhr kratzte über meine Haut.

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„Dein Vater führte die Bücher für Dominics Familie. Er fand etwas, das er nicht hätte finden dürfen.“

Dominic bewegte sich einen Schritt vor.

„Claire, hör ihm nicht zu.“

„Dann sagen Sie es mir selbst!“

Meine Stimme brach durch den Saal. Dominic blieb stehen.

„Warum haben Sie mich eingestellt? Warum wussten Sie, wo ich wohne? Warum haben Sie mir dieses Armband gegeben?“

Ryan schob den Anhänger in seine Tasche.

„Weil darin die letzte Kopie liegt“, sagte er. „Der Beweis, für den Nolan zwölf Jahre lang Menschen getötet hat.“

Evelyns Gesicht veränderte sich.

„Du hast sie also wirklich gefunden“, flüsterte sie.

Ich sah Dominic an. „Was meint er?“

Er schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, wirkte er älter.

„Nicht hier.“

„Hier“, sagte Nolan. „Oder sie erfährt nie, dass du sie heute Nacht ausliefern wolltest.“

Ein Raunen ging durch den Saal.

Dominic griff in die Innentasche seines Hemdes und zog ein gefaltetes Blatt hervor. Das Papier war an einer Ecke mit rotem Wachs versiegelt.

„Ich habe dich nicht ausgeliefert“, sagte er.

„Dann beweisen Sie es.“

Er kam langsam näher. Nolan drückte den Gegenstand fester gegen meine Rippen.

Dominic hielt das versiegelte Papier zwischen zwei Fingern.

„Du willst wissen, was ich unterschrieben habe? Dann hör gut zu, Claire. Denn danach wirst du mich vielleicht hassen…“

TEIL 3

…sagte Dominic: „Ich habe deinen Namen als Köder benutzt.“

Niemand bewegte sich.

Der rote Wachssiegel auf dem Papier glänzte im Notlicht. In der Ferne begann irgendwo ein Feueralarm zu piepen, doch selbst dieses Geräusch schien weit weg.

„Er hat zugestimmt, dich an Nolan zu übergeben“, sagte Evelyn. „Im Austausch für Frieden zwischen den Familien.“

„Das ist nicht die ganze Wahrheit“, sagte Dominic.

„Es ist die Wahrheit, die du unterschrieben hast.“

Er legte das Blatt auf den Flügel neben der Bühne. Ryan nahm mein Armband aus der Tasche, brach den winzigen schwarzen Anhänger mit einem Messer auf und schüttelte eine kaum fingernagelgroße Speicherkarte in seine Handfläche.

„Endlich“, flüsterte Nolan.

Dominic sah mich an. „Claire, dein Vater hat die Karte vor seinem Tod versteckt. Er wusste, dass Nolan und Evelyn seine Konten suchten. Er nahm den Anhänger deiner Mutter, veränderte ihn und gab ihn dir als Kind. Du hast ihn all die Jahre getragen.“

Ich starrte auf das aufgebrochene Metall. Der Anhänger war innen hohl gewesen.

„Du wusstest es“, sagte ich.

„Ich wusste, dass Daniel etwas hinterlassen hatte. Ich wusste nicht, wo es war. Als ich deinen Namen sah, habe ich dich eingestellt, um herauszufinden, ob du die Karte noch besitzt.“

Es fühlte sich an, als hätte mir jemand die Luft aus der Brust geschlagen.

„Du hast mich benutzt.“

Dominics Gesicht wurde grau. „Ja.“

Dieses eine Wort tat mehr weh als jede Ausrede.

Ryan steckte die Karte in einen kleinen Abspieler. Ein Knacken ertönte, dann die Stimme meines Vaters.

„Wenn Claire diese Aufnahme hört, bin ich tot. Die Überweisungen laufen über die Stiftung von Evelyn Ward. Nolan gibt die Befehle. Aber der letzte Name in diesem Buch gehört dem Mann, der glaubt, alle anderen zu kontrollieren.“

Nolan beugte sich vor. „Weiter.“

Die Stimme meines Vaters zitterte.

„Dominic Hawthorne hat meinen Tod nicht angeordnet. Er hat versucht, mich zu warnen. Sein Vater und Evelyns Vater haben den Auftrag gegeben. Dominic weiß, wo die Originalbücher liegen.“

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Evelyn wich zurück.

„Das ist gefälscht.“

„Dein Vater hat es selbst aufgenommen“, sagte Dominic.

Nolan packte mich fester. „Wo sind die Bücher?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Dominic.

„Du lügst.“

„Nein. Claire hat sie.“

Ich drehte mich zu ihm. „Was?“

Dominics Blick wanderte zu meiner Handtasche.

„Du hast mir am ersten Tag erzählt, deine Mutter habe dir vor ihrem Tod eine Blechdose mit alten Rezepten gegeben. In dieser Dose lag ein Schlüssel. Ich habe ihn in deiner Wohnung gefunden, aber ich habe die Dose nicht geöffnet.“

„Du warst in meiner Wohnung?“

„Um dich zu schützen.“

„Nein. Um mich zu durchsuchen.“

Zum ersten Mal senkte Dominic den Blick.

Nolan riss mir die Tasche aus der Hand. Evelyn griff nach dem Schlüsselbund, das darin lag. Doch bevor sie die kleine Dose öffnen konnte, stürmten Männer in dunklen Westen durch die Seitentür.

„Bundespolizei! Hände hoch!“

Nolan stieß mich beiseite und rannte zur Treppe. Dominic fing mich auf, während Evelyn und Ryan zu Boden gedrückt wurden.

„Du hast die Polizei gerufen?“ fragte ich.

„Vor drei Tagen.“

„Und trotzdem hast du mich hierher gebracht.“

„Ich wusste, dass Nolan nur auftauchen würde, wenn er glaubte, die Karte sei bei dir.“

„Du hast mich als Köder benutzt.“

„Ich dachte, ich könnte dich retten.“

„Du hättest mich fragen können.“

Hinter uns schrie Nolan, als man ihm Handschellen anlegte. Evelyn weinte nicht. Sie starrte nur Dominic an.

Dann vibrierte mein Telefon.

Eine unbekannte Nummer hatte ein Foto geschickt. Darauf lag die geöffnete Blechdose aus meiner Wohnung. Daneben stand eine Uhrzeit und eine Adresse.

Darunter war eine Nachricht: „Die Polizei ist zu spät. Komm allein, wenn du deine Mutter lebend wiedersehen willst…“

DAS FINALE

Dominic hörte seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Wahrheit würde mich befreien. Stattdessen zwang sie mich, die letzte Tür selbst zu öffnen. Im Finale wird klar, wem Dominic wirklich vertraute.

Dann erkannte Dominic seine eigene Stimme.
„Ich habe sie nicht gerettet. Ich habe sie benutzt.“
Zum ersten Mal konnte er mir nicht widersprechen.

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