TEIL 4 — Ich ging trotz aller Warnungen in die Privatkabine des gefährlichsten Mannes im Zug, und sein Leibwächter wurde kreidebleich

TEIL 4

Die Polizei hat Naomis Wohnung erreicht.

Roman las die Nachricht zweimal.

Dann rief er mich an, obwohl ich direkt vor ihm stand. Sein Telefon klingelte in seiner Hand, und dieses absurde Geräusch brachte mich beinahe zum Lachen.

Beinahe.

— Was ist in meiner Wohnung? — fragte ich.

— Nichts, sagte Roman.

— Dann würden Sie nicht so aussehen.

Mara machte einen Schritt zur Tür.

Victor stellte sich ihr in den Weg.

— Bleiben Sie stehen.

— Ich habe nichts getan, sagte Mara.

— Das werden wir gleich herausfinden.

Roman reichte mir sein Telefon. Auf dem Bildschirm stand eine weitere Nachricht von einer unbekannten Nummer: Naomi Bell wird für den Tod der drei Vale-Kinder verantwortlich gemacht. Ihre Fingerabdrücke befinden sich auf den Flaschen.

Mein Magen zog sich zusammen.

— Ich habe diese Flaschen nie angefasst.

— Ich weiß, sagte Roman.

— Woher?

— Weil ich die letzten zehn Jahre damit verbracht habe, zu erkennen, wann Menschen lügen.

— Und was ist mit den letzten sechs Wochen?

Sein Blick sank.

— Da habe ich Elise nicht erkannt.

Dieser Satz traf ihn sichtbar. Nicht wie eine Kugel, sondern wie etwas, das schon lange in ihm steckte und plötzlich bewegt wurde.

Im nächsten Bahnhof wartete niemand von Kincaid.

Dort warteten Bundesbeamte.

Die Zugtüren öffneten sich, und mehrere Männer in dunklen Jacken betraten den Wagen. Victor wollte nach seiner Waffe greifen, doch Roman hob die Hand.

— Nicht.

Eine Frau mit kurz geschnittenem Haar trat vor.

— Naomi Bell?

— Ja.

— Ich bin Sonderermittlerin Helen Ward. Ihre Wohnung wurde durchsucht. Wir haben dort eine präparierte Flasche, ein gefälschtes Rezept und eine Kamera gefunden.

Ich dachte an mein kleines Wohnzimmer, an Daniels Mütze auf dem Regal und an den Karton mit seinen Krankenhauspapieren.

— Wer hat die Sachen dort platziert?

Helen sah zu Mara.

— Das versuchen wir gerade herauszufinden.

Mara begann zu protestieren.

— Sie haben keinen Beweis.

Helen nahm ihr das Telefon ab, bevor sie es ausschalten konnte.

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— Wir haben Ihre Nachrichten an den Laborleiter. Wir haben die Überweisung an den Zugbegleiter. Und wir haben eine Aufnahme, auf der Sie den Satz sagen: Wenn Bell auftaucht, wird sie den perfekten Sündenbock abgeben.

Mara wurde blass.

— Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.

— Welcher Zusammenhang erklärt den Tod eines Säuglings?

Niemand antwortete.

Dann wurde die Aufnahme abgespielt.

Mara sprach mit ihrer eigenen Stimme, ruhig und sicher:

— Daniel Bell war nur der Versuch. Wenn seine Akte verschwindet, glaubt jeder an eine Laune der Natur. Bei den Vale-Jungen erledigt die Nahrung den Rest.

Ich hörte jedes Wort.

Es war ihre Stimme.

Nicht eine Nachahmung. Nicht ein Schnitt. Ihre Stimme.

Mara starrte auf den Lautsprecher und schüttelte den Kopf.

— Ich habe das nicht gesagt.

— Doch, sagte Helen. — Sie haben es gesagt. Und wir haben es auf drei verschiedenen Aufnahmen.

Roman trat vor sie.

— Warum Elise?

Zum ersten Mal fiel ihre beherrschte Maske vollständig auseinander.

— Weil sie dich verändert hat. Du wolltest aussteigen. Du wolltest die Firmen verkaufen, die Männer entlassen und mit ihr irgendwohin ziehen. Kincaid hätte alles verloren.

— Und Daniel?

Mara sah mich an.

— Er war ein Unfall.

Ich spürte, wie Jude in meinen Armen den Kopf bewegte. Seine Haut war noch blass, aber sein Atem war gleichmäßig.

