TEIL 4
…ich bat den Bankangestellten, die Vollmacht sofort an Rechtsanwalt Klein zu schicken.
Oleg wurde schlagartig unruhig.
„Leg auf.“
„Nein.“
„Nina, leg sofort auf!“
Ich hielt das Telefon fester an mein Ohr.
Der Bankangestellte sprach weiter. Seine Stimme war sachlich, fast gelangweilt, und gerade deshalb klang jedes Wort so endgültig.
„Frau Berger, der Antrag wurde vor vier Tagen eingereicht. Es geht um eine erhebliche Summe. Wir haben die Auszahlung vorläufig gestoppt.“
„Welche Summe?“, fragte ich.
Oleg trat auf mich zu.
Klein stellte sich zwischen uns.
„Herr Wagner, bleiben Sie dort.“
„Das ist meine Ehe.“
„Nein“, sagte Klein. „Das ist inzwischen ein strafrechtlicher Vorgang.“
Galina sah ihren Sohn an, als würde sie ihn zum ersten Mal erkennen.
„Du wolltest das Haus verkaufen?“, fragte sie.
„Ich wollte nur eine Zwischenfinanzierung.“
„Du hast gesagt, die Datscha gehört mir.“
„Mama, ich hätte das geregelt.“
„Mit einer gefälschten Unterschrift?“
Oleg hob beide Hände.
„Ich habe niemanden betrogen.“
Klein nahm sein Handy heraus.
„Das können wir gleich gemeinsam klären. Die Polizei ist unterwegs.“
Oleg starrte ihn an.
„Sie haben die Polizei gerufen?“
„Vor einer Stunde.“
Die Farbe kehrte nicht in Olegs Gesicht zurück. Sie blieb verschwunden, als hätte jemand sie aus ihm herausgesogen.
Er begann zu telefonieren.
Zuerst rief er seinen Anwalt an. Ich hörte nur seine Hälfte des Gesprächs.
„Du musst sofort kommen. Es ist eskaliert.“
Eine Pause.
„Nein, nicht wegen der Scheidung. Wegen der Datscha.“
Noch eine Pause.
Seine Stimme wurde lauter.
„Du hast doch gesagt, die Vollmacht reicht!“
Am anderen Ende sagte jemand etwas, das wir nicht verstanden. Oleg wurde still.
Dann legte er auf.
„Er kommt nicht“, sagte er.
„Warum?“, fragte Galina.
Oleg sah auf den Tisch.
„Er sagt, er vertritt mich nicht, solange eine strafbare Handlung im Raum steht.“
Niemand antwortete.
Ich betrachtete die rote Mappe. An einem der Leinenbänder klebte noch ein kleiner Krümel von der Geburtstagstorte. Ich strich ihn mit dem Daumen weg und dachte daran, wie oft ich dieses Haus allein instand gehalten hatte. Wie ich im April die Fenster abgeschliffen, im Juni die Dachrinne gereinigt und im Herbst die Äpfel meiner Großmutter gesammelt hatte.
Oleg hatte dort nur Dinge genommen.
Werkzeug.
Geld.
Und mein Vertrauen.
Die Polizei kam um 20.17 Uhr.
Zwei Beamte betraten den Raum. Einer nahm die rote Mappe an sich, der andere bat Oleg, sich zu setzen.
„Herr Wagner, Sie werden verdächtigt, eine Unterschrift gefälscht und einen Kredit unter Verwendung fremden Eigentums beantragt zu haben.“
„Das ist ein Missverständnis“, sagte Oleg.
Der Beamte sah auf das Tablet.
„Das werden die Ermittlungen klären.“
„Nina, sag ihnen, dass ich das nicht so gemeint habe.“
Ich sah ihn an.
„Du hast es selbst gesagt.“
„Was?“
Klein schaltete die Aufnahme noch einmal ein.
Olegs Stimme erfüllte den Raum.
„Sie glaubt immer noch, wir wären verheiratet, weil wir uns lieben. Das macht sie berechenbar.“
Oleg hörte seinen eigenen Satz bis zum Ende.
Nicht aus einem Bericht.
Nicht aus meiner Erinnerung.
Aus dem Lautsprecher.
Seine Schultern sanken.
Er öffnete den Mund, aber diesmal versuchte er nicht, sich herauszureden. Er hörte, wie kalt er geklungen hatte. Wie selbstverständlich. Wie sicher, dass ich nichts tun würde.
Galina begann leise zu weinen.
„Ich habe dir geglaubt“, sagte sie.
Oleg drehte sich zu ihr.
„Mama…“
„Du hast mir das Haus versprochen.“
„Ich wollte, dass du glücklich bist.“
„Nein“, sagte sie. „Du wolltest, dass ich dir helfe, sie unter Druck zu setzen.“
Das war der Moment, in dem ich verstand, dass Galina nicht alles gewusst hatte. Sie hatte die Grausamkeit genossen, aber nicht die ganze Gefahr gesehen. Oleg hatte ihr eine glänzende Geschichte erzählt und sie benutzt, wie er mich benutzt hatte.
Die Beamten nahmen ihn mit.
Er drehte sich an der Tür noch einmal um.
