TEIL 4 — Mein Mann warf mich aus dem Haus, nachdem ich die Bank besucht hatte — doch seine Hand begann zu zittern

TEIL 4

…Ich sagte zunächst nichts. Im Hintergrund hörte ich Herrn Seidel atmen, während draußen ein Lastwagen über das nasse Pflaster fuhr.

„Meine Mutter lebt seit sechs Jahren in einem Pflegeheim“, sagte ich.

„Das wissen wir.“

„Sie konnte keine Überweisung ausführen.“

„Deshalb müssen Sie morgen mit uns sprechen.“

Als ich auflegte, stand Dmitri im Türrahmen. Er hatte offenbar jedes Wort gehört. Seine Schultern waren nach vorn gesunken, aber seine Augen waren noch immer dieselben: berechnend, rastlos, auf der Suche nach einer Tür, durch die er entkommen konnte.

„Was hat die Bank gesagt?“, fragte er.

„Dass Geld vom Konto meines Vaters überwiesen wurde.“

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Das ist unmöglich.“

„Warum?“

„Weil dein Vater kein Geld hatte.“

„Das hast du immer gesagt.“

Er fuhr sich über den Mund. „Oksana, hör mir zu. Du bist gerade aufgebracht. Wir müssen zusammenhalten.“

„Zusammenhalten?“

„Wenn du mich jetzt fallen lässt, verlieren wir alles.“

Ich sah auf die Kartons vor der Wohnungstür. Auf meiner obersten Kiste lag das Rezeptbuch meiner Mutter. Zwischen den Seiten steckte ein alter Einkaufszettel, den ich seit Jahren nicht wegwerfen konnte.

„Du hast mich bereits fallen lassen“, sagte ich. „Du hast nur erwartet, dass ich unten auf dich warte.“

Er griff nach meinem Arm.

Ich wich zurück.

„Fass mich nicht an.“

Dmitri ließ die Hand sinken. Zum ersten Mal wirkte er nicht wütend, sondern erschrocken.

Am nächsten Morgen saß ich mit Staatsanwalt Lenz und Herrn Seidel in einem Besprechungszimmer der Bank. Auf dem Tisch lagen die beglaubigte Vollmacht, die falsche Fassung, die Gesprächsaufnahme und die Kontoauszüge meines Vaters.

„Die Überweisung ging an eine Gesellschaft, die zwei Monate vor Ihrer Hochzeit gegründet wurde“, sagte Lenz. „Die Gesellschaft gehörte zunächst einem Treuhänder. Später wurde sie auf ein Konto übertragen, das Ihr Mann kontrollierte.“

„Wie viel Geld war es?“

„Einhundertachtzigtausend Euro.“

Ich presste die Finger gegen meine Schläfen. Mein Vater hatte sein Leben lang als Schlosser gearbeitet. Er hatte jeden Briefumschlag zweimal umgedreht, bevor er ihn wegwarf. Woher sollte er so viel Geld gehabt haben?

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Herr Seidel legte ein weiteres Blatt vor mich.

„Es gab eine Lebensversicherung“, sagte er. „Ihr Vater hat sie kurz vor seinem Tod auf Ihre Mutter ausstellen lassen. Der Betrag wurde auf ein gemeinsames Konto überwiesen.“

„Und Dmitri hatte Zugriff?“

„Als bevollmächtigter Betreuer Ihrer Mutter.“

Der Raum wurde plötzlich sehr still.

Ich erinnerte mich an den Tag, an dem Dmitri mir die Unterlagen für die Betreuung hingelegt hatte. Er hatte gesagt, meine Mutter könne sich glücklich schätzen, einen so zuverlässigen Schwiegersohn zu haben.

„Er hat das Geld genommen“, sagte ich.

„Wir müssen es beweisen“, erwiderte Lenz. „Aber die Spuren sind eindeutig.“

Am Nachmittag rief Dmitri mich siebzehnmal an.

Ich ging nicht ran.

Beim achtzehnten Mal sprach er auf die Mailbox.

„Oksana, ich habe einen Fehler gemacht. Nur einen. Ich wollte die Firma retten. Ruf mich zurück.“

Beim neunzehnten Anruf klang seine Stimme härter.