— Nein, sagte ich. — Ein Unfall ist etwas, das niemand plant.

Mara schwieg.

Die Beamten führten sie ab. Victor blieb mit gesenktem Kopf neben der Tür stehen. Roman sah auf die drei Kinder, die nun schliefen, und auf mich.

— Ich kann Ihnen nichts zurückgeben, sagte er.

— Das können Sie nicht.

— Aber ich werde dafür sorgen, dass jeder erfährt, was passiert ist.

— Nicht für mich. Für Daniel.

Er nickte.

Später, im Krankenhaus von Philadelphia, wurden die Jungen behandelt. Die Ärzte bestätigten, dass sie vergiftet worden waren. Die Blutproben aus Elises Mappe bewiesen außerdem, dass Daniels Krankenhausakte manipuliert worden war. Der verantwortliche Laborleiter gestand nach zwei Tagen.

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Roman stellte sich den Behörden. Seine Firmen wurden geprüft, seine Konten eingefroren, und mehrere Männer aus seinem früheren Umfeld wurden verhaftet. Er versuchte nicht, sich freizukaufen. Zum ersten Mal in seinem Leben ließ er andere entscheiden, was als Nächstes geschah.

Ich kehrte allein in meine Wohnung zurück.

Die Polizei hatte alles durchsucht. Schubladen standen offen. Bücher lagen auf dem Boden. Auf Daniels Regal war nur ein heller rechteckiger Abdruck geblieben, dort, wo seine kleine weiße Mütze gelegen hatte.

Ich hob sie auf.

Der schiefe rote Stern war an einer Seite aufgegangen.

Ich setzte mich auf den Boden und hielt sie an mein Gesicht. Sie roch nicht mehr nach meinem Sohn. Nur nach Staub und Waschmittel.

Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal weinte, ohne zu hoffen, dass jemand mich aufhalten würde.

Drei Monate später zog ich nach Annapolis.

Ich begann in einer Kinderarztpraxis zu arbeiten. Nicht als Ärztin. Ich organisierte die Nachsorge für Familien, die niemand ernst nahm. Ich lernte, wie man Fläschchen richtig sterilisiert, wie man erschöpfte Eltern zum Essen bringt und wie man aufhört, sich für das eigene Überleben zu entschuldigen.

Roman sah ich nur noch im Krankenhaus.

Die drei Jungen hießen jetzt Jude, Elias und Noah. Sie wurden kräftiger. Jude weinte besonders laut, wenn ich den Raum verließ.

Eines Nachmittags lag er auf einer Decke und hielt einen roten Wachsmalstift in der Faust. Er malte ein krummes Gesicht auf ein Blatt Papier.

— Das bin ich? — fragte ich.

Er lachte.

Roman stand am Fenster.

— Er malt immer Menschen mit roten Sternen, sagte er.

Ich sah auf das Papier.

— Vielleicht erinnert er sich an etwas.

— Oder er weiß einfach, dass Sterne nicht gerade sein müssen.

Zum ersten Mal lächelte ich in seiner Gegenwart, ohne Schmerz dabei zu spüren.

Wochen später kam der erste Schnee.

Ich saß in meiner kleinen Küche, als eine Nachricht von Roman eintraf.

Ich habe ein Haus am Wasser gekauft. Nicht für dich, schrieb er. Für die Jungen. Wenn du willst, gibt es dort ein Zimmer für dich. Keine Schuld. Keine Forderung. Nur eine Tür, die offensteht.

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Ich las die Nachricht dreimal.

Dann löschte ich sie nicht.

Aber ich antwortete:

Danke. Ich habe bereits ein Zuhause.

Er schrieb noch einmal.

Kann ich wenigstens wissen, ob du glücklich bist?

Ich blickte aus dem Fenster. Schnee legte sich auf die Briefkästen, auf die kahlen Bäume und auf den schmalen Weg vor meinem Haus.

Ich antwortete:

Ich werde es.

Danach kam keine weitere Nachricht.

Am Abend nahm ich Daniels Mütze aus der Schublade. Ich nähte den roten Stern nicht wieder fest. Ich ließ ihn schief, wie er war, und legte die Mütze auf die Fensterbank.

Draußen wurde der Schnee dichter.

Zum ersten Mal wartete ich nicht auf einen Anruf, eine Entschuldigung oder eine Rettung.

Ich wartete nur darauf, dass der Morgen kam.

Und er kam.

Der rote Stern lag im weißen Licht.

Diesmal sah er nicht aus wie ein Abschied.

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