TEIL 4 — Ich fand im Linienbus ein Vermögen, doch als die Besitzerin endlich auftauchte, wich plötzlich jede Farbe aus ihrem Gesicht

TEIL 4

Die Person, die Viktor niemals verraten würde, war seine Ehefrau Elena.

Das erfuhren wir noch in derselben Nacht.

Elena saß in einem kleinen Vernehmungsraum der Polizeiwache. Ihre Hände lagen auf dem Tisch, direkt neben einem Pappbecher mit kaltem Tee. Sie trug einen grauen Schal, dessen Fransen sich immer wieder an ihrer Armbanduhr verfingen.

„Ich habe nichts gestohlen“, sagte sie.

„Das behauptet niemand“, antwortete die Ermittlerin. „Wir fragen, wer die Unterlagen unterschrieben hat.“

Elena sah zu Viktor, der durch die Glasscheibe im Nebenraum stand.

„Er sagte, es sei nur ein Darlehen.“

„Auf den Namen eines kranken Kindes?“

Ihre Unterlippe begann zu zittern.

„Er sagte, er würde alles zurückzahlen, sobald die Wohnung verkauft ist.“

„Und die Unterschrift von Ludmila?“

Elena schloss die Augen.

„Er hat ihre Hand geführt.“

Ich stand auf dem Flur und hörte jedes Wort durch die halb geschlossene Tür. Meine Knie waren weich. Ich hatte gedacht, die schlimmste Lüge sei, dass Viktor seine Mutter für verwirrt erklärte. Jetzt wusste ich, dass er daraus ein ganzes Leben gebaut hatte.

Kurz vor zwei Uhr nachts rief mich meine Nachbarin an.

„Maria, vor deiner Wohnung steht ein Mann.“

„Wie sieht er aus?“

„Dunkler Mantel. Er hat gegen die Tür geschlagen und gesagt, du sollst die Tasche herausgeben.“

Ich sah Viktor durch das Fenster der Wache. Er konnte nicht vor meiner Wohnung stehen. Also musste jemand für ihn arbeiten.

Die Ermittlerin nahm mir das Telefon aus der Hand.

„Bleiben Sie hier. Wir schicken eine Streife.“

Viktor begann im Nebenraum zu schreien.

„Sie haben kein Recht, mich festzuhalten!“

Ein Beamter öffnete die Tür.

„Setzen Sie sich.“

„Meine Mutter ist eine verwirrte alte Frau!“

„Das haben Sie bereits mehrfach gesagt.“

„Diese Busfahrerin hat alles inszeniert!“

Ich drehte mich um. Auf dem Tisch stand noch immer das Aufnahmegerät, das Waleri aus dem Depot mitgebracht hatte.

Die Ermittlerin drückte eine Taste.

Viktors eigene Stimme erfüllte den Raum.

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Wenn sie das Geld findet, wird sie endlich reden.

Danach hörten wir sein Knarren an der Bustür, seine Schritte, seinen Atem.

Viktor wurde ganz still.

„Das ist zusammengeschnitten“, sagte er.

„Nein“, sagte die Ermittlerin. „Es stammt aus der Kamera Ihres eigenen Wagens.“

„Ich habe niemanden eingesperrt.“

„Wir haben Ihre Fingerabdrücke am Kellerfenster.“

„Ich wollte nur helfen.“

Die Ermittlerin sah ihn ruhig an.

„Dann hören Sie sich selbst noch einmal an.“

Die Aufnahme lief weiter. Viktor sagte, Ludmila werde niemand glauben, weil sie alt und krank sei. Er sagte, Maria werde man unterstellen, sie habe das Geld genommen. Er sagte, Anja werde die Wohnung ohnehin nicht brauchen, wenn sie die Operation nicht überlebe.

Diesmal senkte er den Kopf.

Er hörte sich selbst.

Und konnte nicht mehr behaupten, es nicht gewesen zu sein.

Am nächsten Morgen wurde Ludmila in ein Schutzprogramm aufgenommen. Das Geld blieb zunächst bei der Staatsanwaltschaft, doch die Herkunft war durch den Wohnungsverkauf belegt. Zwei Tage später gab das Gericht einen Teil für Anjas Operation frei.

Als ich Ludmila im Krankenhaus besuchte, lag Anja in einem weißen Bett. Ihr Haar war zu zwei kleinen Zöpfen gebunden. Neben ihr stand ein Plastikbecher mit einem gelben Strohhalm.

