TEIL 4 — Mein Freund verlangte plötzlich zwei Duschen täglich, doch beim ersten Besuch bei seiner Mutter erstarrte sein Gesicht

TEIL 4

…Mein Name stand unter dem Vertrag, aber die Unterschrift war nicht meine.

Ich erkannte es sofort. Der letzte Buchstabe meines Nachnamens war viel zu rund, die Linie darunter fehlte. Trotzdem wurde mir übel, als ich das Dokument sah.

– Was bedeutet das? – fragte ich.

Weber steckte sein Telefon ein.

– Jacob hat vor sechs Wochen einen Kredit für seine Beratungsfirma aufgenommen. Als Sicherheit diente angeblich Ihr gemeinsames Vermögen.

– Wir haben kein gemeinsames Vermögen.

– Genau deshalb ist das wichtig.

Jacob sprang auf.

– Das ist ein Irrtum. Ich kann alles erklären.

– Sie erklären gar nichts mehr – sagte Weber. – Sie warten, bis Ihr Anwalt eintrifft.

– Mein Anwalt wird das sofort klären.

– Ihr Anwalt hat vor zehn Minuten angerufen – sagte der Kommissar. – Er vertritt Sie nicht mehr, sobald er die Unterlagen gesehen hat.

Jacobs Gesicht verlor jede Farbe.

Ingrid griff nach ihrem Telefon.

– Ich rufe ihn an.

– Tun Sie das – erwiderte Weber. – Aber löschen Sie vorher nichts.

Sie ließ das Telefon sinken.

Plötzlich klingelte Jacobs Mobiltelefon. Auf dem Bildschirm stand der Name seines Geschäftspartners Martin. Jacob nahm ab und schaltete den Lautsprecher ein.

– Wo bist du? – fragte Martin. – Die Bank hat die Überweisung eingefroren.

– Welche Überweisung?

– Die von dem Konto, das auf Lenas Namen läuft. Du hast gesagt, sie hätte zugestimmt.

Ich sah Jacob an.

– Ich habe nie zugestimmt.

Am anderen Ende wurde es still.

Dann sagte Martin: – Ich habe die Nachricht. Du hast selbst geschrieben: „Sie unterschreibt alles, wenn man ihr nur lange genug einredet, dass sie nicht normal ist.“

Jacob nahm das Telefon vom Tisch.

– Das war nicht so gemeint.

– Ich habe die Nachricht gesichert – sagte Martin. – Und ich gehe jetzt zur Polizei.

Das Gespräch endete.

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Jacob stand mitten im Wohnzimmer, zwischen den Familienfotos und dem Duft nach Zitronenreiniger. Zum ersten Mal hörte er seine eigenen Worte aus dem Mund eines anderen Menschen. Er hatte sie geschrieben. Er hatte sie gemeint. Jetzt konnte er nicht mehr so tun, als seien sie verschwunden, nur weil er sie bereute.

– Lena, bitte – sagte er. – Ich war unter Druck.

– Du hast mich unter Druck gesetzt.

– Meine Mutter hat mich beeinflusst.

Ingrid fuhr herum.

– Wag es nicht, alles mir anzuhängen!

– Du hast die Listen geführt.

– Du hast die Kameras gekauft!

Weber trat zwischen sie.

– Beide setzen sich.

Später, auf der Polizeiwache, unterschrieb ich die Aussage. Ich erzählte von jeder Dusche, jedem neuen Waschmittel, jedem Abend, an dem ich meinen eigenen Körper nicht mehr ertragen hatte. Nora saß neben mir und schob mir immer wieder den kleinen goldenen Stern zu, den ich während der Befragung auf den Tisch gelegt hatte.

– Du musst dich nicht entschuldigen – sagte sie.

– Ich weiß es jetzt.

Es dauerte drei Tage, bis die Wohnung von Jacob versiegelt wurde. Eine Woche später erhielt ich die Nachricht, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn und Ingrid ermittelte. Die Bank löste den Vertrag auf, weil die Unterschrift gefälscht war. Martin legte die Nachrichten vor. Die Frauen aus dem Ordner meldeten sich ebenfalls.

Keine von ihnen musste mehr allein schweigen.

Das Badezimmer seiner Eltern blieb lange in meinem Kopf. Der Spiegel. Das gefaltete Handtuch. Der Lufterfrischer mit Apfelduft. Und dieser winzige schwarze Punkt, der mir beigebracht hatte, meiner eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen.

Drei Monate später wohnte ich in einer kleinen Wohnung in Bremen. Mein Schlafzimmerfenster zeigte auf einen Innenhof, in dem jeden Morgen ein roter Kinderwagen stand. Ich arbeitete wieder in der Buchhandlung, die ich wegen Jacob aufgegeben hatte. Nach Feierabend trank ich Tee mit Zimt und ging zu Fuß nach Hause, auch wenn es regnete.

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Das Leben war nicht plötzlich leicht.

Aber es gehörte wieder mir.

An einem kalten Novemberabend kam meine Nichte Clara zu Besuch. Sie war sieben und malte am Küchentisch mit Wachsmalstiften. Auf dem Papier war eine Frau mit einem goldenen Stern im Haar zu sehen. Neben ihr stand eine große gelbe Sonne.

– Das bist du – sagte Clara.

– Warum scheint die Sonne so stark?

– Weil du jetzt draußen bist.

Ich musste mich abwenden, damit sie meine Tränen nicht sah.

Am selben Abend kam eine Nachricht von Jacob. Seine erste seit Wochen.

„Ich habe Therapie begonnen. Ich habe alles verloren. Bitte gib uns noch eine Chance. Ich weiß jetzt, dass ich dich liebe.“

Ich las sie zweimal.

Dann schrieb ich: „Ich wünsche dir, dass du Verantwortung lernst. Aber ich komme nicht zurück.“

Ich löschte die Nachricht nicht sofort. Ich ließ sie eine Minute stehen, als Beweis dafür, dass ich nicht mehr panisch reagieren musste.

Dann drückte ich auf Senden.

Er antwortete nicht.

Ingrid schrieb am nächsten Morgen ebenfalls. Sie behauptete, sie habe nur eine Familie beschützen wollen. Ich antwortete gar nicht. Manche Türen schließen sich nicht mit einem Knall. Man zieht sie leise zu und merkt erst später, wie ruhig es dahinter geworden ist.

Im Januar fiel der erste Schnee. Ich stand am Fenster, während Clara im Flur ihre Stiefel auszog. Der kleine goldene Stern lag neben meiner Tasse. Seine Oberfläche war an einer Stelle zerkratzt, dort, wo er damals im Waschbecken aufgekommen war.

Ich steckte ihn in mein Haar.

Nicht, weil ich noch jemandem gefallen wollte.

Sondern weil er mir gehörte.

Clara sah zu mir auf.

– Gehst du heute duschen?

Ich lachte leise.

– Wenn ich möchte.

Sie nickte, als wäre das die selbstverständlichste Antwort der Welt.

Draußen bedeckte der Schnee die Spuren auf dem Gehweg. Nicht die Vergangenheit. Nur die Richtung, in die ich nicht mehr zurückging.

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Der goldene Stern glitzerte im Winterlicht.

Ich war endlich wieder sauber von ihrer Scham.

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