„Wenn du nicht zurückkommst, wirst du alles verlieren. Du bist ohne mich niemand.“

Ich speicherte beide Nachrichten.

Am Abend erschienen zwei Beamte an seiner Wohnung. Dmitri öffnete ihnen im weißen Hemd, das ich ihm zu unserem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest gekauft hatte. Die Knöpfe standen offen, sein Gesicht war grau.

„Sie müssen uns begleiten“, sagte einer der Beamten.

„Meine Frau hat Sie geschickt“, rief Dmitri.

Ich stand im Treppenhaus, drei Stufen unter ihm.

„Nein“, sagte ich. „Deine Entscheidungen haben dich hierhergebracht.“

Er sah mich lange an.

„Du wirst ohne mich nicht leben können.“

Ich dachte an all die Jahre, in denen ich Rechnungen bezahlt, Verträge geprüft, Mitarbeiter beruhigt und seine Fehler still ausgeglichen hatte.

„Doch“, sagte ich. „Ich werde nur nicht mehr für dich leben.“

Die Ermittlungen dauerten Monate. Die Überweisung wurde zurückgeholt. Die Bank erklärte die unrechtmäßig aufgenommenen Kredite für nichtig, weil Dmitri meine Zustimmung gefälscht hatte. Nadja erhielt eine Bewährungsstrafe und musste die Firma verlassen. Sie schickte mir später einen Brief, in dem sie sich entschuldigte.

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Ich antwortete nicht.

Dmitri wurde wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Untreue verurteilt. Ich saß nicht im Gerichtssaal, als das Urteil gesprochen wurde. Nicht, weil ich Angst hatte. Ich wollte nur nicht noch einen Tag meines Lebens damit verbringen, ihm beim Fallen zuzusehen.

Die Firma behielt ich nicht.

Ich verkaufte sie an die Mitarbeiter, die sie mit aufgebaut hatten. Den Erlös legte ich in eine kleine Werkstatt für handgefertigte Möbel an der Ostseeküste. Es war kein großes Unternehmen. Aber jedes Geldstück darin war sauber.

Meine Mutter zog in eine kleinere Wohnung in meiner Nähe. Jeden Mittwoch kochte ich für sie Kartoffelsuppe, und sie beschwerte sich, dass ich zu wenig Salz verwendete.

„Du siehst müde aus“, sagte sie eines Abends.

„Ich bin nicht mehr müde. Ich gewöhne mich nur an die Ruhe.“

„Das ist etwas anderes.“

Vier Monate später fiel der erste Schnee. Meine Werkstatt roch nach Holz, Leim und heißem Tee. Auf dem Fensterbrett stand eine Tasse mit einem Sprung am Rand, die Herr Seidel mir geschenkt hatte, nachdem alles vorbei war.

Mein Neffe Anton kam nach der Schule vorbei und malte mit Buntstiften ein Haus auf ein Stück Sperrholz. Das Haus hatte ein rotes Dach, drei Fenster und eine Tür ohne Schloss.

„Warum ist die Tür offen?“, fragte ich.

„Damit du jederzeit hinausgehen kannst“, sagte er.

Ich musste lachen. Dann musste ich weinen.

In der siebten Woche kam Dmitris letzte Nachricht. Er schrieb, er habe seine Strafe verstanden. Er schrieb, er vermisse unsere Küche. Er schrieb, er wolle nur eine Möglichkeit, sich zu erklären.

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann schrieb ich zurück: „Ich brauche keine Erklärung mehr. Bitte kontaktiere mich nicht wieder.“

Ich löschte sie nicht sofort. Ich ließ sie einen Moment stehen, wie einen Stein, den man aus der Tasche nimmt und auf den Tisch legt.

Dann drückte ich auf Senden.

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Am nächsten Morgen fand ich in einer Schublade meiner Werkbank die blaue Klammer mit dem abgeplatzten goldenen Stern. Ich hatte sie aus der alten Wohnung mitgenommen, ohne zu wissen, warum.

Ich befestigte damit den Bauplan für Antons kleines Haus an der Wand.

Die Klammer hielt.

Und diesmal hielt sie nicht meine Ehe zusammen, sondern meinen eigenen Anfang.

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