Ich ging nachts allein in den Wald, als ein Fremder mich in eine Schlucht zerren wollte – doch dann tauchten vier riesige Wölfe aus der Dunkelheit auf, die ich Jahre zuvor gerettet hatte

In jener Nacht presste mir ein fremder Mann im Wald die Hand auf den Mund und flüsterte, dass mich dort niemand hören würde. Ich hatte nie Angst vor dem Wald gehabt. Bis zu diesem Augenblick.

Ich heiße Anna und lebte damals seit vielen Jahren allein am Rand unseres Dorfes. Mein Haus stand hinter einem verwilderten Garten, direkt dort, wo die letzten Felder in dichten Fichtenwald übergingen. An jenem Herbstabend wollte ich nur trockenes Holz sammeln. Zehn Minuten hin, zehn Minuten zurück. Mehr nicht.

Der Korb hing an meinem Arm, als ich auf der schmalen Spur plötzlich Schritte hinter mir hörte. Ich drehte mich um, sah aber nur Nebel zwischen den Bäumen. Dann packte mich jemand von hinten. Ein schwerer Arm schnürte mir die Kehle zu, und der Geruch von Schnaps raubte mir den Atem.

— Sei still, alte Frau, murmelte der Mann. Ich beobachte dich schon lange. Hier draußen findet dich niemand.

Ich biss in seine Hand, trat nach hinten und riss dabei einen Knopf von seiner Jacke. Ein Stück blauer Faden blieb in meinen Fingern hängen. Doch der Mann war stärker. Er schleifte mich in Richtung der Schlucht, während nasses Laub unter meinen Schuhen knirschte.

Ich dachte an meine Enkelin, an den roten Schal, den sie mir am Morgen um den Hals gelegt hatte. Ich dachte: So darf es nicht enden.

Dann geschah etwas, das ich zuerst für ein fernes Gewitter hielt.

Der Wald begann zu brummen.

Ein langer, tiefer Laut rollte zwischen den Stämmen entlang. Der Mann erstarrte. Sein Griff lockerte sich, und ich fiel auf ein Knie. Wieder ertönte dieses Geräusch, diesmal näher. Viel näher.

Im Nebel erschienen vier große Schatten. Sie bewegten sich nicht wie gewöhnliche Tiere. Sie kamen langsam, schweigend und vollkommen gleichmäßig auf uns zu.

Der Mann wich zurück.

— Was zum Teufel ist das? flüsterte er.

Ich konnte nicht antworten. Einer der Wölfe trat ins fahle Mondlicht. Auf seiner Schnauze lag eine schmale Narbe. Ich starrte ihn an, während in meinem Gedächtnis ein Bild auftauchte: vier zitternde Welpen, eine Schale mit Ziegenmilch und meine alte rote Wolldecke.

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Der größte Wolf hob den Kopf und sah direkt in meine Augen. Dann setzte er eine Pfote nach vorn, als wollte er prüfen, ob ich wirklich die Frau war, die ihn einst aus dem Tod gerettet hatte…

TEIL 2

Die Pfote berührte das feuchte Laub, und in diesem Moment wusste ich es. Nicht nur der größte Wolf, sondern alle vier waren vor mir. Ich erkannte den dunklen Fleck am Ohr des zweiten, die helle Linie über dem Auge des dritten und die gespaltene Kralle des kleinsten.

Sie waren keine hilflosen Welpen mehr. Sie waren gewaltig.

Der Mann ließ mich los und stolperte rückwärts.

— Bleibt weg! schrie er. Weg von mir!

Keiner der Wölfe stürzte sich auf ihn. Genau das machte die Szene noch beängstigender. Der Anführer stellte sich zwischen uns. Ein zweiter nahm die rechte Seite, ein dritter verschwand hinter dem Mann, und der vierte versperrte den Pfad zur Schlucht.

Sie bildeten einen Kreis.

Ich hörte das Knacken ihrer Zähne, doch ihre Blicke galten nicht mir. Der größte Wolf senkte kurz die Schnauze und schnupperte an meinem zerrissenen Ärmel. Danach sah er wieder den Mann an.

— Anna, geh weg! rief der Fremde plötzlich. Hol Hilfe!

Er kannte meinen Namen.

Dieser Satz jagte mir mehr Angst ein als sein Griff. Er hatte mich nicht zufällig im Wald gefunden. Er wusste, wer ich war, wo ich lebte und wann ich gewöhnlich Holz holte.

