TEIL 4 — Mein Mann erklärte den Familienurlaub für überflüssig, doch als ich den Autoschlüssel nahm, verschwand sein überlegenes Lächeln

TEIL 4

…dem Menschen, den Sascha seit Jahren für zu müde, zu gutgläubig und zu abhängig gehalten hatte.

Ich nahm mein Telefon aus der Tasche und legte es auf den Tisch.

„Nadine“, sagte ich, „ich habe jede Nachricht, jede Überweisung und jedes Gespräch, das auf diesem Gerät gespeichert war.“

Am anderen Ende wurde es still.

Sascha starrte auf mein Telefon.

„Was soll das heißen?“, fragte Nadine.

„Es heißt, dass du nicht mit einer ahnungslosen Ehefrau gesprochen hast.“

„Sascha, was meint sie?“

Er griff nach dem Gerät, doch ich zog es zurück.

„Fass mein Telefon nicht an.“

„Katja, du verstehst nicht, was du da anrichtest.“

„Doch. Zum ersten Mal verstehe ich es vollständig.“

Die Bankmitarbeiterin hatte bereits die Polizei verständigt. Nicht wegen unseres Streits, sondern wegen des Verdachts auf Urkundenfälschung und unbefugten Zugriff auf ein Konto.

Saschas Anwalt kam vierzig Minuten später in die Filiale. Er trug einen dunkelbraunen Mantel, obwohl es draußen warm war, und hielt eine Aktentasche so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.

„Frau Mertens“, sagte er, „mein Mandant ist bereit, die Angelegenheit außergerichtlich zu lösen.“

„Dann soll er das Geld zurücküberweisen.“

„Das ist momentan nicht möglich.“

„Warum nicht?“

Der Anwalt sah zu Sascha.

Sascha schwieg.

„Das Geld ist nicht mehr vollständig verfügbar“, sagte der Anwalt schließlich.

„Wofür wurde es ausgegeben?“

„Das besprechen wir später.“

„Nein“, sagte ich. „Jetzt.“

Sascha ballte die Hände.

„Ich habe einen Teil bezahlt.“

„Welche Schulden?“

„Spielschulden.“

Dieses Wort fiel zwischen uns wie ein schwerer Gegenstand.

Wassilissa saß neben Mama auf einer Bank vor der Filiale und malte mit einem grünen Buntstift ein Meer. Ich konnte durch die Glasscheibe sehen, wie sie der Welle eine riesige Krone aufsetzte.

„Wie lange?“, fragte ich.

„Seit dem Winter.“

„Und Nadine?“

„Sie hat mir geholfen.“

„Sie war deine Geliebte?“

Sascha hob den Blick.

„Es war kompliziert.“

„Nein“, sagte ich. „Es war eine Entscheidung. Deine.“

Der Anwalt zog mich beiseite.

„Wenn Sie die Aufnahmen verwenden, wird das Verfahren unangenehm.“

„Für wen?“

„Für alle Beteiligten.“

„Ich habe sieben Jahre lang versucht, es für alle angenehm zu machen“, antwortete ich. „Das ist jetzt vorbei.“

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Am Abend fuhr ich mit Mama und Wassilissa nicht ans Meer, sondern zurück in unsere Wohnung. Sascha war bereits dort. Er hatte die Wohnungstür offen gelassen, als müsse er beweisen, dass ihm noch irgendetwas gehörte.

Auf dem Wohnzimmertisch lagen die Ausdrucke unserer Nachrichten.

„Du hast mich aufgenommen“, sagte er.

„Ja.“

„Seit wann?“

„Seit dem Tag, an dem du vor Wassilissa gesagt hast, ich sei zu dumm, um eine eigene Entscheidung zu treffen.“

Er lachte bitter.

„Du bist krank.“

Ich schaltete die Aufnahme ein.

Seine eigene Stimme erfüllte das Zimmer.

„Wenn Katja bei ihrer Mutter ist, überweise ich den Rest. Danach kann sie nichts mehr verhindern.“

Sascha wurde still.

Die Worte klangen aus dem kleinen Lautsprecher viel härter, als sie in meinem Kopf geklungen hatten. Nicht wie ein Ausrutscher. Nicht wie ein Mann, der die Kontrolle verlor. Sondern wie ein Plan.

Er hörte sich selbst zu und setzte sich langsam auf den Stuhl.

„Ich habe das nicht so gemeint“, flüsterte er.

„Aber du hast es gesagt.“

„Ich war verzweifelt.“

„Und ich war jahrelang neben dir. Du hättest mich um Hilfe bitten können.“

Er antwortete nicht.

Am Montag beantragte ich eine gerichtliche Schutzanordnung. Nicht, weil ich ihn hasste. Weil Wassilissa nachts wieder anfing, bei jedem Schlüsselgeräusch zusammenzuzucken.

