TEIL 4 — Ich spielte sechs Wochen lang Nathans Tochter, doch nach seiner Beerdigung sagte sein Anwalt einen Satz, der ihn erbleichen ließ

TEIL 4

„Clara Keller“, las Martin noch einmal vor. „Mit Uhrzeit. Vor drei Stunden.“

Niemand bewegte sich.

Dann klingelte Viktors Telefon.

Er sah auf das Display, nahm aber nicht ab.

Es klingelte erneut.

„Wer ist das?“, fragte ich.

„Das geht Sie nichts an.“

„Doch. Seit zwanzig Jahren offenbar schon.“

Viktor steckte das Telefon ein und wandte sich an Martin.

„Sie müssen die Eröffnung des Nachlasses stoppen.“

„Nein.“

„Sie wissen nicht, was auf dem Spiel steht.“

„Ich weiß nur, dass Sie gerade versuchen, eine trauernde Frau einzuschüchtern.“

Viktor beugte sich über den Tisch. Der schwarze Streifen an seinem Daumen hatte sich gelöst. Darunter kam eine frische Schnittwunde zum Vorschein.

„Sie sind Nathans Tochter“, sagte er zu mir. „Dann sollten Sie sich fragen, warum er Ihnen nie gesagt hat, wer er ist.“

„Weil Sie ihn bedroht haben?“

Seine Lippen wurden schmal.

„Weil er ein Feigling war.“

Martin schaltete das Abspielgerät ein.

Viktors eigener Satz erklang aus dem Lautsprecher, aufgenommen offenbar in einem Gespräch mit Nathan: „Wenn du sie suchst, wird das Kind verschwinden, bevor es überhaupt weiß, wie du heißt.“

Viktor erstarrte.

Ich hörte meine eigene Atmung. Das Gerät knisterte, dann sprach Nathan weiter.

„Du hast Clara nie gesehen. Aber ich habe jede deiner Drohungen behalten.“

Viktor machte einen Schritt zurück.

Er hörte sich selbst.

Seine Stimme war kalt, gelangweilt, fast beiläufig. So klang ein Mensch, der geglaubt hatte, seine Worte würden niemals zurückkehren.

„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“, sagte er.

„Dann erklären Sie den Zusammenhang“, erwiderte Martin.

Viktor griff nach seinem Mantel.

„Ich brauche einen Anwalt.“

„Ihr bisheriger Anwalt hat vor einer Stunde gekündigt“, sagte Martin. „Er hat die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft weitergegeben.“

Viktor blieb an der Tür stehen.

„Was hat Nathan Ihnen versprochen?“

„Nichts“, sagte ich. „Er war mein Vater.“

Zum ersten Mal sah Viktor mich nicht wie ein Hindernis an, sondern wie eine Gefahr.

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Martin rief die Polizei. Schwester Eva brachte mir Wasser, doch meine Hände zitterten so stark, dass das Glas gegen meine Zähne schlug.

Eine Stunde später saß Viktor im Büro des Hospizes, während zwei Beamte seine Aussagen aufnahmen. Es gab noch keine Handschellen. Aber seine Sicherheit war verschwunden.

Am Abend fuhren Martin und ich zum alten Restaurant am Bahnhof. Es war seit Jahren geschlossen. Im Schaufenster hing noch eine vergilbte Speisekarte, auf der Kaffee mit Zimt für zwei Mark fünfzig angeboten wurde.

Hinter einem losen Ziegel fanden wir den Tresorschlüssel.

Im Tresor lagen keine Reichtümer. Dort lagen gefälschte Rechnungen, Kontoauszüge, negative Gutachten und Briefe, die bewiesen, dass Viktor damals Nathans Namen benutzt hatte, um eine Firma zu retten. Außerdem lag dort ein Brief meiner Mutter.

„Nathan“, stand auf der Vorderseite. „Wenn Clara dich findet, gib ihr die Wahrheit. Nicht dein Geld.“

Ich las ihn im Licht der Bahnhofslampe.

Meine Mutter schrieb, sie habe Nathan geliebt. Sie schrieb, sie habe ihn nicht verlassen, weil sie ihn hasste, sondern weil Viktor sie überzeugt hatte, dass Nathan sonst sterben würde. Sie schrieb auch, dass sie jeden seiner Briefe gelesen und keinen beantwortet hatte.