„Sind Sie die Busfahrerin?“, fragte sie.

„Ja.“

„Meine Oma sagt, Sie hätten eine Schwalbe.“

Ich zeigte ihr den kleinen Messinganhänger an meinem Schlüsselbund.

Anja berührte ihn vorsichtig.

„Fliegt sie auch weg, wenn es schwierig wird?“

„Nein“, sagte ich. „Sie findet den Weg zurück.“

Am Abend fuhr ich nach Hause. In meiner Wohnung war die Tür aufgebrochen worden. Nichts Wertvolles fehlte. Nur die Schublade mit meinen Arbeitsunterlagen war herausgezogen, und auf dem Tisch lag eine leere Tasse, die jemand umgestoßen hatte.

Die kleine Schwalbe lag auf dem Boden.

Ich hob sie auf und strich den Staub ab.

Zum ersten Mal seit Tagen weinte ich. Nicht aus Angst. Aus Erschöpfung.

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Drei Wochen später wurde Viktor angeklagt. Elena sagte gegen ihn aus und zog mit ihrem Sohn zu ihrer Schwester. Die Bank stornierte den Kredit, weil die gefälschten Unterlagen nachgewiesen waren. Ludmila verlor ihre Wohnung trotzdem, denn sie war zu stark belastet. Aber sie verlor sie nicht an Viktor.

Sie zog in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand. Dort stand am Fenster eine grüne Gießkanne, obwohl sie keine Pflanzen besaß.

„Ich kaufe mir später Blumen“, sagte sie.

„Welche?“

„Die, die nicht sofort Angst bekommen, wenn jemand die Tür öffnet.“

Anja überstand die Operation. Es folgten lange Wochen, in denen sie langsam wieder laufen lernte. Ich besuchte sie immer sonntags. Wir malten Busse auf Papier, zuerst krumm und schief, später mit Fenstern, Rädern und kleinen Menschen darin.

Im November bekam ich eine neue Strecke. Sie führte durch einen anderen Stadtteil, vorbei an einem Markt und an einer Schule. Ich begann früher aufzustehen, trank meinen Kaffee ohne Zucker und legte den Schwalbenanhänger jeden Morgen auf das Armaturenbrett.

Nicht mehr, weil ich nervös war.

Sondern weil ich mich daran erinnern wollte, dass selbst kleine Dinge jemanden zurückführen können.

Eines Abends, fast zwei Monate später, erhielt ich eine Nachricht von Viktor. Er schrieb aus der Untersuchungshaft.

Ich habe mich verändert. Bitte helfen Sie mir. Sagen Sie meiner Mutter, dass es mir leidtut. Sie sind die Einzige, die sie noch hört.

Ich las die Nachricht dreimal.

Dann löschte ich sie nicht sofort. Ich ging in die Küche, stellte Wasser auf und sah aus dem Fenster. Auf dem Parkplatz lag der erste Schnee. Ein Kind hatte mit den Schuhen eine Reihe kleiner Kreise hineingedreht.

Ludmila rief an.

„Hat er Ihnen geschrieben?“

„Ja.“

„Was werden Sie tun?“

Ich dachte an den Keller. An Anjas dünne Hände. An Viktors Stimme aus dem Aufnahmegerät.

„Ich werde ihm nicht antworten.“

Ludmila schwieg lange.

„Ist das kalt?“

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„Nein“, sagte ich. „Es ist das erste Warme, das ich für mich getan habe.“

Am nächsten Sonntag brachte Anja mir ein Bild. Darauf war ein gelber Bus zu sehen, darüber ein schwarzer Himmel und eine kleine Schwalbe mit viel zu großen Flügeln.

„Die ist für Sie“, sagte sie.

„Warum hat sie so große Flügel?“

„Damit sie nicht wieder im falschen Haus landet.“

Ich lachte. Ludmila weinte leise und tat so, als bemerke ich es nicht.

Später ging ich allein zum Betriebshof. Die Busse standen im Schnee, ihre Scheiben beschlagen, ihre Motoren still. Ich setzte mich in meinen Wagen und legte den Messinganhänger an die Stelle, an der ich damals das Portemonnaie gefunden hatte.

Der Anhänger klapperte einmal gegen das Armaturenbrett.

Dann wurde es still.

Ich hatte das Geld im Bus gelassen.

Was ich zurückbekam, war mein eigenes Leben.

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