„Nina, wir können darüber reden.“
„Wir haben zwölf Jahre geredet.“
„Ich liebe dich.“
Ich antwortete nicht.
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Am nächsten Morgen fuhr ich zur Datscha.
Es war 6.40 Uhr, und über dem See lag Nebel. Das Vorhängeschloss an der Gartentür war aufgebrochen. Im Haus fehlten der Werkzeugkasten, zwei Lampen und das alte Radio meiner Großmutter.
Im Schlafzimmer war der Kleiderschrank leer.
Oleg hatte dort Kleidung gelagert, obwohl er in den letzten Monaten behauptet hatte, kaum noch dort gewesen zu sein.
Auf dem Fensterbrett stand nur noch ein Gegenstand: das gerahmte Foto meiner Großmutter mit dem gelben Schal und den roten Vögeln.
Ich nahm es in beide Hände.
Die Stille tat weh.
Aber sie war ehrlich.
In den folgenden Tagen rief Oleg ständig an.
Mal bat er mich um Verzeihung.
Mal drohte er, die Datscha sei schließlich während unserer Ehe renoviert worden.
Mal sagte er, Galina liege wegen mir mit hohem Blutdruck im Bett.
Ich antwortete nur einmal.
„Sprich mit meinem Anwalt.“
Danach blockierte ich seine Nummer.
Die Ermittlungen verliefen schnell, weil die Bank Unterlagen, Kamerabilder und die Tonaufnahme hatte. Der Schriftsachverständige bestätigte, dass die Unterschrift gefälscht worden war. Der Makler gab zu, dass Oleg ihm die Datscha bereits zum Verkauf angeboten hatte.
Oleg musste die Wohnung verlassen. Galina zog vorübergehend zu Tamara. Die Familie, die mich zwölf Jahre lang am Rand ihres Tisches sitzen ließ, hatte plötzlich keinen Platz mehr füreinander.
Ich empfand keine Freude darüber.
Nur Müdigkeit.
Vier Monate später arbeitete ich wieder regelmäßig in meinem alten Beruf. Ich prüfte Verträge für ein kleines Bauunternehmen in der Stadt und lernte, jeden Satz zweimal zu lesen, auch wenn niemand mich darum bat.
Am Freitag fuhr ich mit meiner siebenjährigen Tochter Lena zur Datscha.
Sie hatte nach der Trennung meistens bei mir gewohnt. Oleg war nicht ihr leiblicher Vater, aber sie hatte ihn Papa genannt. Das war die Wunde, über die wir am vorsichtigsten sprachen.
Lena trug rote Gummistiefel und hielt einen Zeichenblock unter den Arm geklemmt.
„Mama?“, fragte sie, als wir die Gartentür öffneten. „Darf ich das blaue Zimmer nehmen?“
„Wenn du möchtest.“
„Und wenn ich Angst bekomme?“
Ich ging in die Hocke.
„Dann kommst du zu mir. Immer.“
Sie nickte und drückte ihre Stirn gegen meine.
Im Haus roch es nach Holz, Staub und dem See. Ich öffnete alle Fenster. Die Vorhänge bewegten sich im Wind, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich das Haus nicht wie ein Streit an.
Lena malte am Küchentisch einen Garten mit viel zu großen Sonnenblumen. Neben das Haus zeichnete sie eine rote Mappe.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Dein Schatz“, sagte sie. „Damit niemand ihn wegnehmen kann.“
Ich musste mich kurz abwenden.
Im November fiel der erste Schnee. Wir stellten Tassen mit heißer Schokolade auf die Fensterbank und hörten das alte Radio, das ich aus dem Keller wiedergefunden hatte. Es rauschte, aber Lena mochte das Geräusch.
„Wird Papa irgendwann wiederkommen?“, fragte sie.
Ich legte ein Holzscheit ins Feuer.
„Vielleicht wird er versuchen, zurückzukommen.“
„Lässt du ihn rein?“
Ich sah hinaus auf den weißen Garten.
„Nicht in unser Haus.“
Sie dachte darüber nach und nickte dann.
„Gut.“
Im Dezember erhielt ich den letzten Brief von Oleg. Er schrieb, er habe sich verändert. Er schrieb, er habe alles nur wegen seiner Mutter getan. Er schrieb, dass wir wenigstens wegen unserer gemeinsamen Jahre noch eine Chance verdient hätten.
Am Ende stand: Ich warte auf dich.
Ich legte den Brief neben die rote Mappe.
Dann schrieb ich eine einzige Antwort.
„Warte nicht.“
Ich schickte sie nicht per Post. Ich übergab sie seinem Anwalt, damit es keine weiteren Gespräche gab.
An Heiligabend hängte Lena ihre selbst gebastelte Papierlaterne an die Tür. Das rote Papier leuchtete im Licht der Veranda.
Ich band die Mappe wieder zu. Die Leinenbänder waren an den Kanten ausgefranst, aber sie hielten.
Draußen begann es erneut zu schneien.
Ich legte die Mappe in den Schrank meiner Großmutter, schloss die Tür und steckte den kleinen Schlüssel in meine Tasche.
Diesmal wusste ich genau, was er öffnete.
Mein eigenes Leben.
Und zum ersten Mal musste niemand dafür um Erlaubnis bitten.
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