Meine Mutter erklärte den Besitz meines Sohnes für gemeinschaftlich, doch bei ihrem nächsten Satz verstummte sogar meine Schwester

Meine Mutter stand plötzlich vor unserer Wohnungstür und verlangte, dass mein neunjähriger Sohn sein teuerstes Geschenk für ihren Enkel herausgab.

Es war kurz nach zehn an einem heißen Junimorgen. Tamara Iwanowna stellte ein Glas eingelegte Gurken auf den Küchentisch, wischte sich die Hände an ihrer geblümten Schürze ab und schob mir einen vierfach gefalteten Zettel entgegen.

— Kauf genau denselben. Aber rot, sagte sie. Damit beide das Gleiche haben.

Auf dem Papier stand in großen, harten Buchstaben die genaue Bezeichnung von Nikitas Drohne. Jede Zahl. Jeder Buchstabe.

Ich sah auf den Zettel und dann zu meiner Mutter.

— Woher weißt du das?

— Nikita hat sie mir gezeigt. Während ihr im Laden wart. Er hat damit geprahlt.

Unter dem Tisch spürte ich den kleinen Messinganhänger in meiner Hosentasche. Nikita hatte ihn an den Reißverschluss seiner Drohnentasche gehängt, ein winziges Flugzeug mit einem abgebrochenen Flügel. Er sagte, es sei sein Glücksbringer. Seit dem Kauf ließ er niemanden außer mir die Tasche anfassen.

— Mama, er hat ein ganzes Jahr dafür gespart.

— Und Grischa soll leer ausgehen? Vera verdient doch kaum etwas.

Ich stellte meine Tasse ab. Der Löffel schlug gegen das Porzellan.

— Das ist Nikitas Drohne. Ich kaufe keine zweite.

Meine Mutter hob den Kopf.

— Sie sind Brüder. Alles wird geteilt.

Dieser Satz hatte in unserer Familie immer bedeutet, dass meine Sachen allen gehörten und Veras Sachen nur Vera.

— Erinnerst du dich an meine weißen Schlittschuhe? fragte ich.

— Das ist Jahrzehnte her.

— Ich hatte zwei Winter darum gebeten. Als Vera größer wurde, bekam sie sie. Obwohl ihr im selben Jahr neue gekauft wurden.

Mutter presste die Lippen zusammen.

— Sie war sieben. Du warst zwölf. Sollte sie barfuß laufen?

— Sie hatte eigene Schlittschuhe.

Für einen Moment war nur das Ticken der Küchenuhr zu hören. Dann griff Mutter nach dem Gurkenglas, als hätte sie die Sache bereits gewonnen.

— Kauf die rote. Dein Mann arbeitet. Ihr habt zwei Einkommen.

— Nein.

— Er wird sie den ganzen Sommer sehen und nicht benutzen dürfen.

— Wenn Grischa fragt, kann Nikita selbst entscheiden.

Mutter lachte trocken.

— Der Junge wird geizig. Ganz wie sein Vater.

Kurz nach zwei fuhr sie mit dem Bus zurück nach Kleindorf. Nikita begleitete sie zur Haltestelle. Als er wiederkam, nahm er die Drohnentasche aus seinem Zimmer und schob sie unter das Bett. Den Messinganhänger löste er ab und legte ihn in seine geschlossene Faust.

— Mama, kann ich sie diesmal zu Oma nicht mitnehmen?

— Warum denn nicht?

— Sie ist dort sicherer.

Ich dachte, er meinte Grischa. Ich strich ihm über das Haar.

— Dann bleibt sie hier.

Eine Woche später rief Vera an. Es war Sonntag, kurz vor Mittag. Ich spülte Teller, während ich das Telefon zwischen Schulter und Ohr hielt.

— Mutter sagt, du hast Grischa die Drohne verweigert, begann Vera.

— Das stimmt.

— Er hat allen Kindern erzählt, dass er im Sommer damit fliegen wird.

Ich drehte den Wasserhahn zu.

— Wer hat ihm das versprochen?

Am anderen Ende entstand eine Pause.