Der letzte Satz ließ mich das Papier sinken lassen: „Ich habe unserer Tochter gesagt, ihr Vater sei gegangen. Dafür muss ich eines Tages selbst vor ihr stehen.“

Sie hatte es nicht mehr geschafft.

In den folgenden Tagen rief Viktor siebenmal an. Zuerst drohte er. Dann entschuldigte er sich. Danach behauptete er, Nathan habe ihn verführt, er habe nur retten wollen, was der Familie gehörte.

Ich beantwortete keinen Anruf.

Die Staatsanwaltschaft fand weitere Unterlagen in Viktors Büro. Er wurde wegen Erpressung, Urkundenfälschung und Betrugs angeklagt. Das Geld, das Nathan hinterlassen hatte, ging nicht an mich allein. Ein großer Teil wurde dem Hospiz vermacht. Der Rest ermöglichte mir, das kleine Restaurant am Bahnhof zu kaufen und daraus einen offenen Treffpunkt für Menschen zu machen, die niemanden besuchen kam.

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Vor Gericht musste Viktor die Aufnahme noch einmal hören.

„Wenn du sie suchst, wird das Kind verschwinden…“

Danach folgte lange Stille.

Der Richter fragte: „Erkennen Sie Ihre Stimme?“

Viktor sah auf seine Hände.

„Ja.“

Es war das erste ehrliche Wort, das ich von ihm hörte.

Am Tag, an dem seine Verurteilung verkündet wurde, ging ich nicht in den Gerichtssaal. Ich stand im ehemaligen Restaurant und nahm Nathans Bilder von der Wand.

Sein Lieblingsbecher war noch da. Weiß, am Rand abgesplittert, mit einem braunen Zimtstreifen im Henkel. Ich stellte ihn auf das Regal neben das Foto meiner Mutter.

Viktors Angst machte mich nicht glücklich.

Aber ich würde ihn nicht länger vor den Folgen seiner Entscheidungen retten.

Drei Monate später fiel der erste Schnee.

Das Hospiz hatte mir angeboten, dort halbtags zu arbeiten. Jeden Dienstag saß ich bei einem Mann namens Emil, der kaum sprach und immer nach dem Fenster sah.

„Warten Sie auf jemanden?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf.

„Dann bleibe ich trotzdem ein bisschen.“

Zu Hause malte ich die Wände des Restaurants cremefarben. Über die Tür schrieb ich: Nathans Tisch. Jeder durfte sich setzen. Niemand musste etwas bestellen.

An einem kalten Dezembermorgen kam ein Mädchen mit ihrem Großvater herein. Sie legte ein Bild auf den Tresen. Darauf waren zwei Menschen unter einem gelben Regenschirm, verbunden durch eine rote Linie.

„Das sind wir“, sagte sie. „Damit er nicht allein ist.“

Ich musste an Nathan denken. An seine Hand. An den Zimtkaffee. An die sechs Wochen, in denen ein fremder Mann mein Vater gewesen war und ich seine Tochter.

„Das ist ein gutes Bild“, sagte ich.

„Kann es hier hängen?“

„Ja.“

Wochen später kam eine Nachricht von Viktor. Er schrieb, er habe endlich verstanden, was er angerichtet habe. Er bat um ein Treffen. Nur zehn Minuten. Ohne Anwalt.

Ich las die Nachricht zweimal und löschte sie.

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Nicht aus Hass.

Aus Frieden.

In der letzten Zeile hatte er geschrieben: „Ich hätte dich beschützen können.“

Ich legte das Telefon weg.

Nathan hatte mich nicht beschützt, indem er mich festhielt. Er hatte mir die Wahrheit hinterlassen und mir die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, was ich damit tat.

Am Abend schloss ich das Restaurant ab. Der Schnee lag auf den Stufen, und aus der Küche roch es nach frisch gemahlenem Kaffee und Zimt.

Ich nahm den kleinen Messingvogel aus der Schublade, die Nathan mir vermacht hatte, und befestigte ihn über der Eingangstür.

Seine Flügel zeigten nach oben.

Zum ersten Mal wartete ich auf niemanden.

Ich war angekommen.

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