TEIL 4
…Lucía starrte auf die Nachricht, als hätte jemand ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.
Ich nahm Ernesto die Pistole ab und schob sie weit über den Steinboden.
„Wer hat diese Nachricht geschickt?“, fragte ich.
Lucía antwortete nicht.
Ihre Finger waren um das Telefon verkrampft. Das Display spiegelte sich in ihren feuchten Augen.
Valeria nutzte den Moment und griff nach dem Ring.
Ich packte ihr Handgelenk.
„Nicht.“
„Du weißt nicht, was du tust“, zischte sie.
„Zum ersten Mal weiß ich es sehr genau.“
Von draußen drangen Motorengeräusche heran. Mehrere Fahrzeuge. Türen schlugen. Männer riefen durcheinander.
Ernesto sah zur Tür.
„Sie sind hier.“
„Wer?“, fragte ich.
Er schluckte.
„Die Leute, für die dein Vater gearbeitet hat.“
Lucía hob den Kopf.
„Mein Vater hat für niemanden gearbeitet.“
Ernesto lachte heiser.
„Dein Vater hat geglaubt, er könne alle Seiten gegeneinander ausspielen. Esteban senior hat die Konten geführt, aber er war nicht der Kopf. Er war nur derjenige, der zu viel wusste.“
Ich fühlte, wie sich der alte Schmerz in meiner Brust öffnete. Zwölf Jahre lang hatte ich geglaubt, mein Vater sei bei einem Überfall gestorben. Die Polizei hatte damals von einem zufälligen Verbrechen gesprochen.
„Wer war es?“, fragte ich.
Ernesto schwieg.
Lucías Telefon vibrierte erneut.
Diesmal war eine Tonaufnahme angehängt.
Sie drückte auf die Wiedergabe.
Zuerst hörten wir das Knarren eines Tores. Dann eine Männerstimme.
„Lucía, wenn du das hörst, bist du endlich nahe genug an der Wahrheit.“
Lucía presste eine Hand auf ihren Mund.
Die Stimme gehörte ihrem Bruder.
„Ich habe Mauricio gefunden. Er lebt. Wir sind im Kühlhaus, aber nicht allein. Der Mann, der uns festhält, nennt sich Rafael Neri.“
Ernesto wurde blass.
„Nein.“
Die Aufnahme ging weiter.
„Rafael war der Geschäftspartner deines Vaters. Er hat den Überfall befohlen. Er hat Esteban senior getötet und danach dafür gesorgt, dass alle glaubten, die Alcázar-Familie sei auf sich allein gestellt.“
Ich sah Valeria an.
Sie wich meinem Blick aus.
„Du kanntest ihn“, sagte ich.
„Ich kannte viele Menschen.“
„Du hast ihn angerufen.“
„Nur einmal.“
„Wann?“
Ihre Lippen bebten.
„Vor drei Wochen.“
Das war der Moment, in dem die letzten Ausreden starben.
Valeria hatte nicht nur meinen Tod geplant. Sie hatte Rafael zurück in mein Leben gebracht, weil sie wusste, dass er Zugriff auf die Lagerhäuser, die Konten und die Männer hatte. Ernesto war ihr Helfer gewesen. Der Verlobungsring sollte mich unauffällig töten, bevor ich das Treffen leitete. Danach hätte Valeria mit einer gefälschten Vollmacht meine Firma übernommen.
Und in dem Speicher des Rings lagen die Originalaufnahmen meines Vaters.
Nicht Kopien.
Die Namen aller Beteiligten.
Ich steckte den Ring in eine kleine Metallbüchse, die Lucía aus ihrer Tasche holte.
„Wir fahren zum Kühlhaus“, sagte ich.
„Du gehst nirgendwohin“, sagte Valeria.
Sie griff nach einem Messer, das unter ihrem Kleid verborgen gewesen war.
Lucía sprang dazwischen. Ernesto packte Valeria am Arm.
„Lass es“, sagte er.
„Du hast gesagt, du würdest mich schützen!“
„Ich habe gesagt, ich würde dich heiraten, wenn alles vorbei ist.“
Er sah plötzlich aus wie ein müder, kleiner Mann. Nicht wie mein Freund. Nicht wie der gefährliche Verwalter, den alle gefürchtet hatten.
„Du wolltest mich nie heiraten“, sagte Valeria.
„Und du wolltest Esteban nie lieben.“
Diese Worte trafen sie sichtbar.
In der Ferne erklangen Sirenen.
Lucía hatte während der Wiedergabe den Notruf gewählt.
Ernesto sank auf einen Stuhl.
Valeria stand reglos daneben. Das cremefarbene Kleid war am Saum mit Erde beschmutzt, als hätte der Garten ihr zum ersten Mal die Wahrheit zurückgegeben.
Noch bevor die Polizei den Brunnenraum erreichte, klingelte mein Telefon wieder.
Rafael Neri.
Ich nahm ab.
„Du hast den Ring“, sagte er.
„Ja.“
„Dann weißt du, dass du ohne mich nichts überleben wirst.“
„Mein Vater hat mit dir gesprochen.“
„Dein Vater hat mich verraten.“
„Und du hast ihn getötet.“
Am anderen Ende entstand eine lange Pause.
„Komm allein zum Kühlhaus. Sonst stirbt Mauricio. Und Lucías Bruder.“
Ich sah durch das Fenster. Auf dem Kiesweg bogen bereits die ersten Polizeiwagen ein.
Rafael wusste nichts davon.
Doch bevor ich antworten konnte, sagte er: „Du hast genau zwanzig Minuten.“
Dann legte er auf.
Ich steckte das Telefon ein.
Lucía trat neben mich.
„Wir fahren hin“, sagte sie.
„Die Polizei kommt mit.“
„Wenn Rafael sie sieht, bringt er sie um.“
Ich blickte auf die Metallbüchse in meiner Hand. Darin lag die Wahrheit meines Vaters. Und vielleicht der einzige Grund, weshalb Rafael seine Geiseln noch am Leben ließ.
Hinter uns schlug die Tür auf.
Der erste Polizist rief meinen Namen.
Gleichzeitig erschien eine neue Nachricht auf meinem Telefon.
Ein Foto.
Mauricio saß gefesselt auf einem Stuhl. Neben ihm Lucías Bruder. Hinter den beiden stand Rafael.
Unter dem Bild stand nur ein Satz:
„Bring den Ring, oder du bekommst zwei Leichen.“
Ich öffnete die Metallbüchse.
Und zum ersten Mal sah ich, was mein Vater vor zwölf Jahren wirklich versteckt hatte…
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