— Mutter hat gesagt, Nikita bringt sie mit.

Mir wurde kalt, obwohl die Küche stickig war.

— Dann soll Mutter ihm erklären, warum sie etwas versprochen hat, das ihr nicht gehört.

— Katja, mach keinen Streit wegen ein paar tausend Rubeln.

— Für Nikita sind es achttausendvierhundert. Und ein Jahr Sparen.

— Bei uns wurde nie so gerechnet.

— Doch. Nur immer in eine Richtung.

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Vera legte auf. Am Abend rief ich Mutter an. Sie behauptete, sie habe nur gesagt, die Jungen würden gemeinsam fliegen. Als ich widersprach, erinnerte sie mich daran, dass sie mich von ihrer Rente großgezogen habe.

Später saß Nikita auf dem Boden seines Zimmers. Die Tasche lag auf seinen Knien. Er kontrollierte jeden Verschluss.

— Mama, darf ich sie nicht mit zu Oma nehmen?

— Du musst sie nicht mitnehmen.

Er nickte, doch seine Finger zitterten.

— Sie hat gesagt, ich soll sie am Samstag bringen, flüsterte er.

— Wer?

Nikita hob den Blick. In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Dreimal kurz. Dann hörte ich die Stimme meiner Mutter.

— Katja, mach auf. Ich bin nicht allein.

Nikita ließ den Messinganhänger fallen. Ich bückte mich danach, während draußen jemand gegen die Tür klopfte. Und dann schob sich unter dem Türspalt ein weißer Umschlag hindurch…

TEIL 2

Der Umschlag blieb halb unter der Tür liegen. Niemand sagte etwas.

Dann klopfte Mutter erneut.

— Katja, wir wollen nur reden.

Hinter ihrer Stimme hörte ich eine zweite, tiefere Stimme. Sergeis Stimme. Mein Mann war seit einer Stunde in der Garage gewesen. Warum stand er jetzt mit meiner Mutter vor der Wohnungstür?

Nikita presste den Messinganhänger an seine Brust.

— Mama, mach nicht auf.

— Warum bist du so verängstigt?

Er schüttelte den Kopf.

— Weil Oma gesagt hat, du würdest mich wegschicken, wenn ich ihr die Drohne nicht gebe.

Mein Herz schlug einmal hart gegen die Rippen.

— Wann hat sie das gesagt?

— Als sie letzte Woche angerufen hat. Sie sagte, ich soll sie am Samstag mitbringen. Wenn ich es nicht tue, erzählt sie dir, dass ich dein Geld gestohlen habe.

Draußen wurde es still.

— Katja, rief Sergei. Mach bitte auf. Das wird sonst nur schlimmer.

Ich nahm den Umschlag. Er war aus dünnem weißem Papier, an einer Ecke mit einem roten Wachsstempel verschlossen. Meine Mutter benutzte so etwas nie. Ihre Fingerabdrücke waren auf dem Papier zu sehen, als hätte sie es mit nassen Händen angefasst.

— Was ist da drin? fragte ich.

— Eine Erklärung, antwortete Mutter. Du wirst sie unterschreiben.

— Welche Erklärung?

— Dass du die Drohne freiwillig für den Sommer bei Grischa lässt.

Nikita gab einen Laut von sich, der kaum hörbar war.

Ich schob den Riegel vor und rief Sergei an. Er ging sofort ran.

— Ich stehe vor der Tür, sagte er.

— Ich weiß.

— Deine Mutter hat mich angerufen. Sie meint, du machst eine Familienkatastrophe aus einer Kleinigkeit.

— Und du findest, sie darf Nikitas Sachen verteilen?

— Es geht um deinen Neffen.

— Nein. Es geht darum, dass niemand Nikita gefragt hat.

Sergei seufzte.

— Öffne die Tür. Wir klären das vernünftig.

Ich sah meinen Sohn an. Er war blass geworden. Auf seinem rechten Handgelenk zeichnete sich ein roter Abdruck ab.

— Wer hat dich angefasst?

Er zog den Ärmel hinunter.