Der Richter hörte sich die Aufnahmen an. Die Bank legte die Überweisungen vor. Der Makler bestätigte, dass Sascha versucht hatte, einen Verkauf einzuleiten, ohne meine Zustimmung.

Sascha musste das Geld zurückzahlen, soweit es noch vorhanden war. Für den Rest wurde ein Rückzahlungsplan festgelegt. Die gefälschte Vollmacht wurde Teil des Ermittlungsverfahrens. Nadine bestritt zunächst alles, doch ihre Nachrichten erzählten eine andere Geschichte.

Die Wohnung blieb unsere Wohnung.

Sascha musste ausziehen.

Am ersten Abend danach stand ich in seinem leeren Arbeitszimmer. An der Wand war ein heller rechteckiger Fleck, wo jahrelang ein Bild gehangen hatte. Auf dem Boden lag nur noch ein einzelner Kabelbinder und die Quittung eines Wettbüros.

Im Flur fand ich den kleinen Leuchtturmanhänger unter dem Schrank. Ich befestigte ihn wieder an meinem Schlüsselbund.

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Er klirrte bei jedem Schritt.

Zwei Wochen später rief Saschas Anwalt an.

„Mein Mandant möchte seine Sachen holen.“

„Seine Sachen bekommt er.“

„Er möchte außerdem mit Ihnen sprechen.“

„Nein.“

„Frau Mertens, vielleicht wäre ein persönliches Gespräch für alle besser.“

„Für mich nicht.“

Am nächsten Morgen stand Sascha trotzdem vor der Tür. Ich sah ihn durch den Türspion. Er wirkte kleiner als früher, obwohl er denselben Mantel trug.

„Katja“, sagte er, als ich die Tür nur einen Spalt öffnete, „ich habe Fehler gemacht.“

„Ja.“

„Ich kann alles wiedergutmachen.“

„Du kannst das Geld zurückzahlen.“

„Ich liebe dich.“

Hinter mir hörte ich Wassilissa lachen. Sie saß im Wohnzimmer und baute aus Bauklötzen einen Leuchtturm.

„Liebe“, sagte ich, „ist kein Wort, das man benutzt, wenn man erwischt wurde.“

Ich schloss die Tür.

Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an.

Es fühlte sich wie Luft an.

Drei Monate später wohnten wir in einer kleineren Wohnung am Stadtrand. Morgens fuhr ich Wassilissa mit dem Fahrrad zur Schule. Danach arbeitete ich wieder halbtags in der Buchhaltung einer kleinen Arztpraxis. Ich trug mein Haar kürzer und ließ die Fenster offen, auch wenn draußen der Verkehr rauschte.

Wir fuhren schließlich ans Meer.

Nicht in ein teures Hotel. In eine kleine Ferienwohnung mit knarrendem Balkon und einem Kühlschrank, der nachts brummte.

Als Wassilissa die erste Welle sah, blieb sie wie angewurzelt stehen.

„Mama“, flüsterte sie, „das Wasser hört ja gar nicht auf.“

„Nein“, sagte ich. „Das Meer muss niemandem gehorchen.“

Sie nahm meine Hand und zog mich hinein. Das Wasser war kalt. Der Sand klebte an unseren Füßen. Ich lachte so laut, dass sich ein älteres Paar nach uns umdrehte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit war mir das egal.

Im November kam der erste Schnee. Wassilissa malte ein Bild für den Kühlschrank: zwei Figuren am Meer, eine große Welle und einen roten Leuchtturm. Über uns schrieb sie: „Mama und ich finden immer nach Hause.“

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Ich bewahrte das Bild neben meinen Kontoauszügen auf.

Sascha schrieb noch einmal. Dann noch einmal.

„Ich habe eine Therapie begonnen.“

„Ich vermisse euch.“

„Können wir nicht wenigstens Freunde sein?“

Ich antwortete erst nach drei Tagen.

„Ich wünsche dir, dass du dein Leben in Ordnung bringst. Aber ich werde nicht mehr dabei helfen, dich vor deinen Entscheidungen zu bewahren.“

Danach löschte ich seine Nummer.

Nicht aus Wut.

Aus Ruhe.

Am Abend nahm ich den Schlüsselbund vom Haken. Der kleine Leuchtturm aus Metall war an einer Kante zerkratzt, und wenn ich ihn bewegte, klirrte er leise gegen den Wohnungsschlüssel.

Wassilissa lag auf dem Teppich und malte eine neue Welle.

„Mama“, fragte sie, „fahren wir nächstes Jahr wieder ans Meer?“

Ich setzte mich zu ihr.

„Wenn du möchtest.“

„Und wenn du möchtest?“

Ich sah zum Fenster. Draußen fiel Schnee auf die dunkle Straße. Drinnen roch es nach Kakao und Wachsmalstiften.

„Dann fahren wir erst recht.“

Der Leuchtturm klirrte in meiner Hand.

Diesmal führte er mich nach Hause.

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