Der Mann machte einen Sprung zur Seite. Sofort versperrte ihm der Wolf mit der hellen Stirn den Weg. Ein tiefes Knurren vibrierte durch die Erde. Der Fremde verlor das Gleichgewicht, rutschte auf nassem Lehm aus und stürzte in die Böschung. Ein scharfer Schrei zerriss die Nacht.

Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Der Wolf sah mich an, als wollte er sagen: Lauf jetzt.

Mit zitternden Beinen folgte ich den Tieren. Sie gingen nicht schnell, sondern passten sich meinem unsicheren Schritt an. Immer wieder drehte sich einer von ihnen um. Erst als die ersten Lichter des Dorfes durch die Bäume schimmerten, blieb der Anführer stehen.

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Ich hob die Hand. Meine Finger waren noch immer um den blauen Faden geschlossen.

— Ihr habt mich erkannt, flüsterte ich.

Der Wolf kam näher. Für einen Atemzug war nur sein warmer Atem in der kalten Luft zu sehen. Dann berührte seine Nase meine Hand.

Hinter uns hörte ich den Fremden stöhnen. Irgendwo im Wald blinkte plötzlich ein Licht. Jemand musste den Notruf gewählt haben.

Am nächsten Morgen lag auf meinem Küchentisch ein grauer, versiegelter Umschlag. Der Dorfpolizist hatte ihn im Rucksack des Mannes gefunden. Er sagte, ich solle ihn erst öffnen, wenn er wieder bei mir sei.

Auf der Vorderseite stand nur mein Name. Darunter war ein Datum geschrieben, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ…

TEIL 3

Das Datum war der Tag, an dem ich die vier Wolfswelpen zurück in den Wald gebracht hatte.

Ich öffnete den Umschlag nicht allein. Der Polizist Martin Keller saß mir gegenüber, seine nasse Mütze lag neben der Zuckerdose. Als ich das Siegel brach, fiel zuerst ein zerknittertes Blatt heraus. Darauf standen mehrere Namen aus dem Dorf, dazu Gewohnheiten, Wege und Uhrzeiten.

Mein Name stand ganz oben.

— Er hat dich wochenlang beobachtet, sagte Martin leise. Die anderen Frauen hatte er ebenfalls verfolgt. Bei dir wollte er es in dieser Nacht tun, weil er wusste, dass du allein zum Wald gehst.

Im Umschlag lag außerdem der blaue Knopf, den ich dem Mann abgerissen hatte. Daneben befanden sich Aufnahmen aus einer kleinen Kamera, die er an meinem Gartenzaun angebracht hatte. Auf einer davon sah man deutlich sein Gesicht.

Der Fremde hieß Rolf Brenner. Er wohnte zwei Dörfer weiter und war bereits wegen ähnlicher Übergriffe aufgefallen. Diesmal konnte er nicht mehr davonlaufen. Seine Verletzung an der Schlucht war nicht von den Wölfen verursacht worden, sondern von seinem eigenen Sturz. Die Tiere hatten ihn nicht angegriffen. Sie hatten ihn nur eingekreist und mir den Weg nach Hause freigehalten.

Martin fand ihn noch in derselben Nacht. Rolf lag im Schlamm, zitterte vor Angst und schrie, die Wölfe hätten ihn beinahe zerrissen. Doch als die Rettungskräfte eintrafen, waren die Tiere längst verschwunden.

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Im Dorf sprach man wochenlang über das Geschehen. Manche behaupteten, Wölfe könnten sich nach Jahren nicht an einen Menschen erinnern. Andere sagten, ich hätte einfach Glück gehabt.

Ich wusste es besser.

Jahre zuvor hatte ich die vier Welpen neben dem leblosen Körper ihrer Mutter gefunden. Ich hatte sie mit Ziegenmilch gefüttert, nachts neben ihnen geschlafen und ihnen leise vorgesungen, wenn sie vor Angst heulten. Als sie kräftig genug waren, brachte ich sie zurück in den Wald. Ich hielt sie nicht fest. Liebe bedeutet manchmal, loszulassen.

Am Abend nach Rolfs Festnahme ging ich noch einmal bis zur Waldgrenze. Zwischen den Bäumen standen vier Silhouetten. Der größte hob den Kopf, und ich erkannte die Narbe auf seiner Schnauze.

— Ich habe euch damals gerettet, sagte ich.

Der Wolf blinzelte langsam.

— Und ihr habt mich heute nach Hause gebracht.

Dann wandten sie sich um und verschwanden im Wald, während ich zum ersten Mal seit langer Zeit keine Angst vor der Dunkelheit hatte.

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