— Oma hat mich nur festgehalten. Beim Telefon.

Draußen schlug Mutter mit der flachen Hand gegen die Tür.

— Katja! Du bringst den Jungen gegen die Familie auf!

Ich öffnete nicht. Stattdessen nahm ich Nikitas Tasche unter dem Bett hervor. Der Messinganhänger fehlte noch immer. Ich fand ihn neben dem Schrank und steckte ihn zurück an den Reißverschluss.

— Wir fahren zu einer Beratungsstelle, sagte ich.

— Nein, flüsterte Nikita.

— Doch. Du hast nichts falsch gemacht.

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In diesem Augenblick rief Vera an. Ich stellte auf Lautsprecher.

— Katja, Mutter sagt, du sperrst sie aus.

— Sie steht mit Sergei vor meiner Tür.

— Sie wollte nur den Umschlag bringen.

— Hat sie dir auch erzählt, dass sie Nikita bedroht hat?

Vera schwieg.

— Sie hat ihn nicht bedroht, sagte sie schließlich. Sie hat ihm nur erklärt, dass man in einer Familie nicht egoistisch sein darf.

— Er ist neun.

— Grischa ist sieben.

Ich legte auf. Meine Hände waren so kalt, dass ich den Umschlag kaum halten konnte.

Am Montagmorgen saßen wir in der Beratungsstelle für Familien in der Kreisstadt. Die Sozialpädagogin Frau Ahrens trug eine gelbe Uhr und legte einen Notizblock auf den Tisch.

— Niemand darf ein Kind zwingen, sein Eigentum herauszugeben, sagte sie. Hat Nikita die Drohung selbst gehört?

Nikita nickte.

— Und gibt es dafür einen Beweis?

Ich wollte gerade verneinen, als mein Sohn in seine Tasche griff. Er zog kein Spielzeug heraus, sondern die kleine Fernbedienung der Drohne.

— Ich habe am Donnerstag die Aufnahme eingeschaltet, sagte er.

— Welche Aufnahme?

— Die Drohne macht manchmal Bilder. Ich habe sie auf den Tisch gestellt, als Oma angerufen hat. Danach habe ich vergessen, sie auszuschalten.

Frau Ahrens wurde aufmerksam.

— Hast du die Speicherkarte dabei?

Nikita nickte und nahm sie aus einem kleinen Fach. Auf seiner Handfläche lag eine schwarze Speicherkarte, so winzig, dass ich sie fast übersehen hätte.

Am Nachmittag trafen wir Mutter, Vera und Sergei in einem Besprechungsraum. Der Umschlag lag zwischen uns. Mutter trug ihren roten Wollschal, obwohl draußen dreißig Grad waren. Ihre Finger zupften ständig an den Fransen.

— Wenn du das abspielst, zerstörst du die Familie, sagte sie.

— Vielleicht hat die Familie sich selbst zerstört, antwortete ich.

Frau Ahrens setzte die Speicherkarte in den Rechner ein. Der Bildschirm wurde schwarz. Dann erschien ein Datum. Und im Hintergrund hörte ich zuerst meine Mutter lachen, bevor eine Stimme einen Satz sagte, der alles verändern würde…

TEIL 3

Auf dem Bildschirm flackerte das Bild eines Wohnzimmers. Die Kamera stand niedrig, wahrscheinlich auf dem Tisch neben Nikitas Drohne. Man sah nur die untere Hälfte einer Gardine, die Beine eines Stuhls und die Hände meiner Mutter.

Der Ton war klar.

— Du nimmst sie am Samstag mit, sagte Tamara. Deine Mutter hat gesagt, dass sie Katja schon überzeugt hat.

Nikita saß neben mir. Seine Finger schlossen sich um den Messinganhänger.

Auf der Aufnahme erklang seine kleine, angespannte Stimme.

— Aber Mama hat nicht zugestimmt.

— Deine Mutter wird zustimmen, wenn sie sieht, wie enttäuscht Grischa ist.

— Die Drohne gehört mir.

Ein Stuhl scharrte über den Boden.

— In dieser Familie gehört nichts nur einem Menschen. Wenn du sie nicht bringst, sage ich deiner Mutter, dass du aus der Sparbüchse Geld genommen hast.

Nikita begann zu weinen.

— Das habe ich nicht.

— Dann hast du ja nichts zu befürchten.

Im Raum der Beratungsstelle wurde es vollkommen still. Nur der Rechner summte.

Vera starrte auf ihre Mutter.

— Du hast ihm gedroht?

— Ich habe ihn zur Vernunft gebracht, sagte Tamara.

— Du hast ihm gedroht, wiederholte Vera.

Sergei stand hinter mir. Sein Gesicht war grau geworden.

— Katja, ich wusste davon nichts.

— Du wolltest, dass ich die Tür öffne.

— Ich dachte, es geht um einen Streit zwischen Schwestern.

Frau Ahrens stoppte die Aufnahme.

— Das war nicht der gesamte Inhalt, sagte sie. Es gibt noch eine zweite Datei.

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Mutter sprang auf.

— Sie dürfen das nicht gegen mich verwenden. Das ist eine private Aufnahme.

— Sie wurde von einem Kind in seinem eigenen Zimmer angefertigt, sagte Frau Ahrens ruhig. Und sie dokumentiert eine Drohung.

Die zweite Datei begann mit einem Geräusch, das ich sofort erkannte: dem Quietschen der Gartentür unserer Mutter. Danach sprach Vera.

— Wenn Katja nicht nachgibt, nimm die Drohne einfach. Grischa soll nicht vor den anderen Kindern als Lügner dastehen.

Mutter antwortete:

— Ich hole sie mir am Samstag. Katja hat dann keine Wahl. Und wenn sie weiter Theater macht, erzähle ich allen, sie lasse den Jungen gegen uns hetzen.

Vera bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

— Ich wusste nicht, dass du sie einfach nehmen willst.

— Du wusstest, dass du sie versprochen hast, sagte ich.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

— Mutter hat gesagt, du hättest es erlaubt.

Ich sah zu Tamara.

— Warum hast du gelogen?

Sie nahm den roten Schal ab und legte ihn langsam auf den Tisch.

— Weil du immer alles bekommst, sagte sie. Ein eigenes Haus. Einen Mann, der dich unterstützt. Ein Kind, das dir gehorcht. Vera hat nie Glück gehabt.

— Deshalb soll mein Sohn sein Eigentum abgeben?

— Ein Spielzeug hätte euch wieder zusammengebracht.

Nikita hob plötzlich den Kopf.

— Ich bin kein Spielzeug, sagte er.

Mutter sah ihn an, als hätte er sie geschlagen.

Frau Ahrens schrieb etwas auf ihren Block.

— Bis die Sache geklärt ist, darf Tamara nicht allein mit Nikita sein. Und die Drohne bleibt bei Katja.

Ich wollte gerade antworten, als mein Telefon vibrierte. Eine unbekannte Nummer. Ich nahm ab.

— Spreche ich mit Katja Berger? fragte eine Männerstimme. Hier ist die Polizei aus Kleindorf. Ihre Mutter hat heute Morgen Anzeige erstattet.

Ich stand so schnell auf, dass mein Stuhl nach hinten kippte.

— Anzeige wegen was?

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

— Wegen angeblichen Diebstahls. Sie behauptet, die Drohne sei ursprünglich für Grischa gekauft worden und Sie hätten sie unterschlagen.

Mutter lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

Doch dann sagte der Polizist:

— Außerdem liegt uns eine schriftliche Erklärung vor, die mit Ihrer Unterschrift versehen ist. Wir müssen dringend wissen, ob Sie dieses Dokument unterschrieben haben…

DER FINALE TEIL

Dann hörte meine Mutter ihre eigenen Worte wieder …

Ich glaubte, der Streit würde nur unsere Familie zerreißen. Doch im letzten Moment musste jeder hören, was wirklich gesagt worden war.

Im letzten Gespräch wurde es plötzlich still.
„Ich bin kein Spielzeug.“
Meine Mutter senkte den Blick.

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